Blut, "Samen" und Geschlecht

Die Lehre von den Körperflüssigkeiten, die in der Antike und im arabischen Mittelalter entwickelt wurde, hatte in Europa weitreichende Geltung. Sie beeinflusste auch das Geschlechtermodell auf nachhaltige Weise.

Blut hat in vormodernen Texten auf andere Weise als in "modernen" Beschreibungen Bedeutung. Neben Schleim, gelber Galle und schwarzer Galle ist dort Blut einer der vier "Säfte", die den menschlichen Organismus ausmachen. Demnach sei das Verhältnis der Säfte zueinander für Gesundheit und Krankheit entscheidend. So galt beispielsweise der Aderlass, also die Abnahme von Blut, als ein Heilverfahren, das darauf abzielte, das Verhältnis der Säfte zueinander in Einklang zu bringen und derart die Gesundung des behandelten Menschen zu erreichen.

In der "Säftelehre" wirken sich sowohl jahreszeitliche und Umwelteinflüsse als auch das Lebensalter auf das Verhältnis der Säfte aus. Essen, Trinken, Schlafen, körperliche Betätigung und sexuelle Aktivität sollten im individuell für den jeweiligen Menschen guten Maß stattfinden. Gleichermaßen sollte auf die Zusammensetzung der Speisen und Getränke geachtet werden.
Auch das Abscheiden von Blut - aus Hämorrhoiden oder durch die regelmäßige Menstruation der Frauen - wurde als wichtig zur Gesunderhaltung angesehen, weil damit "schädliche" Substanzen abgesondert und das Gleichgewicht der Säfte hergestellt werden würde.

Die "Säftelehre" (oder auch "Humoralbiologie") findet sich zentral in den antiken hippokratischen medizinischen Schriften, die im Zeitraum zwischen dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bis zum 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung (u. Z.) entstanden. Wichtig ist sie auch für Aristoteles, ebenso wie für den bis ins Mittelalter hinein weithin rezipierten Mediziner Galenos von Pergamon, der im 2. Jahrhundert u. Z. lebte, und den im 10./11. Jahrhundert u. Z. lebenden muslimischen Universalgelehrten Ibn Sīnā. Allerdings setzen diese Gelehrten jeweils unterschiedliche Akzente und vertraten teilweise sogar konträre Auffassungen, sodass man vormoderne Texte nicht homogenisieren kann. [1]

Die Bildung von Samen durch "Kochung"

Aristoteles etwa vertrat die Version der sogenannten hämatogenen Samenlehre. "Häm" verweist hierbei auf das Blut, und so meint die Theorie nichts anderes, als dass der Samen, der die Grundlage neuer Embryonen darstelle, ursprünglich aus dem Blut gebildet werde. Die Umwandlung erfolge durch "Hitze". Demnach versorgt die vom Menschen aufgenommene Nahrung zunächst den Organismus. Erst ein Nahrungsüberschuss kann - mit der Zwischenstufe Blut - schließlich in Samen oder alternativ zu Fett umgebildet werden. Samen ist also ein Überschuss und die letzte Stufe von verkochter Nahrung, die zu Blut wird. Menschen im jugendlichen Alter würden die Nahrung insbesondere für ihr Wachstum verbrauchen, sodass sie keinen Samen produzieren können. Auch alte und kranke Menschen seien nicht in der Lage, Samen zu bilden.

Nach der Auffassung von Aristoteles konnten Frauen grundsätzlich keinen (vollwertigen) Samen herstellen. Ihnen würde es nämlich an ausreichender "Hitze" mangeln, weshalb sie lediglich eine Vorstufe produzierten, die sogenannten Katamenien (das Menstruationsblut). Die Katamenien seien lediglich "Stoff" und daher ohne gestalterische Kraft, nur die "bewegende Aktivität" des männlichen Samens könne einen Embryo entwickeln und formen.

Säfte und Temperamente

Andere Gelehrte - etwa der griechische Arzt Galenos von Pergamon - knüpften an diese Sicht an, trafen aber teils gänzlich andere Ableitungen. Wie schon Aristoteles betrachtete Galenos das Blut als Ursprung des Samens. Jedoch beschrieb Galenos, dass Mann und Frau gleichermaßen mit Samen zur Zeugung beitrügen. Er sah also bei Frauen keinen prinzipiellen Mangel, Samen bilden zu können.

Für Galenos waren die Vorstellungen der Humoralbiologie wesentlich. Er integrierte die Vier-Säfte-Theorie in ein Gesamtkonzept und entwickelte daraus eine komplexe und stimmige Weltsicht: Die Elemente des Makrokosmos (Erde, Feuer, Luft, Wasser) fänden im menschlichen Körper ihre Entsprechung in den Säften (Schleim, gelbe Galle, schwarze Galle, Blut) und in den ihnen zugewiesenen Qualitäten (kalt, trocken, warm, feucht). Auch Jahreszeiten, Lebensalter und nicht zuletzt Charaktereigenschaften (melancholisches, cholerisches, sanguinisches, phlegmatisches Temperament) fügten sich hier ineinander.
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Diese von Galenos zusammengetragene und fortentwickelte Naturphilosophie und Medizin war in seiner Gesamtheit offenbar so überzeugend, dass sie die bestimmende theoretische Basis für das lateinische und arabische Mittelalter war - und es bis in die Neuzeit blieb.

