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Spinnenbeine der Vergangenheit

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von Melinka Karrer
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©Sandsackfotografie
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Sie trägt ihr schwarzes Haar weit offen. Ihre Lippen zittern, wenn sie in der Wohnung von links nach rechts rennt. Springt. Eilt. Stürmt und dabei keine Spuren hinterlässt. Manchmal fragen wir uns, ob sie uns überhaupt sieht. Ihr Rennen und Hasten nichtet die Außenwelt; glauben wir. Wir irren uns. Sie sieht alles und notiert auf ihren zitternden Lippen den Takt, den das Leben ihr diktiert. Sie trägt pinke Lippen zu ihrem schwarzen Haar. Ihr rundes Gesicht könnte Liebe ausstrahlen, tut es aber nicht. Wir stehen draußen und rufen ihren Namen, um sie zu ärgern. Die Älteste von uns zügelt unsere Kindlichkeit. Wir warten auf sie. Immer. Wir wissen nicht, was passiert, wenn wir hinausgehen und sie gerade noch hinter uns war. Wir wissen nicht, in welches tiefe Loch sie dann fällt. Sie folgt uns nie anschlusslos. Das Spiel funktioniert stets im selben Rhythmus: Sie scheucht uns auf, wir quälen uns aus unserer Trägheit, sie schreit uns an, wir lachen und gehen hinaus. In diesem Augenblick war sie noch hinter uns. Draußen ist sie dann nicht mehr da und wir fühlen uns, als ob wir den Wettkampf gewonnen hätten. Die Älteste sagt: Sie glaubt, unsere Mutter müsste in dieser Zeit mit Urgroßmutter sprechen, deswegen scheucht sie uns regelmäßig aus dem Haus. Wir nicken und rufen weiter ihren Namen. 

“Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt“ (Horkheimer & Adorno, 2020, 9). Aberglaube, Mythen, Phantasmen und Geister. Manchmal auch Gespenster, aber vor allem Spuk. Manchmal auch Hirngespinste, aber vor allem Zauber.

Wie hoch ist der Preis einer entzauberten Welt? Seit der kritischen Theorie wissen wir um die Gefahr einer kalkulierten Vernunft. Wir wissen und erleben bis heute die Folgen eines zweckgerichteten Denkens, dass ausschließlich einem Apparat zu dienen hat. Wenn die Ratio von der nackten Funktionalität erniedrigt wird – was sind wir dann? 

Ich möchte zurückblicken.

Ich möchte hineinstarren.

Ich möchte herausschreiben.

Was sie mir erzählen – die Geister und Gespenster.

Sie hatte gerade ihren letzten Schluck getrunken. Unter der Spüle versteckte sie ihren Zaubertrank. Vor uns Kindern und überhaupt vor allen. Sie hatte gerade den letzten Schluck getrunken, als es anfing zu beben. Erst klingelte das Geschirr, dann raunte es aus der Erde. Dieses tiefe Raunen war der Inbegriff einer Naturgewalt. Sie legte ihre Hand auf den Boden, um sie zu beruhigen. Sie war aufgewühlt. Die Erde. Wir lagen in unseren Betten. Die Kleinsten waren zu den Größeren geflohen. Sie schaute nach uns. Wir warfen uns die gewohnten Blicke zu und sie ging zurück zu ihrer Zeremonie. Wir glaubten seit jeher, dass unsere Mutter eine Hexe sei. Una bruja. Und darauf waren wir stolz. So lagen wir also eingeknotet in unseren Betten, während sie mit der Erde sprach. Ihre linke Hand berührte den Boden. Eigentlich hatten wir das Gefühl, der Boden berührte sie. Dieses Zwischen werden wir nie vergessen. Zwischen: der Erde und ihr. Dem Beben und ihrem Zittern. Dem Zaubertrank und ihrer Magie.

Ein Gespenst sucht Dich heim, heißt es. Heimsuchen, bedeutet, es kommt in Dein Heim, in das vermeintlich Eigene. Ein Gespenst geht herum, heißt es. Es geht zwischen den Zeilen und zwischen den Zeiten umher. Es geht herum, es kann anstecken, es geht herum, wie ein Lauffeuer. Es verbreitet sich; wie ein Lauffeuer. Ich glaube, es ist gut, dass sie sich verbreiten wie ein Lauffeuer, die Gespenster und Geister. Sie sind schließlich da, wie das Wetter, dass uns umfasst. Sie sind da, wie die Vergangenheit, die sich über uns beugt. Die Vergangenheit, welche immerzu in die Gegenwart hineinreicht. Wenn ich an die Vergangenheit denke, zeichnet sich mir ein Bildnis eines spinnenartigen Tieres ab. Die Beine dieser Spinne reichen bis in die Gegenwart. Und wenn ich an den Beinen entlang gehe, um den Körper zu finden, so greife ich ins Leere. Es scheint, als ob diese Beine körper- und ursprungslos wären. Kein Anfang, keine konkrete Materialität. Aber trotzdem Beine, die bis in die Gegenwart hineinreichen. Sie, die Beine der Vergangenheit und ihre Gespenster füllen Häuser, Gärten, Täler und Städte. Sie füllen unsere Herzen. Sie umgreifen unsere Gesten. Das Konstrukt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft funktioniert nicht. Die Zeit ist nicht dreigeteilt. Die Vergangenheit ist nicht unwiederbringlich. Die Geister sind nicht tot und der Spuk ist nicht vorbei. 

