Rassismus und "Schweinegrippe"

Trägt die Wahrnehmung der Nordamerikanischen Grippe, der so genannten "Schweinegrippe", dazu bei, den alltäglichen Rassismus zu verstärken?

Rassismus basiert auf Gegensatzpaaren. Nach Wulf D. Hund [1] ist eine wichtige Form des Rassismus das Gegensatzpaar "Reine und Unreine". Dieses Gegensatzpaar finde sich zunächst und am deutlichsten im Kastenwesen in Indien, sei aber auch beim Entstehen des Begriffs "Rasse" in Spanien im Antijudaismus wesentlich gewesen. Und auch im Begriff "Rassenhygiene" zeigte sich die Verknüpfung von Unreinheit, Krankheit und Seuche mit Rasse. Unreinheit und Krankheit werden auf klassenrassistische Konstruktionen projiziert.

Arme sind häufiger von Krankheit betroffen als Reiche, und Armut und Reichtum sind ethnisch ungleich verteilt. Aber nicht Arme erzeugen Krankheiten, sondern Armut erzeugt Krankheiten. Die Bildproduktion, welche mit der Ausbreitung der "Schweinegrippe" einhergegangen ist, unterstützt rassistische Einstellungen: "Schwein" und "Slum produziere Seuchen, Pandemien; entstanden sei die Schweinegrippe nicht nur im Organismus eines Schweins, sondern ebenso im "Moloch" Mexiko-City.

Krankheit und Armut

Arme sind häufiger krank als Reiche. Arme sterben schneller an den selben Krankheiten als Reiche. Aber es sind nicht Arme, die die Krankheiten erzeugen, sondern die schlechte Ernährung, die schlechten Lebensbedingungen, die mangelnden hygienischen Bedingungen und die mangelnde medizinische Versorgung begünstigen die Erkrankung der Menschen.

Mexiko-City ist eine der größten Städte der Welt. Nach Mike Davis leben in ganz Mexiko 19,6% der urbanen Bevölkerung in Slums, das sind 14,7 Millionen Menschen. [2] Soeben hat die Menschheit eine globale Veränderung erlebt, seit wenigen Monaten leben erstmals in der Menschheitsgeschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Um die Stadtkerne der schnell anwachsenden Städte bilden sich Siedlungen mit mangelhafter Infrastruktur. Vor allem Wassermangel ist ein Problem. Ein Problem, mit dem wir im reichen Norden unmittelbar zu tun haben, da über den globalen Handel virtuelles Wasser vom wasserarmen Süden in den wasserreichen Norden transportiert wird. Epidemien sind in Gegenden häufig, in denen die Lebensbedingungen und die medizinische Versorgung unter dem Niveau sind, welches ein gutes menschliches Leben ermöglicht. Eine gute medizinische Versorgung wird verhindert durch Protektion, durch wirtschaftliches Gewinnstreben. So kann zum Beispiel Indien viele seiner sehr günstig produzierten Medikamente nicht nach Afrika exportieren, wo diese erschwinglichen Arzneien dringend gebraucht werden – denn dies würde die Gewinnspanne von Pharmakonzernen einschränken. Zudem ist eine schlechtere medizinische Versorgung auch gewünscht, um die soziale Ungleichheit aufrecht zu erhalten. Wenn selbst in Deutschland die offiziellen Wirtschaftsberater nahelegen, die soziale Ungleichheit vor allem in den Bereichen Alter und Gesundheit zu erhöhen, so wird dies erst recht in Nord-Süd-Beziehungen umgesetzt.

Epidemien zeichnen sich dadurch aus, dass sie lokal begrenzt sind. Bei Epidemien handelt es sich beinahe immer um Formen struktureller Gewalt, da hier bekannte und bekämpfbare Krankheitserreger am Werk sind und es nur eine Frage des Aufwandes ist, diese unschädlich zu machen. Eine Pandemie jedoch bleibt nicht auf eine Zone der Armut beschränkt, sondern erreicht auch den industriell und medizinisch gut versorgten Norden. Epidemien sorgen für Mitleid – Pandemien sorgen für Xenophobie und Rassismus.

