"Wir sind nicht einfach irgendeine beliebige Region in Frankreich"

Interview mit: 
Ghislaine Bessière

Der Verein Rasine Kaf [1] auf La Réunion interveniert für eine andere Gedächtnispolitik der ehemaligen französischen Kolonie.

La Réunion, ursprünglich unbewohntes Territorium, wurde ab dem 17. Jahrhundert von französischen SiedlerInnen besiedelt, die u.a. SklavInnen aus Afrika dorthin verschleppten. [2] Die Insel diente als Produktionsstätte für Kaffee, später auch für Rohrzucker. Nachdem am 20. Dezember 1848 die Sklaverei abgeschafft worden war, ersetzten billige VertragsarbeiterInnen, sogenannte engagés, vor allem aus Indien die ehemaligen SklavInnen bei der Arbeit auf den Plantagen. 1946 erhielt La Réunion den Status eines französischen Übersee-Departements – damit begann die offizielle Dekolonialisierung. Heute gilt die Insel als "ultraperiphere" Region der Europäischen Union.


migrazine.at: Man hört und liest oft, auf La Réunion funktioniere das Zusammenleben von Menschen verschiedenster Kulturen, Religionen, Herkünfte und Hautfarbe, trotz vielfältigster Unterschiede komme man gut miteinander aus. Was ist Ihrer Meinung nach dran?

Ghislaine Bessière: Ich denke, es gibt viele derartige, sehr idyllische Bilder von La Réunion, Postkarten-Bilder, die TouristInnen hierherlocken. Was stimmt, ist: La Réunion ist eine multikulturelle Insel. Die Multikulturalität hat eine Geschichte, und wir haben gelernt, miteinander zu leben. Es gibt eine tatsächliche Toleranz der Religion des Anderen. Den Muezzin um sechs Uhr oder Mittags zu hören, ist schön, wenn es den "Tanz der Löwen" zum Chinesische Neuen Jahr gibt, sind wir alle dabei, wenn die Malbar-Umzüge [3] stattfinden, gehen alle mit. Das ist die kulturelle, vielleicht exotische Seite. Aber es gibt auch viele gravierende ökonomische Schwierigkeiten.

Sie spielen an auf die mehr als zwei Wochen anhaltenden Ausschreitungen im Februar? [4]

Ja, genau, die Viertel, die gebrannt haben. Es reicht, dass die Reduktion des Benzinpreises gefordert wird, dass sich die LKW-Fahrer mobilisieren, damit La Réunion in Aufruhr gerät. Ausschreitungen haben hier immer so begonnen: Ein Funke reicht aus, weil es sehr große soziale Probleme gibt. Sechzig Prozent der jungen Leute haben keine Arbeit. Man kann hier durchaus von einer verlorenen Generation sprechen. Wenn sie 16 sind und die Schule verlassen, haben sie keine Perspektiven. Man bietet ihnen eine Ausbildung und Weiterqualifizierung an, aber schlussendlich werden sie von Maßnahme zu Maßnahme gereicht. Währenddessen werden sie Eltern und sehen ihre Kinder groß werden. Für sie bleibt die Situation immer prekär.

Die Solidarität in der Familie und im eigenen Wohnviertel hat immer funktioniert, niemand bleibt ohne Essen. Die Armen sterben nicht vor Hunger, aber sie sind ernsthaft unterernährt, denn das Geld reicht nur bis zur Mitte des Monats. Die Schieflage auf der Insel besteht darin, dass es einige wenige sehr Reiche gibt und andere, die sehr wenig Geld haben. Dazwischen gibt es die Mittelschicht, FunktionärInnen und BeamtInnen. Sie können sich dank des sogenannten Korrektionsindex [5] die hohen Lebenskosten leisten. Und parallel dazu gibt es die vitrine de la France [übersetzt: die französische Auslage, Anm.] ...

Was meinen Sie damit?

