würdevoll oder integrationsverweigerns-wert

Ob Innen- oder Außenministerium, Integrations- oder Bildungsbeauftragte, für alle in Sachen Migration und Asyl verantwortlichen Instanzen lautet das Zauberwort heute: EUROPÄISCHE WERTE.

Während mit der wachsenden Gleichgültigkeit und Normalisierung gegenüber den Tragödien im Mittelmeer und den andauernden Kriegszuständen weltweit die Menschenrechte komplett abzurutschen drohen, weichen ethische Gesichtspunkte zunehmend einer Untermauerung vermeintlicher Werte, die als "unsere" propagiert werden. "In der Tat ist der barbarische Begriff, der aus der Finanzwirtschaft stammt, erst nach 1850 in die Philosophie und erst in den 20er Jahren in die Trivialsprache eingedrungen", schreibt Günther Anders zum Begriff "Werte". (Anders 1982: 131)

Die vielleicht gravierendste Grenzziehung vollzieht sich hier auf der zwischenmenschlichen Ebene durch ein Othering[1], der unmissverständlichen Hervorhebung eines von "Euch" klar abgrenzenden "Wir". Eine wertende Unterscheidung, die keine Zweifel über die vorgefundene Machtbeziehung offen lässt. So viel zum ersten Eindruck.

Um wessen Werte es jedoch genau geht, wenn ganz selbstverständlich von "unseren" Werten die Rede ist, lässt auf den zweiten Blick eine bewusst verzerrte Darstellung vermuten. Eine, die dazu einlädt, sich einem Wir - ob nun real oder gefaked - möglichst unhinterfragt anzuschließen.
Wodurch genau fühlt sich jemand dazugehörig? Womit wird sich in diesem Fall positiv identifiziert? Und inwieweit ergibt sich dieses "Wir" auch automatisch aus einem "Nicht-Wir"? Wie viele Mehrheitsösterreicher_innen können diese gemeinsamen Werte überhaupt genau benennen? Wie viele haben bei der Wertedekretierung mitgesprochen, geschweige denn unterschrieben oder wären dazu bereit? Es scheint jedenfalls zu funktionieren. Und was nicht ist, kann man ja noch sozial kitten.

Der Diskurs ist nicht neu und bleibt nicht bei bloßen Worten stehen. Er nimmt allerhand konkrete Formen an. Nach Verhaltenskodizes wie der "Wertefibel" oder der Lernunterlage "Mein Leben in Österreich - Chancen und Regeln" (Österreichischer Integrationsfonds ÖIF Online 2017), die selbstredend allein Geflüchtete und Asylwerber_innen adressieren, fielen Mitte Oktober 2017, in wessen Namen dann auch immer, die Werteorientierungskurse vom ÖIF-Himmel. Dieser Gesetzesänderung nach müssen Menschen aus Nicht-EU-Staaten innerhalb von zwei Jahren eine Integrationsprüfung absolvieren, in der sowohl die Sprach- als auch Wertekenntnisse abgeprüft werden. Deutschlehrer_innen haben von nun an in ihren Kursen also nicht nur die Sprache, sondern auch sämtliche Werte dieses Katalogs zu vermitteln. Das erfolgreiche Bestehen der Prüfung wird somit zu einer weiteren Voraussetzung für einen bewilligten Aufenthalt in Österreich.

Wie ist diese Maßnahme zu verstehen?
Viele Zugezogene versprachen sich von sogenannten "westlichen Werten" auch Rechte und Freiheiten. Ob jedoch in dieser Erwartung oder nicht: Wäre nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass Menschen, die ein ihnen fremdes Territorium betreten, aus eigenen Stücken etwas über die Formen des Zusammenlebens und ihrer Organisation erfahren und mit der dort lebenden Bevölkerung in Kontakt treten möchten? Solche Einblicke auch in rechtliche Grundlagen des Zusammenlebens und der Systeme bieten doch aber die meisten Deutschkurse ohnehin bereits an. Darüber hinaus ist eine Vermittlung bestimmter Wissensbestände wie "kulturelle Orientierung" wohl am ehesten in einer freundlichen, alltäglichen Umgebung gewährleistet. Es sollte also keine prädefinierte, unidirektionale Sache bleiben, die allein einer Bildungsinstanz zukommt, sondern eine Gelegenheit sein, um in einen Dialog zu kommen. Dabei entsteht die Möglichkeit, Situationen eines kulturellen und religiösen Otherings zu erkunden, zu benennen und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, um darauf zu reagieren. Denn Kultur und die ihr zugeschriebenen Werte sind kein Fertigprodukt, sondern ein offen und gestaltbar bleibender Prozess des Kulturschaffens.
Darauf machte Piet van Avermaet im März 2016 anlässlich eines Europaratssymposiums in Strasbourg aufmerksam. Bezüglich des Erwerbs der Landessprache meinte er: "Sprache ist keine Vorbedingung für Integration, sondern ihr Ergebnis." [2](Fritz 2016) Das lässt sich ebenso vom Kennenlernen unterschiedlichster Umgangsweisen und Gewohnheiten behaupten. Dass mit der angestrebten "Integration" ein wechselseitiger, gleichberechtigter und heterarchischer Prozess gemeint ist, der nicht auf Kosten der Integrität von Minderheiten geht, sei hier einfach mal unterstellt.

