"Frauen wie Audre Lorde haben die DNA für unsere Arbeit gelegt"

Interview mit: 
Tahir Della

Seit 2006 rückt die Wechselausstellung "Homestory Deutschland – Schwarze Biografien in Geschichte und Gegenwart" afro-deutsche Perspektiven auf das Leben in der Bundesrepublik in den Mittelpunkt. Im Gespräch mit Belinda Kazeem spricht Tahir Della, Vorstandsmitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, über die Hintergründe des Ausstellungsprojekts.

Belinda Kazeem: Lieber Tahir, ich freue mich sehr, dass du zugestimmt hast, mit mir über die Ausstellung "Homestory Deutschland – Schwarze Biografien in Geschichte und Gegenwart" zu sprechen. Könntest du dich zu Beginn kurz vorstellen und schildern, wie die Idee zur Ausstellung entstanden ist?

Tahir Della: Mein Name ist Tahir Della, ich bin seit 1987 in der jüngeren Schwarzen Bewegung in Deutschland aktiv. Zurzeit bin ich im Vorstand der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Die Aufarbeitung Schwarzer Geschichte in Deutschland war und ist bis heute ein zentrales Anliegen der ISD sowie von ADEFRA, der Schwarzen Frauenorganisation, die zeitgleich mit der ISD Mitte der 1980er-Jahre entstanden ist. Dieses Ziel wurde deutlich durch das Erscheinen des Buches "Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte", in dem Schwarze Frauen nicht nur ihre persönliche Geschichte abbildeten, sondern auch die Geschichte Schwarzer Menschen zum ersten Mal aus einer Schwarzen Perspektive erzählten.

Zu diesem Zeitpunkt stellte das bereits einen Perspektivenwechsel dar, der sich auch im Ausstellungsprojekt "Homestory Deutschland" fortsetzt. "Homestory Deutschland" wurde ursprünglich 2006 im Rahmen eines Projekts der Bundeszentrale für politische Bildung konzipiert. Die Ausstellungsmacher_innen kommen alle aus der Schwarzen Community und sind in verschiedenen Feldern tätig. Im Kern geht es darum, die Existenz und die Beiträge von Menschen afrikanischer Herkunft in Deutschland, die bislang nur unzureichend anerkannt wurden, sichtbar zu machen. Sowohl in der offiziellen Geschichtsschreibung als auch in den öffentlichen Diskursen nehmen Schwarze Menschen eine Rolle ein, die von stereotypen rassistischen Wahrnehmungen und Argumentationsmustern gekennzeichnet ist. Dies auf positive und selbstbestimmte Weise umzudrehen, ist das Anliegen des Projekts.

Kazeem: Ich selbst war vor einigen Jahren in der Recherchegruppe für Schwarze österreichische Geschichte und Gegenwart aktiv, im Rahmen des Ausstellungsprojekts "Remapping Mozart. Verborgene Geschichte/n" [1]. Als wir mit der Arbeit begannen, ging es erstmalig darum, "verdrängtes Wissen über die Schwarze österreichische Geschichte zu bergen, ihm neuen Raum zu verschaffen und uns dadurch als Schwarze Menschen in diesem Land neu zu verorten". [2] Mit dem Titel "Homestory Deutschland" scheint die Ausstellung ebenfalls darauf abzuzielen ...

Della: Auch wir, die Aktivist_innen bei ISD und ADEFRA, verfolgen dieses Ziel. Wir wollten mit dem Projekt eigenständige Selbstdefinitionen entwickeln, die ihre jeweilige historische Ausgangssituation reflektieren und mit "widerständigem Eigen-Sinn" nach individuellen und gemeinschaftlichen Alternativen suchen, und politische und kulturelle Netzwerke etablieren, die transnational angelegt sind. Es ging uns darum, intellektuelle Traditionen zu begründen, die, ausgehend von der gelebten Erfahrung, auf ein spezifisches diasporisches Denken verweisen. Außerdem wollten wir die mehrheitsgesellschaftlichen Vorstellungen einer bis heute auch rassifizierten "Leitkultur" auf unterschiedliche Weise verhandeln und ihr kritisch begegnen.

