Viva McGlam?

In vielen Transgender-Communitys wird Glamour vergöttert, inszeniert und konsumiert. Ist diese Selbstdarstellung von Transgendern eine Kritik an oder die Kapitulation vor luxusfixierten Modellen des Glanzes?

Das englische Wort glamour hat seine Wurzeln im schottischen grammar im Sinne von gramarye, das soviel wie "Magie" bedeutet. Wie alles Magische ist auch Glamour eng verknüpft mit Gaukelei, falschen Vorspiegelungen und Betrug. Jede Gesellschaft hat ihre Hohepriester des Glamours und ihre Zauberinnen - diejenigen, die sich mithilfe größtenteils leerer/nichtiger Geheimnisse von anderen absetzen beziehungsweise über andere erheben. Im alten Westeuropa (?) waren das ursprünglich die heidnischen und nicht-christlichen, in der "schwarzen Kunst" Bewanderten - Dorfälteste, Ratgeber und Heilerinnen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden sie durch christliche Magier, Priesterinnen und andere Erfüllungsgehilfen des Papstes abgelöst - nach wie vor die mächtigste und prunkvollste Magierin von allen.

Gramarye spielte auch eine wichtige Rolle für den Machterhalt der herrschenden Klasse in der westlichen Zivilisation. Genau wie der Vatikan bediente sich die Oberschicht der Prachtentfaltung als Mittel, um die unteren Klassen mit Einblicken in den Himmel auf Erden zu blenden - ein derart fremdländischer und unerreichbarer Lebensstil, dass er nur Ergebnis einer Vergöttlichung sein konnte. Es ist der Zauber dieser Prachtentfaltung, der unsere gegenwärtige Vorstellung von Glamour bestimmt, den wir eher mit Reichtum als mit Magie assoziieren. Diese Definitionsverschiebung vom Allegorischen zum Materiellen deckt sich mit den Veränderungen, wie und zu welchem Zweck Magie eingesetzt wird.

Es steht außer Frage, dass die historische Verfolgung von Heiden eindeutig mit der Verfolgung von "Sodomitinnen" und anderen "sexuell Abartigen" verknüpft war, die wir heute als Lesben oder Schwule bezeichnen würden und von denen viele als Hexen oder Hexer gefoltert und ermordet wurden. Der Beleg dafür, wie oft "sexuell Abartige" öffentlich verbrannt wurden, ist die Tatsache, dass sich das britisch-englische Wort für einen kleinen Zweig oder Kienspan, faggot, als abfällige Bezeichnung für Lesben oder Schwule erhalten hat. In diesem Sinne ist die Geschichte von Glamour oder gramarye zugleich eine Geschichte der Verfolgung und des Widerstands. Zum luxusorientierten Glamour von heute gab es damit eine Art von Glamour, der zumindest eine Zeit lang als Bedrohung für Monotheismus, Klassismus und die neu aufkommenden Gesellschaftsordnungen, die im heutigen postindustriellen Kapitalismus mündeten, galt.

Wenn wir die historischen und sozialen Funktionen von Glamour erörtern, gehören dazu nicht nur der Gegensatz zwischen dem Glamourösen und Unglamourösen, sondern auch seit langem bestehende Gegensätze zwischen verschiedenen Formen von gramarye selbst. In ein und derselben Gesellschaft finden wir zahlreiche historische Gemeinsamkeiten und Konflikte. In den Queer-Communitys spiegelt sich diese historische Vielfalt ebenfalls wieder, von campen Glam-Queens bis zu Heiler-Performern à la A.A. Bronson.

Mir als Transgender [1] stellen sich, wenn ich über das Verhältnis zwischen Glamour und Transgender nachdenke, gewisse Fragen: Hat Glamour unbedingt etwas mit Gender-Selbstdarstellung zu tun? Ist "Glam" bei Transgendern eine Kritik an oder die reine Kapitulation vor der sozialen Einseitigkeit eines luxusbesessenen Haute-Couture-Glamours? Wenn man bedenkt, dass es der Mehrheit sowohl der Mann-zu-Frau-Transgender (MzFs) als auch der Frauen nicht gegeben ist, sich ein Glamour-Image zuzulegen, und feministische Visual Theory viele soziale Prozesse hinter der Darstellung des weiblichen Körpers aufgedeckt hat, können diese Theorien da auch die Darstellung/Repräsentation von Transgender-Körpern erklären?

