Und es kamen Menschen

Imran Ayata und Bülent Kullukcu durchforsteten jahrelang Archive nach der Musik der "Gastarbeiter_innen" in Deutschland. Eine Auswahl dieser Lieder präsentiert die Kompilation "Songs of Gastarbeiter" - eine Mischung aus subtilem Aufruhr, sarkastischem Humor und berührender Sehnsucht.

"Es wurden Arbeiter gerufen, doch es kamen Menschen an" - mit diesen Worten beschreibt der türkische Musiker Cem Karaca die Situation, als er in Deutschland ankam. Allein an der Effizienz der neuen Mitbürger_innen war man interessiert, nicht aber an ihren Bedürfnissen oder Interessen. Doch wo Menschen sind, ist Kultur nicht weit. "Gastarbeiter_innen-Musik" entstand abseits des deutschen Mainstreams.

Diese Musik hörten auch die Eltern von Imran Ayata, Mitbegründer von Kanak Attak und Autor in Berlin, und Bülent Kullukcu, Künstler und Kurator in München, ständig. Das Festival "Almanci! 50 Jahre Scheinehe" im Berliner Theater Ballhaus Naunynstraße, in dem Ayata und Kullukcu 2011 fünf Jahrzehnte Einwanderung nach Deutschland musikalisch auf die Bühne brachten, war der Ausgangspunkt für das Projekt "Songs of Gastarbeiter": "Nach diesem Gig entstand die Idee, der Leidenschaft für diese Musik mehr Raum zu geben. Ein Ergebnis dessen ist die CD", erzählt Ayata im Gespräch mit migrazine.at.



Ayata und Kullukcu betätigten sich als Archäologen: Sie wühlten in Archiven, privaten Platten- und Kassettensammlungen und dem Internet, auf der Suche nach den Soundschätzen der Vergangenheit. Hervorgeholt haben sie über hundert Lieder, die von der ersten und zweiten Generation der Gastarbeiter_innen komponiert wurden. Eine Auswahl dieser Lieder made in Almanya findet sich auf der Kompilation "Songs of Gastarbeiter Vol. 1", die auf dem Trikont-Label erschienen ist.

Migrationsgeschichte hören

"Songs of Gastarbeiter" ist vieles: historische Musiksammlung, authentisches Zeitzeugnis, Ergebnis eines multikulturellen Austausches. Vor allem aber ist die Kompilation eine Hommage auf die erste Generation von Gastarbeiter_innen in Deutschland - und macht damit auch ein Stück unsichtbar gemachter Geschichte wieder sichtbar.

Entdeckt haben sie die Lieder der Gastarbeiter_innen durch ihre Eltern, aber auch durch Eigeninitiative. Grundsätzlich erwies sich die Materialsuche, so Ayata, als äußerst schwierig. "Es gibt ja kein Archiv für diese Geschichte. Dafür gibt es weder Interesse noch Neugierde. Zwar hat es immer wieder Projekte - auch verschiedene politische - zur Archivierung der Migration gegeben. Trotzdem ist sie einfach nicht präsent, weil sie von der Mehrheitsgesellschaft ignoriert wird."

"Ich türkisch Mann"

Der Sampler featuret 16 Tracks, teils auf Deutsch, teils auf Türkisch und mit sehr viel Rotation in sprachlichen Grauzonen. Auch die Biografien der Musiker_innen, ihre musikalischen Stile und die Inhalte ihrer Songs erweisen sich als höchst unterschiedlich: Viele handeln von Sehnsucht und Trennungsschmerz (zum Beispiel Mahmut Erdal, Gülcan Opel, Zehra Sabah) oder deklarieren Almanya zur "bitteren Heimat", wie Selda in ihrer Coverversion des Ruhi-Su-Klassikers "Almanya Acı Vatan".

Wenig verwunderlich spielen auch die Arbeitsbedingungen im Betrieb und in der Fabrik eine prominente Rolle (etwa bei Aşık Metin Türköz, Gurbetçi Rıza): Während Cem Karaca in "Es kamen Menschen" den mechanischen, kalten Umgang mit den Gastarbeiter_innen thematisiert, schlägt Metin Türköz' Protestlied "Guten Morgen Mayistero" einen ironischen Ton an.



