Tschüss, Ethno-Label!

Interview mit: 
Petra Grosinic
Interview mit: 
Veronica Lion

Migrantinnen werden in der Popmusik oft in Schubladen gedrängt, finden Veronica Lion vom pink noise Girls Rock Camp und Petra Grosinic vom DJane-Kollektiv Brunnhilde. Dem setzen sie selbstorganisierte Frauennetzwerke entgegen.

migrazine.at: In der aktuellen Ausgabe beschäftigt sich migrazine.at mit der Repräsentation von Migrant_innen in Kunst und Kultur. Wie geht ihr in euren jeweiligen Projekten, dem Girls Rock Camp und dem DJane-Kollektiv Brunnhilde, mit dieser Frage um?

Veronica Lion: Das Girls Rock Camp richtet sich an alle Mädchen_. [1] Mädchen und Frauen sind generell unterrepräsentiert in den verschiedensten Kultursparten. Unser Ansatz ist intersektional, das heißt, wir versuchen, auf verschiedenste Exklusionsmechanismen zu achten und diese in unserer Arbeit zu reflektieren, zum Beispiel in der Programmierung, in der Gestaltung der Campwoche oder in der Arbeits- und Organisationsweise.
Auch wenn wir daran arbeiten, den Raum für viele Menschen zugänglich zu machen, ist uns aber bewusst, dass das Girls Rock Camp noch immer einen sehr weiß-dominierten Cis-Frauen [2] Raum darstellt, allen voran das Organisationsteam. Da wünschen wir uns in Zukunft mehr Diversität.

Petra Grosinic: Wir sind bei Brunnhilde acht Frauen unterschiedlicher Herkunft, das macht unsere Vielfalt aus. Wir können unterschiedlich gebucht werden; je nachdem, um welches Event es geht, bieten wir Balkan-, Oriental-Musik und ähnliches an. Ohne diese Vielfalt wären wir nicht so einzigartig.

Stichwort "Balkanmusik": Gibt es musikalische Felder, in denen es als Migrantin leichter ist, Fuß zu fassen? Und andere, die dafür komplett weiß und männlich besetzt sind?

Petra: Also die DJ-Szene ist auf alle Fälle eine Männerdomäne. Immer, wenn ich in einen Club komme, sind da außer mir nur Männer an den Turntables. Die gaffen erst einmal, denken sich: "Was macht die da? Kennt sich die überhaupt aus?" Ich muss mich immer beweisen. Mit dem Brunnhilde-Kollektiv wollen wir zeigen: DJing, das ist nicht nur ein Männerjob, wir Frauen können das genauso gut!

Veronica: Alles, was mit Repräsentation und Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit zu tun hat, ist sehr männlich besetzt und weiß dominiert. Frauen und somit auch Frauen mit Migrationserfahrung werden in spezielle Nischen verbannt. Ich höre zum Beispiel immer wieder, dass ein Mädchen_ in einer Band spielt und sie gefragt wird, ob sie die Freundin von jemandem sei. Oder es wird angenommen, dass sie die Sängerin ist, dabei ist sie zum Beispiel die Schlagzeugerin.

Mir fällt schon auf, dass Menschen mit Migrationserfahrung, und damit auch Frauen, in gewisse Sparten und Positionen gedrängt werden - etwa in Richtung "World Music". Es wird viel mit kulturellen Essenzialismen gearbeitet. Da ist es für Migrantinnen vielleicht leichter, auch in solchen Bereichen einen Platz zu finden. Ein Ziel des Girls Rock Camps ist es, diese Normen und Erwartungshaltungen aufzubrechen und es den Teilnehmerinnen_ zu ermöglichen, für sich einen Platz abseits dieser Zuschreibungen zu finden.

Eure beiden Initiativen ermöglichen Mädchen den Zugang zum Musikmachen oder -auflegen. Wie geht ihr auf diese zu?