Kazeem: Im Vorwort zum Ausstellungskatalog schreibt Nicola Lauré al-Samarai, die die Ausstellung konzipiert hat: "Homestory Deutschland ist ein kollektives Selbstporträt." [3] Kannst du mehr zu den Wechselbewegungen zwischen individueller Geschichte und kollektiver Erfahrung, den verschiedenen Zeitlichkeiten und den daraus erwachsenden Gemeinsamkeiten und Unterschieden erzählen? Welche Herausforderungen des Sprechens und Erzählens sind damit verbunden?

Della: Ich denke, anhand der Ausstellung wird deutlich, dass die Biografien sehr persönliche sind und zugleich exemplarisch für die unterschiedlichen Beteiligungen Schwarzer Menschen an der deutschen Geschichte bzw. am gesellschaftlichen Leben stehen. Wir haben bei der Auswahl der Personen bewusst darauf geachtet, eben nicht die – ohnehin zahlenmäßig nicht sehr große – Schwarze Prominenz zu zeigen, um nicht das Stereotyp zu bedienen, dass Schwarze Persönlichkeiten allenfalls in Sport und Musik erfolgreich sind. Ebenso haben wir bewusst auf rassistische Bebilderungen verzichtet, denn im Vordergrund steht weder die Auseinandersetzung mit degradierenden Stereotypen und Klischees noch die wie auch immer geartete Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstaussagen. Hierdurch eröffnet sich ein Repräsentationsraum, in dem sich herrschende Blick- und Sprechverhältnisse radikal umkehren.

Kazeem: Die afro-deutsche aktivistische, feministische, wissenschaftliche und künstlerische "Szene" ist für mich, auch auf persönlicher Ebene, immer wieder genutzte Inspirationsquelle und Ressource. Als ich das Buch "Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte" gelesen habe, hatte ich erstmals die Erkenntnis, dass ich mit den Erfahrungen von Rassismus und Sexismus nicht alleine bin. Inwieweit haben euch die Arbeiten Schwarzer Feministinnen wie May Ayim, Audre Lorde oder Katharina Oguntoye bei der Gestaltung und Konzeption begleitet?

Della: Es ist tatsächlich so, dass Frauen wie die drei von dir genannten sozusagen die DNA für die Arbeit der ISD und ADEFRA gelegt haben. Das vor allem deshalb, weil diese Aktivistinnen damit anfingen, Schwarzen Menschen in Deutschland aufzuzeigen, dass es unabdingbar für eine emanzipatorische Entwicklung ist, für sich selbst zu sprechen. Und dass wir beim Sprechen auch immer die unterschiedlichen Erfahrungen, Ansichten und Lebensentwürfe mitdenken bzw. einbeziehen müssen, auch bei der Entwicklung der Community. Das breite Spektrum an Positionen, das es inzwischen gibt, ist eine unmittelbare Folge dieses Ansatzes. Dadurch wurde möglich, dass eine große Zahl Schwarzer Menschen eine "neue Heimat" in ihrer alten gefunden und sich ihr Blick auf sich selbst und auf Deutschland positiv verändert hat.

Kazeem: Ich sehe einige Parallelen zwischen "Homestory Deutschland" und einer früheren Ausstellung in Wien, "Let it be known" [4]. Für beide Projekte ist das selbstbestimmte Sprechen aus einer Schwarzen dekolonialen Perspektive zentral. Ich denke aber, dass es auch darum ging, überhaupt einmal Bilder zu kreieren, die selbstbestimmtes Schwarzsein in Deutschland und Österreich denkbar machen. Ihr habt euch für Close-ups und Porträtbilder entschieden. Welche Überlegungen stehen hinter dieser Entscheidung?

Della: Ich habe selbst einige der Porträts für die Ausstellung angefertigt. Mir war wichtig, dass wir uns tatsächlich auf die Menschen und ihren persönlichen Ausdruck konzentrieren. Das hieß, auf alles zu verzichten, was die Betrachter_innen von den abgebildeten Personen ablenkt, und diese gemeinsam mit allem, was für die Person in den begleitenden Texten steht, in den Mittelpunkt zu stellen. Die Darstellung Schwarzer Menschen ist sehr oft von Assoziationen geprägt, meist rücken die Betroffenen dann in den Hintergrund, und genau dies wollten wir vermeiden.