Glamour und Gender-Selbstdarstellung

Frag irgendeine x-beliebige Person nach irgendwem, die sie glamöurös findet, und er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Frau nennen - vielleicht einen Schauspieler, eine Sängerin, einen Showstar oder eine Angehörige der königlichen Familie. Man darf also wohl davon ausgehen, dass Glamour heute weitgehend eher mit einem femininen als mit einem maskulinen Image verbunden wird und darin ein Konstrukt von Weiblichkeit liegt - und eine feministische Streitfrage. Die Kritik vieler Mainstream-Feministinnen an unrealistischen weiblichen Schönheitsidealen hat sich immer gegen die Idee von Glamour gerichtet, besonders gegen die Art und Weise, wie Glamour in den Medien zum Einsatz kommt, um den weiblichen Körper zum Objekt zu machen. In ähnlicher Weise hat feministische Kunst besonders eine anti-glamouröse Bildersprache herangezogen, um Glamour zu neutralisieren und den weiblichen Körper in unspektakulär-prosaischer Weise darzustellen (wie Yve Lomax und Mary Yates), oder der magischen Anziehungskraft des Glamours kunstvolle Antibilder grotesker Deformierungen entgegengesetzt (wie die Fotos von Cindy Sherman aus den frühen Neunzigern).

Die paar Männer, die wir mit Glamour verbinden, werden ebenfalls weitgehend mit einem femininen Image assoziiert, von Dandys bis zu Glamrockerinnen. Wenn wir an Männer mit Glamour denken, denken wir an Modedesigner, Hairstylistinnen, Schauspieler, Musikerinnen, Künstler und Männer jedes anderen Berufs, dem man einen starken Überhang an exaltierten Tucken unterstellt. Ja, meine Lieben, ich glaube, man darf mit Sicherheit behaupten, dass der moderne luxusbesessene Glamour ins Feminine lappt - eine Tatsache, die dann bedeutsam wird, wenn wir über die Beziehung zwischen Glamour und Körper nachdenken und versuchen, diese Beziehung kritisch zu analysieren oder für uns nutzbar zu machen.

Glamour-Traditionen in den Transgender-Communitys

Es ist nicht zu übersehen, dass innerhalb der Transgender-Communitys die Vorstellung von Glamour fast ausschließlich mit MzFs und femininem Image assoziiert wird. Die Verbindung zwischen MzFs und Glamour rührt zum Teil von alten Traditionen her, die Frauen öffentliche Bühnenauftritte untersagten, wodurch es erforderlich war, dass alle weiblichen Rollen von Männern gespielt wurden. Die Extravaganz des Theaters bot MzFs historisch einen kulturell akzeptablen Punkt kultureller Sichtbarkeit, auch wenn diese Akzeptanz auf die Bühne beschränkt blieb.

Die Geschichte der Frau-zu-Mann-Kultur (FzM-Kultur) hat dagegen wenig mit Glamour zu tun. Die FzM-Kultur beschränkt sich hauptsächlich darauf, dass Frauen als Männer "durchzugehen" versuchen, etwa in Männerberufen oder in der Armee - das sogenannte Passing. Während sich viele Elemente der MzF-Kultur im Zusammenhang mit Ideen von Spektakel und Parodien von Weiblichkeit entwickelten, entwickelte sich die FzM-Kultur im Rahmen des Anti-Spektakulären und der Assimilation an Männlichkeit. Die Probleme des Passing unter FzMs unterscheiden sich auch darin von denen der MzFs, dass sie eng an den Kampf um das Recht auf Arbeit und Privatbesitz für Frauen gekoppelt sind. Die Requisiten, die erforderlich sind, wenn FzMs sich der männlichen Arbeiterinnenklasse anzuschließen versuchen (im typischen Fall, indem sie sich in eine ökonomisch schwache, körperliche Arbeit leistende Arbeiterklasse einreihen), sind deutlich andere als die, derer sich MzFs bedienen, von denen viele im Alltag ohnehin bereits dieser männlichen Arbeiterklasse angehören. Als materielle Strategie zur Transformation des Körpers kommt Glamour daher in FzM-Communitys kaum zum Tragen.