Veronica: Wir haben bereits ein recht großes Netzwerk an Menschen, vor allem langjährige Mitwirkende und ehemalige Teilnehmerinnen_, queer-feministische Initiativen, Jugend- bzw. Mädchen_zentren und Schulen, die wir kontaktieren. Heuer sind wir auch nach Hollabrunn gefahren, wo das Camp stattfindet, und haben vor Ort Leute angesprochen. Uns ist neben der Niederschwelligkeit auch die Nachhaltigkeit sehr wichtig: Wir wollen nicht einfach irgendwo unser Camp aufschlagen, womöglich nur mit Leuten aus der Hauptstadt, und dann wieder abziehen, und im Ort selbst ist überhaupt nichts passiert.
Gezielt verteilen wir Flyer, und natürlich sind wir auch auf Facebook aktiv und versuchen, über Blogs und andere soziale Medien Mädchen_ zu erreichen. Dabei sind ehemalige Teilnehmerinnen_ eine große Hilfe.

Petra: Auch bei uns läuft viel über unsere Homepage und über Facebook. Wir gehen ebenso in Mädchenzentren, zum Beispiel Peppa, dem multikulturellen Mädchenzentrum der Caritas Wien. Außerdem verteilen wir gezielt Flyer.

Brunnhilde ist ja in der Brunnenpassage beheimatet, einem Kulturzentrum für die Anrainer_innen rund um den Brunnenmarkt in Ottakring, von dem es immer heißt, dass es eine sehr multikulturelle Gegend sei. Wie wirkt sich das auf euer Publikum aus?

Petra: Die Brunnenpassage liegt an einem ziemlich zentralen Ort und ist sehr offen: Jede_r kann hereinschauen, es werden Workshops angeboten, die alle gratis sind. Die Leute gehen vorbei, schauen, sind neugierig, was hier passiert. Und ja klar, dass es hier bunt gemischt ist, was die Herkunft betrifft, spricht die Leute auch an. Die Brunnenpassage hat sich mittlerweile einen guten Namen gemacht.

Sowohl das Girls Rock Camp als auch Brunnhilde haben es sich zur Aufgabe gemacht, neue Netzwerke zu bilden. Also dass Frauen und Mädchen nicht nur einmal zum Workshop auftauchen und dann wieder verschwinden, sondern dass es einen weiterführenden Austausch gibt. Warum sind diese Netzwerke so wichtig?

Veronica: Netzwerken ist sicherlich einer der zentralen Aspekte queer-feministischer Arbeit. In einer weiß-männlich dominierten Struktur ist es wichtig, Netzwerke zu erarbeiten, um sich gegenseitig zu unterstützen. Mich haben am Girls Rock Camp dieser Zuspruch und diese Solidarität angezogen. Gemeinsam Spaß haben, Fertigkeiten teilen, Fähigkeiten unterstützen, das ist etwas ganz Besonderes und liegt außerhalb einer hierarchisch strukturierten, kapitalistischen Verwertungslogik.

Es ist für uns zentral, dass diese aufgebauten Beziehungen weiterlaufen. So gibt es zum Beispiel einen regelmäßigen Stammtisch, wo Teilnehmerinnen_, aber auch Coaches und Organisatorinnen regelmäßig zusammenkommen. Und sie funktionieren! Teilweise kommen die Teilnehmerinnen_ wieder und halten selbst Workshops am Camp oder wollen anders mitwirken. Das zeigt uns, dass es das Bedürfnis gibt, weiterhin Teil dieses Netzwerks zu sein.

Petra, hast du den Eindruck, dass es unter DJs Jungs-Netzwerke gibt, die sich gegenseitig Gigs verschaffen und weiterempfehlen? Und dass frau dem ein Girls-Network entgegensetzen muss?

Petra: Mich haben immer wieder auch Männer empfohlen. Beim DJing geht es viel um Connections. Leute kommen in den Club, sehen dich und denken: Die buchen wir auch. Vieles funktioniert schlicht über Mundpropaganda.

