Rassismus-Watch

Über Sprachwandel und Medienwandel: Zur Debatte über Rassismus in Kinderbüchern

Als der Thienemann Verlag Anfang des Jahres ankündigte, das Kinderbuch "Die kleine Hexe" von rassistischer Sprache zu befreien, hätte man dies als (eine außerordentlich positive) Randnotiz verbuchen können. Im Dezember 2012 war Mekonnen Meshgena, Leiter des Referats "Migration & Diversity" bei der Heinrich-Böll-Stiftung, beim abendlichen Vorlesen über rassistische Begriffe im Kinderbuchklassiker von Otfried Preußler gestolpert und hatte daraufhin dem Verlag kritische Rückmeldung gegeben. Prompt erhielt er Antwort: "Auch Ihrem Schreiben von neulich ist es wohl zu verdanken, dass es gelungen ist, die Familie Preußler davon zu überzeugen, die fraglichen Begriffe in 'Die kleine Hexe' auszutauschen." So weit, so positiv.

Doch schon bald wuchs sich die Randnotiz zu einer entflammten Diskussion aus, die nicht nur einen guten Überblick zum Stand des Rassismus-Diskurses im deutschsprachigen Raum liefert, sondern auch zum Medienwandel. Denn nicht nur Mainstream-Medien, auch Alternativkanäle haben sich in der scharfen Debatte um weiße Deutungshoheit, Rassismus, Zensur und die Unantastbarkeit von Kunst und Literatur eine hohe Diskursmacht erarbeitet.

Recht auf sprachliche Gewalt?

Wochen- und nun bald monatelang wurde und wird im Feuilleton und in Blogs über Sinn und Zweck der Entscheidung des Thienemann Verlags diskutiert. Die Originalsprache des Preußler-Kinderbuchs wurde dabei von manchen verteidigt, als gäbe es bald kein Abendland mehr. Harald Martenstein beispielsweise fürchtete sich im "Tagesspiegel" vor Zensur und "dem Ende der Literatur"; Feridun Zaimoglu schimpfte über "Sprachhygieniker"; Mely Kiyak gelang die paradoxe Ausrutsch-Argumentation, für den Erhalt rassistischer Sprache zu plädieren, da ein Sprachwandel keineswegs gesamtrassistische Kontexte ändern würde (was vorher aber auch nie jemand behauptet hatte), und "Spiegel"-Mann Jan Fleischhauer spekulierte gar über die Rückkehr der "Trottelsprache" (nur um in eigenen Anschlusstexten zum Thema dann selbst peinlichst genau darauf zu achten, das "N"-Wort, um das gestritten wurde, nicht noch einmal auszuschreiben).

Die Musikerin, Autorin und Aktivistin Noah Sow fasste daraufhin in ihrem Blog bereits Mitte Januar zusammen: "Allerorten wird das Recht auf sprachliche Gewalt so aufgeregt verteidigt als seien weiße Deutsche Opfer von Völkermord, Unterdrückung und anhaltender Entmenschlichungstraditionen." Es gehe nicht um Zensur, betonte sie, und merkte an: "Was neuerdings wegfällt, und für viele Rassisten anscheinend schon unerträglich ist, ist lediglich das Recht, sich als Rassist bei 100% der Mehrheitsbevölkerung beliebt zu machen. Es sind jetzt ein paar Prozent weniger. Ebenso mausetot: das Recht, auf rassistische Handlungen keine Widerrede zu bekommen."

Deutungshoheit von Betroffenen anerkennen

Die Problematik, dass Kinderbücher mitunter rassistisches Vokabular und rassistische Geschichten enthalten, lässt sich nicht einfach mit dem Hinweis von der Hand weisen, dass man diese Bücher dann eben vermeiden soll. Schließlich geht es hier zum Teil um Klassiker, die allen Kindern zugänglich und möglichst gewaltfrei gestaltet sein sollten. Außerdem handelt es sich bei literarischen Werken nicht um Kunstwerke, sondern – wie auch beim diskutierten Buch "Die kleine Hexe" – in der Regel auch um pädagogisch ambitionierte Inhalte. Gerade "Die kleine Hexe" ist aufgrund ihrer emanzipatorischen Botschaft als progressive Geschichte zu lesen, sodass hier die Anpassung an eine zeitgemäße – ergo: nicht-rassistische – Sprache absolut begrüßenswert ist.