Darüber hinaus lehnen FzMs normalerweise jeden femininen Schnickschnack wie Abendkleider, Accessoires, Schmuck, Kosmetik und Ähnliches ab. Selbst wenn FzMs sich gewisser Zeichen von Luxus bedienen, wie in der Kultur der Onabe in Japan, lesbische Wirtinnen in edlen Herrenanzügen, die Getränke an ihre feminin gekleideten weiblichen Gäste ausschenken, liegt ihre Magie darin, wie überzeugend sie sich als "ganz normaler Mann" präsentieren. Das ist eine Illusion ganz anderer Art als Glamour sie bietet, der mit dem Image von etwas Irrealem oder Unerreichbarem arbeitet. Daher ist bei Diskussionen über Glamour die Abwesenheit von FzM-Content komplexer als MzF-Show-Queens, die sich ins Rampenlicht drängen (es ist wichtig, dies festzuhalten, weil die Dominanz von MzF-Fragen in den meisten Diskussionen unter Transgendern einen gewissen Grad von "männlicher" Vorherrschaft und Frauenfeindlichkeit in Transgender-Communitys hineinträgt). Das Scheinwerferlicht auf MzFs mag aus dem Publikum warm und freundlich aussehen, aber auf der Bühne kann es versengen, bloßstellen und vor allem blenden.

Pop-Glam-Diven

Heutzutage sind die Tunten die Bewahrer des Glamours. Die Diven. Die Drag Queens und MzF-Transsexuellen. Innerhalb dieser Communitys beschlich mich immer ein gewisses Unbehagen angesichts einer weitverbreiteten Tendenz, unser eigene Vorstellung von gramarye in eine billige Imitation der "wirklich Glamourösen" zu fassen - Prominente und Models, deren magische Anziehungskraft auf dem Zauber des Luxus beruht. Es fällt auf, dass die gramarye einiger Magierinnen mächtiger als die von anderen ist, abhängig vom sozialen System, aus dem sie ihre Repräsentationsmacht beziehen. In diesem Sinne sind Transgender-Communitys nur bedingt glamourös. Die meisten Menschen würden zustimmen, dass der Schauspieler Elizabeth Taylor einen wahrhaft glamourösen Lebensstil hat, wohingegen Transgender, Sängerin und Celebrity RuPaul eine andere Art von Glamour beschwört. (Die Quelle von Chers Macht dürfte irgendwo dazwischen zu lokalisieren sein.)

RuPaul operiert zwar in Celebrity-Kreisen, aber sein offenes Transgendertum und ihre Homosexualität lassen etwas Invasives und Betrügerisches an seinem Glamour durchblicken. Trotz RuPauls "Echtheit" ist das Image von Glamour, das sie vermittelt, nie so "echt" wie das von Liz - RuPauls Pop-Auftreten erzeugt Zweifel und Spannungen, die möglicherweise auf eine früher einmal dagewesene Bedrohung hindeuten - einen historischen Konflikt zwischen den gramaryes, durch die der Transgender-Körper sowohl "Außenseiter" wie "Verliererin" wurde. So gesehen offenbart die Pop-Glam-Diva ein Moment der Destabilisierung, eine soziale Infiltration, die eine kurze Infragestellung der Macht erkennen lässt, und in diesem aufblitzenden Infragestellen steckt vielleicht irgendwo das Potenzial zum Widerstand ... So ähnlich wird es uns jedenfalls immer gesagt.

