Kontakt II

Offensichtlich "interessiert" hat sich letztens auch ein alter, weißer Mann im Pausenraum des Instituts. Es fing unauffällig an: Ich sitze auf der Couch und lese in einem Artikel, meine Augen auf den Text gerichtet. Den Mann neben mir bemerke ich erst, als er seinen Arm auf die Sofalehne hinter mir legt. Ich schaue ihn kurz an, kommuniziere nonverbal meine Abneigung gegen ein zuviel an mitmenschlicher Nähe, er blickt auf. Sein Blick ruht zu lange auf mir und ich bemerke wie in mir ein leises Unwohlsein aufkommt.

Einen Schulterschlag später kann ich seine nörgelnde Stimme vernehmen: "Woher kommst Du?" Ich reagiere nicht. "Hello. Where are you from?" Wow, schneller Switch in die englische Sprache, plus ich sitze auf dem Afrikanistik-Institut – übrigens vor kurzem in Institut für Afrikawissenschaften umbenannt –, plus seine auffällige weiß-violette Ökotasche aus Batikstoff; kombiniere, kombiniere, hier habe ich es also mit einem Professionellen (siehe Blogeintrag "Blicke & Fragen") zu tun. Also sag ich gleich: "Nigeria", ich will die Sache schnell durchziehen. Noch immer hab ich nicht aufgesehen, überlege inzwischen, ob ich meine Sachen jetzt oder später packen soll. Er starrt mich weiter an, ich sehe, wie sich in seinem Gehirn die Zahnrädchen drehen, er überlegt und überlegt, was ihm wohl zu Nigeria einfallen könnte. "Da gibts viel Öl, oder?" – "Ja". – "Und habt ihr nicht diese tollen Fußballer?" – "Keine Ahnung." – "Aber ganz schön korrupt ist das Land. Ich war zwar nie persönlich dort, aber die Gegend kenne ich wie meine Westentasche."

Mittlerweile sag ich gar nichts mehr, in meinem Körper breitet sich einfach diese schreckliche Müdigkeit aus. Ich möchte schreien: "Verdammt, ich bin einfach müde von dieser Fragenscheiße. Es interessiert doch niemanden, was ich wirklich denke. Keine Lust mehr Projektionsfläche zu sein." Doch heute ist kein guter Tag, das Schlagfertigkeitslevel ist bei minus 300, und ich bin froh, dass ich es vor dem nächsten Frageschwall schaffe, Hirn und Körper zu koordinieren, meine Sachen zusammen zu packen und davon zu stürmen. Die nächste Möglichkeit meine Schlagfertigkeit zu trainieren, kommt sicher schneller als mir lieb ist …