Genau diesen Aspekt scheinen die Verfechter_innen des "N"-Wortes bei ihrer Argumentation jedoch kaum zu berücksichtigen. Insofern war in der Debatte das Feedback von Antirassismus-Expert_innen sowie rassifizierten Menschen wichtig, die anhand ihrer Expertise und Erfahrungen die Verlagsentscheidung lobten und somit die Kritiker_innen in die Schranken wiesen. Nicht nur für den Bereich der Kinderbücher ist die Debatte dabei wegweisend, sondern auch für den generellen Umgang mit rassistischer Sprache in Medien, die eine breite Öffentlichkeit erreichen.

Unter aktivistischen und auch wissenschaftskritischen Gesichtspunkten muss festgehalten werden, dass es keine Argumentation "pro rassistische Sprache" geben kann, die irgendwie sinnhaft und solidarisch wäre. Dementsprechend bereitete es mir als Soziologin mitunter auch Bauchweh, wenn ich las, wie diverse Autor_innen versuchten, die Sprachentscheidungen rein theoretisch zu legitimieren. Im Fall des rassistischen Empfindens zählt nämlich immer die Deutungshoheit der Betroffenen, und keine Studie oder theoretische Annahme (mehrheitlich weißer) Wissenschaftler_innen kann daran rütteln.

Insofern ist das mutlose Bejahen der Sprachänderungen bei denen, die sich erstmal der wissenschaftlichen Korrektheit der Entscheidung vergewissern mussten, zwar begrüßenswert – andererseits jedoch in Teilen auch bedenklich, wenn man sich fragt, welchen Ausgang die Einschätzungen gehabt hätten, wenn in den Fachbüchern andere Ergebnisse und Empfehlungen gestanden hätten.

Zensur? Kritik!

Am Ende bleiben all die wichtigen Hinweise derer, die zumeist ehrenamtlich und ohne Auftrag unermüdlich Diskursarbeit leisteten, um den Verfechter_innen rassistischer Sprache eine gehörige Abfuhr zu erteilen: Im Blog "Stop! Talking" wurde betont, dass Kritik an rassistischer Sprache keine Zensur, sondern Kritik sei. Die Plattform "Bühnenwatch", die sich mit rassistischen Praktiken im deutschen Theaterbetrieb auseinandersetzt, nahm den zum Thema erschienenen "Debattenteil in "Die Zeit" (der im Übrigen wenig hilfreich mit einer rassistischen Abbildung und dem ausgeschriebenen "N"-Wort provozierte) im Detail auseinander – und zeigte die schwache Argumentation eines (weißen) Autoren.

"Mädchenmannschaft"-Autorin Sabine Mohamed betonte, dass vor allem die fehlende Rassismus-Expertise der jeweiligen Autor_innen der Mainstream-Medien für misslungene Argumentationen sorge – die wiederum nicht selten Rassismus reproduzieren. Der Blog "Fuckermothers" wiederum ärgerte sich über das "teilweise erschreckend reaktionäre Gedankengut" sowie "eine unglaubliche Ignoranz und Unsensibilität". Die Absurdität der Verteidigung des "N"-Wortes fasste zum ersten Abklang der Debatte dann noch einmal der Politikwissenschaftler Ali Arbia in seinem furiosen "Sprachpolizei"-Artikel im eigenen Blog "Zoon Politikon" zusammen, indem er die Grundbausteine politisch inkorrekter Argumentationen in einem Glossar zusammenstellte: "Deutsche Sprache: 1. Unveränderte, reine Version des germanischen, wie sie in der Regel ausschliessliche im Kopf des PC-Gegners gesprochen wird."

Auffallend ist, dass es vor allem Alternativmedien waren, die den Thienemann Verlag in seiner Entscheidung der Überarbeitung des Preußler-Buchs bestärkten – und auf hohem Niveau den Kritiker_innen jede Menge Wind aus den Segeln nehmen konnten. Das heißt, das steigende Bewusstsein für die Problematik diskriminierender und rassistischer Sprache ist nicht mehr nur vorhanden, sie kann auch wortgewaltig formuliert werden und letztlich Einfluss nehmen auf die Sprachpraxis großer Mainstream-Medien. So geschehen ist es jedenfalls Anfang des Jahres in Deutschland – und die Debatte ist noch nicht beendet. Im Gegenteil: Sie geht gerade erst los – und zwar mit einem ordentlichen ersten 1:0 für Aktivist_innen und viele andere Rassismus-sensible Personen.