Uns wird gesagt, dass irgendeine Drag Queen den Status einer Pop-Celebrity errungen hat (heterosexuelle männliche Komiker in Frauenkleider beiseite gelassen), würde automatisch die herrschende Kultur infrage stellen und wäre damit ein fabelhafter Anlass zum Feiern. Es ist gewissermaßen ein Markenzeichen der Gay & Lesbian-Pride-Bewegung. Es ist ein Anzeichen für die zunehmende öffentliche Akzeptanz der Anliegen von Queers und Transgendern. Es ist der Beweis, dass wir es "geschafft haben" (eine Deklaration des Angekommenseins, von der ich immer schon fand, dass sie mit der anderen omnipräsenten Schwulen-und-Lesben-Losung "Wir sind überall" nicht ganz vereinbar ist). Aber ist das tatsächlich so? Solange die öffentliche Akzeptanz einer MzF nach ihrer Fähigkeit gemessen wird, glamourösen Anforderungen an Körper und Stil gerecht zu werden, die für die meisten "echten" Frauen unerreichbar bleiben, bitte ich euch, der Transgender-Verfasserin nachzusehen, dass er sich durch RuPaul nicht mehr "repräsentiert" fühlt als meine Mutter durch Marylin Monroe oder Prinzessin Di.

Glamour ist ein zweifelhaftes Forum für kritische Politik, weil er soziale Distanz, nicht soziale Integration bedeutet. Das Versprechen der Pop-Glam-Diva ist nicht das Versprechen auf soziale Transformation, sondern auf individuelle Transformation, durch die die Ausgebeutete zum Ausbeuter wird. Es ist das Versprechen der sozialen Mobilität des Einzelnen, keine soziale Verbesserung oder Kritik an der Klassengesellschaft. Es ist mehr oder weniger der Amerikanische Traum.

Sexarbeit als Glamour-Lifestyle-Industrie

Es ist wichtig, hervorzuheben, dass Glamour auf der Magie des Luxus beruht - ein Repräsentationsinstrument, das mit Illusion arbeitet -, was nicht bedeuten muss, dass diejenigen, die diesen Zauber ausüben, tatsächlich das Luxusleben führen, das sie vorspiegeln. Besonders in unserer von Replikaten und Duplikaten gekennzeichneten postmodernen Ära verweist die kommerzielle Verfügbarkeit von Glamour-Ware zum Billigpreis auf die illusorische Natur von Glamour. Glamour signalisiert Klasse, schlägt sich aber nicht unbedingt in Klasse nieder.

Das beste Beispiel: Die vielleicht größte Glamour-Lifestyle-Industrie im Westen ist Sexarbeit - ein eindeutig deklassierter Lebensstil für die Beteiligten. Sexarbeiterinnen, Stripper und andere, die "nicht jugendfreie" Unterhaltung bieten, arbeiten mit Glamour - über Kleidung, Kosmetik, Schönheitsoperationen, Glitzerlicht und Musik -, um "Freier" dazu zu bringen, kurzzeitig an einem glamourösen Lebensstil zu partizipieren. Durch diese soziale Transaktion werden die Sexarbeiterinnen selbst zu Luxuswaren zum Billigpreis. Und eine der größten Illusionen überhaupt ist dabei die völlig verdrehte Art und Weise, eine gnadenlos ausgebeutete Sexarbeiterklasse als symbolische Ausbeuterin hinzustellen, die die magische Gabe hat, "gute Männer" zu verführen und zu korrumpieren.

Natürlich ist die kriminelle gramarye der Sexarbeiter machtlos gegen die Wucht der gesellschaftlichen Ächtung, und es sind immer die Sexarbeiterinnen, die weit schwerwiegendere strafrechtliche Folgen zu tragen haben als die Freier. Bei der Sexarbeit sind die Glamour-Effekte immer im Fluss - die Illusion ermächtigt und trügt die Magierin, die sie ausübt. Nach meiner Erfahrung als DJ in einem Club für transsexuelle Sexarbeiter in New York war es offensichtlich, dass selbst unabhängige Mädchen, die keine Zuhälterin bezahlen mussten, ihre Luxuskörper - die ständig Minus machten, weil Kosmetik, Hormonbehandlungen, Operationen, Drogen und andere Instandhaltungsarbeiten, die vonnöten waren, um Rauch und Spiegel (oder Koks und Spiegel) aufrechtzuerhalten, so ins Geld gingen - lediglich "leasten". Obwohl ich ein Fürsprecher der Legalisierung von Sexarbeit bin, erscheinen mir daher die vorherrschenden Repräsentationssysteme, derer sie sich bedient, einschließlich Glamour (besonders im Westen), als unrealistische Mittel für Sexarbeiterinnen, psychologische oder materielle Selbstverwirklichung zu finden.

