"Ein totales Arschloch"

Wir erinnern uns: Ende August hat die Demokratische Partei (DPJ) in Japan einen historischen Wahlsieg errungen und die über fünfzig Jahre fast ununterbrochen andauernde Alleinherrschaft der Liberaldemokraten (LDP) beendet. Das politische System in Japan gilt als besonders hierarchisch und verkrustet, wird es doch von einer kleinen Elite traditioneller Polit-Clans dominiert.

Letztens bin ich auf folgende interessante News gestoßen:

Unter der neuen Regierung sitzen im japanischen Repräsentantenhaus so viele weibliche Abgeordnete wie nie zuvor. Wenngleich dieser „Rekordanteil“ mit 11,3 Prozent äußerst bescheiden bleibt: Von den 480 Sitzen sind nunmehr 54 von Mandatarinnen besetzt. Damit rangiert Japan auf Platz 97 der aktuellen Rangliste der Interparlamentarischen Union (IPU), die den Anteil von Frauen in 187 nationalen Parlamenten ermittelt – hinter allen anderen Industrienationen.

Aber nicht nur in der Politik, auch in Unternehmen fällt die Zahl an weiblichen Führungskräften mit unter drei Prozent äußerst gering aus. In größeren Betrieben sind Frauen vor allem Sekretärinnen ("office ladies"), über sechzig Prozent der weiblichen Beschäftigten scheiden mit dem ersten Kind aus dem Berufsleben aus.

Mit dem Einzug der neuen weiblichen Delegierten hoffen japanische feministische Organisationen wie "Women in New World, International Network" (WinWin) oder "Working Women’s Network" auf ein wachsendes Bewusstsein für genderrelevante Politiken in der japanischen Öffentlichkeit. Zu den neuen jungen demokratischen Parlamentarierinnen – von den Medien häufig verniedlichenderweise als "Ozawa Girls" (nach Ichiro Ozawa, Generalsekretär und "Macher" der heutigen DPJ) tituliert – zählt auch Eriko Fukuda. Sie und ihre Kolleginnen gelten auch als Hoffnungsträgerinnen, um Bewegung in die politische Kultur Japans zu bringen.

Das erinnert natürlich stark an das Klischee, Frauen seien die besseren Politikerinnen, oder, wie in diesem Fall, die moralischen Retterinnen der Nation. Aber immerhin: Ein Drittel der neu gewählten weiblichen Abgeordneten ist zwischen zwanzig und Ende dreißig, ein weiteres Drittel zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Ein längst fälliger Generationenwechsel also.

Wahlkampf in Nihon: die kommunistische Seite der Macht (Japanese Communist Party)Wahlkampf in Nihon: die kommunistische Seite der Macht (Japanese Communist Party)
Frischen Wind verspricht auch der Antritt der neuen Justizministerin Keiko Chiba von der DPJ, die sich gegen die (in Japan noch immer praktizierte) Todesstrafe engagiert. Zudem spricht sich Chiba für ein Bleiberecht illegalisierter MigrantInnen aus und will das Namensrecht für Ehepaare dahingehend reformieren, dass verheiratete Frauen ihren Familiennamen behalten können.

Auch Makiko Tanaka, von 2001 bis 2002 erste Außenministerin Japans (damals noch Mitglied der LDP), kandidierte für die Demokraten. Sie ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen: Ihren einstigen "Chef", Ex-Premier Junichiro Koizumi, nannte die heute 65-Jährige einen "eigenartigen Kerl", den damaligen US-Präsidenten George W. Bush bezeichnete sie als "totales Arschloch". Nach neun Monaten wurde sie von Koizumi aus der Partei gekickt und kandidierte fortan als Unabhängige, bis sie 2009 zur DPJ wechselte. Heute führt sie den Vorsitz des parlamentarischen Ausschusses für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie, wie The Asahi Shimbun berichtet.

Allerdings: Auch Tanaka und Fukuda wurden ihre Politkarrieren gewissermaßen schon in die Wiege gelegt, stammen doch beide aus traditionellen Politdynastien. In beiden Fällen war der Vater ehemaliger Premier.