Viele werden weniger

Sprechen wir über Schlanksein als Schönheitsideal, sprechen wir in der Regel von eurozentristischen Schönheitsidealen. Das bedeutet, dass die Schlankheitsnorm alles andere als global ist, sondern besonders im sogenannten Westen - dem Westen als Ideologie, nicht als Geografie - vorherrscht. Die Form der Entmenschlichung, die beim Beschämen und Diskriminieren von dicken_fetten Personen stattfindet, erinnert in vieler Hinsicht an Rassismus. Ohne die beiden Gewaltkategorien miteinander gleichsetzen zu wollen, fällt auf, dass sich die konstruierten Stereotype überlappen. Als faul, dreckig, gierig, animalisch, undiszipliniert und obszön gelten im weißen Blick seit Jahrhunderten Schwarze Menschen und People of Color. Diese Eigenschaften werden in Europa aber auch dicken_fetten Menschen zugeschrieben. Diese Merkmale sind stets negativ und Fat-Shaming hat ein großes Gewicht in dieser Gesellschaft: Neben offenen Ausschlüssen, Sanktionen und Gewalt findet auch viel (eigentlich gar nicht so) implizite Stigmatisierung und Pathologisierung statt. Die Diskriminierung von weißen dicken_fetten Personen innerhalb europäischer Gesellschaften ist deshalb so gravierend, weil Dick_Fettsein als etwas Nicht-weißes betrachtet wird, fast wie ein Verrat an das weißsein. Deshalb muss Fat-Aktivismus und Antirassismus stets zusammengedacht werden: Eine fettaktivistische weiße Person, die rassistische Strukturen nicht mitbekämpft, geht nur gegen die Symptome von Fat-Shaming vor, nicht aber gegen den Ursprung.

Das schließt das Fat-Shaming außerhalb Europas dennoch nicht aus. So gibt es in ostasiatischen Ländern viel Druck, den weißen Vorstellungen von insbesondere weiblichen und weiblich gelesenen Körpern, die durchweg schlank sind, zu entsprechen. Das Bild der "zierlichen Asiatin" ist nur ein weiteres Beispiel für den gegenwärtigen Orientalismus. Frauen und Femmes trifft er besonders harsch, da sie zusätzlich sexistischen Konventionen ausgeliefert sind.

Dies beobachte ich auch in iranischen Gemeinden. Sowohl innerhalb der iranischen Diaspora als auch (zumindest in großstädtischen Teilen) im Iran selbst ist die Norm, schlank zu sein, sogar stärker verbreitet als etwa in Deutschland. Die Modeindustrie zum Beispiel produziert kleinere Kleidung, so ist das Übergrößensortiment im Westen viel größer. Es geht dabei nicht um Kritik an einem nicht ausreichend inklusiven Kapitalismus, sondern an die Botschaft, die das Fehlen von Kleidung in großer Größe vermittelt: Dein Körper nimmt zu viel Raum ein; wenn du aus herkömmlichen Kleidungsritualen nicht ausgeschlossen werden möchtest, dann musst du weniger werden.

Ob in der Gesamtmenge mehr oder weniger, ist schwer zu sagen, doch Fat-Shaming in weiß-deutschen und in iranisch-deutschen bzw. iranischen Gemeinschaften unterscheiden sich voneinander. Das ungefragte Kommentieren von Körpern, egal ob schlank oder dick_fett, ist in iranischen Communitys viel stärker normalisiert. Beim Begrüßen, beim Essen, beim Teetrinken, auf großen Versammlungen wie Hochzeiten, in der Herkunftsfamilie oder unter Freund_innen: Nachzufragen oder zu vermuten, dass eine Person zu- oder abgenommen hat, ist ein selbstverständlicher Teil von Gesprächen.

Konzepte wie HAAS (Health At All Sizes: die Kritik am konstruierten kausalen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Gewicht) oder Body-Positivity werden nicht gehört. Die Annahme, dass alle Menschen sehr schlank sein möchten, ist so weit verbreitet wie andere schmerzvolle Körpernormen. Ihre Gemeinsamkeit ist die Assimilation an eurozentristischen Schönheitsidealen, und wenn wir uns die häufigsten Modifikationen anschauen, wird deutlich: Massive Enthaarungen, das Bleichen der Haut, Nasenoperationen, blaue Kontaktlinsen oder Glätten und Bleichen der Haare sind ohne Zweifel an Vorstellungen von weißsein angelehnt und Hierarchisieren weiß markierte über als "iranisch" oder südwestasiatisch markierte Merkmale. Dabei ist es kein Zufall, dass so viele Menschen und vor allem Frauen und Femmes sich diese oft kostspieligen und schmerzhaften Prozeduren antun. Haarige Körper, dunklere Hautfarben, braune Augen, lockige Haare, schwarze Haare und vor allem große oder bucklige Nasen werden beschämt.

Viele junge Frauen aus der Mittel- oder Oberschicht bekommen von ihren Angehörigen zur Volljährigkeit eine Nasenverkleinerungsoperation geschenkt. Dass all diese Rituale viel weiter unter iranischen als unter weißen Menschen verbreitet sind, hat den Grund, dass weiße Menschen diese Modifikationen nicht brauchen, denn sie stellen bereits selbst die Norm dar.

Zu problematisieren gilt aber auch die Repräsentationspolitik in westlicher visueller Kultur, etwa in Filmen, Serien, Musikvideos, Werbereklamen und -clips. Die dort zu sehenden normschönen Menschen beeinflussen nicht nur das Körperbild ihres westlichen Publikums, sondern auch im Ausland. Über Satellitenfernsehen empfangenes Programm bringt viele iranische Zuschauer_innen näher an den staatlich als Feind gesehenen Westen. Nach Europa reisen in der Regel nur Menschen aus der Mittel- und Oberschicht - sofern sie ein Visum bekommen. Das Satellitenfernsehen als Linse auf den Westen verzerrt die Wahrnehmung von Europa und den USA besonders hinsichtlich des Körperbilds: Wenn in positiven, glamourösen Darstellungen nur diese normschönen und explizit schlanken Menschen zu sehen sind, müssen alle oder zumindest ein Großteil der dort Lebenden auch so aussehen. Dass in Deutschland die durchschnittliche Konfektionsgröße für Frauen bei 42/44 liegt, bekommen sie nicht mit, ebenso wenig die weitere Körpervielfalt.

Internalisierter Rassismus und die Sehnsüchte nach dem tabuisierten, jedoch Freiheit versprechenden Westen machen es möglich, dass eurozentristische Schönheitsideale auch außerhalb Europas machtvoll sind. Für Women of Color hat es ein fatales Ergebnis: Sie müssen weniger werden. Sie sollen an Körpermasse verlieren, ihre Nasen kleiner brechen lassen, ihre Hautfarbe und ihre Haarfarbe verblassen lassen, ihre Haarstruktur verweichlichen, kurzum wie alte Tinte auf Papier mit der Zeit ausbleichen und verschwinden. Das ist nicht nur von patriarchalem, sondern auch von rassistischem und kolonalistischem Interesse.