Konservative in den Vereinigten Staaten machen MigrantInnen verantwortlich für die Verbreitung der Nordamerikanischen Grippe. "Illegale Einwanderer" würden diesen Virus unkontrolliert verbreiten. Damit das Weltbild stimmt, wird in konservativen Radiosendungen auch der militante Islamismus verantwortlich gemacht. Tatsächlich verbreitete sich jedoch das Virus nicht durch "illegale EinwandererInnen", sondern durch einheimische Reisende, die aus Mexiko zurückkehrten. Die US-amerikanische Website Mediamatters listet verschiedene rassistische Kommentare auf und stellt diesen die nüchterne Analyse des Centers for Disease Control and Prevention gegenüber. Während man über diese rassistischen Verschwörungstheorien nur den Kopf schütteln kann, sollten wir das wirkmächtige Bild von "infizierten Aliens" nicht unterschätzen.

Spanische Grippe, anti-mexikanischer Rassismus und Zyklon B

Die Spanische Grippe brach im US-Bundesstaat Kansas zur gleichen Zeit aus, als 1918 die mexikanische Revolution stattfand. Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Woodrow Wilson, war ein Eugeniker. Er unterzeichnete den "Immigration Act", und das Gesundheitsministerium gab zeitgleich das "Manual for the Physical Inspection of Aliens" heraus. In El Paso, an der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko, wurden mexikanische EinwandererInnen interniert und mit Schädlingsbekämpfungsmitteln behandelt. Obwohl damals medizinisch das Wissen schon vorhanden war, dass ein Virus die Spanische Grippe verursachte, wurden MexikanerInnen mit Benzin, Kerosin und Pestiziden zwangsbehandelt. Zu diesen Pestiziden gehörte auch Zyklon B, welches für die "Entlausung" der Kleidung in den so genannten "Gas Chambers" benutzt wurde. Zahlreiche Mexikaner und Mexikanerinnen starben an dieser Behandlung. [3]

"Schweinegrippe" oder "Nordamerikanische Grippe"?

Die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) kritisiert den Begriff für die im Jahr 2009 aufgetauchte "Schweinegrippe". Es gebe bisher noch keine Schweine, die an diesem Virus erkrankt seien. Man könne sich zudem nicht durch den Verzehr von gebratenem Schweinefleisch anstecken. In der Vergangenheit seien Grippen mit tierischem Ursprung oft nach ihrer regionalen Verbreitung benannt worden, wie die "Spanische Grippe" oder die "Asiatische Grippe". Es sei daher einleuchtend, die neue Krankheit "Nordamerikanische Grippe" zu nennen.

Auch aus antirassistischer Perspektive ist dem Begriff der "Nordamerikanischen Grippe" der Vorzug zu geben. Zum einen findet die Bilderproduktion von Schwein, Slum und Seuche mit ihren rassistischen Implikationen nicht weiter statt. Zum anderen wird mit dem Begriff "Nordamerika" die gemeinsame Betroffenheit unterstrichen. Es findet keine Zuweisung der Krankheitsverantwortung an den Süden statt und damit auch nicht die Fokussierung auf eine zweifelhafte Ideologie der "Eindämmung". Mit Metaphern wie dem "Moloch" Mexiko-City werden genau diese Fantasien geschürt, die dann bei den nächsten Parlamentswahlen zusätzliche Prozentpunkte für rassistisch ausgerichtete Parteien bringen. Der Begriff "Nordamerikanische Grippe" hingegen überschreitet und durchbricht die Mauer zwischen den USA und Mexiko, zwischen Nord und Süd, und macht deutlich, dass wir gemeinsam handeln müssen.

Dieser (leicht gekürzte und überarbeitete) Artikel erschien ursprünglich in Andreas Kempers Blog "Klassismus".


Fußnoten:

[1] Hund, Wulf D. (2007): Rassismus. Bielefeld: Transcript, S. 43ff.

[2] Davis, Mike (2006): Planet of Slums. London/New York: Verso, S. 24.

[3] Alexander Cockburn (2007): Zyklon B on the US Border, 23./24. Juni 2007.