Sprachliches Handeln und Diskriminierung

Ein respektvoller Sprachgebrauch braucht die ständige und kritische Auseinandersetzung mit Diskriminierung – und geht dabei weit über die Ebenen von Wort bzw. Gebärde, Satz und Grammatik hinaus.

Wenn hierzulande von "Sprache" die Rede ist, geht es meist um die Defizite der Sprechenden [1] – bevorzugterweise von Migrant_innen. Schon diese Umdeutung offenbart, was sie zu verschleiern versucht: Dass es sich bei Sprache um eines der wichtigsten gesellschaftlichen Machtinstrumente handelt, um ein Medium, durch das hierarchische und diskriminierende Strukturen aufrecht erhalten werden, aber auch Widerstand gegen diese Strukturen gestaltet wird. Sprache ist aber mehr als bloßes Medium – mit ihr setzen wir auch Handlungen und schaffen Realität.

Über Sprache und sprachliche Handlungen werden laufend Wirklichkeiten konstruiert. Wird z.B. eine Person mit "Guten Tag, Frau Erfina" angesprochen und die angesprochene Person reagiert darauf mit "Ja, bitte", bestätigen beide damit die zweigeschlechtliche Ordnung: Ob die angesprochene Person eine Frau ist oder nicht, wird nicht infrage gestellt.

Oder: Wenn in schriftlichen Texten der "_" verwendet wird [2], der Text selbst aber nur von Männern und Frauen handelt, sind vielleicht ästhetisch-politische Ansprüche erfüllt, die binäre Geschlechterordnung wird damit jedoch nur scheinbar hinterfragt, wenn nicht sogar weiter verfestigt.

Ähnlich verhält es sich, wenn in der vor kurzem in Österreich eingeführten "Rot-Weiß-Rot-Karte" [3] nur ganz bestimmte Sprachen (wie zum Beispiel Englisch) den Einwanderungswilligen Plus-Punkte bringen, andere jedoch nicht.

Diskurs als soziale Praktik

Sprachliches Handeln findet immer in einem sozialen Kontext statt, der von den gesellschaftlichen Strukturen, wie etwa rassistisch-heteronormativen, gerahmt wird. Sprache vollzieht sich im Rahmen von Diskursen, sie formt Diskurse und wird ebenso von ihnen geformt. Diskurse sind komplexe Bündel gleichzeitiger und aufeinander folgender, miteinander in Beziehung stehender Sprachhandlungen [4] und entfalten sich in einem vielschichtigen Setting von Handlungsfeldern, Institutionen, Genres und Themen. Beispielsweise fußte der staatliche Diskurs über Trans* in Österreich Anfang der 1980er Jahre auf den Entstehungsprozessen von Gesetzen, Erlässen und Krankheitsklassifikationen, auf Verhandlungen zwischen Bundesministierien, Krankenhäusern und Standesämtern, auf Anträgen zu Personenstandsänderungen, Einträgen in Geburtenbüchern und medizinischen Gutachten, ebenso auf Diskursthemen wie Reinheit, Zweigeschlechternorm und vielem mehr. Auch der sogenannte Migrationsdiskurs bezieht sich nicht ausschließlich auf den Akt der Migration, sondern ist eingebettet in Diskurse zu Bildungs- und Gesundheitspolitiken, Arbeitsmarktpolitik und viele anderen.

In diesem Sinne können Diskurse als Sammlung sozialer Praktiken verstanden werden [5], bildlich vorstellbar als unsichtbare, aber wirkmächtige Räume oder Sprechblasen. Diskurse sind jedoch nicht einfach die Summe aller einzelnen sprachlichen Handlungen – sie stellen vielmehr Regelsysteme dar, die unser Denken und unsere Herangehensweisen prägen sowie gesellschaftliche Positionierungen und Institutionen formen. Zugleich sind Diskurse wiederum in historisch gewachsene Machtsysteme und Wissensordnungen eingewoben – derart ergibt sich das Gesamtbild multipler und wechselseitiger Verflechtungen, die sogenannten Dispositive. [6]

Sprachliches Handeln und ihre Wirkung

Das, was wir äußern, zeigt Wirkung und ist nie ohne Bedeutung. Das Geäußerte vermittelt immer ein spezifisches Bild, eine bestimmte Sichtweise von der Realität und den gesellschaftlichen Verhältnissen. Wenn etwas geäußert wird, werden damit auch eine bestimmte Haltung, eine Einstellung über das Geäußerte, bestimmte Vorstellungen, Wünsche und Hoffnungen mittransportiert.