Veronica: Was bei dieser Frage interessant ist: Sobald etwas von der dominanten Kultur abweicht, muss es speziell benannt werden. Es gibt diese Boys-Netzwerke, sie werden permanent genutzt. Nur werden sie nicht explizit als solche ausgewiesen, weil es so "normal" ist. Deswegen sind feministische Netzwerke wichtig, die einander unterstützen, sich Gigs zuspielen und füreinander Werbung machen. Vieles basiert ja auf Präsenz, viele Frauen können aber nicht die ganze Zeit, sagen wir, im Club sein, etwa weil sie Reproduktionsarbeit leisten müssen. Das heißt, dass sie dadurch weniger Möglichkeiten haben, sichtbar zu sein, um angesprochen zu werden, und somit auch weniger Chancen haben, in ein Netzwerk zu kommen.

Mein Eindruck ist, dass DJing etwas niederschwelliger ist als eine Band zu gründen. Dafür braucht man Instrumente, andere Menschen, Proberäume. Ist es nicht leichter, mit dem Computer im Kämmerchen zu produzieren?

Veronica: Ich finde es schwierig, pauschal zu sagen, DJing sei viel einfacher, als in einer Band zu spielen. Der technische und auch finanzielle Aspekt beim DJing ist gar nicht so niederschwellig. Am Girls Rock Camp gibt es Angebote, die beide Interessensrichtungen abdecken, egal, ob die Teilnehmerinnen_ lieber alleine daheim Beats produzieren oder in einer Band spielen wollen.

Petra: Man kann ja auch zu zweit oder als Crew auflegen. Wir arbeiten halt eher individuell und bereiten zuhause im Stillen unser Set vor. Das ist vielleicht sogar angenehmer, weil es keine Streitigkeiten gibt. In einer Band ist das eventuell schwieriger.

Veronica: Für manche ist es vielleicht einfacher, nicht allein auf der Bühne zu stehen!

Petra: Ja, das ist ein großer Unterschied. Ich bin ja hinter den Turntables, da nehmen mich die Leute oft gar nicht richtig wahr. Bei einer Band sind schon viel mehr Augen auf dich gerichtet.

Haben Jungs einen Vorteil in puncto Bands gründen, weil ihnen eher beigebracht wird, miteinander etwas auf die Beine zu stellen?

Veronica: Burschen wird im Rahmen ihrer Sozialisation eher zugestanden, sich über unterschiedliche Medien und nicht nur verbal auszudrücken. Vielleicht gibt es dazu sogar die Notwendigkeit, weil sie bestimmte Gefühle nicht äußern sollen. Der bereits angesprochene Aspekt von einander unterstützenden Boys-Netzwerken spielt da sicher auch eine Rolle. Mädchen_ wird generell beigebracht, ihre Gefühle immer brav zu verbalisieren, nicht notwendigerweise laut von der Bühne zu schreien.
Hinzu kommt das Prestigehafte von Bands, das mackerhafte Im-Mittelpunkt-Stehen. Das sind nicht unbedingt Fähigkeiten, die Mädchen_ im Allgemeinen mitgegeben werden. Sie werden eher reduziert aufs Fanin- oder Freundin-Sein. Aus einer Kritik an diesen Zuschreibungen heraus hat sich ja auch die Idee von Riot Grrrl entwickelt, in deren Tradition das Girls Rock Camp steht.

Petra: Ja, das ist auch im Club so: Neben dem DJ steht immer die Freundin. Frauen wird das Technische oft nicht zugetraut. Solche Klischeebilder halt.

Wir haben jetzt viel über Männer/Frauen und Musik geredet. Glaubt ihr, dass Gender ein größerer Ausschlussfaktor ist als ein Migrationshintergrund? Oder überlagern sich die beiden Kategorien?