Türköz wurde als einer der ersten Sänger türkischer Volksmusik in Deutschland bekannt und veröffentlichte nicht weniger als 13 LPs und 72 Singles. 1962 kam der gelernte Schlosser nach Köln und arbeitete zunächst bei Ford. Es dauerte nicht lange, bis er seine Karriere in die musikalische Richtung lenkte und das neue Genre "Gurbet Türküleri" ("Türkische Lieder aus der Fremde") bediente.

Das provozierende Spiel mit Klischees beherrscht auch Yusuf auf seiner Single "Ich türkisch Mann". Bereits die erste Strophe lässt seine Rhetorik erahnen: "Ich türkisch Mann/Nix deutsch sprechen kann/Kümmel, Knoblauch, Paprika ess ich auch/Mir sagen Leute: 'Du nix Knoblauch heute!'" Was wie ein rassistisches Spottlied klingt, entpuppt sich als beißende Sozialkritik, begleitet von Pfeifen und Akustikgitarre, typischen Elementen von Protestsongs. Zudem thematisiert Yusuf den fehlenden Respekt seiner weiß-deutschen Arbeitskollegen für seinen Glauben und die ausbeuterischen Ansprüche, die ihm von der BRD gestellt wurden.

Die eigentliche Gemeinsamkeit der Künstler_innen sehen Ayata und Kullukcu darin, dass sie Wegbereiter_innen waren: Sie machten sich und ihren Alltag zum Thema, gaben sich nicht nur leidend, sondern auch kämpferisch und ironisch und waren scharfsinnige Beobachter_innen der deutschen Gesellschaft. Pioniergeist zeigten sie auch, indem sie neue Musikstile wie anatolischen Disko-Folk kreierten und sich im Crossover versuchten (wie zum Beispiel Ali Avaz) oder mit Sprechgesang experimentierten, lange bevor es deutsch-türkische Rapper_innen gab.



Nicht zuletzt waren sie auch Pionier_innen, weil sie den Sound des Arabesk in Deutschland einführten (wie Yüksel Özkasap) und virtuos mit dem Mix der Sprachen jonglierten (Aşık Metin Türköz, Aşık Divane, Cem Karaca) und der deutschen Sprache einen eigenen Ton verliehen (etwa Ozan Ata Canani).

Empowerndes Vermächtnis der "Gastarbeiter_innenkultur "

"Songs of Gastarbeiter" legt nicht nur eine neue Rezeption migrantischer Geschichte in Deutschland nahe, sondern eröffnet die Musik der ersten Gastarbeiter_innen auch deren Enkelkindern. "Nach unserer Veranstaltung ist eine junge Frau zu mir gekommen", erzählt Kullukcu, "sie meinte: "Ich hab mich erst, nachdem ich eure CD gehört hatte, mit meiner Migrationsgeschichte beschäftigt.' Ihre Oma lebt nicht mehr und kann ihr deshalb nichts mehr über ihre Identität als Gastarbeiterin erzählen. Die dritte Generation ist davon schon so abgeschottet und hat einen noch krasseren Konflikt in der Identitätsfindung, weil sie sich weder als deutsch noch als türkisch einordnen kann."

Das neue Identifikationspotenzial misst sich nicht zuletzt auch daran, dass die Nachkommen der Gastarbeiter_innen rassistische Klischees internalisiert haben und viele die Kultur ihrer Großeltern und Eltern mit den Augen der Mehrheitsgesellschaft als "uncool" betrachten. Umso empowernder ist es, diesen Teil der Identität in einem neuen Kontext zu entdecken.

"Uns war es aber auch wichtig, einige Dinge klarzustellen", sagt Ayata. "All diese türkischen Kabarettleute, die im Fernsehen gefeiert werden, sind nicht vom Himmel gefallen. Es gibt eine Vorgeschichte. Man tut oft so, als seien die erfolgreichen Migranten, die in die Vitrine gestellt werden, Teil der zweiten Generation. Die werden ganz schnell eingemeindet, weil sie erfolgreich sind. Für Bülent und mich ist es aber wichtig zu betonen, dass es immer Leute vor uns gab, die Pionierarbeit geleistet haben. Es ist im Filmbereich genauso wie in der Literatur und der Musik, deshalb ist die Vielfalt auf dem Album so wichtig."


"Songs of Gastarbeiter" ist bei Trikont auf CD und Vinyl erschienen.


Beitrag aus migrazine.at, Ausgabe 2014/1.



Links

In den Sampler reingehört werden kann hier.
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