Sozialvoyeurismus und journalistische Ethik

"Meine Hölle Europa" (englischsprachiger Titel: "Sisters of No Mercy") von Lukas Roegler ist eine gründlich recherchierte und mehrfach ausgezeichnete Reportage.

Sie enthüllt die Realität

von Frauenhandel und Zwangsprostitution: Vier Frauen aus Benin City, Nigeria berichten darin über ihre Erlebnisse im europäischen "Eldorado".

Ein Aspekt hat mir bei dieser Reportage jedoch am meisten zu denken gegeben: Wieso wurden die Frauen im Film nicht anonymisiert? Nach den Interview-Passagen mit ihnen ist in der Reportage zu lesen, dass eine verschwand und die andere fliehen musste, weil sie erkannt wurde.

Trotz des Lobs, die der Journalist für die professionelle Nachforschung und Gestaltung verdient, sollte die Anonymisierung einer Quelle kein Problem darstellen – auch und vor allem dann nicht, wenn die TV-Sender vorgeben, dass die ZuseherInnen sonst keine persönliche Beziehung zu den Protagonistinnen aufbauen können. Bei investigativen Geschichten, auch bei vielen "Schicksalsstorys", ist die politische Verantwortung der JournalistInnen gefordert, damit nicht unter dem Deckmantel von Frauenrechten, Emanzipation oder Empowerment eine boulevardeske Enthüllung stattfindet und Auszeichnungen über die Sicherheit der Protagonistinnen gestellt werden.

Auch wenn die betroffenen Frauen im Doku-Film als handelnde Subjekte auftreten – eine solche Gefährdung von Zeuginnen ist aus journalistischer wie menschlicher Sicht inakzeptabel.

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