Blicke & Fragen

Blicke dienen oft als Indikatoren dafür, dass Fragen nicht mehr lange zurückgehalten werden können. Davon gibt es eine Menge: Den Entdecker_innen- und Forscher_innenblick, den Mitleidsblick den "Frage-Blick" und natürlich auch noch die ganze Reihe an "Feind-Blicken". Meistens sind sie miteinander verwoben, gehen in einander über und sind von einander nicht so leicht zu trennen.

Nehmen wir z.B. den Entdecker_innen- und Forscher_innenblick: Frau geht auf der Straße, plötzlich Gestarre von links, die Augen des Gegenübers seltsam aufgerissen, als wäre gerade der größte Diamantfund der Geschichte passiert. Ich erinnere mich an diesen warmen Sommertag letztes Jahr, als ich mit Freundinnen die Straße entlang lief und uns eine weiße Frau entgegenkam. Der Anblick dreier schwarzer Frauen zauberte ihr so ein aufgeregt-befriedigtes Lächeln ins Gesicht, dass wir uns alle drei anblickten und einhellig sagten: "Yes! Das war wiedermal ein Diamantfund."

Meist folgt der Geschichte aber noch eine nächste Episode: Ein Lächeln später, ein Schritt weiter und schon wird der erste Kontakt aufgenommen. "Woher kommst du?" Hier entscheidet sich der Fortgang der Geschichte nach meiner Tageslaune. In Eile? Gelangweilt? Schließlich ist das nicht das erste Mal, dass sich die Mehrheitsbevölkerung derart originell an mich wendet. Wütend? Wer will sich schon mit solchen dummen Fragen auseinandersetzen. Belustigt? Gerade hab ich mich gefragt, welches eigentlich die dümmste aller Anreden ist. Im Laufe des Lebens und nach 100.000 Fragen nach meiner Herkunft habe ich mir ein Arsenal an Begegnungsstrategien erarbeitet.

Nehmen wir mal an, an dem Tag bin ich gut gelaunt und habe keinen Zeitdruck. Dann kommt: "Aus Wien, 9. Bezirk." "Na ich meine jetzt, wo du wirklich herkommst?“ - "Aus Österreich. Wieso?“ - "Ja, aber wo kommst Du wirklich her" - "Tja, aus Österreich, Sie wissen schon, dieses Land in Mitteleuropa."
Spätestens hier kommen die selbsternannten Ethnolog_innen drauf, dass sie es mit einem besonders störrischen Exemplar zu tun haben, also entscheiden sie sich jetzt, in die Vollen zugehen: "Aber wirklich kommst Du doch aus Afrika, oder?"

Auch hier kommt es auf die Gemütslage an, einfachheitshalber bleiben wir bei gut gelaunt und haben keinem Zeitdruck: "Kommt ganz drauf an, was Sie jetzt meinen, aber sagen wir einfach: Ja." An diesem Punkt zeigt sich, ob ich eine_n Hobby-Ethnolog_in vor mir habe, oder eine_n professionelle_n Entdecker_in. Die Hobby-Ethnolog_innen sind mit der Nennung des Zauberwortes "Afrika" zufrieden. Afrika ist zwar ein Kontinent mit jeder Menge Nationalstaaten, und Togo ist nicht gleich Mosambique, aber wer will denn schon pingelig sein!

Professionelle wollen dagegen noch eine genaue Standortabstimmung vornehmen, dies kann dann bei besonders gewitzten Vertreter_innen dieser (Hobby-)Zunft sogar dazu führen, dass sie selbst beginnen zu raten, woher du "eigentlich" stammst. "Ok, eine Afrikanerin, aber woher denn nun aus Afrika … ich glaub ja nicht, dass du aus Ghana kommst, die sehen irgendwie anders aus … aus Nordafrika schon gar nicht, dass ist ja irgendwie nicht Afrika … ich nehme an, du kommst aus dem Kongo, oder?"

Wir waren bei gut gelaunt und ohne Zeitdruck, doch mittlerweile sinkt der gute Launepegel schon gegen Null, also sage ich: "Aus Nigeria." "Was? Das kann nicht sein, so siehst du ja gar nicht aus. Aber kennst du den … [hier bitte beliebigen Namen einsetzen], der kommt auch aus Nigeria und wohnt in … [hier bitte den Namen eines österreichischen Kuhdorfes einsetzen]?"

Obwohl Afrika ein riesiger Kontinent und Nigeria ein Land mit über 150 Millionen Einwohner_innen ist, herrscht in manch österreichischen Köpfen die Meinung vor, dass Schwarze Menschen sich alle gegenseitig kennen.

Spätestens jetzt ist es übrigens wirklich Zeit das "Gespräch" abzubrechen, denn selbst wenn es mir bis jetzt noch Spaß gemacht hat, mein Gegenüber und dessen Forschungstätigkeiten zu beobachten, jetzt ist tatsächlich genug. Wie oft ich mich in solchen Situationen wiedergefunden habe? Ich weiß es nicht mehr. Eine zeitlang habe ich mitgezählt, mittlerweile nehme ich diese Anstarr- und Fragestunden nur noch gelangweilt zur Kenntnis. Da der gute Launepegel gewöhnlich sinkt, wenn ich mit unzähligen Vertreter_innen der Mehrheitsbevölkerung in der Öffentlichkeit, z.B. in Straßenbahnen, bin, kommt es auch nicht allzu oft zur oben beschriebenen Gesprächsvariante.

Die häufigste Variante ist eher blödes Angestarrt werden, verbunden mit Geflüster und weiterem blöden Starren, bis die Leute es vor Neugier nicht mehr packen und mit dem "Woher kommst Du denn eigentlich?" herausplatzen. Ich mache es kurz: "Afrika". und hoffe, dass es sich hiermit erledigt hat. Dazu setze ich meist eine undurchschaubare Miene auf, blicke absichtlich an dem_der Fragesteller_in vorbei und hoffe, dass meine Station bald kommt.

Schlimm wird's erst, wenn auch das nicht fruchtet und weitere Fragen folgen. Dann kann es schon sein, dass ich demonstrativ meine Sachen zusammenraffe und den Platz verlasse, um mich woanders hinzusetzen. Dass solche Aktionen meist laut mit allerlei Geschimpfe quittiert werden, gehört zur Normalität: Sollte nicht jede Schwarze Person glücklich sein, wenn weiße Österreicher_innen mit ihr sprechen und sich so offensichtlich für sie interessieren?