"Hello, Mrs. Butler, nice to meet you"

Auf Initiative von Queers of Colour thematisierte Judith Butler beim diesjährigen Christopher Street Day in Berlin Homorassismus und Homonationalismus und löste damit eine heftige Debatte innerhalb der LGBTI-Szene aus. Die Aufmerksamkeit, die damit antirassistischen queeren Zusammenschlüsse zuteil wurde, war aber nur von kurzer Dauer.

Am Abend vor ihrem Auftritt beim Christopher Street Day (CSD) steht Judith Butler auf der Berliner Volksbühne, vor der biederen Kulisse des Stücks "Ein Chor irrt sich gewaltig". Nach ihrem Vortrag über "Queere Bündnisse und Antikriegspolitik" applaudiert der dicht gefüllte Saal der US-amerikanischen Philosophin, die wie ein Pop-Star gefeiert wird. Der Moderator lobt Butler dafür, dass sie sich auch politisch handfest äußern könne. Auf der Bühne werden ein paar Fragen an die 55-jährige Theoretikerin gestellt, eine beginnt mit: "Hello, Mrs. Butler, nice to meet you." Dann kommt der Blumenstrauß und Butler parodiert unwohl einen Knicks.

Am nächsten Tag soll Butler, die in den 1990er Jahren mit ihrem Buch "Das Unbehagen der Geschlechter" einen essenziellen Beitrag zur feministischen und Queer-Theorie geleistet hat, den Zivilcourage-Preis am Berliner CSD entgegennehmen. Die Zeremonie findet vor der prestigeträchtigen Kulisse des Brandenburger Tors statt. Doch es kommt anders: Butler weigert sich, den Preis anzunehmen, und kritisiert den CSD für seine "Komplizenschaft mit Rassismus".
In den folgenden Tagen hagelt es sowohl lobende als auch ablehnende Kommentare für Judith Butler. SUSPECT, eine Gruppe von "Queer und Trans Migrant/innen, Schwarzen Leuten, People of Colour und Verbündeten", spricht angesichts des medial beförderten "Butler-Skandals" von einem "Kampf um ein Stück vom Celebrity-Kuchen" und "weißgewaschener" Kritik. Was ist geschehen?

Parade zur Mehrheit

Als Butler für den CSD nach Berlin eingeflogen wurde – mit einem Budget von 190.000 Euro und 600.000 BesucherInnen die älteste Parade von Lesben und Schwulen in Deutschland und die größte nach Köln –, war sie noch wenig über die Konflikte innerhalb und zwischen den (Berliner) Queer Communitys informiert. Dazu gehört u.a. der Vorwurf, dass die CSD-Parade ein kommerzieller Event sei und eine zunehmend unpolitische Haltung an den Tag lege. Gegenveranstaltungen wie der "Transgeniale CSD" im Stadtteil Kreuzberg, der seit 1998 organisiert wird, verstehen sich explizit als Alternative zur "offiziellen" CSD-Parade. Entschieden kritisch äußern sich auch antirassistische und Queer-of-Colour-Initiativen gegenüber den an der Organisation des CSD beteiligten Personen und Organisationen, weil diese ihren Kampf für die Gleichstellung von Homosexuellen über die Ausgrenzung anderer Minderheiten – vor allem migrantischer und muslimer Gruppen – führen.

So verknüpfen etwa der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) oder Maneo, ein Überfalltelefon, das vom schwulen Info- und Beratungszentrum Mann-O-Meter betrieben wird, homophobe Gewalt mit der migrantischen Herkunft bzw. dem muslimischen Glauben der Täter – ohne dabei einen Bezug zu homophober Gewalt und Rassismus der Mehrheitsgesellschaft herzustellen oder die Perspektiven von migrantischen oder muslimen Queers einzubinden.
Einige Vertreter schwuler Communitys würden für ihre eigene Integration in die Mehrheitsgesellschaft die bestehende Rangordnung nach sozialer Herkunft und Ethnizität übernehmen, äußerte sich etwa Tülin Duman von GLADT, einer Selbstorganisation von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*personen mit Verbindungen in die Türkei. "MigrantInnen, Schwarze oder Roma können im Zweifelsfall draußen bleiben oder abgeschoben werden", schreibt Duman in der "taz", "solange es für 'uns' schneller Ehegattensplitting und ein Adoptionsrecht gibt. Für den Rest muss symbolische Politik reichen."

