DE_colonize uni_VERSITY. Die Kunstuniversität Linz as she may become

Seit der Jahrtausendwende entstanden viele Initiativen [1], die - trotz verschiedener Bezüge zur Universität - auf die Neubestimmung der Institutionen des Wissens zielen. Die, aufgrund ihrer geopolitischen Verortung, unterschiedlichen Projekte vereinen sich in dem Anspruch, einen möglichst barrierefreien Zugang zur Teilhabe an Wissensproduktion zu ermöglichen. Damit im Zusammenhang steht, sich zu fragen, was Wissen ist, wie es zustande kommt, wo Wissen lokalisiert wird, was Wissen tut, welche Akteur_innen als Wissensträger_innen und -vermittler_innen zählen.

Die Reflektion über die Ordnungen des Wissens lässt sich im Rahmen globaler Vernetzungen und neoliberaler Wissensmärkte verstehen. Einerseits. Andererseits besteht maximaler Bedarf bei der kritischen Aufbereitung von Wissen als im- und explizit eurozentrisches, koloniales, okzidentales. Die polemischen und/oder feuilletonistischen Debatten rund um den Affektblock [2] „Flucht“ haben wiederholt gezeigt, wie verwurzelt die Annahmen einer weißen und westlichen Suprematie sind. Wenn mit dem Schicksal geflüchteter Menschen geschachert und das Gastrecht an Bedingungen geknüpft wird, verdeutlicht sich, wie nachhaltig Vorstellungen der weißen, europäischen Vorherrschaft sind. Dass sich aus diesem Vormacht-Anspruch vielleicht nicht mehr vordergründig die militärische, aber sehr wohl epistemische Besetzung nicht-europäischer Wissenslandschaften ableitet, wird mit Blick auf die universale Integration binärer Aufteilungen wie Geist-Materie, Subjekt-Objekt, Aktivität-Passivität, Fakt-Affekt nachvollziehbar. Integration, die universalisierend funktioniert, kann als Kolonialität des Wissens bezeichnet werden - eine Kolonialität, die die Hoffnung, wir wären postmodern, postkolonial, posthuman, ad absurdum führt.

Vor dem Hintergrund der Geschichte und Gegenwart der Kolonisierung des Denkens und der Okzidentalisierung der Wissensproduktion versuchen aktuell Projekte wie die Universidad de la Tierra in Oaxaca oder Chiapa (Mexiko), die Really Open University in Leeds (UK) oder die Kiron University in Berlin epistemischen Ungehorsam zu praktizieren, also westliche Anordnungen von Macht- und Wissensverhältnissen zu dekonstruieren bzw. zu dekolonisieren. Epistemischer Ungehorsam kann je nachdem, wo er umgesetzt wird, als Versuch verstanden werden, nicht-europäischen Intellektuellen eine Stimme zu geben [3], nicht-kapitalistische und nicht-kommunistische, also dekoloniale Systeme gesellschaftlichen Zusammenlebens und Zusammendenkens zu erfinden [4], negierte Wissensgefüge wiederzuentdecken und kanonfähig zu machen, Disziplinengrenzen in Frage zu stellen und polizeiliche Ordnungen der Zugangssicherung von Universität aufzusperren. Egal, ob es sich darum dreht, jungen indigenen Menschen trotz fehlender Zeugnisse den Zugang zu Bildung zu ermöglichen (Universidad de la Tierra) oder Geflüchteten kostenfrei Online-Kurse zur Verfügung zu stellen (Kiron University), zeichnen sich die Initiativen dadurch aus, westliche Standards des Lernens und Erreichens von Abschlüssen zu verstehen und herauszufordern. Dazu gehört auch, die sich in die Maximen eingeschriebenen Denkweisen des Okzidents kritisch zu prüfen. Episteme dieses Denkens wie "Wahrheit" und "Universalität" werden durch diese Prüfungen in ihrem Geltungsanspruch verunsichert.

Mit den vielen Initiativen könnten sich die Bedingungen der Möglichkeiten von Wissen verändern und könnte eine dekoloniale Zukunft trotz einer Gegenwart aufscheinen, die von einem postimperialen Abwehrnationalismus mit hohem Rassismuspotenzial [5] geprägt ist.

