Zur Wirkungsmacht des Blutmythos

In den allermeisten antisemitischen Stereotypen finden sich Bilder des "eigenen" und "fremden" Bluts - von der jüdischen "Blutschuld" am Tode Jesu Christi bis zur NS-Diktion der "Blutschande".

Die Leidenschaft, mit der bis heute in Österreich gegen das Schächten (rituelles Schlachten) gekämpft wird, verweist weniger auf die Tierliebe als auf die anhaltende Wirkungsmacht von Fantasien, die sich rund um das Blut gruppieren. Fast alle antisemitischen Stereotype hängen mit Bildern des (eigenen wie fremden) Bluts zusammen, die sich im Laufe der Zeit zu richtiggehenden Mythen verdichteten. Im Nationalsozialismus als politischer oder säkularer Religion radikalisierten sich diese Mythen zum handlungsleitenden Wahn, wonach die eigene Erlösung nur über die Reinigung des (eigenen) Bluts und die Vernichtung der Jüdinnen und Juden zu erreichen sei.
Nach Auschwitz verloren diese Mythen viel von ihrer einigenden und mobilisierenden Kraft - jedoch kommt auch der codierte Antisemitismus der Gegenwart nicht ohne sie aus, wovon etwa das weit über die Kreise der extremen Rechten hinaus verbreitete Bild des Blut saugenden Vampirs als geldgieriger Kapitalist Zeugnis ablegt.

Vom Ver- zum Gebot

Am Anfang des Antisemitismus stand die von Generation zu Generation vererbte jüdische Blutschuld am Tode Jesu. Der Gottesmördervorwurf als "Gründungsmythos einer ganzen Zivilisation" (Dan Diner) begründete die phobischen Fantasien von jüdischer Übermacht und antichristlicher Feindseligkeit. Der christliche Antisemitismus bezog seine Motivation und Energie maßgeblich aus den unterschiedlichen Positionen zum Blut: Während Blut für Jüdinnen und Juden dem strikt vom Profanen getrennten Göttlichen zugeordnet ist und damit zum Tabu wird, wandelt sich im Christentum das Verbot zum Gebot des Blutverzehrs, welcher die gemeinschaftliche Vereinigung mit Gott herstelle.

Mit Paulus brach zudem die gnostische Idee der in gut und böse zweigeteilten Welt und einer möglichen Vollkommenheit (Reinheit) des Menschen in die neue Religion ein. Vor allem reartikulierte er den antiken Mythos des sich opfernden Gottes, dessen Fleisch und Blut im magischen Ritual (Eucharistie) symbolisch verzehrt wurde. Nach langem Streit setzte sich 1215 jedoch die "Transsubstantiationslehre" durch: Demnach waren Wein und Hostie nicht länger als Symbole für den Leib Christi zu verstehen, sondern als dessen tatsächliche Gegenwart.

Dieses desymbolisierende Dogma sollte fatale Folgen zeitigen: Der reale Verzehr des Bluts und Fleisches Christi belud die Abergläubigen mit einer Ambivalenz, die sie zulasten der Juden auflösten. Die Einverleibung Christi geschah nun nur mehr "in ihrem zärtlichen, die Verehrung ausdrückenden, nicht in ihrem aggressiven Sinn" (Sigmund Freud). Die "oralen" Aggressionen und die aus ihnen rührende Schuld werden dabei abgespalten und auf die Blut saugenden Juden projiziert: An ihnen wird das verfolgt, was die christliche Gemeinschaft selbst tut, sich aber nicht eingestehen kann. Dies ist die psychologische Wahrheit hinter den sich verbreitenden Ritualmord- oder Blutbeschuldigungen (zum Beispiel die "Hostienschändung"), die sich parallel zum Dogma von der Realpräsenz Christi in der Kommunion durchsetzen. Dass die Ritualmordlegenden oft auch mit der Vorstellung begründet wurden, die solcherart effeminierten Juden würden Blut brauchen, weil sie menstruierten, verweist daneben auf den nach Freud "unheimlichen Eindruck", den die - "an die gefürchtete Kastration" erinnernde - Beschneidung auf die Unbeschnittenen macht.

Blutsgemeinschaft

Der christliche Blutmythos ist aus Gegensätzen gewoben: Das böse (jüdische) Blut steht für Körperlichkeit, Krankheit, Infektion, das gute (eigene) Blut für kollektive Adelung, Opferbereitschaft, Reinheit. Ersteres ist unverwüstlich und bedroht nicht zuletzt darum zweiteres. Zum Schutz des eigenen Bluts bildeten sich antisemitische Männerbünde wie Burschenschaften, die Juden nicht nur nicht aufnahmen, sondern ihnen aufgrund ihrer religiösen Verweigerung des Opfers auch jede nationale Wehrfähigkeit absprachen. Die deutschen Waffenstudenten symbolisieren demgegenüber mit ihren blutenden Wunden (Schmisse) die Bereitschaft, das eigene Leben für das Vaterland zu opfern. Die Mensur wurde übrigens im Frühjahr 1933 in Deutschland straffrei gestellt, gleichzeitig wurde das Schächten verboten, was ebenfalls auf den Doppelcharakter des Bluts verweist.

