Moments of Resistance

Wenn von "politischem Widerstand" die Rede ist, dominieren Bilder von lauten Revolten gegen Staat und Regierung unsere Vorstellungen. Für illegalisierte Migrant*innen stellt sich widerständiges Handeln jedoch ganz anders dar: in alltäglichen Handlungen und ganz "normalen" Tätigkeiten - und nicht zuletzt in ihrer bloßen Existenz.

"Because I exist I resist / Never settle for our present oppression / Freedom is our right and we demand that." [1]

Fast vier Jahre ist es her, dass E'b [2] mit einem Touristenvisum aus Zentralamerika nach Europa eingereist ist. Nach Ablauf seiner Aufenthaltsgenehmigung blieb er hier. Als illegalisierte Person wurde er Teil einer negierten Population - und einer unsichtbar gemachten Geschichte. Illegalisierung als Verbot der Existenz bestimmter Menschen an einem Ort ist eine Praktik, die zurückreicht, seit es (Stadt-/Staats-)Grenzen gibt. So kam es etwa schon im Mittelalter in Städten oder Landkreisen zur Illegalisierung unerwünschter Personengruppen (zum Beispiel Jüd*innen, Bettler*innen, Roma), die ständig von Abschiebung bedroht waren. In einem unserer vielen Gespräche sagte E'b einmal: "Allein die Tatsache, dass ich in Österreich ohne Papiere lebe, in einem Land, in dem ich nicht sein dürfte, in dem ich nicht dokumentiert bin, also faktisch nicht existiere, allein das ist politisch, ist ein Akt des Widerstands. Zu sagen, hier bin ich, obwohl ich nicht hier sein darf. Mich nicht zu verstecken, sondern meinem Leben nachzugehen."

Das Handeln undokumentierter Migrant*innen wird zu einem wesentlichen Teil dadurch bestimmt, dass sie in einen Ausnahmezustand hineingezwungen werden - einen Zustand, in dem der Zugriff der Person auf ihre Rechte durch den illegitimen Aufenthalt maßgeblich eingeschränkt wird. Eine Wohnung oder einen Arbeitsvertrag bzw. überhaupt eine legale Arbeit zu finden, ist so gut wie unmöglich. Weiters besteht kaum Anspruch auf medizinische Versorgung und sonstige soziale Leistungen.

Da der politische Handlungsspielraum für illegalisierte Migrant*innen erheblich eingeschränkter ist als der hiesiger Staatsbürger*innen, stellt sich auch deren Widerstand anders dar. Doch was bedeutet eigentlich "Widerstand"? Und wie kann das alltägliche Leben von illegalisierten bzw. undokumentierten Migrant*innen bereits als widerständig betrachtet werden?

Widersprüchlicher Widerstand

Unser Begriff des "Widerstands" ist von einem westlichen Verständnis geprägt und wird meist innerhalb eines staatlichen Rahmens gedacht. Um Widerstand zu leisten, muss ein Mensch der vorherrschenden Auffassung zufolge erst Teil einer politischen Gemeinschaft sein. Die Staatsbürger*innenschaft stellt dabei oftmals die Eintrittskarte dar, damit "legitimer" Widerstand geleistet werden kann - zum Beispiel durch die Ausübung des Rechts auf Meinungsfreiheit mit der Teilnahme an einer Demonstration, der Gründung einer politischen Partei etc. Als Konsequenz ergibt sich daraus, dass Widerständigkeiten, die aus dieser Norm herausfallen, weder gesehen noch anerkannt werden. Michel Foucault schreibt über die unterschiedlichen Formen von Widerstand, dass es "nicht den einen Ort der Großen Weigerung - die Seele der Revolte, den Brennpunkt der Rebellionen, das reine Gesetz des Revolutionärs [gibt]. Sondern es gibt einzelne Widerstände: mögliche, notwendige, unwahrscheinliche, spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche, kompromissbereite, interessierte oder opferbereite Widerstände." [3]

Widerständigkeit, wie sie Foucault versteht, geht also nicht von der Idee einer heldenhaften Figur aus, die autonom und emanzipatorisch handelt. Widerstand kann laut, offensichtlich und aktiv sein - aber es gibt auch leise Formen, "nicht legitimes, wenig riskantes, nicht als Widerstand intendiertes Verteidigen" [4], das Handlungsräume schafft. Dabei handelt es sich oft um "alltägliches und banales Verhalten, das aus der Perspektive der Macht dennoch als widerständig erscheint" (ebd.), da es sich herrschenden Normen entgegenstellt oder diese ignoriert.