Aber wenn "die außergewöhnliche Reise in eine neue Welt abermals unternommen werden muss" - wer "bestimmt dann jetzt den ursprünglichen Inhalt, für den eine neue Form geschaffen werden muss, neu?", fragt der Kameruner Politologe und Denker der Dekolonisierung Achille Mbembe in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch „Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein entkolonisiertes Afrika“. [6] Welches neue Wissen kann die neue Form der Bildungsinstitution Universität bewirken? Und vor allem auch - wessen Wissen?

Mit diesen Fragen beschäftigt, gründete sich im Sommersemester 2016 in Kooperation mit maiz an der Kunstuniversität Linz die Initiative DE_colonize uni_VERSITY. Stellte sie am Anfang einen eher lockeren Verbund verschiedener Abteilungen dar, ist sie mittlerweile Teil des größeren Zusammenschlusses mit dem Namen "OPEN UP University". Dazu gehört auch das Programm für MORE-Studierende [7], das von allen öffentlichen österreichischen Universitäten getragen wird und Asylbewerber_innen erlauben soll, als außerordentliche Studierende an Lehrveranstaltungen teilzunehmen. Zu OPEN UP gehört auch, sich für die Beteiligung der Kunstuniversität am Netzwerk Scholars at Risk zu engagieren. Ähnlich wie die Plattform The Silent University setzt sich Scholars at Risk für Wissenschaftler_innen ein, die politisch verfolgt und in ihrer Forschung bedroht sind. Den dritten Strang von OPEN UP bildet nach wie vor DE_colonize uni_VERSITY, ein im Status des Experiments begriffener Debatten- und Aktionsraum. Bisherige Angebote waren die Lehr- und Weiterbildungsveranstaltung "Institutionalisierung von Antirassismus an Universitäten vor dem Hintergrund kolonialer Wissenschaftlichkeit", die im Wintersemester 2016/17 von Aretha Schwarzbach Apithy durchgeführt wurde [8], die Podiumsdiskussion "Post/migrantische Kunst und dekoloniales Wissen" mit Azadeh Sharifi, Marissa Lôbo und Adriana Torres Topaga [9] sowie der Gastvortrag von Gabriele Dietze über den Rassismus der Sexismuskritik am Beispiel der Kölner Silvesternacht 2015/16[10].

Mit Workshops, Veranstaltungen und Gastvorträgen gilt es, die Frage Mbembes aufzunehmen: Welches Wissen und wessen Wissen kann Universität im historischen Moment des aufgrund von Rechtspopulismus und Nationalismus wieder Neu-Anfangen-Müssens in eine neue Form der Entkolonisierung gießen? Während Mbembe seine Frage vom Ort Afrika, einem "Ort des Übergangs oder der Durchreise" [11], aus stellt, fragen wir vom Ort der Sackgasse und der Kriminalisierung von Übergang und unerwünschter Reise. Wie, wenn wir die Frage vom Machtzentrum Europa aus stellen, können wir ein Wissen generieren, das Dekolonisierung nicht mit effizienzsteigerndem Diversity-Management, dem "happy point of intersectionality" [12]verwechselt? Wenn die britisch-australische Kulturtheoretikerin Sara Ahmed über ihre Skepsis gegenüber dem performativen Sex-Appeal von Diversity schreibt, dann um darauf hinzuweisen, dass Institutionen im Moment des affirmativen Sprechens in der Terminologie solcher Konzepte un-bewusst schlummernde Vorbehalte und Vorurteile unangetastet lassen. Auch deswegen warnt sie und sagt: "We might want to be cautious about the appealing nature of diversity and ask whether the ease of its incorporation by institutions is a sign of the loss of its critical edge." [13] Und es ließe sich ergänzen: Wir sollten auf der Hut davor sein, Dekolonisierung zum Wohlfühlkonzept einer sich mit 'bunten' Veranstaltungen schmückenden Institution werden zu lassen. Am Ende wird es nicht allein darum gegangen sein, sich über Dekolonisierung ausgetauscht zu haben, sondern darum, Stellen für rassistisch und/oder politisch verfolgte Akademiker_innen geschaffen zu haben, Studiengänge entworfen zu haben, an deren Beginn nicht ausschließlich westlich insinuierte Prämissen 'guter' Kunst stehen, vergeschlechtlichte und rassifizierte Zugangsökonomien ausgeglichen und den Rückzug in die Disziplinen umgekehrt zu haben. Und dennoch kommen diese Bestrebungen nicht ohne den Horizont des Denkens von Dekolonialität aus. Wichtig dabei ist, dass sich der Horizont nicht entlang einer eindimensionalen Linie auffädelt, sondern in viele Zukünfte aufbricht. Daher auch die vielen Unterstriche im Titel der Initiative: Nicht nur handelt es sich um einen spielerischen Umgang mit den Terminologien Dekolonialität, Diversity, University, sondern die Unterbrechung der Worte in ihren Wahrheitskernen. Gegen eine reduktive Sprachverwendung soll mit Hilfe von Édouard Glissant eine Poetik der Relationen gesetzt werden, die aus Auslassungen und opaken Fugen besteht. [14] Durch die Opazität der Lücke lässt sich die Textur der Beziehungen zwischen Dekolonialität, Diversity und University erspüren und nicht die Natur ihrer Komponenten erfassen. [15]