Aber schon lange vor der deutsch-völkischen und rassistischen Transformation wurde aus der (christlichen) Gemeinschaft des Glaubens die (säkulare) Blut- oder Abstammungsgemeinschaft: Das "Gesetz zur Reinerhaltung des (spanischen) Bluts" richtete sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts vor allem gegen die im Zuge der christlichen "Rückeroberung" ("Reconquista") zuvor (zwangs-)getauften Jüdinnen und Juden, die im Verdacht standen, im Geheimen der alten Religion treu geblieben und somit nicht loyal zum christlichen Staat zu sein.

Von der Nation zum Volkskörper

Gerade in Ländern ohne erfolgreiche bürgerliche Revolution stellte das Christentum ein bedeutendes Reservoir zur ideologischen Ausgestaltung der Nation dar. Weil dieses nationale Kollektiv es in diesen Ländern nicht vermochte, politische Realität zu werden, nahm es mehr und mehr imaginäre ("natürliche") Züge an. Nun wurde die nationale Einheit nicht länger als Ergebnis einer Revolution gesehen, sondern als Folge von (zuerst geistiger, dann "rassischer") Reinheit. Das deutsche Volk als Abstammungsgemeinschaft wurde nach dem Vorbild der christlichen Gemeinschaft als mystischer Kollektivkörper entworfen und gesehen. Dadurch wurde der religiöse zum nationalen Gegensatz transformiert, wurde der Gottesmörder zum Volksfeind, der nun zudem beginnt, sein Zersetzungswerk im Inneren zu betreiben. Mit der Emanzipation kam der Verdacht zurück, wonach es den tatsächlich oder vermeintlich an ihrer Religion festhaltenden Jüdinnen und Juden an nationaler Loyalität mangle. Zudem radikalisierten sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Vorstellungen von der Eigengruppe zur Blutsgemeinschaft und zum Volkskörper.

An der Schnittstelle von christlichem Blutmythos und rassistischem Blutwahn steht Richard Wagner, dessen reine Blutsgemeinschaft des Parsifal zum Vorbild der antidemokratischen Männerbünde und faschistischen Führerorden werden sollte. Wagner wollte die Welt verbessern, ja erlösen - durch "Reinigung des Bluts". War der Rassismus seit Arthur de Gobineau durch Pessimismus und Fatalismus gekennzeichnet, hoffte Wagner in "Heldentum und Christentum" (1881) nun auf den reinen Helden, der sich für die Zukunft der "Rasse" opfere. Zudem kommt dem reinen Blut des (von Wagner und anderen arisierten) Christus eine zentrale Bedeutung für die Erlösung zu: Es könne auf magische Weise die "Rassen" (außer die jüdische) veredeln und so das Gobineau'sche Gesetz der Degeneration umkehren.

Blutmetaphorik des Kapitalismus

Die Juden sind nun nicht mehr nur Projektionsflächen der eigenen opfernden und kannibalischen Praxen, sondern auch ein, ja das Hindernis auf dem Weg zur Erlösung der Menschheit. Mit dieser kruden Theorie "rassischer" Degeneration und Heilung konnte Wagner die traditionelle Blutmetaphorik neu interpretieren und in seine Zeit transformieren. Die Passion Christi wurde hierbei mit den Leiden des - vom Philosophen Johann Gottlieb Fichte als auserwählt geadelten - deutschen Volkes parallelisiert. Aus der Blutschuld wurde die Schuld an den bedrohlichen Seiten der kapitalistischen Moderne, welche das "deutsche Wesen" auflöse.

Wie zahlreiche andere Gründungsväter des "Erlösungsantisemitismus" kam auch Richard Wagner ursprünglich aus der Linken. Unfähig, den Kapitalismus jenseits einer jüdischen Verschwörung zu begreifen, griffen weite Teile dieser Linken in ihrem Protest ebenfalls auf das vom Christentum bereitgestellte Bilderrepertoire zurück. Das jüdische "Blutegelvolk" (Michail Bakunin) gierte nun nach dem Geld und der Arbeit der Deutschen und setzte sich am Volkskörper fest.

Nationalsozialistischer Blutwahn

Es waren die Nazis selbst, die bei aller kulturkämpferischen Frontstellung zu den Kirchen eine Kontinuität zum Christentum herstellten. Zum einen machte sich Hitler zum neuen Messias, der das "Werk des Herren" vollenden wollte, indem er sich "der Juden erwehre". Zum anderen wurde die Gleichsetzung des gemarterten deutschen Volkskörpers mit dem Corpus Christi radikalisiert. So hieß es im April 1933 in der Wochenzeitung "Der Stürmer": "Die Juden haben Christus ans Kreuz geschlagen und ihn tot geglaubt. Er ist auferstanden. Sie haben Deutschland ans Kreuz geschlagen und es tot gesagt und es ist auferstanden, herrlicher denn je."