Eine Integrationspolitik, die den Verdacht nahelegt, die Menschen würden sich nicht freiwillig mit solchen Themen befassen und darum von vornherein Lernmotivation mit Sanktionsandrohungen sicherzustellen glaubt und in der Erfahrung der geflüchteten Menschen häufig für Anerkennungsdefizite sorgt, führt möglicherweise zum genauen Gegenteil dessen, was man als Absicht vermuten würde. Eine misstrauische und belehrende Haltung eines zivilisierten "Wir", das sich anmaßt, ausgelernt zu haben und dem/der Fremden, in einer impliziten Zuschreibung zivilisatorischer Rückständigkeit, demokratische Werte oder ethische Grundlagen abspricht, geht nicht gerade mit einem gelebten Beispiel voran, an das sich jemand gerne anschließen würde. Es macht die ganze Situation mit einem Wort integrationsverweigerns-wert.

Im Rahmen der Flüchtlingspolitik vorgenommene finanzielle Kürzungen zogen auch wirtschaftlich benachteiligte Mehrheitsösterreicher_innen bzw. Europäer_innen in Mitleidenschaft. Sie sind ein Teil der Bevölkerungsgruppe, die sich mit wachsender Tendenz zu einem scheinbaren Diskurskonsens bekennt. Ganz so, als repräsentierten diese hochgelobten Werte tatsächlich eine Gesamtheit oder gar eine "Wir-Gemeinschaft". Um dieser Desinformation entgegenzuwirken, ist es umso wichtiger zu signalisieren, dass u.a. die Einflussnahme des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) auf die Inhalte der Deutschkurse nicht ohne Einspruch einhergehen.
Auf einer Infoveranstaltung des ÖIF zur konkreten Abwicklung der Wertevermittlung im Sprachunterricht reagierten Lehrende für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache (DaF/DaZ) mit unerwünschten kritischen Zwischenfragen sowie Stellungnahmen wie: "Ich bin Deutschlehrerin und keine Wertepolizistin" und "Wenn wir unsere Werte wissen wollen, gehen wir ins Labor". (Kurier Online 2017)

Durch diese Zwangsverordnung wird nicht zuletzt auch die Arbeit von Lehrer_innen sabotiert, die intensiv um eine kritische, selbstkritische und reflektierte Haltung den Kursteilnehmer_innen gegenüber bemüht sind und sich selbst als Lernende und Verlernende begreifen. Dass kolonialistische Legitimationsdiskurse, wie die diskreditierten Regeln und Lebensweisen des sogenannten islamischen Raums, nicht unhinterfragt bleiben, wird u.a. in Projekten von maiz und das kollektiv in Form von Werte- und Wanderausstellungen sichtbar.

Mit Sichtbarkeit allein ist es aber nicht getan. Es ist immer auch die Bereitschaft der Mehrheitsgesellschaft gefragt, hinzusehen und zuzuhören. Die Anforderungen der Migrationsgesellschaft betreffen alle. Nicht so, dass es nicht ohne die Einsicht einer hegemonialen Mehrheit ginge, um die sich die Minderheit bemühen müsse. Es ist eher ein an die Nicht-Migrant_innen gerichteter Vorschlag, sich adressiert zu fühlen, sich Selbstreflexion zur Aufgabe zu machen, die eigene "Leitkultur" zu thematisieren, sich z.B. zu fragen oder zu beobachten, wie auf die vermeintlich "Fremden" zugegangen, mit welchen wiederkehrenden Fragen ihnen begegnet wird, wie Vertrauen wachsen kann, welche Konstruktionen sich im eigenen Kopf einnisten … Ein Ansatz wäre es, sensibel zu sein im Bemühen, Zugehörigkeit und Anerkennung zu signalisieren, vielleicht zu fragen, in welcher Weise sich echte Solidarität bekunden würde, oder auch Strukturen offenzulegen, in denen Staat und die Politik versagen: wenn beispielsweise staatliche, zentrale Aufgaben systematisch auf Ehrenamtliche abgewälzt werden, was nicht selten zu untragbaren Situationen führt.

