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Tierisch. Über symbiotische Beziehungen und Überlebensstrategien

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von Ivana Marjanović
Interview mit Ina Hsu
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Drei Tiger und die Mandschurenkraniche, 2014, Öl und Acryl,Courtesy LAND TIROL
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New Habitat, 2019, Öl auf Molino, Courtesy the artist.
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Ina Hsu, Courtesy the artist
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Courtesy the artist
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Ivana: Was bedeutet für dich genau „Tierisch“?

Ina: Es ist unglaublich wie viele Tiere, von unterschiedlichen Arten durch verbindende Interaktionen eine ausgeklügelte Symbiose bilden. Das bewegt und fasziniert mich so sehr, dass ich der/dem tierische(n) HeldIn/ProtagonistIn Raum gebe und sie als Vorbild für die/den BetrachterIn fungieren lasse.

Ivana: Seit wann sind wilde Tiere das Hauptmotiv in deinen Kunstwerken und wieso? Wie wählst du die Tiere aus?

Ina: Ich denke der Ursprung ist meine Erfahrung, dass ich als Kind mit meinem Hund Guggi aufwachsen durfte. Das Umsorgen und Kümmern, das Teilen, Spielen, das gemeinsame Wachsen und Lernen und das Reden ohne zu reden. Mein treuer Begleiter und Beschützer. Dies alles hat mich sehr geprägt und machte mich achtsamer, fokussierter für die Aufnahme von Reizen aus der Natur und ihre wundersamen Mitbewohner. In den Bann gezogen, sog ich alle Geschichten auf, so zogen die Wildtiere bald in meine Arbeiten ein. Dort treffen meine tierischen HeldInnen auf allerhand unterschiedliche Artgenossen und erzählen gemeinsam eine neue Geschichte. Ich möchte auf die schönen, scheuen und schlauen Geschöpfe aufmerksam machen, ihnen meine Stimme leihen und das, was sie zu erzählen haben, mit euch teilen.

Ivana: Wir haben viel über symbiotische Beziehungen geredet als eine der Hauptthemen für deine Ausstellung in Kunstraum Innsbruck. Ironischerweise mussten wir die Ausstellung wegen des Corona Virus verschieben. Ich erinnere mich, in einem Gespräch hast du über Symbiose geredet, aber auch als eine bösartige Symbiose. Kannst du dieses Thema näher erläutern, bzw. wie du diese Beziehung in der Natur siehst und wie du sie künstlerisch bearbeitest?

Ina: Eine bösartige Symbiose beschreibt für mich das Ungleichgewicht, das wir Menschen hervorrufen durch Abholzung und Fragmentierung. Die Qualität der Habitate geht verloren, viele Arten sterben so aus und manch überlebenstalentierte Bewohner des Waldes rücken immer näher an die Stadt heran. Bei einer Symbiose ist die Sinnhaftigkeit, dass beide, die sich zusammentun, auch einen Vorteil und Nutzen davon haben. Das natürliche Ökosystem der Natur kann sich selber wieder ins Gleichgewicht balancieren. Dazu benötigt es Schutz, mehr Raum, Phasen der Ruhe, einen Prozess für die Erholung. Nun liegt es an unseren Bemühungen, sich als menschliches Tier für unser symbiotisches Wohlbefinden eine Regeneration anzustreben, die unser Planet so dringend braucht.

Meine tierischen und menschlichen ProtagonistInnen in meinen Arbeiten stellen alle Bemühungen an, Gleichgewicht zu wahren, Symbiosen wahrzunehmen, ein Zusammenspiel zu wagen. Sie sind mutig, obwohl manche Gefahren lauern.

IvanaDu bist in Tirol in eine taiwanesische Familie geboren, die nach Österreich migriert ist. Wie war es für dich hier aufzuwachsen als Mädchen und Frau, die aus einer asiatischen Familie kommt? Welche anti-rassistischen Strategien hast du gefunden und was hat dich ermächtigt?

