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„D)ort“, wo Diskriminierung auseinanderzufallen beginnt. Ein Interview über Aktivismus in Innsbruck

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von Ivana Marjanović
Interview mit Sarah Enodeh
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Initiative Schwarze Frauen* Innsbruck
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Kulturkollektiv Contrapunkt

Ivana Marjanović: Sarah, was bedeutet Aktivismus für dich?

Sarah Enodeh:“Being Black is a political act.”

Die aktuelle politische Lage in Österreich und weltweit ist beängstigend. Schwarze und PoC (People of Color) haben es nicht leicht. Vor 6 Jahren wurde ich vor einem Lokal geschlagen, weil ich eine Schwarze Frau bin und weil die Menschen, die mich schlugen, nicht mit einer N*** reden wollten. Dinge ändern sich nicht von allein: durch Kunst und Aktivismus kann ich meine Stimme erheben, eigene Strategien entwickeln, um zu (über)leben – Dinge also im Kleinen verändern.  

IM: Du organisierst Veranstaltungen, bei denen es darum geht, Diskussionen über verschiedene Formen von Diskriminierung anzuregen. Was ist die Initiative D)ort, wie ist sie entstanden?

SE: „D)ort“ hat das Ziel, Diskriminierung aufzuzeigen. „Tirol ist ein Paradies, ein “Happyland”“ – allerdings nur für weiße heteronormierte privilegierte Menschen. Ich wollte wissen, wie Menschen, die Diskriminierung erfahren, sich in der Stadt bewegen: ob Hindernisse, und welche, auf ihren Wegen stehen und wie sie damit umgehen. Die Betroffenheit spielt für „D)ort“ eine wichtige Rolle – „D)ort“ ist eine Plattform, in der soziale Hierarchien hinterfragt und emanzipatorische Prozesse unterstützt werden, in der unsere Stimmen und unsere Geschichten endlich Gehör finden sollen.

IM: Welche Orte und Räume stehen dir in Innsbruck für deine Arbeit zur Verfügung?

SE: Meistens arbeite ich mit Jugendzentren und biete kreative Workshops an. Themen wie Rassismus, Sexismus und Ableismus werden intersektional behandelt. Die Arbeit mit Jugendlichen besteht aus einem kontinuierlichem Austausch und ist insofern sehr dankbar! Gleichzeitig organisiere ich Infoveranstaltungen zum Thema Diskriminierung, wie z.B. den Aktionstag gegen Rassismus, der am 1. Mai auf der Vogelweide in Innsbruck stattfand. Dieser Aktionstag wurde von „D)ort“ und dem Kollektiv „Contrapunkt“ gestaltet – in Erinnerung an die Ermordung von Marcus Omofuma, zu seinem 20. Todestag. Die nächste Veranstaltung, an der ich arbeite, wird sich mit dem Thema „Gewalt gegen Frauen*“ beschäftigen und findet im Café „DeCentral“ statt. Die größte Schwierigkeit war schon immer, einen Veranstaltungsort zu finden, der barrierefrei ist – und damit meine ich nicht nur Rollstuhlgerecht!

IM: Du arbeitest schon länger im Bereich der Jugendarbeit und des Antirassismus. Was findest du wichtig in der Arbeit mit Jugendlichen?

SE: Ich bin eine der wenigen Schwarzen Frauen, die in Tirol mit Jugendlichen arbeitet und das ist für die Jugendlichen – mit und ohne Migrationserfahrung – sehr wichtig. Manche haben noch nie mit einer Schwarzen Frau* geredet oder sind jemals einer* begegnet – und wir sind im Jahr 2019!

Jemanden zu haben, der ähnliche Erfahrungen teilt und nicht weiß ist, kann eine äußerst wichtige Komponente sein. Der 11-jährige Sohn einer Freundin glaubte, Schwarze würden hier nur das Straßenmagazin “20er” verteilen – das stimmt nicht, ist aber seine Wahrnehmung. So, wie er, sehen viele andere auch nichts Weiteres als Stereotypen – als würden wir gar nicht außerhalb der Schubladen existieren, in die wir gesteckt werden.

IM: Du bemühst dich sehr um die Vernetzung von Schwarzen Frauen* und Frauen* of Color in Innsbruck, kannst Du mehr erzählen über die politische Arbeit in der Community, die Situation in Innsbruck und deine weiteren Pläne?

SE: “Nimm das nicht persönlich, Sarah!” - diesen Satz musste ich mir mehr als oft anhören. In Gesprächen mit den meisten weißen Menschen, hatte ich selten das Gefühl, richtig verstanden zu werden, wenn es um Rassismus geht. In Tirol gab es bis voriges Jahr eine einzige Stelle für Rassismus-kritische Arbeit, die „TIGRA“ – heute gibt es nicht mal mehr diese, es ist unfassbar! Zusammen mit den anderen BW*OC (Black Women* of Color) haben wir uns entschieden, die Initiative „Schwarze Frauen*“ zu gründen. Es ist so empowernd und inspirierend! Wir haben viel zu tun, viel vor und wollen, die Aktion für alle Genders zugänglich zu machen.

IM: Welche Geschichte aus (d)einer Migrationserfahrung ist dir wichtig? Was inspiriert dich?

SE: Wenn Menschen mich fragen, woher ich komme, frage ich höflich zurück, ob sie es wirklich wissen wollen, woher ich komme, oder ob sie eher Interesse an der Geschichte meiner Eltern und Großeltern haben – um die unangenehme Frage “Woher kommst du wirklich?” zu vermeiden.

Ich lasse mich von kleinen Dingen, konstruktiven Gesprächen und Auseinandersetzungen, Begegnungen und Blicken inspirieren.

Ivana Marjanovićist Redakteurin von Migrazine und Kuratorin und Leiterin im Kunstraum Innsbruck.
Sarah Enodeh ist Afroitalienerin, Architekturstudentin und Schwarze Feministin, lebt seit 15 Jahren in Tirol. Selbständig als Kunstlehrerin, beschäftigt sich seit jeher aktiv mit dem Thema “Diskriminierung”.