Weiblicher und männlicher Samen

Eine weitere bemerkenswerte Person, die beträchtlich zum naturphilosophischen Kenntnisstand beitrug, war Ibn Sīnā. Auch für ihn spielte die Humoralbiologie eine zentrale Rolle. Seine Arbeiten, wie auch viele andere des arabischen Mittelalters, werden in heutigen westlichen Publikationen oft vernachlässigt. Dabei wurde von ihm nicht einfach antikes Wissen rezipiert und weitergetragen, wie es auch in der deutschsprachigen Wissenschaft (mit Ausnahme einiger Arbeiten, insbesondere aus der DDR) heute meist verzerrend heißt. Stattdessen wurde von ihm - ganz dem heutigen Verständnis wissenschaftlicher Methode entsprechend - überliefertes Wissen geprüft, verworfen oder angenommen und fortentwickelt.

Beim Thema Blut kommen wir mit Ibn Sīnās Schriften zu einer weiteren Variante der hämatogenen Samenlehre. Und mit Blick auf seine Arbeiten erfährt die zuvor kurz skizzierte These, dass die Arbeiten von Galenos bis in die Neuzeit unwidersprochen fortgewirkt hätten, einen Bruch. Denn Ibn Sīnā verhandelte zum Beispiel unterschiedliche Theorien zur Gleichheit und Unterschiedlichkeit weiblichen und männlichen Samens sowie ihrer jeweiligen Funktionen parallel und gleichwertig nebeneinander - es kam zu einer an der Praxis orientierten Ableitung. [2]

"Temperamente" heute

Noch heute sind Vorstellungen der "Temperamente" von Menschen bedeutsam, können viele zumindest etwas mit den Begriffen "Choleriker" und "Melancholiker" anfangen. In politischen Kämpfen der Moderne wurde jedoch gegen die Idee von (festgelegten) Temperamenten angeschrieben.
So wehrte sich etwa die erste promovierte deutsche Ärztin Christine Leporin Mitte des 18. Jahrhunderts gegen die Annahme eines "schlechten Temperaments", das nur und grundsätzlich Frauen hätten und das sie zum wissenschaftlichen Studium unfähig mache. Ihrer Ansicht nach gebe es zwar ein solch "schlechtes Temperament", aber es sei nicht Frauen eigen, sondern treffe gleichermaßen auf einige Frauen und Männer zu. Männer mit einem "schlechten Temperament" seien aber bislang nicht am Studieren gehindert worden.

Biologie im gesellschaftlichen Kontext

Gleichzeitig schlossen auch moderne kolonialistische und rassistische Auffassungen punktuell an das Konzept der Temperamente an, etwa in der westlichen Konstruktion von "Südländer_innen", die angeblich über ein eigenes - besonders aufbrausendes und heftiges - Temperament verfügten. Solche Vorstellungen gingen auch in die Schriften der weißen Frauenbewegung ein. So schrieb Hedwig Dohm 1874: "Wer könnte nun behaupten, ohne sich lächerlich zu machen, daß Spanierinnen, Französinnen, Creolinnen und andere [...] Südländerinnen sanften, geduldigen, nachgiebigen Temperaments seien? Und wahrlich, sie sind Frauen so gut wie die phlegmatischen Nordländerinnen." [3]

Einmal mehr wird deutlich, dass die naturphilosophischen und biologisch-medizinischen Betrachtungen in ihrer gesellschaftlichen Eingebundenheit zu lesen sind. Denn seit der europäischen Moderne sind es gerade biologische und medizinische Theorien, mit denen die Menschen in feste - als "natürlich" ausgewiesene - Gruppen unterteilt und ungleich behandelt werden.



Fußnoten

[1] Seit den 1990ern wird in Ausführungen zu "modernen" Geschlechtertheorien, die sich seit dem 17. und 18. Jahrhundert herausbildeten, oft ein knapper Abschnitt auf "davorliegende" Zeiten verwandt. Kurz wird ein vermeintlich uniformes Geschlechtermodell "der Antike" abgehandelt, das bis zur Renaissance und Aufklärung gewirkt habe. Solche simplifizierenden Betrachtungen sollten stutzig machen, da der Begriff "Antike" Gesellschaften weiter geographischer und zeitlicher Räume beinhaltet. Neben der Differenziertheit der "antiken Welt", ist ein weiteres in solchen Abhandlungen zur "Moderne" unterschätztes Problem, dass nur wenig Material (und dieses meist aus wenigen Regionen, bspw. Athen) überliefert ist. Hinzu kommt, dass aller Wahrscheinlichkeit nach lediglich mehrheitlich anerkannte Auffassungen Verbreitung und Überlieferung gefunden haben.
Kritisch zu betrachten sind daher Arbeiten, die sich, selbst vor einem solch problematischen Hintergrund, auf nur wenige Gelehrte stützen. Besonders deutlich wird dies in der Arbeit "Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud" von Thomas Laqueur, die seit ihrem Erscheinen im Jahr 1990 (auf Deutsch 1992) mehrfach aufgelegt und viel rezipiert wurde. Vgl. ausführlich und differenziert zu historischen (naturphilosophischen) Vorstellungen über Geschlecht: Heinz-Jürgen Voß: Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive. Bielefeld: transcript Verlag 2010.

[2] Im Übersichtsband "Avicennas Lehren von der Sexualmedizin" (Avicenna ist die latinisierte Form von Ibn Sīnā) führt Eberhard Kirsch kurz in einige der zentralen Passagen Ibn Sīnās zu Geschlecht und Sexualität ein. Vgl. Eberhard Kirsch: Avicennas Lehren von der Sexualmedizin. München: Edition Avicenna 2005 (zuerst 1964).

[3] Hedwig Dohm: Die wissenschaftliche Emancipation der Frau. Berlin: Wedekind & Schwieger 1874. Online: http://gutenberg.spiegel.de/buch/4771/1