Mit Widerstand sind Foucault zufolge vor allem lokale Kämpfe gemeint, die Normen und Institutionalisierungen aufrütteln. Dabei gibt es nicht "das eine revolutionäre Subjekt" [5], sondern wechselhafte, widersprüchliche und fragmentierte Subjekte. In diesem Sinne kann auch das alltägliche Tun von undokumentierten Personen als - stiller, unsichtbarer und individueller - Widerstand verstanden werden, bei dem das Subjekt widersprüchlich handelt, weil es manchmal mit dem System kooperiert und sich ein anderes Mal widersetzt. Das Nachgehen einer undokumentierten (Lohn-)Arbeit etwa ist einerseits illegal (also ein Gesetzesbruch und je nach Betrachtungsweise auch widerständisch), andererseits ist das kapitalistische System auf die Hyperausbeutung dieser "illegalen" Arbeitskraft angewiesen und produziert deswegen den Status der Illegalisierten mit. Es besteht also ein Interesse - vor allem vonseiten der Industrie -, dass Arbeit, die nicht ausgelagert werden kann, für einen Niedriglohn im Inland verrichtet wird. Es geht daher nicht zwingend um ein revolutionäres oder progressives Aufbegehren, viel eher um eine Überlebensstrategie. Diese Ausweitung des (Widerstands-)Diskurses erkennt die Verschiedenheit der Subjekte und der Kämpfe an und gesteht ihnen gleichermaßen widerständiges Potenzial zu.

Privilegierter Widerstand

In diesem Zusammenhang gewinnt die Frage, wer überhaupt Widerstand leisten kann und auf welchen Privilegien und Ressourcen dies beruht, an Brisanz. Menschen mit eingeschränktem Handlungsspielraum - wie etwa undokumentierte Migrant*innen - haben im Vergleich zu österreichischen Staatsbürger*innen deutlich weniger Ressourcen und Möglichkeiten, um offen gegen ihre Unterdrückung anzukämpfen. Dennoch: Undokumentierte Migrant*innen widersetzen sich - bewusst oder unbewusst - vorherrschenden Normen und Gesetzen sowie rassistischen Politiken, die auf Ausschluss und Selektion beruhen, indem sie trotz des Verbots, "da zu sein", im Land verweilen. Allein aufgrund der Tatsache, dass eine undokumentierte Person in Österreich lebt, arbeitet und einem "ganz normalen" Leben nachgeht, werden Machtverhältnisse herausgefordert, Regeln missachtet und Grenzen überschritten. Diese Art von Widerstand ist nicht unbedingt mit dem Ziel verbunden, einen sozialen Wandel herbeizuführen, sondern das eigene Leben zu gestalten und es selbst in die Hand zu nehmen.

Zugleich ist es wichtig zu erwähnen, dass es, je nach Auslegung und Betrachtungsweise, um eine erzwungene Auflehnung geht. Undokumentierte Migrant*innen befinden sich in einem Status, in dem Widerstand nicht nur möglich, sondern allgegenwärtig ist. Meistens handelt es sich um keinen selbst gewählten bzw. um ein freiwilliges Bekenntnis zum Ungehorsam - jedoch kann dieser subversive Akt angeeignet und damit zu einer selbstbestimmten Handlung werden.

Wie bereits erwähnt ist unser Verständnis von Aktivismus und Widerstand vor allem von einer staatszentrierten Perspektive geprägt - nur der laute, offensichtliche Protest wird als solcher erkannt, Aktionismus ist daher in der Regel nur Staatsbürger*innen vorbehalten. Non-Citizens wie illegalisierte und undokumentierte Personen wird damit die Fähigkeit, an der Gesellschaft teilzuhaben, und die Anerkennung als handelndes Subjekt entzogen. Zugleich kommt dem*der Staatsbürger*in die zwiespältige Rolle zu, zwischen dem handelnden, aber unsichtbar gemachten Subjekt und den Machtstrukturen zu vermitteln, wodurch das Subjekt überhaupt erst wahrnehmbar wird. Erst indem die Sprache von undokumentierten Personen sichtbar gemacht und "übersetzt" wird, wird es für jemand anderen möglich, dieses Handeln als "Widerstand" zu klassifizieren. Mit dieser Annahme wird jedoch legitime Widerrede und politisches Handeln alleine Bürger*innen eines Staates zugestanden.

Mögliche Gegenerzählungen

Ausgehend vom Konzept der "Autonomie der Migration" erweitert sich nicht nur der Blick auf das, was Widerstand ist, sondern auch darauf, von wem dieser ausgeübt wird. Die "Autonomie der Migration" soll eine Sichtweise auf die Kämpfe und Praktiken der Migrant*innen vermitteln, die den staatlichen Migrationspolitiken mit einer Unkontrollierbarkeit begegnen. Gegenüber politischen Maßnahmen, die Migration regulieren wollen, besitzt diese hingegen einen Moment der Selbstständigkeit und begreift sich als gesellschaftliche wie soziale Bewegung, die nach Überlebensstrategien sucht [6]. Betrachtet man Migrationspolitiken also aus der Perspektive von migrantischen Kämpfen, eröffnen sich neue Leseformen.

Marginalisierte Menschen sind nicht nur mit anderen Ausgangsbedingungen konfrontiert, auch die Konsequenzen ihrer Handlungen sind andere als für Staatsbürger*innen. Ein offener, lauter Protest bedeutet für die Akteur*innen ein hohes Risiko. Die Auswirkungen von politischen Akten können verheerend sein - einer Person ohne Papiere droht zum Beispiel die ständige Gefahr der Abschiebung. Da schon allein ihre Existenz gegen das Gesetz verstößt, bedeutet offener Widerstand größere Verletzbarkeit und stärkere Bedrohung der eigenen Existenz.
Sichtbarer Widerstand ist demnach ein Privileg, von dem bestimmte Personengruppen ausgeschlossen sind. Gleichzeitig kann nicht geleugnet werden, dass auch die Vielzahl an versteckten, individuellen, parallel einhergehenden Widerständen Einfluss auf die Geschichte haben und die bestehenden Strukturen herausfordern.

