Bücher gegen Normen

Interview mit: 
Ben Böttger

Beim Berliner NoNo Verlag ist der Name Programm.

Der Berliner NoNo Verlag verfolgt einen besonderen politisch-emanzipatorischen Ansatz: Er hat sich auf die Herausgabe von nicht-(hetero)normativen Büchern für Erwachsene und Kinder spezialisiert. Die Bücher für Erwachsene widmen sich überwiegend den Themen der Inter- oder Trans*geschlechtlichkeit, jene für Kinder beinhalten Geschichten, die bestehende gesellschaftliche Machtverhältnisse möglichst wenig re/produzieren. So werden im 2009 erschienenen, ersten Buch des Verlags "Unsa Haus und andere Geschichten" beispielsweise People of Color und Schwarze Menschen nicht rassifiziert oder ständig auf wenige Merkmale und Eigenschaften reduziert, gleichgeschlechtliche Paare können ohne Hindernisse als Eltern fungieren, und die Kleidungsvorlieben kleiner Protagonist_innen werden nicht von biologisch zugeteilten Merkmalen bestimmt.

Ein weiteres Kinderbuch des Verlags, das 2011 veröffentlichte "Raumschiff Cosinus", erzählt auf 48 Seiten im Science-Fiction-Stil von der Idee der Wahlfamilie und dem Wunsch, sich deren Mitglieder selbst aussuchen zu können. Beide Bücher brillieren mit einfühlsamen, kindgerechten und überaus detaillierten Zeichnungen und bieten den Leser_innen die Möglichkeit, für eine kurze Zeit in eine Umgebung einzutauchen, die hoffnungsvolles Träumen erlaubt.

Ben Böttger, der zusammen mit Ina Schneider den Verlag 2010 ins Leben gerufen hat, erzählt im Folgenden, wie es zur Gründung kam, mit welchen Hürden NoNo konfrontiert war und wie die Verlagsarbeit in der Praxis funktioniert.


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: Wie ist der NoNo Verlag entstanden?

Ben Böttger: 2010 hat sich in Berlin das "Antidiscrimination Future Project" gebildet, um ein nicht-normatives Kinderbuch zu entwickeln und zu veröffentlichen. Dabei ist "Unsa Haus und andere Geschichten" entstanden. Im Rahmen des Projekts wurde die erste Auflage an Schulen, KiTas, Leseförderprojekte und andere verteilt. Während dieser Zeit haben wir viel positives Feedback bekommen von Leuten, die meinten, dass ihnen ein solches Buch schon lange gefehlt hätte. Andere wiederum, die selbst Bücher machen wollten, konnten keinen Verlag finden.

Als wir eine zweite Auflage von "Unsa Haus" realisieren wollten, wurde uns klar, dass viele queere Verlage keine Kinderbücher herausgeben. Auch waren zu dem Zeitpunkt Bücher zum Thema "Trans*" kaum in deutscher Sprache zu haben. Ich hatte damals die Freiheit, mich beruflich neu zu orientieren, ebenso wie Ina. Und so dachten wir: Versuchen wir mal, einen Verlag zu gründen. Wir haben uns dann über Verlagsarbeit und Existenzgründung informiert und uns an die Arbeit gemacht.

Welche Erfahrungen habt ihr bei der Verlagsgründung gemacht?

Es war vor allem ganz viel Arbeit und enormer Papierkram. Es war natürlich auch aufregend und ein ziemliches Auf und Ab der Emotionen. Viele Dinge sind gut gelaufen, aber vieles ist auch ziemlich schiefgegangen und musste unter "draus lernen und nächstes Mal besser machen" verbucht werden.

Ebenso hat sich ziemlich schnell herausgestellt, dass mit Büchern – vor allem Kinderbüchern, die in der Produktion ziemlich teuer sind – schwer Geld zu verdienen ist. Hinzu kommt, dass wir einfach keine guten Geschäftsleute sind. Projekte organisieren, Leute zusammenbringen und Ideen umsetzen ist die eine Sache – und das, würde ich behaupten, können wir auch ganz gut. Aber damit Geld zu machen, ist eine andere und einfach nicht unser Ding.

Wie sieht eure derzeitige Arbeit beim Verlag aus, und wie setzt sich das Team zusammen?

Das hat sich mit der Zeit sehr verändert. Wir haben zu zweit angefangen und erst mal unsere ganze Zeit und Energie komplett in den Verlag gesteckt. Alles, was wir gemacht haben, war für uns neu, wir waren also ununterbrochen dabei, herauszufinden, wie Sachen funktionieren. Es hat sich dann herausgestellt, dass der Verlag nicht unsere Hauptbeschäftigung sein kann, sondern dass wir unseren Lebensunterhalt anders verdienen müssen. Dadurch hat sich viel geändert, wir hatten einfach weniger Zeit für den Verlag und konnten immer weniger Projekte umsetzen. Dazu kommt, dass wir hauptsächlich mit Leuten zusammenarbeiten, die selbst wenig oder keine Erfahrung mit der Produktion von Büchern haben. Da können wir nicht nach einem bestimmten Schema arbeiten, sondern müssen in jedem Fall neu gucken, was unsere Rolle dabei ist und wie sich das Buch nach den jeweiligen Vorstellungen und Anforderungen umsetzen lässt.

Leider musste Ina mittlerweile die Verlagsarbeit aufgeben, weil es für sie zeitlich einfach nicht mehr machbar war. Sie ist aber zum Glück bei unserem aktuellen Buchprojekt noch dabei. Da arbeiten wir zu viert an der Zusammenstellung eines Sammelbands zum Thema "Inter*".