Das, was über Worte bzw. Gebärden ausgedrückt wird, kann sich dabei im Laufe der Zeit verändern. Diese Wandlung vollzieht sich unterschiedlich schnell bzw. langsam. Nehmen wir zum Beispiel den Begriff "AIDS", die Abkürzung für "Acquired Immune Deficiency Syndrom". Ursprünglich wurden unter diesem Namen bestimmte Krankheitssymptome festgehalten. Da von den Medien besonders Schwule, Sexarbeiter_innen und Drogenkonsument_innen mit AIDS in Verbindung gebracht wurden, mutierte der Begriff bald zum Synonym für den angeblichen moralischen Sittenverfall, sexuelle Perversion und Ungezügeltheit. Die Bezeichnung "AIDS" weist also eine bestimmte gesellschaftspolitische Prägung auf – die mittransportieren Bedeutungen sind das sogenannte Konnotat. Der Begriff hat also eine negative Konnotation erhalten, die sich im Laufe der Zeit verfestigt hat und mittlerweile "selbstverständlicher" Teil seines Ausdrucks geworden ist.

Ebenen sprachlichen Handelns

Jede Person ist je nach Kontext und Öffentlichkeit mit verschiedenen Privilegien ausgestattet und übt, mit unterschiedlichen Effekten und Konsequenzen, über Sprache Macht aus, verfestigt alte Muster und Ansichten oder erschafft neue Visionen und Realitäten. Zusätzlich wirkt die strukturelle Ebene, in die Menschen eingewoben sind (Gesetze, ungeschriebene Normen etc.), der sogenannte Kontext.

Sprachliche Machtausübungen können auf verschiedenen Ebenen stattfinden:

  • verbale Ebene (z.B. sexistische Schmierereien auf Wänden, transphobe Äußerungen, rassistische Namen für Speisen)
  • nonverbale Ebene (z.B. Anstarren, Auslachen, "herabwürdigende" Blicke)
  • körperliche Ebene (z.B. tätliche Angriffe wie Anrempelungen, Boxen, Betatschen, Verprügeln, Mord)
  • Ebene der Symbole (z.B. Kloschilder, Kleidung, Accessoires)
  • strukturelle Ebene (z.B. Gesetze, Institutionen, Organisationsstrukturen)

Jedes Kommunizieren ist also auch eine Handlung, die im strukturell und gesellschaftlich gesetzten, historisch gewachsenen, rassistisch-heteronormativen System wirksam wird. In diskriminierenden Diskursen wird u.a. mit Fragen und Aussagen wie "Wo kommst du her?", "Du sprichst aber gut Deutsch", "Du bist aber keine richtige Frau!", "Nur Migrantinnen können für Migrantinnen sprechen!" etc. soziale Kontrolle ausgeübt. Spezifisch für diese Kontrollfunktion ist, dass sie von ungleichen Machtverhältnissen bestimmt und gesteuert wird, in denen vorgegeben wird, wer authentisch ist und wer nicht, wer das "Andere" repräsentiert bzw. repräsentieren kann. Die angesprochenen Personen oder die angesprochene Gruppe werden damit auf einen ganz bestimmten Platz in der Gesellschaft und im jeweiligen konkreten Kontext (z.B. Arbeitsplatz, Organisation) verwiesen. Voraussetzung für die Ausübung einer solchen Kontrollfunktion ist eine bestimmte (Autoritäts-)Position in der Gesellschaft bzw. in der jeweiligen Öffentlichkeit.

Performative Sprechakte

Diskriminierende Äußerungen entfalten ihre Wirkung, indem sie wiederholbar sind, ihr performativer Akt "glückt" und ihr Wirkungsfeld aufrechterhalten wird. Diskriminierende Äußerungen haben die Funktion, Machtverhältnisse herzustellen und zu bestätigen. Damit diskriminierende Äußerungen "gelingen" – sie also ihre Funktion erfüllen –, geht es nicht zwingend darum, ob ihr Inhalt wahr oder falsch ist. Viel wichtiger ist, ob sie angenommen werden bzw. ob sie funktionieren. Ein Beispiel: Wird am Arbeitsplatz eine Person als "schwul" verleumdet, spielt es keine Rolle, ob die Person tatsächlich schwul ist oder nicht. Wichtig für die Person, die diskriminiert, ist, dass die Äußerung wirkt und die andere Person in späterer Folge als schwul diskriminiert wird. Das bedeutet auch, dass sich der diskriminierende Effekt einer Sprachhandlung nicht nur auf den Augenblick der Äußerung selbst beschränkt, sondern später einsetzen kann, wie auch Judith Butler beschreibt. [7]

In der sogenannten Sprechakttheorie werden solche "handelnden" Äußerungen "performative Sprechakte" genannt. [8] "Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau" wäre beispielsweise eine solche performative Sprachhandlung, weil die Äußerung nicht einfach eine Situation beschreibt, sondern die Wirklichkeit verändert, indem zwei Personen ab diesem Zeitpunkt als institutionell anerkanntes heterosexuelles Paar (und damit mit bestimmten Privilegien ausgestattet) gelten.