Das sind all jene Produkte, die aus Frankreich importiert werden und sehr teuer sind. Die Insel selbst produziert nur wenig und hat geringe Ressourcen, hinzu kommt die Rohrzucker-Monokultur. All das führt dazu, dass wir an der französischen Nabelschnur hängen. Das ist schwer abzustellen. Ich denke, tatsächlich verteuert der Korrektionsindex das Leben auf La Réunion und führt zu einer verstärkten Abhängigkeit von Frankreich.

Was bräuchte es, um die Abhängigkeit von Frankreich zu verringern?

Dafür und auch, um eine gewisse Würde wiederzufinden, wäre es notwendig, die Landwirtschaft zu diversifizieren, wieder einen Willen zur eigenen Produktion zu entwickeln und, zumindest in kleinem Ausmaß, eine selbstversorgende Nahrungsmittelproduktion zu erreichen. Aber davon sind wir weit entfernt. Wann immer ein réunionesisches Produkt, wie zum Beispiel Orangen, gefördert werden soll, kommt es zum Preis-Dumping. Die Abhängigkeit von Frankreich ist erstickend und wiegt schwer. Die Art, wie Frankreich und die EU hier ihre Regelwerke und Standards anwenden, ist höchst problematisch, denn diese sind nur bedingt auf La Réunion anwendbar.

Könnten Sie uns ein Beispiel nennen?

Der Nationalpark [6] auf der Insel: Die Verwaltung kommt mit zahlreichen Standards und Auflagen daher – mit dem Resultat, dass sämtliche davor üblichen Praktiken verboten werden, weil man sie für gefährlich hält. Die Praxis, totes Holz im Wald zu schlagen, um damit Feuer zu machen, wird verboten. Doch die Menschen in Mafate [7] haben genau das immer gemacht, mit dem Ansinnen, damit den Wald zu reinigen und zu pflegen und das Wachstum der Bäume zu fördern. Oder ein Beispiel aus der Viehzucht: Die Ochsen auf die Weide zu bringen, hat immer auch dazu gedient, den Boden zu pflegen. Aber nun ist die Weidewirtschaft verboten. Auf diese Art und Weise treibt man Menschen in die Verarmung und unterbindet jahrhundertealte, bewährte Praktiken.

Was ist noch zum Verhältnis zwischen La Réunion und Frankreich zu sagen?

Frankreich nimmt sich heraus zu sagen: "Wir sind hier in Frankreich, in einer Region Frankreichs wie jeder anderen auch" – aber das ist falsch. La Réunion ist nicht irgendeine französische Region, die Insel ist historisch mit den Inseln rundherum eng verbunden. Administrativ gesehen sind wir vielleicht in Frankreich – geografisch gesehen jedoch nicht.

Zudem besitzt La Réunion eine ganz spezifische Geschichte: von der Sklaverei über den engagisme [8], den Kolonialismus und die départmentalisation bis hin zur décentralisation. Die Sklaverei wurde zwar 1848 abgeschafft, doch erst ab 1946 wurden gewisse soziale Rechte gewährt. Bis in die 1970er-Jahre gab es extrem arme Viertel, die man camps [Lager, Anm.] nannte. Dort folgte das Verhältnis zwischen den LandbesitzerInnen, den maitres [Meister, Herren, Anm.], und "ihren" ArbeiterInnen einer paternalistischen Ordnung – die Denk- und Verhaltensweisen blieben sehr traditionell und stark in der Sklaverei und im engagisme verhaftet.

Bis heute gibt es eine Kasten-Gesellschaft mit hierarchischen Verhältnissen zwischen den Weißen und den Schwarzen oder später den zoreilles [9] und den Kaf [10] – wobei Letztere einen speziellen Status haben und immer zu den benachteiligten Schichten gehören. Auf der anderen Seite halten die gros blancs [11] als ImporteurInnen die Zügel der Wirtschaft in der Hand. Die qualifizierten Posten sind immer von den Weißen besetzt, seien es zoreilles oder die Weißen von hier. Auf einem derartigen Posten wird man nie eine/n Schwarze/n finden. Sie werden verstehen, dass aus dieser Situation heraus notwendigerweise eine Animosität entsteht – oder wie ich es lieber ausdrücke: eine symbolische Gewalt.