Es kann auch bedeuten, sich das Bildungssystem und den Rahmen der Reproduktion einer Arbeitsteilung vor Augen zu führen, in der Migrant_innen und Geflüchtete, aber auch viele Mehrheitsösterreicher_innen die paradoxe Rolle übernehmen, sich auf formelle und informelle Arbeitsbedingungen einzulassen.

Es bedarf der Gegenentwürfe zu einer neoliberalen Wertegesellschaft, die Menschen rein nach ihrer Verwertbarkeit und Zugezogene nach ihrer Integrationsleistung bemisst. "Denn ebenso gehört es zum Totalitarismus [...], dass er versucht, den zu verwertenden Menschen auf dasjenige festzulegen und zu 'beschränken', was an ihm verwertbar ist; dessen Totalität zu zerstören; denjenigen Menschteil, der evidentermaßen in der Leistung nicht aufgeht, ihm aber trotzdem anhängt, zu entkräften." (Anders 1981: 84)

Wie die sogenannte "Flüchtlingskrise" intern die Funktion erfüllt, auf dominante Weise das Bild der Kategorie Flüchtling zu normieren und nach außen dasselbe "Event" als abweichend von der Normalität zum Ausnahmezustand erklärt, um eine beschützende vertikale Politikform seitens des Staates zu etablieren (Rajaram 2015), so sehen wir uns auch angesichts eines allgegenwärtigen Wertediskurses einer Mauer gegenüber. Im Namen der kapitalistisch kalkulierenden Wertelogik behauptet sie nicht nur die EU-Todesaußengrenze, sondern entscheidet in Form einer die zivilisierten Europäer_innen umgebenden Wertegrenze über das Leben derjenigen, die bereits hier sind nach der Formel: Wer sich nicht assimilieren will/lässt, muss gehen. Wer sich nicht integrationsfähig oder -willig gibt, hat mit Sanktionen zu rechnen.

Werte können nicht aufgezwungen werden. Sie können am Beispiel gezeigt werden und ansteckend wirken. "Verantwortung", so Hannah Arendt, "heißt im Wesentlichen: wissen, dass man ein Beispiel setzt, dass Andere 'folgen' werden; in dieser Weise ändert man die Welt." ( Heuer et al. 2011: 326)



Fußnoten

[1] Der Begriff Othering meint hier, dass sogenannte "Andere" durch bestimmte Wissensproduktionspraxen konstruiert werden, wodurch die koloniale Herrschaftsbildung legitimiert wird. http://www.maiz.at/sites/default/files/images/deutsch-als-zweitsprache_w...
[2] Originalzitat im Englischen: Language is not a prerequisite for integration but a result.

Literatur

Anders, Günther (1981): Die atomare Drohung. Radikale Überlegungen. Fünfte, durch ein Vorwort erweiterte Auflage von Endzeit und Zeitenende. München: C. H. Beck.

Anders, Günther (1982): Ketzereien. C.H. Beck Verlag. München.

Fritz, Thomas (2016): Vom Wert der Wertekurse und der Haltung der Erwachsenenbildung, unter: https://erwachsenenbildung.at/aktuell/nachrichten_details.php?nid=9974, 24.11.2017.

Heuer, Wolfgang/Heiter, Bernd/Rosenmüller, Stefanie (Hg.) (2011): Arendt-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Denktagebuch, Kap. IV39. Stuttgart: J. B. Metzler.

Kurier Online vom 26.10.2017: Deutschlehrer protestieren gegen Wertekurse des Integrationsfonds, unter: https://kurier.at/chronik/wien/deutschlehrer-protestieren-gegen-wertekur..., 24.11.2017; Nochrichten Online vom 20.10.2017: "Wenn wir unsere Werte wissen wollen gehen wir ins Labor!", unter: http://nochrichten.net/?p=2315,24.11.2017.

maiz (2014): [d_a_] Deutsch als Zweitsprache. ORT: Eigenverlag.

Österreichischer Integrationsfonds (o.J.): Werte- und Orientierungskurse, unter: https://www.integrationsfonds.at/kurse/werte-und-orientierungskurse/wert..., 24.11.2017.

Rajaram, Prem Kumar (2015): Beyond crisis: Rethinking the population movements at Europe's border, unter: http://www.focaalblog.com/2015/10/19/prem-kumar-rajaram-beyond-crisis/#s..., 24.11.2017.