Veronica: Es gibt viele Überlagerungen, neben Gender spielen viele andere Differenzen mit hinein. Wir versuchen, beim Girls Rock Camp unterschiedliche Identitäten einzubinden, achten auf soziale Herkunft, Alter, Bildung, Beeinträchtigung, ob die Mädchen_ in der Stadt oder auf dem Land aufgewachsen sind. Momentan versuchen wir Barrieren abzubauen, mit denen wir beispielsweise Trans*personen vom Camp ausschließen.

Achtet ihr im Anmeldeprozess gezielt darauf, dass die Teilnehmerinnen möglichst unterschiedlich sind?

Veronica: Generell werden die Plätze nach Zeitpunkt der Anmeldung vergeben, es gibt keine Vorauswahl. Da wir auf 16 Plätze beschränkt sind, denken wir aber darüber nach, einige davon speziell für Mädchen_ zu reservieren, die sich - aus welchen Gründen auch immer - verspätet anmelden. In internen Diskussionen ist uns allerdings bewusst geworden, dass es schwierig ist, aus unserer Position Annahmen über die Identitäten dieser Mädchen_ zu machen. Wir wollen Identitäten nicht wieder nur auf einzelne Kategorien zurückstutzen, die auf unseren Vermutungen basieren.
Generell versuchen wir schon, unsere Bewerbungsstrategie danach auszurichten und über individuell wählbare Beiträge die Anmeldung so niederschwellig wie möglich zu gestalten. Und wir freuen uns natürlich, wenn wir möglichst unterschiedliche Mädchen_ mit unserem Programm erreichen können, das ist definitiv unser Ziel.

Petra, wie ist das bei dir als DJane? Du hast erzählt, dass du hier als Frau sofort auffällst. Ist das als Migrantin weniger der Fall?

Petra: Das ist halt so 'ne Sache ... Man sieht ja nicht, dass ich in Kroatien geboren wurde. Für mich ist das Kommunizieren über die Musik wichtig, auf der Oriental-Party leg ich genauso arabische oder türkische Musik auf, und den Leuten gefällt das. Auch wenn wir uns sprachlich nicht verständigen können, verstehen wir uns auf der Musikebene.
Da kommt auch die Integration zur Geltung: Ich interessiere mich für andere Kulturen und bringe das ein. Das macht mich als DJane auch interessanter. Wäre ich in Kroatien geblieben, hätte ich das so wohl nicht erreicht.


Das Gespräch führte Irmi Wutscher.



Links

Homepage Brunnhilde
Homepage pink noise Girls Rock Camp


Fußnoten

[1] Anmerkung von pink noise Girls Rock Camp: "Mit 'Mädchen' und 'jungen Frauen' (infolge benannt als 'Mädchen_') sind alle Menschen gemeint, die sich als solche verstehen bzw. wahrnehmen (wollen). Der '_' kennzeichnet dabei die Konstruktion der Geschlechterkategorien und ermöglicht zugleich, sich auf Mädchen zu beziehen und gleichzeitig das Nichtsagbare, Nichtdefinierte, Widersprüchliche und über die Zweigeschlechtlichkeit Hinausweisende deutlich zu machen. Dies gilt auch für die Begriffe 'Frau', 'Mann', 'Junge', 'männlich', 'weiblich'." Siehe dazu: Mart Busche/Ellen Wesemüller: Mit Widersprüchen für neue Wirklichkeiten. Ein Manifest für Mädchen_arbeit. In: Mart Busche/Laura Maikowski/Ines Pohlkamp u.a. (Hg._innen): Feministische Mädchenarbeit weiterdenken. Zur Aktualität einer bildungspolitischen Praxis. Bielefeld: transcript 2010. S. 316.

[2] "Cis-Gender" bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem körperlich zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Das heißt, Cis-Frauen sind Menschen, die biologisch dem Geschlecht Frauen zugeordnet wurden und dieses auch als ihre gelebte Geschlechtsidentität verstehen.


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