Wir beide arbeiten als Sprachassistentinnen an verschiedenen Schulen. Ein sehr großer Teil unserer LehrerkollegInnen kommt aus der métropole [12] ...

Das Problem ist: Die LehrerInnen aus der métropole bringen den RéunionesInnen die Kultur und die Normen von dort, von Kontinental-Frankreich, bei. Wie sollen die SchülerInnen da etwas lernen?

Ist Rasine Kaf auch in Schulen tätig?

Ja. Die LehrerInnen können die Geschichte La Réunions optional durchnehmen. Es gibt LehrerInnen, die die Geschichte der Sklaverei ansprechen, aber es existiert kein wirkliches Unterrichtsprogramm dafür. Und es gibt nach wie vor große Widerstände.

Wir von Rasine Kaf bieten seit 2004 für SchülerInnen aller Schulstufen eine Workshop-Reihe an. Die Reihe besteht aus vier Workshops, einem kulinarischen, einem über Musik und traditionelle Sportarten, einem über traditionelle Erzählungen und einem über Geschichte. So führen wir die SchülerInnen auf spielerische Weise durch die Geschichte und sagen ihnen: "Das ist es, was euch eure Vorfahren, die SklavInnen und engagés waren und aus Indien und von überall her kamen, mitgenommen und hinterlassen haben." Und sofort ist die Klasse animiert, weil die SchülerInnen ein Bedürfnis haben, sich neu zu verwurzeln.

Bleiben wir bei der Geschichte La Réunions: In welcher Form ist die Geschichte des Kolonialismus, der Sklaverei und des engagisme auf der Insel präsent?

In den 1980ern erklärte der französische Präsident Mitterand – oder sagen wir: die Linke – den 20. Dezember [13] zu einem arbeitsfreien Tag. Nicht zu einem Feiertag, wohlgemerkt. Als wir Rasine Kaf am 20. Dezember 1998 gründeten, sagten wir uns, dass dieses Datum ein Moment des Erinnerns sein muss und nicht bloß ein folkloristischer – in diese Richtung ging nämlich die Entwicklung der Feiern zum 20. Dezember. Wir sagten uns auch: Sarda Garriga [14] war ein Abgesandter und hatte lediglich eine administrative Rolle – tatsächlich haben die SklavInnen selbst zu ihrer eigenen Befreiung beigetragen, mit ihren Aufständen und Protesten. Damals aber war die Geschichte der SklavInnen immer noch Tabu. Sobald man darüber sprach, rührte man an der Vergangenheit, war man arrieriste [vergangenheitsfixiert, Anm.].

Wir von Rasine Kaf begannen auch zu sagen: "Am journée du patrimoine [15] zeigt ihr immer das Gleiche, die Kolonialbauten, aber ihr sagt niemals, dass diese Bauten von SklavInnen oder engagés gebaut wurden. Ihr zeigt niemals die Geschichte, die mit der Sklaverei verbunden ist, aber diese Geschichte ist da!" Dieses Erbe würde es verdienen, in Museen der Sklaverei, des engagisme und der marronage [Flucht aus der Sklaverei, Anm.] ausgestellt zu werden. Und auf den Straßen, haben Sie da jemals die Namen von SklavInnen gesehen? Hier gibt es ein großes Missverhältnis. Es gibt eine Menge von Straßennamen, die mit der Geschichte der SklavenhalterInnen verknüpft sind, aber praktisch keine, die mit der Geschichte der SklavInnen, der marrons [16] oder engagés zu tun haben.

