Migration in Bildern

Das Berliner Kollektiv Migrantas übersetzt Erfahrungen der Migration in "sprechende" Piktogramme und trägt diese in urbanen Interventionen auf die Straße.

Im Winter 2003 treten sie zum ersten Mal an die Oberfläche des Stadtbildes und halten den Zeichen des urbanen Raums ihre eigene Sprache entgegen. Diese überschreitet sprachliche Barrieren, sie ist eine Sprache für alle: eine "visuelle Sprache der Migration", wie das Berliner Kollektiv Migrantas ihre Piktogramme beschreibt.

Seit nunmehr sieben Jahren entwickelt Migrantas grafische Symbolbilder, die in unterschiedlichen Projekten in der Öffentlichkeit ausgestellt werden. Die Mitglieder des Kollektivs – Marula Di Como, Florencia Young, Irma Leinauer, Alejandra López und Estela Schindel – sind großteils selbst Migrantinnen mit Wahlheimat Berlin, die im Kunst-, Design- und Sozialbereich aktiv sind.


"Keine Terroristin"

Eine Kopftuch tragende Frau, darunter die Bildunterschrift "Keine Terroristin". Eine Frau mit zweigeteiltem Herzen, ein Bein auf jeweils einem anderen Kontinent. Eine Frau vor einer Wegkreuzung und der Frage nach dem Wohin. Die deutsche Sprache als zu erklimmender, hoher Berg, vor der frau steht, aber auch die Lust auf die neue Sprache. Die Sujets der Piktogramme entwickelt Migrantas in der konkreten Zusammenarbeit und im direkten Austausch mit anderen Migrantinnen. In gemeinsamen Workshops halten die Frauen ihre persönlichen Erfahrungen in Zeichnungen fest, auch die Mitglieder des Kollektivs zeichnen mit. Hindernisse, die Konfrontation mit Stereotypen und Ängste im neuen Land werden ebenso in die Bilder aufgenommen wie positive und bestärkende Momente.

In diesem partizipativen Entstehungsprozess, an dessen Ende die Interventionen im urbanen Raum stehen, folgt den Workshops die Analyse der Zeichnungen. Das Kollektiv verdichtet die Zeichnungen nach der Auswertung schließlich zu Piktogrammen. So wird etwa eine im Workshop entstandene Zeichnung, die auf der einen Seite die juristische Ausbildung zeigt, auf der anderen die prekäre Arbeitssituation als Migrantin, im fertigen Piktogramm zu einer Frau mit Doktorhut und Putzausrüstung samt der Bildunterschrift "Migrantinnenjob".

Die Stärke der Piktogramme liegt darin, Inhalte in einer reduzierten Form zu visualisieren, sodass sie für alle verständlich sind – und sie sind absolute Blickfänger. In Ausstellungen, in digitalen Animationen, als Plakate auf Liftfaßsäulen, auf Flyern, Postkarten und als Aufdruck auf Stofftaschen treten die Migrations-Bilder an die Öffentlichkeit
und machen sichtbar, was von der Mehrheitsgesellschaft zu wenig wahrgenommen wird.


Hier und dort zuhause

Die öffentlichen Ausstellungen der Piktogramme wurden bis jetzt vor allem in Deutschland und im spanischsprachigen Raum von Buenos Aires bis Sevilla realisiert. Seit "Proyecto Ausländer", mit dem 2003 alles begann, setzte sich die Arbeit des Kollektivs in unterschiedlichen Projekten wie der U-Bahn-Animation "Bilder bewegen", "Bundesmigrantinnen" oder 2010 im Zeppelinmuseum in Friedrichshafen mit der Ausstellung "Hier und dort Heimat" weiter fort.

Die urbanen Interventionen von Migrantas sollen noch weiter wachsen und in Kooperationen auch andere Länder erreichen. Es bleibt zu hoffen, dass die von Migrantas initiierten Piktogramme auch einmal in Workshops in Österreich umgesetzt und zu sehen sein werden – besonders in Zeiten des rechtspopulistischen Wahlkampfes, der gerade das Wiener Stadtbild überschwemmt.


Foto: Kollektiv MigrantasFotos: Kollektiv Migrantas

Der Entstehungsprozess der Piktogramme sowie Informationen zu den Ausstellungen und den Einzelprojekten können auf der Migrantas-Website nachgelesen werden: www.migrantas.org