Prozesse, die mitwirken beim Aufbau des eigenen (Körper-)Bildes

Kunst als Medium für soziale Transformation

"Mein Körper ist eine gnadenlose Topie. Und wenn ich nun das Glück hätte, mit ihm wie mit einem Schatten zu leben? Wie mit alltäglichen Dingen, die ich gar nicht mehr wahrnehme, weil das Leben sie hat eintönig werden lassen? Wie mit den Schornsteinen und Dächern, die sich abends vor meinem Fenster aneinander reihen? Aber jeden Morgen dieselbe Erscheinung, dieselbe Verletzung. Vor meinen Augen zeichnet sich unausweichlich das Bild ab, das der Spiegel mir aufzwingt: mageres Gesicht, gebeugte Schultern, kurzsichtiger Blick, keine Haare mehr, wirklich nicht schön. Und in dieser hässlichen Schale meines Kopfes, in diesem Käfig, den ich nicht mag, muss ich mich nun zeigen. Durch dieses Gitter muss ich reden, blicken und mich ansehen lassen. In dieser Haut muss ich dahinvegetieren. Mein Körper ist der Ort, von dem es kein Entrinnen gibt, an den ich verdammt bin." (Foucault 2005: 25 f.)

Der Körper als ... gnadenlose Topie, Grenze, Territorium, Gefängnis, Mittel, Subjekt, Fenster zur Welt, Archiv der eigenen Geschichte, (Forschungs-)Objekt, Schauplatz für Migrationsdebatten, Konfliktfeld, Quelle der Verunsicherung und Lust, Experimentierfeld, ein widersprüchlicher, unendlicher Ort der Handlungsmöglichkeiten.

Das Projekt "Das Leben hat Gewicht!" (siehe Beitrag "'Das Leben hat Gewicht!' - ein Projekt der Primärprävention von Essstörungen im Kontext von Migration") beschäftigt sich mit dem Körper und dessen Erfahrungen und nutzt Kunst als Medium für soziale Transformation im Sinne einer Prävention, die das Verhalten und die Verhältnisse in ihrer Verschränkung adressiert. Der Körper ist auf komplexe Weise mit unseren Erfahrungen verflochten und bedingt die eigene Identität mit. Er ist erfasst von Erinnerungen, Wahrnehmungen, Affekten. Im Projekt dient er eben deshalb als Mittel für Reflexion und Artikulation, für künstlerische Betrachtung, Experiment, Veränderung und Utopie. Es geht um die Auseinandersetzung mit Prozessen, die mitwirken beim Aufbau des eigenen Körper- und Selbstbildes.

Kritisch-künstlerische Auseinandersetzungen bieten die Möglichkeit, gesellschaftliche Verhältnisse distanziert zu betrachten, über sie hinaus zu denken und eigene Zugänge, Wünsche und Utopien zu entwickeln und aufzuzeigen. Hierfür wurden während dem Projekt in den Workshops kollektive Räume geschaffen, welche die Möglichkeit bieten, geteilte Erfahrungen zu thematisieren und zu politisieren sowie individuelle und kollektive Strategien zu entwickeln und zu diskutieren. Auf diese Art und Weise fand in den Workshops eine Reihe von Prozessen statt und es entstanden künstlerische Arbeiten, die aus der Perspektive der Jugendlichen selbst um die Themen Körper, Aussehen und ihre Erfahrungen kreisen und ihr Betroffensein ebenso wie ihren Widerstand zum Ausdruck bringen. Dabei werden durch die Kunst verschiedene in sich vernetzte Handlungsstrategien artikuliert, die wir versucht haben mit acht Begriffen zu beschreiben.

Bei einander verstehen steht das Zusammenspiel von Körper, Sprache, Artikulation, Verstehen, Sichtbarkeit und Machtverhältnissen im Zentrum. Das Sprachennetz macht in diesem Kontext Brücken zwischen sprachlichen Räumen sichtbar, anstatt unterschiedliche Sprachen als Hürde zu betrachten, und ermöglicht eine Auseinandersetzung mit postkolonialen Hierarchien zwischen Sprachen.

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Der Aspekt für sich schaffen zeigt die besondere Bedeutung von Raum für Intimität, Schutz und Individualität auf. Dies thematisiert das Video "Von Kopf bis Fuß". Hier wurden Video- und Theatertechniken für eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung des eigenen Körpers in seiner Sprache und Sichtbarkeit genutzt.

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rausgehen rückt Strategien der Sichtbarmachung und Aneignung von Öffentlichkeit und öffentlichem Raum im Sinne des Teilhabens an der Welt sowie das Erschließen von Neuem und Ungewohntem in den Blick. Dazu gehört, Kamera und Mikrofon in die Hand zu nehmen, Texte zu schreiben und zu performen und somit eigene Meinungen und Ansichten öffentlich zu artikulieren. Dies kommt im Video "Rap ist mein Widerstand" zum Ausdruck.