Was wir also fordern ist, dass dieses Erbe anerkannt, gewahrt und gepflegt wird. Tatsächlich war das kulturelle Erbe auf La Réunion über lange Zeit hinweg das kulturelle Erbe Frankreichs. Man befand sich in einer unglaublichen Nachahmung, die Gesellschaft basierte auf Nachahmung! Aber die Leugnung der Geschichte verhindert, dass die RéunionesInnen sich emanzipieren und die Entfremdung, die mentale Sklaverei hinter sich lassen.

Welche Rolle spielt eine feministische Perspektive in Ihrer Arbeit?

Wir von Rasine Kaf müssen die Rolle der Frauen in der Geschichte nicht neu erfinden. Es gab zum Beispiel beim Sklavenaufstand von Saint-Leu im Jahr 1811 viele Frauen. Frauen und marronnes waren im Widerstand immer vertreten. Historisch gesehen muss man wissen, dass der sogenannte code noir [17] präzise festlegte, dass der Status des Kindes dem Status der Mutter folgte, die Sklaverei also den Vater bzw. überhaupt Familienstrukturen nicht anerkannte. Wenn die Mutter Sklavin war, war ihr Kind Sklave, wenn die Mutter frei war, war auch ihr Kind frei. Obwohl es sehr schwierig war, familiäre Strukturen zu konstituieren, wie der réunionesische Historiker Gilles Gerard erläutert, hat die "familiäre Strategie" immer auch als Widerstandsstrategie funktioniert. Dabei spielten die Frauen eine große Rolle. Wenn etwa eine Frau freigelassen wurde, war oft das erste, was sie tat, ihre Familie freizulassen, ihre Kinder und dann ihren Gefährten.

Was mich persönlich betrifft: Als ich 1978 von Frankreich, wo gerade der Feminismus boomte, nach La Réunion zurückkehrte, betrachtete man mich nicht mehr als richtige Réunionesin. Das ist bis heute so. Man sagt mir: "Sie sind von den Antillen oder aus Afrika", weil ich nicht wie eine typische Réunionesin auftrete.

Stimmt es, dass die Rate an häuslicher Gewalt auf der Insel sehr hoch ist?

Ja, und wiederum muss man sagen, dass alle Arten von Gewalt, die eheliche und die gesellschaftliche, in Verbindung mit der Geschichte zu sehen sind und damit, dass man sich mit den Traumata der Vergangenheit nicht beschäftigt hat. Man hat die Traumata der Shoah identifiziert, es wurde sogar über Entschädigung gesprochen, aber wie Sie wissen, wurden die SklavInnen niemals in irgendeiner Weise entschädigt. Es waren ihre BesitzerInnen, die entschädigt wurden. Hier geht es nicht darum, finanzielle Entschädigungszahlungen zu verlangen, sondern darum, die Traumata aus dieser Zeit und ihre aktuellen Reproduktionen zu identifizieren.

Wie sieht es aus mit dem Kreolischen [18], mit dem Recht auf die eigene Sprache?

Es gibt immer noch ein Tabu in Bezug auf die Sprache. An dem Tag, an dem ein Kind sich in der Schule auf Kreolisch äußert, bricht man es, indem man sagt: "Nein, so spricht man nicht. Die Sklaverei wurde zu einem Verbrechen gegen die Menschheit erklärt, aber auf gewisse Art geht das Verbrechen weiter, wenn man einem kleinen Kind die Möglichkeiten nimmt, seine Ausdrucksfähigkeit zu entwickeln. Ja, es wird Französisch sprechen, aber es ist ein français mascotte [Maskottchen-Französisch, Anm.], wie man hier sagt. Andererseits sieht man, dass Kinder, die die Option Kreolisch wählen, sich Französisch schneller aneignen, dass ihr Geist sich öffnet, dass es ihnen gelingt, ihre Lernblockaden zu lösen, und zwar auch in anderen Fächern.

Eine letzte Frage: Können Sie sich eine gesellschaftliche Realität auf La Réunion vorstellen, in der die Arbeit von Rasine Kaf nicht mehr notwendig ist?