Erfüllt ein Verlag wie NoNo eurer Meinung nach eine politische Funktion – und wenn ja, welche?

Das kommt wohl auf das Politikverständnis an, denke ich. Bücher können dazu beitragen, bestimmte Lebensrealitäten überhaupt erst mal bekannt zu machen. Sie können Menschen auf bestimmte Themen aufmerksam machen, mit denen sie in ihrem Alltag sonst nicht konfrontiert sind, oder sie können Leuten das Gefühl vermitteln, dass sie nicht alleine sind, wenn sie selbst jenseits der Norm zurechtkommen müssen.

Was die Kinderbücher angeht, denke ich, dass sie dazu beitragen, wie Kinder die Welt sehen und wahrnehmen, was als normal und dazugehörend empfunden wird, welche Optionen und Dinge sie kennen, die sie in ihre Vorstellungswelt integrieren können. Kinder sollen für sich erfahren, dass sie einen Platz in dieser Welt haben, so wie sie jetzt sind und egal wie sie sich weiter entwickeln. Sie sollen auch andere Menschen möglichst umfassend als dazugehörig wahrnehmen und Gemeinsamkeiten feststellen können, ohne dass der Blick durch beabsichtigte oder unbeabsichtigte Grenzziehungen anhand bestimmter Merkmale gelenkt wird. Wenn ein Verlag dazu beitragen kann, solche Prozesse anzustoßen, solche Realitäten zu schaffen, ist das für mich politisch.

Bekommt ihr mit, wer eure Bücher liest?

Wir bekommen Feedback vor allem zu den Kinderbüchern und allgemein zum Verlag, das uns Leute direkt zukommen lassen, und darüber freuen wir uns auch immer sehr. Wer die Bücher liest, kann ich aber absolut nicht sagen. Ich denke, eine große Rolle spielt, wer überhaupt von den Büchern erfährt, und das, vermute ich, sind eher Leute, die sich für Gender/Queer-Themen oder für nicht-rassistische Kinderbücher oder Kinderbücher mit nicht-normativen Familienmodellen interessieren.

Wie wählt ihr die Bücher für euer Verlagsprogramm aus?

So viele Bücher machen wir ja leider gar nicht. Das heißt, meistens müssen wir Bücher ablehnen, weil wir nicht die Kapazitäten haben, sie umzusetzen. Die Bücher, die wir machen, sind aber natürlich solche, von denen wir inhaltlich überzeugt sind. Und dann sind die Autor_innen und wir einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Unser aktuelles Projekt, das diesen Sommer erscheinen wird, kam zum Beispiel dadurch zustande, dass ich eine Verlegerin und einen Inter*-Aktivisten zusammenbrachte. Da saßen wir zu dritt beisammen und stellten fest, dass es kein deutschsprachiges Buch zum Thema "Inter*" gibt, das aus Inter*-Perspektive geschrieben ist, auch weil Aktivist_innen so viele andere Baustellen haben, dass sie sich nicht darum kümmern können. Wir haben dann gemeinsam beschlossen, einen Sammelband zu machen – dann muss nicht jede_r einzelne Autor_in so viel Arbeit investieren, und wir als Herausgeber_innen kümmern uns um das ganze Drumherum.

Wie finanziert sich der NoNo Verlag?

Wir haben anfangs ein Darlehen aufgenommen, das sich über den Verkauf der Bücher refinanzieren musste. Das funktionierte aber nur mäßig. Mittlerweile organisieren wir unsere Buchprojekte so, dass wir die Produktionskosten nicht mehr komplett selber tragen. Bei den kleinen Auflagen, die wir produzieren, müssten wir die Bücher sonst zu teuer verkaufen. Für unser aktuelles Buchprojekt haben wir für einen Teil der Kosten Fördergelder beantragt, und auch das vorherige Buch ist gefördert worden.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft? Welche Unterstützung braucht ihr?

Ich denke, allgemein geht die Entwicklung dahin, dass die Themen, die für die Verlagsgründung ausschlaggebend waren, in den Medien und in der Öffentlichkeit viel mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das ist toll und soll auch so weitergehen. Für den Verlag wäre es natürlich super, wenn unsere Bücher noch bekannter werden würden. Wenn es finanziell irgendwann so liefe, dass die Bücher ihre Kosten tragen und auch für die Arbeit noch etwas rausspringt, dann könnte ich auch mehr Kapazitäten reinstecken, um neue Bücher zu machen. Ich wünsche mir jedenfalls, dass ich, zusammen mit anderen Leuten, noch einige tolle Bücher herausbringen kann. Insofern ist die beste Unterstützung Werbung und Öffentlichkeitsarbeit.


Interview: Regina Knoll



Link
www.nono-verlag.de


Im NoNo Verlag sind bisher erschienen:

  • Ben Böttger, Rita Macedo u.a.: Unsa Haus und andere Geschichten, 2010
  • Tanja Abou: Raumschiff Cosinus – Der Bordcomputer hat die Schnauze voll, 2011
  • Justin Time & Jannik Franzen (Hrsg.): Trans*_Homo. Differenzen, Allianzen, Widersprüche/Differences, Alliances, Contradictions, 2012
  • Finn Ballard u.a.: Transmasculinities 2011. Pictures From Beyond the Malestream, Fotokalender (Nostalgie-Exemplar 2011)