Kazeem: Beeindruckend finde ich an "Homestory Deutschland" nicht nur die Gestaltung der Ausstellung, sondern auch die des Ausstellungskatalogs: Wollen die Leser_innen etwas über die Geschichte der abgebildeten Personen erfahren, müssen sie die Seiten auftrennen. Wie reagieren Besucher_innen und Leser_innen auf diese Gestaltung? Habt ihr diesbezüglich Feedback bekommen?

Della: Um ehrlich zu sein war ich sehr skeptisch, dass der Gedanke, der dahinter steht, also die "Freilegung" Schwarzer Geschichte, vermittelbar ist. Natürlich gab es auch Fragen und Verwirrungen. Aber ich denke, die konsequente Umsetzung der Idee dieser Ausstellung, auch in der Gestaltung des Kataloges, war wichtig und gut. Somit zieht sich der Gedanke einer anderen Art der Sichtbarmachung durch wie ein "roter Faden".

Kazeem: Die Ausstellung wurde mittlerweile auch in einigen afrikanischen Ländern gezeigt. Wie waren die Reaktionen darauf?

Della: Dass wir die Ausstellung mit Unterstützung des Goethe-Instituts in elf Ländern auf dem afrikanischen Kontinent zeigen konnten, war eine großartige Erfahrung. Bedauerlicherweise war ich selbst nicht vor Ort, aber aus den Berichten des Goethe-Instituts habe ich erfahren, dass die Ausstellung vor allem für die jungen Besucher_innen ein großartiges Erlebnis war, und dass sich ihnen dadurch ein völlig neuer und unerwarteter Blick auf Deutschland eröffnet hat.

Für die meisten Menschen in, aber auch außerhalb der Bundesrepublik ist Deutschland immer noch ein Land, in dem vor allem weiße Menschen leben und das für eine eurozentristische Gesellschaft steht. Dass dies mitnichten so ist, wird mit "Homestory Deutschland" klar, ebenso, dass auch Schwarze Menschen in Deutschland Teil der afrikanischen bzw. Schwarzen Diaspora sind.

Kazeem: In einem gemeinsam mit Nicola Laurè al-Samarai und Peggy Piesche verfassten Text [5] sprechen wir davon, dass die Zukunft diasporischer Museen im Internet liegen könnte. Gibt es Pläne, aus "Homestory Deutschland" eine virtuelle Ausstellung zu machen und so noch mehr Leuten zu erreichen?

Della: Bisher sind solche Überlegungen eher theoretische, wenngleich ich es persönlich für eine großartige Idee hielte, "Homestory Deutschland" einem noch größeren Publikum zugänglich zu machen. Zurzeit planen wir die Ausstellung, die in Afrika zu sehen war, auch in die USA zu bringen.

Kazeem: Vielen Dank für das Gespräch, Tahir! Nochmals Gratulation zu eurer tollen Arbeit und viel Inspiration und Kraft für die Ausstellung in Amerika. Ich hoffe sehr, dass wir die Ausstellung eines Tages in Wien sehen können.




www.homestory-deutschland.de


Fußnoten

[1] Online-Archiv der dreiteiligen Ausstellungsserie von 2006 unter: www.remappingmozart.mur.at

[2] Claudia Unterweger (2006): Wir greifen Raum: Die Bedeutung von Schwarzen selbstbestimmten Räumen im österreichischen Kontext, in: Bildpunkt, siehe unter: http://www.igbildendekunst.at/bildpunkt/2005/raumgreifen/unterweger.htm

[3] Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. (Hg.): Homestory Deutschland. Schwarze Biografien in Geschichte und Gegenwart. Eigenverlag 2012.

[4] Die Ausstellung wurde von der Recherchegruppe für Schwarze österreichische Geschichte und Gegenwart konzipiert und in der Hauptbücherei Wien vom 17. Mai bis 31. August 2007 gezeigt.

[5] "Museum. Raum. Geschichte: Neue Orte politischer Tektonik. Ein virtueller Gedankenaustausch zwischen Belinda Kazeem, Nicola Lauré al-Samarai und Peggy Piesche", unter: http://eipcp.net/transversal/0708/kazeemetal/de