Wenn man sich mit den Kämpfen der Migrant*innen beschäftigt, besteht eine Herausforderung darin, diese zu analysieren, ohne die Zwänge, Ausbeutung und Prekarisierung zu verschleiern, unter denen sie stattfinden. Immer wieder besteht die Gefahr, die prekären Verhältnisse, in denen illegalisierte Menschen leben, zu romantisieren.
Wir müssen jedoch auch die Stärken des Eigensinns der Migration anerkennen und neue Sichtweisen darauf einnehmen. Mit einem solchen Perspektivenwechsel kann mit vorherrschenden rassialisierten Viktimisierungsdiskursen, die Migrant*innen als passive Opfer konstruieren, gebrochen werden. Eine Gegenerzählung kann Raum für die Sichtbarkeit von Widerstandspraxen und Lebensentwürfen eröffnen, die im dominanten Diskurs weitgehend ungehört bleibt. Eine solche Gegengeschichte bietet "eine Perspektive der Befreiung von Rassismus" [7] und schafft somit einen gegenhegemonialen Diskurs [8].

Der lange Sommer der Migrationen [9]

Anfang September 2015 brachen tausende Flüchtende, die von den ungarischen Behörden an einer regulären Weiterreise gehindert wurden, auf, um zu Fuß die ungarisch-österreichische Grenze zu überqueren. In diesem später als "March of Hope" benannten Marsch (wie auch in zahlreichen anderen irregulären Grenzübertritten) wurde der fließende Übergang von unsichtbaren zu sichtbaren Politiken deutlich. Die Aneignung von Mobilität beim Übertreten einer Grenze zielt zumeist nicht darauf ab, bemerkt zu werden, sie entzieht sich vielmehr der Öffentlichkeit. Die Fußmärsche von Geflüchteten nach Europa zeigen jedoch, wie aus diesen Akten sichtbare Momente werden können, die weltweit Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Irreguläre Grenzübertretungen sind Teil der alltäglichen Praktiken einer illegalisierten Population. Im Einzelnen bleiben diese Kämpfe um Bewegungsfreiheit und Aneignung von Mobilität zumeist im Verborgenen – der "Sommer der Migrationen" von 2015 rückte sie jedoch für einen Moment ins Rampenlicht der europäischen Medien. Aufgrund ihrer deutlich höheren Zahl, aber auch wegen der Offensivität, mit der die Menschen ihr Recht auf Flucht und Bewegung einforderten (beispielsweise indem sie auf der Autobahn in Richtung Österreich marschierten), wurden ihre Handlungen öffentlich sichtbar. Auch wenn diese Migrationen nicht Teil einer organisierten Protestbewegung sind, können sie als widerständig und als "Akte des zivilen Ungehorsams verstanden werden" [9]. Denn sie widersetzen sich den Exklusionspolitiken Europas und fordern damit den Staat und das Migrationsregime massiv heraus. Die Bewegungen der Migration zeigen damit eine gewisse Autonomie gegenüber der nationalstaatlichen Ordnung - allen Schwierigkeiten zum Trotz.



Fußnoten

[1] Outro aus dem Song "Pride" von Arrested Development.

[2] Name geändert.

[3] Michel Foucault (1984): Sexualität und Wahrheit. Bd.1: Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 114.

[4] Daniel Hechler/Alex Philipps (Hg.) (2008): Widerstand denken. Michel Foucault und die Grenzen der Macht. Bielefeld: transcript Verlag. S. 8.

[5] Rebecca Raby (2005): What is Resistance? In: Journal of Youth Studies, 8 (2). S. 162.

[6] Manuela Bojadžijev/Serhat Karakayalı (2007): Autonomie der Migration. 10 Thesen zu einer Methode. In: Transit Migration Forschungsgruppe (Hg.*innen): Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Grenzen Europas. Bielefeld: transcript Verlag. S. 203-209.

[7] Manuela Bojadžijev (2008): Die windige Internationale. Rassismus und Kämpfe der Migration. Münster: Westfälisches Dampfboot. S. 259.

[8] Katharina Schoene (2013): Politiken der Freiwilligen Rückführung. Eine Analyse aus der Perspektive der Migration. Univ., Master-Arbeit, Humboldt Universität zu Berlin.S. 17.

[9] Bernd Kasparek/Marc Speer (2015): Of Hope. Ungarn und der lange Sommer der Migration, http://bordermonitoring.eu/ungarn/2015/09/of-hope

[10] Ilker Ataç/Stefanie Kron/Sarah Schilliger/Helge Schwiertz/Maurice Stierl (2015): Kämpfe der Migration als Un-/Sichtbare Politiken. Einleitung zur zweiten Ausgabe. In: movements. Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung, 1 (2). S. 7.