Die Gespenster der Vergangenheit werden wir nicht los; dürfen wir niemals loswerden. Gespenster suchen uns heim, vielleicht führen sie uns aber auch nach Hause.

Es war 1992 als ihr Mann starb. Sie hatte es kommen sehen, wie sie so vieles hat kommen sehen. An dem Tag hatten ihre Haare ihre Locken verloren. Sie lagen ihr wie schwere Algen über den Schultern. Wir dachten: diese Schwere darf Dich nicht herunterziehen. Aber das hätte sie nicht zugelassen. Schließlich waren wir da noch. Und die anderen hundert Münder, die nach ihr riefen. Am Nachmittag, als wir ihn umgezogen und zurechtgemacht hatten, stand er, oder besser, lag er, bei uns, zwischen uns. In der Mitte von uns. Sie sprach mit wacher Stimme zu ihm. Sie wendete Ihre Augen nicht ein einziges Mal in unsere Richtung. Vielleicht hätte sie dann in die Zukunft blicken müssen, die sie nicht denken konnte. Also sprach sie zu ihm, wie jeden Tag, nur heute etwas ausführlicher in ihrer Wortwahl, alles andere – Thema, Humor und Sprachform – waren dieselben wie sie beide es gemeinsam pflegten. Sie legte ihm eine Krawatte dazu und sagte, er solle sie aufheben, bis sie ihm folgen würde. Wir legten unsere Dinge zu ihm. Er ging von uns mit mehr als er gekommen war. “So wird es am Ende bei allen gewesen sein“, sagte sie. Wir nickten, obwohl wir nicht so genau verstanden, was sie damit meinte. 

Ein paar von uns bestanden die Aufnahmeprüfung und wechselten zur Universität. Andere wiederum verloren sich auf dem Weg. Trotzdem fanden sie zurück nach Hause. Wieder andere verließen das Land und den Ort. Die Spinnenbeine ragten manchmal einfach zu weit in die Gegenwart hinein. Für alle hatte sie dasselbe Verständnis oder Unverständnis. Ihre Finger, die sie jeden Abend mit Creme ausgedehnt massierte, weil ihre Hände sie so sehr schmerzten, hatten uns alle schon aus dem Sumpf gezogen. (Wer hat eigentlich Dich gezogen?) Die Ratschläge, dass wir besser keine Seife für das Händewaschen nutzen sollten, weil die Seife unsere natürliche Stärke vernichten würde, hatten wir alle verinnerlicht – ob wir wollten oder nicht. Ihre roten Wangen, die sie nicht nur nach stundenlangen Diskussionen oder wochenlanger Schichtarbeit wie ein Zeichen des Lebens in die Welt trug, sollten nie verglühen. Ihre Nachbarinnen sagten, es sei ein Wunder, dass sie das alles allein geschafft hätte. Sie sagten, lass uns den Göttern und den Geistern danken, dass ihr jeden Tag Essen auf dem Tisch hattet. 

Es war kein Wunder und es lag auch nicht an den Göttern und Geistern. Es war ihr Leben, dass sie uns schenkte. Ein viel zu hoher Preis, den sie hatte zahlen müssen. Das hatte nichts mit guten Geistern zu tun.

Es gibt einen schmalen Grat zwischen Mythos und Ideologie.

Als wir klein waren, lagen wir oft stundenlang vor ihrem großen Bücherregal. Wir dachten, es könnte niemanden klügeren auf dieser Welt geben als unsere Mutter. Sie hatte zu allem eine Antwort und wenn ihr diese fehlte, so lag ihr die Wahrheit auf der Zunge. Sie sagte: „Bis morgen habe ich es rausgefunden“. Als wir am nächsten Abend wieder zusammen saßen und schon längst unsere unsinnige Frage vergessen hatten, begann sie zu erzählen. Mit dieser Ruhe und dieser Stimme, die sich wie eine warme Decke über uns legte. Während sie erzählte, bewegte sie ihre Füße kontinuierlich im Kreis. Als zeichnete sie mit ihnen ihre Erkenntnisse in die Luft. Ihr politischer Scharfsinn war uns früher nicht in dieser Reichweite klar gewesen. Wir wussten, dass ihr ganzes Handeln politisch motiviert war, doch wie tiefgreifend und komplex sich ihr Denken aufspannte, konnten wir zu dieser Zeit nicht einmal erahnen. Gleichzeitig und damit nicht ausschließend war unser gesamtes Haus voller Legenden und Geister. Das Wasser in den Ecken, dass wir aus dem Fluss, einer bewegten Quelle, geholt hatten, sollte die bösen Geister fern halten. Die Blumen, die sie jeden Freitag frisch kaufte, wies auf das tiefe Leben hin und bewahrte unseres. Den Geist unserer Großmutter fanden wir regelmäßig in der Küche vor, wenn wir mit unserer Mutter schälten, schnitten und verarbeiteten. Und bestimmte Farben waren im Haus gänzlich verboten. Sie würden uns nur Schlechtes bescheren, sagte sie mit bebender Stimme. Ihr tiefer Sinn für die Logik einer unterdrückten Gesellschaft, ihre immanente Klarheit von Ungerechtigkeit und Freiheit kreuzten die Wege mit den Geistern und Sagen. Sie konnte das verbinden, was scheinbar im Widerspruch zueinander stand. Ihr Geist konnte mit den Geistern denken, ohne dabei den Bezug zur materiellen Welt zu verlieren. Sie war wie das Schweigen und Reden zugleich. Eines Tages hatte sie zu unserer ältesten Schwester gesagt: “Wenn ich sterbe, werdet ihr mich am Rande eines Flusses begraben. Der Fluss wird meine Seele in das Meer tragen, wo sie, meine Seele, schließlich zu allem werden kann“.