Camp-Queens

Eine Alternative zu diesem ziemlich trostlosen und resignativen Glamour-Ansatz ist Camp. Man denke an die 120 Kilo schwere Komikertunte, die der Welt befielt, ihn nicht ernst zu nehmen (obwohl meiner Erfahrung nach gerade die campen 120-Kilo-Drag-Queens zumeist die professionellsten und ernsthaftesten Bühnenstars sind). Man könnte argumentieren, dass sie konventionelle Sichtweisen des weiblichen Körpers satirisch ins Gegenteil verkehrt. Trotzdem finden wir auch in dieser Welt des Camp wenige Zeichen, die auf eine Welt außerhalb eines luxusbesessenen Glamours verweisen. Die Camp-Queen orientiert sich ebenso am Warenfetischismus wie die "echte" Glam-Queen, wenn nicht noch mehr (Leigh Bowery zum Beispiel). Sein Modell von Körperdarstellung ist immer noch auf Verpackung fixiert.

Und dann gibt es da noch das hässliche Entlein, dessen billige Pailletten nichts weiter beschwören als die totale Abwesenheit von Glamour. Das hässliche Entlein ist eine Glamour-Implosion, in der die Zeichen für Glamour in sich selbst zusammenstürzen. Andererseits entzieht es sich auch wieder nicht den Lockungen des Glamours, das hässliche Entlein sagt damit nur aus, dass es das Unglamouröse, das Unreiche, das Unprofessionelle und Unattraktive darstellt.

Was natürlich die Realität für die meisten unter uns ist. Die unrealistischen weiblichen Schönheitsideale einer Gesellschaft werden noch unrealistischer, wenn sie von Nicht-Frauen angestrebt werden. Viele Transgender verlassen niemals ihre Wohnung, ziehen sich im Geheimen und allein an, weil sie die körperlichen und verbalen Angriffe fürchten, die ebenso von Fremden kommen wie von Freunden und Menschen, die man liebt. Andere verstecken ihr Transgendertum, indem sie in "Schutzraum"-Clubs eintreten, wo sie ihren Drag aufbewahren und sich umziehen, wenn sie sicher drinnen sind. Hinzu kommt, dass trotz der immer noch vorherrschenden Legende vom Karriere-Schwulen ohne Frau und Kinder, für den Geld keine Rolle spielt, die Realität immer noch so aussieht, dass die Mehrheit der Schwulen und Lesben weiterhin unter der Armutsgrenze lebt, wobei Transgender am unteren Ende angesiedelt sind, nur FzMs stehen noch schlechter da.

In der Realität bringt Transgender nicht viel Glamour oder gramarye mit sich. Wenn die Mehrheit der Transgender-Körper - selbst von ihresgleichen - ungesehen bleibt, was bedeutet es da überhaupt, die Darstellungen des Transgender-Körpers zu diskutieren? Woran wollen wir einen solchen Körper überhaupt identifizieren?

Darstellungen von Transgender-Körpern

Ein großer Teil der feministischen visuellen Theorie konzentriert sich auf den Subjekt/Objekt-Widerspruch, der in dem bekannten Zitat von John Berger umrissen ist: "Eine Frau muss sich unentwegt selbst beobachten ... Von frühester Kindheit an hat man ihr beigebracht und sie dazu überredet, sich ständiger Selbstkontrolle zu unterwerfen. Und so kommt sie dazu, den Prüfer und die Geprüfte in ihr als die beiden wesentlichen, doch immer getrennten Komponenten ihrer Identität als Frau anzusehen." [2] Ebenso ergibt sich sowohl für MzF- wie für FzM-Transgender ein ungeheures Maß an Selbstüberwachung, besonders bedingt durch den sozialen Druck, als Mann beziehungsweise Frau "durchgehen" zu müssen. Die Transgender-Identität erfordert also ein ähnliches multiples Bewusstsein von sich selbst als Prüferin und Geprüfter. Der entscheidende Unterschied tritt jedoch auf, wenn wir darüber nachdenken, wie sich die Subjekt/Objekt-Formel zum physischen Körper verhält.