Nicht im Moment, leider. Mit unserem Kampf stecken wir noch in den Kinderschuhen, aber es gibt Fortschritte. Dass Maloya [19] von der UNESCO als Weltkulturerbe und La Réunion als Weltnaturerbe anerkannt wurde, ist wichtig. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite gibt es die Wälder, die brennen. [20] Das Weltnaturerbe löst sich in Rauch auf. Es gibt die Jugend, die eigentlich eine Ressource wäre. Aber sie ist komplett untätig, sie verbrennt ihre Viertel, ihre Autos, ihre Geschäfte, alles.

Unser Kampf ist ein langfristiger. Er ist trotz allem sehr jung, die Möglichkeit, ihn offen zu führen, gibt es erst seit dreißig Jahren, davor wurde er systematisch unterdrückt. Man muss wissen, dass bis in die 1970er- und 1980er-Jahre die Polizei aufkreuzte, wenn Maloya gespielt wurde, dann mussten die MusikerInnen ihre Instrumente wieder einpacken und gehen. Schauen Sie, dreißig Jahre minus 1664 – das ergibt drei Jahrhunderte, die man "umrühren" muss. Unsere Vorfahren haben für uns gekämpft und uns ihre Stärke übertragen. Und ich bin bereit, diesen Kampf mein ganzes Leben lang fortzusetzen, weil ich es für die künftigen Generationen tue.


Interview: Eva Posch, Isabelle Fathimani

Fußnoten

[1] Rasine Kaf ist ein Vereinassociation, type loi 1901)
möchte die Geschichte der kafs – insbesondere jene der Sklaverei und Herkunft – sichtbar machen und ihre aktuelle Präsenz fördern. Der Name "Rasine Kaf" bedeutet so viel wie "Kaf-Wurzel", also "Afrikanische-" bzw. "Schwarze Wurzel". Der Leitsatz des Vereins, "Fièr léritaz nout zansèt, nou vé fé sort ali dann fénoir" (auf Kreol-Réunionais), bedeutet so viel wie "Stolz auf das Erbe unserer Vorfahren streben wir nach dessen Rehabilitierung".

[2] Die ersten SklavInnen kamen aus Madgaskar, später auch aus Guinea, Senegal und allen Ländern der ostafrikanischen Küste.

[3] Malbar ist ein kreol-réunionesischer Ausdruck für die Nachfahren der zumeist von Indien nach La Réunion gebrachten engagés.

[4] Mitte Februar 2012 kam es in diversen Orten La Réunions (u.a. Le Chaudron, Le Port, St Pierre) zu Ausschreitungen (emeutes), bei denen Tränengas eingesetzt wurde, Molotow-Cocktails flogen und Geschäfte, Autos und Sozialzentren in Brand gesetzt wurden. http://news.orf.at/stories/2106756/Unruhen auf französischer Insel La Réunion

[5] Der Korrektionsindex (indice de correction) erhöht seit den 1950er-Jahren die Gehälter der fonctionnaires (BeamtInnen) auf La Réunion um ca. fünfzig Prozent gegenüber den Gehältern in Kontinentalfrankreich. Vgl. http://infos.emploipublic.fr/2010/10/21/pourcentage-ou-coefficients-des-remunerations-majorees

[6] Ein großer Teil des vulkanisch-gebirgigen Hinterlands der Insel wurde 2005 zum Nationalpark ("Parc national de La Réunion" oder "Parc national des hauts") und 2010 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Vgl. www.reunion-parcnational.fr

[7] Der "Cirque de Mafate" ist einer der drei vulkanisch entstandenen Bergkessel der Insel. In diesem Cirque gibt es keine Straßen und keine motorisierten Transportmittel, die Versorgung erfolgt per Hubschrauber. Totholz zum Feuermachen zu sammeln, bedeutet auch, bei der Anschaffung der schweren und teuren Gasflaschen zu sparen.