Tatsächlich kann und sollte der Nationalsozialismus auch als (politische) Religion analysiert werden. Als neue Art von (säkularer) Religion übersetzt er das Transzendente in die irdischen Begriffe Volk, Rasse und Blut, wobei insbesondere Letzteres ein direktes Anknüpfen an das Christentum ermöglichte. Dabei wurde aus dem reinen Blut Christi das reine Blut der ("arischen") "Rasse". Daneben betrieben die Nazis regelrechte blutmagische Rituale, etwa mit ihrer "Blutfahne", jener Hakenkreuzfahne, die beim "Marsch auf die Feldherrenhalle" 1923 mit dem vergossenen Blut der NS-Putschisten geweiht worden sei und mit der seit 1926 Partei-Standarten zur Übertragung dieser Weihe berührt wurden.
Jene Nazis, die bei diesen und anderen Aufstandsversuchen getötet wurden, hießen "Blutzeugen", und der "Blutorden" für getötete oder inhaftierte "Kämpfer" stellte die höchste Auszeichnung der NSDAP dar. Hingegen konnte der "Blut und Boden"-Mythos, der maßgeblich vom Reichsbauernführer Richard Walther Darré zur Schaffung eines neuen Adels gestrickt wurde, angesichts seiner Unvereinbarkeit mit den Herausforderungen moderner Gesellschaften kaum politische Wirksamkeit entfalten. Am folgenreichsten sollte sich die Kodifizierung des rein zu erhaltenden "deutschen Bluts" erweisen. Bereits in ihrem Parteiprogramm von 1920 schloss die NSDAP jene, die nicht "deutschen Bluts" seien, aus der Volksgemeinschaft aus.

"Blutschande" und Seuche

Den irrationalsten Ausdruck fand die antisemitische Ansteckungsphobie in der "Imprägnationstheorie", die im 1917 erschienenen Bestseller "Die Sünde wider das Blut" von Artur Dinter gossenliterarische Form erhalten hatte. Demnach wurde eine "arische" Frau durch den sexuellen Kontakt mit einem Juden zeitlebens geschändet und war für die eigene Blutsgemeinschaft für immer verloren. Jedoch wurde Dinter noch in den 1920er Jahren aus der NSDAP ausgeschlossen und diese "Theorie" 1935 endgültig verworfen. Sie fand aber partielle Umsetzung im 1935 in Nürnberg verabschiedeten "Gesetz zum Schutze des deutschen Bluts und der deutschen Ehre" ("Blutschutzgesetz"). Ihm zufolge war u.a. sowohl die Eheschließung als auch der außereheliche Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Ariern verboten.

Stand die Idee der "Blutschande" zunächst für den Inzest, so bedeutete sie nun den verbotenen Verkehr mit "fremdem (jüdischem) Blut". Diese Bedeutungsverschiebung erfolgte aber bereits früher, nämlich parallel zur im frühen 19. Jahrhundert einsetzenden Idealisierung der Geschwisterliebe. Insbesondere die von Klaus Theweleit analysierten deutschen "Männerphantasien" zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren voll von inzestuösen Motiven, die allesamt dem völkischen Reinheitsprimat geschuldet waren: Die völkische oder "rassische" Gemeinschaft wird als Blutsbande, als eine Art Familie von Identischen halluziniert. Dieser kollektive Narzissmus findet seine sexuelle Entsprechung im Inzest. Er erlaubt die Vermeidung von Differenz und scheint die einzige Möglichkeit einer reinen Sexualität, einer Sexualität, die nicht der Gefahr durch den Anderen aussetzt. Diese Gefahr ist durchaus wörtlich, als drohende Ansteckung, zu nehmen: Eines der Hauptthemen in Hitlers "Mein Kampf" ist die Syphilis, die er offenbar fürchtete - und darum zur jüdischen Krankheit erklärte.



Literatur

Christina von Braun, Christoph Wulf (Hg.): Mythen des Blutes. Frankfurt am Main: Campus 2007.

Dan Diner: Der Sarkophag zeigt Risse. Über Israel, Palästina und die Frage eines "neuen Antisemitismus". In: Doron Rabinovic et al. (Hg.): Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004.

Sigmund Freud: Der Mann Moses und die monotheistische Religion. In: Ders: Gesammelte Werke (1932-1939), Band 16. Frankfurt am Main: Fischer 1950. S. 101-246.

Paul L. Rose: Richard Wagner und der Antisemitismus. Zürich: Pendo 1999.

Eleonore Sterling: Judenhaß. Die Anfänge des politischen Antisemitismus in Deutschland (1815-1850). Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt 1969.

Klaus Theweleit: Männerphantasien. München: Piper 2000.


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