Für Frauen bleibt der physische Körper vereinbar mit den Zielobjekten der Überwachung. Ob eine Frau als "weiblich" oder "unweiblich" beurteilt wird, der physische Frauenkörper bleibt sichtbar und als das Ziel solcher Qualitätsurteile identifizierbar. Im Falle des Transgender-Körpers ist der physische Körper jedoch nicht vereinbar mit dem Anliegen der Überwachung. Wenn zum Beispiel eine MzF als "weiblich" oder "unweiblich" ("passabel" oder "unmöglich", "umwerfend" oder "unansehnlich") beurteilt wird, ist das Ziel solcher Qualitätsurteile nicht der Transgender-Körper, sondern der Frauenkörper. Ähnlich ist es für FzMs, deren "Männlichkeit" daran gemessen wird, wie sehr es ihnen gelingt, Bilder eines Männerkörpers zu beschwören.

Sowohl das Ge- wie das Misslingen des Erscheinungsbilds eines Transgenders zeigen, dass ein anderer Körper erwartet wird, als der, den wir vor uns haben. Als Transgender gewöhnen wir uns daran, uns selbst im Verhältnis zu einem fremden Körper zu überwachen. Der physische Transgender-Körper existiert also auf einer sozialen Ebene, die unsichtbar bleibt und die nicht berücksichtigt wird, weder vom Transgender selbst noch von anderen Betrachterinnen. Trotz der vielen Überprüfungsprozesse, die dazu gehören, eine Transgender-Identität zu formen, bleibt in den meisten Fällen der physische Transgender-Körper selbst völlig unüberprüft.

Während ein großer Teil der Identitätspolitik sich darum dreht, dass eine entrechtete Gruppe um "Sichtbarkeit" kämpft, scheint in den Transgender-Communitys der Kampf um "Sichtbarkeit" nicht mehr als ein Kampf um eine alternative "Unsichtbarkeit" zu sein. Ich finde diese alternative Unsichtbarkeit inspirierend, weil sie, wenn man es positiv sieht, impliziert, dass sich der Transgender-Körper den dominierenden Repräsentationssystemen entzogen hat und unter der Radargrenze operiert. In dieser Erkenntnis liegt potenzielle Freiheit - keine transformatorische oder erlösende Freiheit vielleicht, aber eine Freiheit für den Moment.

Drang nach Normalisierung

Der ständige feministische Vorwurf an die Transgender-Bewegung ist, dass die meisten Transgender im Leben kein höheres Ziel kennen, als bevormundenden und konservativen Vorstellungen von der "richtigen Frau" beziehungsweise dem "richtigen Mann" nachzueifern und damit politisch hoffnungslos reaktionär und nicht zu gebrauchen sind. Natürlich ist dieser Vorwurf nicht ganz von den Hand zu weisen. Die Mehrheit der Transgender geht an das Verhältnis zwischen ihrem Geschlecht und ihrem Identitätsgeschlecht mit enttäuschend essenzialistischen Begriffen heran, etwa "im falschen Körper geboren" zu sein usw. Der daraus folgende Drang, ihre Körper "richtigzustellen", ist der Drang nach "Normalisierung" im Sinne der dominanten Kultur und führt oft zu einer krampfhaften Fixierung auf das aller-"normalste", einfachste und eindimensionalste Modell ihres "anderen Geschlechts" - dessen Image fast immer ein reaktionäres Klischee ist.

Ich habe kein Interesse daran, einen solchen essenzialistischen Standpunkt zu verteidigen, aber ich kann damit sympathisieren. Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass Transgender von Geburt an mit denselben dominierenden kulturellen Ideologien indoktriniert sind wie alle anderen, und eine Assimilation solcher rückschrittlichen Modelle von Geschlechtsidentität durch Transgender entspricht der Positionierung des Transgenders innerhalb der dominanten Kultur. Aber ungeachtet der konformistischen Tendenzen und der Konventionalität der Wunschkörper solcher Transgender, darf man nicht vergessen, dass die Prozesse der Körper-Transformation ungeheuer viel Mut erfordern und immer ein großes Fehlschlagsrisiko bergen. Sich vom Hausmann in eine Hausfrau zu verwandeln oder umgekehrt klingt für einige vielleicht nicht sehr feministisch, aber die radikale Abkehr vom "ursprünglichen Geschlecht", die zu einer solchen physischen und sozialen Transformation gehört, ist unzweifelhaft eine extreme Zurückweisung gesellschaftlich festgelegter Geschlechterrollen - selbst wenn das Ergebnis die Flucht in eine zweite gesellschaftlich festgelegte Geschlechterrolle ist. Darin zeigt sich klar eine Gemeinsamkeit mit dem feministischen Kampf um "Wahlfreiheit".