"Kulturelle und militärische Kriege"

Kurz vor dem CSD appellierten in einer Last-Minute-Aktion zahlreiche Gruppen und einzelne AktivistInnen aus Deutschland, Europa und den USA an Judith Butler, die Annahme des Zivilcourage-Preises zu verweigern. In einer Stellungnahme verliest Butler auf der CSD-Bühne dann auch die Gründe für ihre Ablehnung: "Die veranstaltenden Organisationen weigern sich, antirassistische Politiken als wesentlichen Teil ihrer Arbeit zu verstehen. (…) Wir haben aber bemerkt, dass homo-bi-trans-queer Leute benutzt werden können von jenen, die Kriege führen wollen. Das heißt kulturelle Kriege gegen ImmigrantInnen, durch forcierte Islamophobie und militärische Kriege gegen Irak und Afghanistan. Während dieser Zeit und durch diese Mittel werden wir rekrutiert für Nationalismus und Militarismus. Gegenwärtig behaupten viele europäische Regierungen, dass unsere schwul-lesbische-queer Freiheit geschützt werden muss, und wir sind gehalten zu glauben, dass der neue Hass gegen ImmigrantInnen nötig ist, um uns zu schützen."

Ein Preis für Courage müsse, so Butler, daher viel eher an jene gehen, die sich in einer allgemeinen Anstrengung für soziale Gerechtigkeit sowohl für die Rechte von Queers als auch gegen Rassismus, Nationalismus und Gewalt einsetzen – wie etwa GLADT e.V., der Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Berliner Lesbenberatung LesMigraS (Lesbische/bisexuelle Migrant_innen und Schwarze Lesben und Trans*Menschen), die Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Berlin ReachOut oder die Gruppe SUSPECT, die zum Thema Hassgewalt arbeitet (siehe auch Artikel zu LesMigraS von Katharina Ludwig).

Raster der Anerkennung

Butlers Erklärung wurde von lokalen Mainstream-Medien und der mehrheitsdeutschen LGBTI-Szene zum "Eklat" erklärt, die darauf folgenden Debatten bewegten sich meistens innerhalb dieses Wahrnehmungsrasters zwischen Promi-Klatsch und internem Szene-Bashing: Nicht wenige ereiferten sich in der Frage, in welchem Hotel Butler geschlafen habe und ob sie auf Kosten des CSD in der Business Class geflogen sei. Das eigentliche Thema – Homonationalismus, der aktive Kampf von Queers of Colour sowie queere antirassistische Bündnisse – gelangte hingegen nur vereinzelt in den Blick.

Die angesprochenen CSD-OrganisatorInnen wiesen die Vorwürfe Butlers noch auf der Bühne prompt, aber wenig überzeugend zurück: "Ganz klar müssen wir sagen als Berliner CSD verwehren wir uns vehement (…) gegen den Vorwurf des Rassismus. Das ist einfach nicht wahr. Und ihr könnt so laut schreien wie ihr wollt – ist einfach so. Weil ehrlich gesagt, ihr seid hier nicht die Mehrheit."

Mehrheitlich zu beobachten war hingegen ein "altes" Phänomen: Dort, wo die Kritik positiv aufgenommen wurde, ging die Anerkennung wieder nicht an die AktivistInnen selbst bzw. ihre jahrelange Arbeit, sondern an eine prominente Fürsprecherin. Die Queer-Theoretikerin Jasbir Puar, die in den USA den Begriff "Homonationalismus" geprägt hat, kommentierte die zwangsläufige Selbstdarstellung Butlers mit den Worten: "Das wahre Potenzial von Butlers Ablehnung wird sich an ihrer Wirkung auf die aktivistischen und institutionellen organisatorischen Beziehungen zeigen, sowohl in Berlin als auch transnational." Und damit auch an der zukünftigen Rolle von MigrantInnen und People of Colour innerhalb der LGBTI-Communitys. In der Debatte um Butlers Auftritt beim CSD jedenfalls, so die AktivistInnen von SUSPECT, wurde nicht nur die Kritik an Homorassismus, sondern überhaupt die Anwesenheit von queeren und Trans*Menschen of Colour getilgt. Für SUSPECT lautet daher die entscheidende Frage: "Wie können wir diesen Moment des Promi-Skandals und der Feier, die das Herz des schwulen Establishments getroffen haben, zu einem machen, der Homonormativität, Homonationalismus und vergeschlechtlichten und sexuellen Neokolonialismus überall outet und skandalisiert?"


Links:

Kommentar von Tülin Duman, GLADT e.V.
Presseerklärung von SUSPECT
Stellungnahme von LesMigraS/Lesbenberatung e.V.
Kommentar von Jasbir Puar
Nachlese der Rede von Judith Butler beim Berliner CSD