Ich denke, dass Gespenster die Verleiblichung des Geistes sind. Ich denke, die Welt wäre arm, wäre sie befreit von Mythen und Legenden. Ich denke, mancher Spuk riss den Faden zur Welt ab und festigte entstellte Herrschaftssysteme. Ich denke trotzdem:

Geister und Gespenster sind keine Gegenbilder, keine Antagonisten zur Logik. Sie stehen sich nicht feindlich gegenüber: Die Logik und das Gespenst. Die Ratio und das Phantasma. Es ist kein Entweder-Oder. Es sind auch keine Pole, die zwei Extreme aufzeigen. Es ist vielmehr so etwas wie eine Verflechtung, ein gegenseitiges Bedingen und Auffressen. Ein aufeinander Bezogenes ohne Bezug. Die Welt ist komplexer, als dass wir in der Lage wären, sie in Kategorien, Abfolgen und Theorien zu zerlegen. Sie ist weitaus komplexer, als dass wir sie begreifen könnten. Es fehlen die Begriffe. Und wo die Begriffe aufhören, beginnt die Kunst. 

Wohin führen uns die Geister? Wovor fürchtet sich der Mensch?

Sie trägt ihr schwarzes Haar weit offen. Egal, wie viel davon noch übrig ist. Wie 100 Leben auf ihrem Haupt. So viel Stolz, der ihr aus dem Kopf entwächst. Heute Nacht träumte sie von einem Vogel, der am weiten Himmel flog. Sie, auf dem Boden dieser Erde. Sie, inmitten des Treibens auf einem Markt. Um sie herum so viel Gesichter, so viel Augen, so viel Hände, so viel Lungen, so viel gute Geister, dass sie in Tränen ausbrach. Plötzlich zischt eine Schlange an ihr vorbei. Schaut sie an und sagt: 

Sie steigt auf des Vogels Rücken, die Schlange auf ihrem Haupt. Oben in der Luft schneidet sie jede Strähne ab. Ihr schwarzes Haar fällt ins Meer. Dort liegen sie, die Strähnen, wie schwarze Algen. Verdreht und lockig spült es sie tagein tagaus an den Strand.

Am nächsten Morgen, nach ihrem Traum, als sie erwacht, 

geht sie ins Meer. 

Sie trägt ihr schwarzes Haar weit offen.

Man hatte versucht, sie auszulagern. In die Tiefen der Meere zu verweisen. Man hatte versucht, den Schmerz gegen die Gleichheit zu tauschen. Doch die Geister legten die Spinnenbeine der Vergangenheit in alle Wege, um die Ordnung der Dinge zu stören.

Also wurde die Geschichte von ihnen geschrieben: von den Unterdrückten, von jenen Parasiten und jenen ausrangierten Körpern, welche die Herrschenden ausmerzen wollten. 

Es gelingt ihnen nicht. Es gelang ihnen nie.

Die Geschichten holen DICH ein. Die Vergangenheit greift nach DIR. Sie packt DICH, gleichgültg wie sehr DU DICH wehrst. Die Gespenster sind zurückgekehrt.

In leiblicher Form, wenn die Frau gegen ihren Unterdrücker aufsteht, wenn das Kind aufbegehrt, wenn ganze Gruppen ihre Stimme erheben. Sie waren niemals weg, nur ab-wesend. 

 

Du sprichst zu Geistern?

Ich auch.

 

Literaturverzeichnis

Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch. 2020.

Melinka Karrerist Doktorandin am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck und beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit der Dekolonialisierung des Seins und Denkens. Kunst und im Speziellen literarische Texte bieten dabei die Reibungsfläche ihrer Reflexionen. Als freiberufliche Autorin widmet sie sich der Lyrik, Poesie und den Kurzgeschichten.