Eine andere Parallele zwischen Feminismus und uns Transgendern ist die, dass sowohl Frauen wie Transgender darauf konditioniert sind, extreme Scham über ihre Körper zu empfinden. Ja, für "durchgehende" FzMs und MzFs, die sich zu sehr schämen oder fürchten, um sich ihren Partnern als Transgender zu erkennen zu geben, kann die Geheimhaltung im Genitalbereich sogar eine Frage von Leben und Tod sein, weil sie bei versehentlicher Enttarnung mit brutalen Vergeltungsmaßnahmen rechnen müssen. Glücklicherweise sehen die meisten Leute nur das, was sie sehen wollen, und in diesem heiklen Kontext kann die Ablenkung durch Glamour - fingerdickes Make-up, aufgetürmtes Haar, Glitzerklamotten und Accessoires - gelegentlich helfen, MzFs zu "normalisieren" und als "richtige Frauen" zu tarnen. In solchen Fällen bietet Glamour eine seltsame Übererfüllung der Gender-Merkmale - ein dünner Schleier von Superweiblichkeit, der so verwirrend ist, dass er den Transgender-Körper darunter effektiv verbirgt (solange keine anderen Tunten in den Nähe sind, die den Glamour in einen queeren Kontext setzen).

Konkurrierende Essenzialismen

Ein zentrales Problem ist, dass letztendlich die überwältigende Mehrheit der Frauen ihre "Gender-Fragen" mit denselben essenzialistischen Begriffen wie Männer angehen - sie stellen nicht die Idee einer definitiven Weiblich/Männlich-Binarität, die Transgender ausschließt, infrage, sondern nur die sozialen Kodierungen, die sich aus dieser Binarität in Bezug auf Männer und Frauen ergeben. Transsexuelle, Intersexuelle oder andere Geschlechtsidentitäten werden als reine statistische Anomalien betrachtet, deren Seltenheit nur die biologische Normalität bestätigt, sich als Frau oder Mann zu definieren. All das der Tatsache zum Trotz, dass bei Transgendern etliche reale physische Gegebenheiten bestehen, die die Mann/Frau-Binarität einschlägig widerlegen.

Ein zweites Problem ist, dass wir Transgender unsere eigenen Essenzialismen konstruieren. Glamour selbst wird zu einem beidseitig verwendbaren "Meta-Essenzialismus", der der einen MzF die Assimilation und Akzeptanz als "Show-Queen" bei schwulen Transgendern erleichtert, und gleichzeitig der anderen MzF ihre "Normalisierung" als "heterosexuelle Frau" in einem nicht-schwulen Umfeld. All diese konkurrierenden Essenzialismen erschweren Allianzen über die Community-Grenzen hinaus (von Allianzen innerhalb der Community-Grenzen reden wir erst gar nicht).

Für mich selbst liegt die Kraft des Transgendertums - wenn es überhaupt eine gibt - in seiner Ambivalenz und Gespaltenheit. Es ist nicht die Kraft der Abgrenzung oder Unterscheidung von anderen Gendern, sondern eher die Kraft, die man daraus zieht, Repräsentationssysteme der Abgrenzung und Unterscheidung der Gender zusammenbrechen zu sehen. Es ist nicht die Kraft der Umwandlung, sondern die Kraft des fließenden Übergangs. Es ist weder ein "drittes Geschlecht", das Einigkeit verspricht, noch ein Zwischending aus allen Geschlechtern. Es ist definitiv ein Anschlag auf den Mythos der sozialen Einheit. Für die Transgender-Community ist es die Möglichkeit, solche Akte des Übergangs als soziale Prozesse zu de-essenzialisieren.