Ina: Vor ein paar Jahren hätte ich diese Frage mit einer detaillierteren Leidensgeschichte beantwortet, jetzt, kann ich sagen: es war nicht einfach, das Aufwachsen in Tirol. Das Anderssein und wie manche Menschen reagierten prägte mich sehr: Zuflucht fand ich schon im Kindesalter bei meinen Haustieren und in der Natur. Als Kind und auch später in der Jugend wünschte ich mir, ich könnte mein Aussehen auch anpassen sowie ich es mit der Sprache und Kleidung tat. Alle Versuche von Haare blond färben bis blaue Linsen tragen endeten mit dem Ergebnis, dass ich feststellen musste, dass sich mein asiatisches Aussehen nicht verbergen lässt. Lange verschloss ich meine Augen auch gegenüber der Kultur meiner Eltern, ich wollte damit einfach nichts zu tun haben. Heute bin ich froh und weiß es zu schätzen in zwei Kulturen Einblick zu haben und ich bin immer noch am Entdecken, weil es noch so viel nachzuholen gibt.

Die Erfahrung hat mich nicht härter werden lassen, sondern ich bin immer noch die gleiche sensible Seele, eine Eigenschaft die mich befähigt, in andere Menschen und Tiere hineinzufühlen. Diese Eigenschaft von mir hielt ich lange für Schwäche, jetzt weiß ich, dass ich nur mit dieser Eigenschaft meine künstlerische Arbeit authentisch ausführen und meine Protagonisten (auch tierische) beseelen kann.

IvanaWie hat die taiwanesische und asiatische Kultur deine Kunst beeinflusst und  welche künstlerischen Impulse haben dich begeistert? 

Ina: Da das Interesse an der Kultur meiner Eltern und Vorfahren mich erst sehr spät heimsuchte, war der Einfluss eher unbewusst, durch die vielen asiatischen Bilder vermehrt Tusche- und Aquarellzeichnungen die überall an den Wänden hingen sowohl daheim in der Wohnung aber auch im China Restaurant meiner Eltern. Ich bin voll begeistert von den Arbeiten von Lang Shining (Guiseppe Castiglione), die beeinflussen mich sehr. Er war ein italienischer Künstler, der im 18. Jahrhundert über 50 Jahre in China unter drei Kaisern als Hofmaler tätig war. Auch in seinen Arbeiten sind westliche und asiatische Einflüsse bemerkbar. Oft wenn ich an einer malerischen Stelle anstehe, schaue ich mir gerne an wie er es in seinen Arbeiten gelöst hat.

Ivana: Wie wählst du die Tiere aus?

Ina: Die Auswahl meiner tierischen ProtagonistInnen hängt viel vom Prozessansatz ab, deren Thematik und den verschiedenen Reizen, die ich in meiner Umwelt wahrnehme. Das sind Einflüsse, die sich nicht planen lassen ... eine Tierdoku, ein Artikel, ein Bild lenkt meine Aufmerksamkeit, oder ein Blick in mein Paludarium weckt meine Neugierde um nach meinen neuen tierischen ProtagonistInnen zu recherchieren. Mein Zusammenleben mit meinen vier Hunden und das Beobachten, wie sie untereinander in Beziehung stehen, ist ein spannendes Feld und beweist wie sozial und „menschlich“ ein Hund gegenüber seinen Artgenossen sein kann.

Ivana: Deine Zukunftsvision für den Planeten Erde?

Ina: Die Antwort ist eher eine Frage. Wollen wir von anderen Menschen so behandelt werden, wie wir die Tiere behandeln? Zerstörung des Lebensraumes, Massentierhaltung sowie die generelle Missachtung und Respektlosigkeit der Natur und Tierwelt gegenüber – das ist wohl keine Welt, in der wir Leben wollen. Wir könnten viel von den Tieren lernen, mit denen wir uns den Planeten teilen. Vielleicht würden dann die Menschen mehr Demut, Verständnis und Respekt aufbringen.
 

Ivana Marjanovićist Redakteurin von Migrazine und Kuratorin und Leiterin im Kunstraum Innsbruck.
Ina HsuShian-Fong Hsu a.k.a. Ina Hsu wurde 1976 in Innsbruck in eine taiwanesische Familie hineingeboren. Sie lebt und arbeitet als Malerin, Illustratorin und Pädagogin in Kufstein und Innsbruck.