[8] Im Rahmen des engagisme holte man ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts, insbesondere nach der Abschaffung der Sklaverei, engagés (VertragsarbeiterInnen) auf die Insel (insbesondere aus Indien), um die Arbeit auf den Plantagen zu verrichten. Diese lebten unter sklavenähnlichen Bedingungen und weitgehend rechtlos. www.historun.com/run/Histoire/index.asp?detail_frise_periode=0

[9] Zoreille oder zorey, kréol-réunionesischer Begriff für auf La Réunion lebende Menschen und TouristInnen aus Kontinentalfrankreich.

[10] Kaf/Kafrine oder cafre, steht im Kréol-Réunionesischen für RéunionesInnen afrikanischer Herkunft, deren Familiengeschichte auf die Zeit der Sklaverei zurückgeht. Ghislaine Bessière meinte auf die Frage nach der Bedeutung und Konnotation dieses Begriffs: "Kaf bedeutet auf La Réunion 'Schwarze/r', wie das Wort nègre auf den Antillen oder Black in Amerika. Die Kafs sind eine Community, eine 'kulturelle Komponente' der Gesellschaft La Réunions, wie zum Beispiel die zoreys oder die Malbars. Der Ausdruck hat eine negative Konnotation, insofern als der Kaf derjenige ist, der mehrheitlich am Ende der sozialen Hierarchie verbleibt. Aber er wird auch gebraucht, um ein Baby, auch ein weißes ("mein kleiner Kaf") zu bezeichnen, die Liebste ("mon Kafrine") oder den Liebsten ("mon Kaf"). Es ist also ein ambivalenter Ausdruck, wir von Rasine Kaf verwenden ihn im Sinne von Schwarze/r."

[11] Les gros blancs (wortwörtlich "große Weiße") bezeichnet im Kreol-Réunionesischen kontinentalfranzösische GroßgrundbesitzerInnen zur Zeit des Kolonialismus.

[12] La métropole, offizielle wie auch umgangssprachliche Bezeichnung für Kontinental-Frankreich.

[13] Am 20. Dezember 1848 wurde vom Generalkommissar Sarda Garriga auf La Réunion das Pariser Dekret über die Abschaffung der Sklaverei verkündet: 60.000 SklavInnen wurden damit zu freien BürgerInnen.

[14] Ein Aspekt der sogenannten folklorisation ist, dass die Abschaffung der Sklaverei zunehmend "personalisiert" und auf das Wirken Sarda Garrigas als "Sklavenbefreier" reduziert wurde.

[15] Am 15./16. September wird in Frankreich la journée du patrimoine begangen, bei dem zahlreiche historische Bauten und Museen frei zugänglich sind. www.journeesdupatrimoine.culture.fr

[16] Marrons, marronnes: SklavInnen, die von den Plantagen flüchteten.

[17] Der code noir wurde 1724 auch auf La Réunion eingeführt und regelte die Praxis der Sklaverei. www.mi-aime-a-ou.com/histoire_code_noir.php

[18] Créole Réunionnais, die Erstsprache eines Großteils der RéunionesInnen, ist eine französisch basierte Kreolsprache und wurde im Jahr 2000 offiziell als "Regionalsprache" anerkannt. Manche Schulen bieten optional Créole Réunionnais als Unterrichtsfach an.

[19] Maloya ist ein Musik-, Gesangs- und Tanzstil, der von den SklavInnen auf den Plantagen Réunions entwickelt und 2009 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

[20] Ende Oktober 2011 brannten über geraume Zeit große Teile des Waldes im Nationalpark La Réunion (Maïdo, La Grande Chaloupe). Auch 2010 gab es vergleichbare Waldbrände in der Region. www.reunion-parcnational.fr/Incendies-2011-Maido-et-Grande.html

Literatur

Carsten Wergin: Kréol Blouz. Musikalische Inszenierungen von Identität und Kultur. Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2010.