Damit eine Sprachhandlung wirksam wird, muss die sprechende Person oder Instanz für das Sprechen autorisiert sein. Pierre Bourdieu zufolge ist eine performative Äußerung dann zum Scheitern verurteilt, wenn sie von einer Person stammt, die nicht mit der dazu notwendigen Macht ausgestattet ist. [9] So wird zum Beispiel eine Person, die in einer hierarchisch strukturierten Organisation auf unterster Ebene arbeitet und nicht als gleichberechtigte Mitarbeitende anerkannt wird, bei Vorschlägen für die Personalentwicklung in der Regel nicht gehört, da sie für solche Äußerungen nicht autorisiert ist.

Nicht-diskriminierende Sprachpolitiken

Vor diesem Hintergrund geht es bei nicht-diskriminierenden Sprachpolitiken unserer Meinung nach nicht darum, einen Sprachkodex zu erstellen, wie "richtig" kommuniziert werden soll. Stattdessen sollten die eigenen Privilegien und Diskriminierungsmuster – samt ihrer geschichtlichen, räumlichen und diskursiven Zusammenhänge – in den Mittelpunkt gerückt werden, um sie zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern.

Sprachpolitische Veränderungen, wie sie z.B. von der feministischen Linguistik eingebracht wurden (z.B. Nennung der zwei Geschlechter Mann/Frau wie in LeserInnen) [10], sind wichtig. Sie dürfen allerdings nicht bei einem neuen Wort, einem Symbol oder einer Gebärde stehenbleiben – weil Sprache nicht auf der lexikalischen Ebene aufhört, sondern dort erst beginnt. Ein respektvoller Sprachgebrauch braucht die ständige und kritische Auseinandersetzung mit Diskriminierungsformen auf den Ebenen von Wort/Gebärde, Satz und Grammatik genauso wie der von Bildern, Gesten und Symbolen oder jener von Diskursen und sozialen Normen sowie deren historischer (Entstehungs-)Kontexte.

 

Fußnoten:

[1] Zum diskriminierenden Sprachgebrauch gehört das Ignorieren von Kommunikationsformen wie Gebärdensprache, Braille, barrierefreie Darstellung von pdf-Dokumenten oder Homepages etc. Die gesprochene und geschriebene Sprache beinhaltet oft auch diskriminierende Wörter im Sinne des "Ableism" (Diskriminierung aufgrund von "Behinderung") wie sehen, hören, gehen etc. Deshalb verstehen wir hier unter Sprache nicht nur "sprechen", sondern auch andere Formen der Äußerung (etwa Gebärden) und verwenden daher Begriffe wie "äußern" und "kommunizieren" statt "sagen" und "hören".

[2] Der Gender Gap ("_") wurde von S_he vorgeschlagen, um nicht nur Frauen und Männer in der Sprache sichtbar zu machen, sondern einen Raum für Menschen zu eröffnen, die nicht dem herkömmlichen heteronormativen Mann/Frau-Modell entsprechen oder entsprechen wollen (vgl. S_he: Performing the Gap. Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung. In: arranca! Nr. 28: Aneignung I, Berlin: November 2003.

[3] "In Österreich soll durch die sogenannte 'Rot-Weiß-Rot-Karte' die Zuwanderung neu geregelt werden. Die auf einem Punktesystem basierende Regelung soll das bisherige Quotensystem ersetzen. Kriterien für die Zuwanderung sollen etwa bestimmte Qualifikationen, Deutschkenntnisse oder Nachfrage am Arbeitsmarkt sein. Nach einem Punktesystem sollen diejenigen zuwandern dürfen, die auf die meisten der geforderten Punkte kommen." Zitiert aus: "Rot-Weiß-Rot-Karte soll Zuwanderung neu regeln". In: DiePresse.com, 26.1.2009.

[4] Vgl. Martin Reisigl/Ruth Wodak: Discourse and Discrimination. Rhetorics of Racism and Antisemitism. New York: Routledge 2001. S. 37.

[5] Vgl. Norman Fairclough/Ruth Wodak: Critical Discourse Analysis. In: Teun A. Van Dijk (ed.): Discourse Studies: A Multidisciplinary Introduction. Vol. 2. London: Sage 1997. S. 258

[6] Vgl. Andrea D. Bührmann/Werner Schneider: Vom Diskurs zum Dispositiv. Bielefeld: transcript 2008. S. 51ff.

[7] Vgl. Judith Butler: Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt am Main: edition suhrkamp 2006.

[8] Vgl. John L. Austin: Zur Theorie der Sprechakte. (How to do things with words.) Stuttgart: Reclam 1972. Statt "Sprechakte" verwenden wir im Folgenden den Begriff "Sprachhandlungen", um im Sinne des nicht-diskriminierenden Sprachgebrauchs den Fokus vom verbalen Sprechen auf Äußerungen im Allgemeinen zu verschieben.

[9] Vgl. Pierre Bourdieu: Was heißt Sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tausches. Wien: Braumüller 2005.

[10] Vgl. u.a. Maria Kargl et al.: Anleitungen zum geschlechergerechten Sprachgebrauch. Wien: BMFV 1997.