Natürlich gehören zu Glamour Illusion (oder Ausflucht) und Betrug, aber in ganz anderer Absicht. Mit Glamour bedient man sich der Illusion, um bestehende Vorstellungen zu zementieren. Glamour nährt sich von vorhandenen Sehnsüchten und sichert den unerträglichen Status Quo. Transgender-Glamour scheint mir die größtmögliche Verinnerlichung solcher Systeme seitens einer unterdrückten Klasse darzustellen. In MzF-Communitys wird Glamour gedankenlos vergöttert, konsumiert und verdaut. McGlam - diese homogenisierte Drive-In-Drag-Kultur, die man in jeder Stadt der westlichen Welt findet (und mittlerweile auch in vielen der östlichen Welt). Wie Fast Food ist sie überall zu haben, in Maßen genossen sogar ganz nett, aber definitiv nicht zum täglichen Konsum vorgesehen. Die Schwestern kriegen den Fettrappel von dem ganzen Glamour-Dreck, mit dem man sie vollstopft ... können wir in unseren Küchen nichts Besseres zusammenrühren? Möchte jemand Rezepte tauschen?


Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in: "The Future has a Silver Lining: Geneologies of Glamour", herausgegeben von Tom Holert und Heike Munder (Zürich: Migros Museum für Gegenwartskunst/JRP Ringier 2004), übersetzt von Clara Drechsler.

Gekürzte und bearbeitete Fassung von Vina Yun, mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Die ungekürzte Originalfassung des Textes findet sich hier (Englisch) und hier (Deutsch).



Fußnoten

[1] Transgenderismus ist der Oberbegriff für die verschiedenen Wege, die Grenzen des (biologischen und sozialen) Geschlechts zu überschreiten und die eigene äußere Erscheinung und das eigene Verhalten in Hinsicht auf Geschlechternormen zu verändern. Zu den Transgendern zählen Cross-Dresser und Leute in drag; Intersexuelle, die mit mehrdeutigen oder multiplen Genitalien geboren wurden und die sich - häufig gegen ihren Willen - einer Operation und/oder Hormontherapie unterziehen; aber auch Transsexuelle, die eine solche chirurgische und/oder hormonelle Veränderung auf eigenen Wunsch vornehmen lassen.

Der Begriff umfasst gleichermaßen Menschen, die öffentlich sichtbar sind (wie professionelle Drag- und Transsexuellen-Darsteller oder Sprecherinnen der jeweiligen Gemeinschaften), und solche, die öffentlich unsichtbar sind (wie Leute, die ihren Transgenderismus erfolgreich verbergen oder Leute, deren Gender-Erscheinung für die Öffentlichkeit so überzeugend ist, dass Fragen des Transgenderismus sich im Alltag nicht stellen). Ich beziehe den Begriff auch auf Leute, die sich sozial zu sehr unter Druck gesetzt fühlen, als dass sie jemals ihre Wünsche, die eigene Gender-Erscheinung zu verändern oder zu verwirren, ausleben würden. Gewöhnlich wird solchen Leuten von den Transgender-Communitys vorgehalten, sie würden sich verleugnen. In der Folge werden sie von den Gemeinschaften solange nicht vertreten oder überhaupt als Transgender anerkannt, bis sie ein klares "Coming Out"-Interesse artikulieren oder eine physische Geschlechtsanpassung betreiben.

Ich gehe davon ein, dass wir "selbst-aktualisierten" Transgender, die wir unsere Wünsche physisch ausagieren, die Ausnahme und nicht die Regel sind, und dass die fortwährende Selbstunterdrückung wohl die am weitesten verbreitete Form von Transgender ist. Gewiss, solche spezifischen Formen der Selbstunterdrückung werden in und durch die Bedingungen der sozialen Unterdrückung erlernt. Die "Legitimierung" der bestehenden Selbstunterdrückung als einer Form von Transgender ist deshalb eine wichtige Komplizierung der (nicht immer herausfordernden) Beziehung von Transgender zu konventionellen Geschlechternormen, weil mit ihr auch die Ängste und Gefahren reflektiert werden, die darin liegen, öffentlich mit Gender-Tabus assoziiert zu werden.

[2] John Berger: Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt. Übersetzt aus dem Englischen von Axel Schenck. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1974. S. 43.