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Die Analyse von Normen und Stereotypen und die Gestaltung von Gegenbildern stellen den Ausgangspunkt für eigene bilder machen dar. In diesem Zusammenhang stehen die Selfies und Zines. Bei den Selfies handelt es sich um Selbstporträts, die unter Anwendung von Fotografie, Malerei und Collagetechniken angefertigt wurden. Dadurch, dass ein Selbstbild als vollständiges Objekt von außen wahrgenommen wird, agiert die künstlerische Betrachtung des Ichs sowohl als Kunstmedium als auch Kunstobjekt. Die Selbstporträts drücken aus, wie man/frau sich (nicht) gern zeigen will. Die Zines, Collagen in kleinem Zeitschriftenformat, die leicht reproduziert und verbreitet werden können, zeigen Auseinandersetzungen mit Kunstwerken und Körperbildern, welche Irritation und Dekonstruktion von Normalitäten in Zusammenhang mit der Lebenswirklichkeit der Teilnehmer*innen stellen.
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kämpferisch sein thematisiert Strategien der Anerkennung und Formen der Selbstbestimmung. So verkünden die Königinnen der Selbstbestimmung, eine Gruppe junger migrantischer Frauen, mittels Foto, Text, Plakat, Video sowie bei einer Aktion im öffentlichen Raum auf sprachlicher und visuell-körperlicher Ebene antirassistische und antisexistische Botschaften. Des Weiteren wurden in Anlehnung an den Text "Dear Editor" der Künstlerin und Philosophin Adrian Piper (2003) die Texte "Don't call me - Ich bin" geschrieben. Diese erzählen die wortwörtliche Verkörperung der Lebenserfahrungen der Person, die schreibt, und des*der Leser*in, der*die den Text rezipiert.Die Bedeutung der Texte besteht in dieser Interaktion.

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spüren und erleben lenkt den Blick auf individuelle und kollektive Prozesse des Erlebens, Fühlens und Wahrnehmens verschiedener Aspekte des (Zusammen-)Lebens. Dabei waren Techniken des Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal und Bewegungstechniken von großer Bedeutung sowie die Wahrnehmung der Raummöglichkeiten, die die Stadt anbietet, und das "Kochlabor" als Ort des Experimentierens, des Genießens, des Zusammenseins und der Rituale rund um das Essen (siehe den Beitrag "'Wir schlucken nicht alles, was uns vorgesetzt wird!'"). gemeinsam handeln spiegelt das Anliegen, Erfahrungen, Erlebnisse und Kritik zu teilen, und betont die Notwendigkeit der Vernetzung und des Kollektivierens im Hinblick darauf, sich Diskriminierung und Ungleichheitsverhältnissen entgegenzustellen. Über die Gegenwart hinaus führt der Schwerpunkt zukunft denken, in dem nicht nur Wünsche, Hürden, Träume und Utopien formuliert, sondern auch Handlungsstrategien für eine veränderte Zukunft entworfen werden. Beide Aspekte kommen im "Traumfänger" zum Ausdruck, einer Installation, die Strategien zur Erreichung von Wünschen, Träumen und Utopien benennt, zu einem Netz verbindet und als solches den öffentlichen Raum besetzt. (vgl. maiz 2017: 3 ff.)

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Körper und Kunst sind zugleich Handlungsräume und Mittel, diese zu entdecken. Der Fokus auf den Körper - mit seinen vielfachen Bedeutungen (nicht nur) im Kontext von Migrations- und Fluchterfahrungen in Verhältnissen, die von Rassismus geprägt sind - und die Annäherung an diese Themen über künstlerische Strategien - die gesellschaftliche Entwicklungen und soziale Strukturen nicht nur darstellen wollen, sondern hinterfragen und alternative Entwicklungen aufzeigen möchten - ermöglichte es, mit den jugendlichen Protagonist*innen des Projekts die Verstrickung von Körper(bildern), Konsumgesellschaft, strukturellem Rassismus, Bildungsprozessen, Zukunftsvorstellungen und vielem mehr in Frage zu stellen und Utopien zu entwickeln. All die im Projekt entstandenen künstlerischen Auseinandersetzungen fordern somit auf, sich an der Auseinandersetzung mit den U-/Hetero-/Dystopien des Körpers und der Gesellschaft im Kontext von Migration zu beteiligen, um - im Sinne von Prävention als Emanzipation - das Verhalten und die Verhältnisse zu verändern.



Literatur

Foucault, Michel (2005): Der utopische Körper. In: Die Heterotopien. Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge. Berlin: Suhrkamp, S. 23-37.

maiz (2017): Einleitung. In: Das Leben hat Gewicht. Projektkatalog. S. 3-5.

Piper, Adrian (2003): Dear Editor. http://www.adrianpiper.com/dear_editor.shtml (zuletzt abgerufen: 11.05.2017).