Sich in Auslassungen zu bewegen, bedeutet Kontrolle abzugeben, weswegen mit DE_colonize uni_VERSITY kein in sich geschlossenes, abgeschlossenes Veranstaltungskonzept präsentiert wurde und werden kann. Vielleicht wird es im Anschluss an die Lehr- und Weiterbildungsveranstaltung im Wintersemester 2016/17 eine Folgeveranstaltung mit maiz geben. Vielleicht wird ein Workshop zur Verschlüsselung als digitaler Selbstorganisation im Rahmen von Flucht und Migration stattfinden. Vielleicht gibt es auch erst einmal einen Fahrradmontagekurs, damit die Studierenden des MORE-Programms überhaupt die Universität erreichen können, um eine Chance auf Teilhabe zu haben.

In der Zwischenzeit rufen wir hier schon einmal dazu auf, Fahrscheine bzw. Geld für Fahrscheine zu spenden, die angesichts der wegfallenden Grundsicherung für MORE-Studierende im außerordentlichen Studium teuer zu erwerben sind.

Kunstuniversität Linz
MORE W133000_0004
IBAN AT 463400000005004155
BIC RZ00AT2L



Fußnoten
[1] Exemplarisch seien hier folgende erwähnt: Universidad de la Tierra (Mexiko), Really Open University (UK), Universidad Sin Fronteras (Mexiko), University of the Commons (USA) ,Universidad Nómada (Spanien), Université Tangente (Frankreich), The University of Utopia (UK), Kiron University (Deutschland).

[2] Mit Affektblock ist nach Gilles Deleuze und Felix Guattari ein distributives Gefüge mit allen anwesenden heterogenen Elementen wie zum Beispiel Emotionen gemeint, die kollektiv affiziert, angesogen und somit artikulierbar werden. Siehe hierzu: Guattari Deleuze und Felix, Guattari (2000): Was ist Philosophie? Frankfurt a. M 2000; Robert Seyfert: Das Affektif – zu einem neuen Paradigma der Sozial- und Kulturwissenschaften. In: Martina Löw (Hg.): Vielfalt und Zusammenhalt. Verhandlungen des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Frankfurt a. M. / New York, 2014, hier: S. 799.

[3] Achille Mbembe: Ausgang aus der langen Nacht. Versuch über ein entkolonisiertes Afrika. Berlin 2016.

[4]Walter Mignolo: Geopolitik des Wahrnehmens und Erkennens.(De)Kolonialität, Grenzdenken und epistemischer Ungehorsam 2011: http://eipcp.net/transversal/0112/mignolo/de.

[5] Jürgen Osterhammel: Großmachtlos. In: Süddeutsche Zeitung 07.12.2016:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/weltgeschichte-grossmachtlos-1.3283969.

[6] Mbembe (2016), hier: S. 24.

[7]http://www.ufg.ac.at/Newsdetail.1899+M53f5d06384d.0.html

[8]http://www.ufg.ac.at/Archivdetail.8028+M54315e8e351.0.html

[9] http://www.ufg.ac.at/Archivdetail.2267+M513a21e25dc.0.html,
http://www.ufg.ac.at/Archivdetail.2267+M5d8ff97c856.0.html

[10] http://www.ufg.ac.at/Archivdetail.2267+M563790c0f01.0.html

[11] Mbembe (2016), hier: S. 27.

[12]Sara Ahmed: On Being Included. Racism and Diversity in Institutional Life.
Durham/London 2012, hier: S. 14.

[13]Ahmed (2012), hier: S. 1.

[14]Édouard Glissant: Poetics of Relation. Ann Arbor 2010.

[15]Glissant (2010), hier: S. 190.