Perspektiven aus dem Zwischenstock

Interview mit: 
Galia Baeva

Das maiz-Pilotprojekt "Mezzanin" eröffnet jungen Migrant_innen berufliche Perspektiven im Kunst- und Kulturbereich. migrazine.at sprach mit Projektleiterin Galia Baeva über die österreichische Bildungs- und Migrationspolitik und welche Berufsvorstellungen für Migrant_innen hierzulande gefördert werden.

migrazine.at: Welche Ziele verfolgt das Projekt "Mezzanin" von maiz?

Galia Baeva: Wir organisieren einen kostenlosen Lehrgang für junge Migrant_innen, der Orientierung sowie Berufs- und Bildungsberatung in den Bereichen Kunst, Kultur und Medienproduktion bietet. Dabei fördern wir auch ihre Vernetzung mit anderen Kulturschaffenden bzw. versuchen, diese überhaupt zu ermöglichen. Wir wollen diese jungen Menschen unterstützen, nicht nur bei der Suche nach einer Lehrstelle, sondern auch durch die Zusammenarbeit mit strategischen Partnern, um überhaupt die Möglichkeit für Lehrstellen oder Beschäftigungsformen zu schaffen.
Darüber hinaus unterstützen wir Teilnehmer_innen, die ihr Portfolio vorbereiten, mit technischen Mitteln oder auch in der Konzeption und Postproduktion, zum Beispiel, um sich an einer Kunsthochschule zu bewerben oder für Bewerbungsmappen. Denn für eine Kunstuni braucht es keine Matura.

Mit welchen konkreten Ausschlüssen oder Hürden sind junge Migrant_innen konfrontiert, wenn sie zum Beispiel in Österreich Kunst studieren wollen?

Es gibt strukturelle, formelle und informelle Hürden. Zuallererst geht es um den Aufenthaltsstatus im Land. Eine Aufenthaltsbewilligung ist zwar keine Voraussetzung, um sich an einer Kunstuni zu bewerben, sehr wohl aber für die Bewerbung für eine Lehrstelle. Eine große Gruppe an Migrant_innen und Asylwerber_innen wird da automatisch ausgeschlossen.
Informelle Hürden sind zum Beispiel fehlende Kenntnisse darüber, wo ich mich bewerben kann und was es dafür braucht oder wie ich an bestimmtes Equipment rankomme. Es geht auch darum, welche Diskurse und Referenzen ich kenne, ob ich überhaupt weiß, wo ich mir Unterstützung holen und wie ich mich vernetzen kann.

Es ist eine sehr weit verbreitete Ansicht, Kunst mit Malerei und Kultur mit Tradition gleichzusetzen. Viele junge Migrant_innen haben ein sehr traditionelles Verständnis von Kultur, sie wird zuallererst als Träger von Religion und Tradition verstanden. Es gibt hier eine sehr folkloristische Vorstellung von Kunst und Kultur. Das entspricht aber auch den Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft. Ein Verständnis von Kultur als übergreifender Begriff ist ja allgemein wenig ausgeprägt.
Aber auch Arbeitgeber_innen und Ausbildner_innen sehen Migrant_innen nicht in der modernen Kulturproduktion, sondern verorten sie im Bereich des Sozialen. Hier müssen die Barrieren gesprengt werden. Eine andere, wesentliche Hürde ist die Sprache. Deutsch-, aber auch perfekte Englischkenntnisse sind notwendig, um überhaupt gehört zu werden.

Wird auch wahrgenommen, dass Kunst und Kultur prekäre Beschäftigungsbereiche sind?

Das ist eine wichtige und zugleich schwierige Frage. Uns geht es nicht um Aufklärungsarbeit, im Sinne von: Ihr werdet im ersten Berufsjahr so und so viel verdienen. Die Personen, die an unserem Lehrgang teilnehmen, haben schon vorher mit dem Gedanken gespielt, sich im Bereich Kunst-, Kultur- und Medienproduktion weiterzubilden oder zu studieren. Sie haben experimentiert und sich nach Feldern umgesehen, in denen eine Weiterentwicklung möglich oder zumindest die Perspektive zur Weiterentwicklung gegeben ist.

Unser Projekt versteht sich als Bindeglied für jugendliche Migrant_innen zwischen Pflichtschule und weiterführender beruflicher Bildung (Lehre, Implacement u.ä.) einerseits und Hochschulbildung im Bereich Medien, Kunst und Kultur sowie Kreativwirtschaft andererseits. Unsere Teilnehmer_innen haben in Österreich den sogenannten Pflichtschulabschluss gemacht, und wir kennen die Zielgruppe sehr gut. Im Vergleich zu staatlichen Bildungsinstitutionen führen wir eine penible Statistik darüber, was mit den Leuten danach passiert und bleiben mit ihnen in Kontakt.

Inwieweit ist es für das Projekt wichtig, den "weißen", europäischen Kunst- und Kulturbegriff zu reflektieren und infrage zu stellen?

Das passiert nicht so explizit, sondern eher im Zuge des Lehrgangs. Hier werden die Teilnehmer_innen mit Diskussionen und Bildern konfrontiert, die eben nicht ausschließlich weiß oder europäisch sind. Bewusst ausgesucht und präsentiert haben wir hier zum Beispiel Arbeiten von Shirin Neshat und Mona Hatoum, also hauptsächlich Frauen.

Wichtig ist auch, dass die künstlerische Leitung unseres Projekts bei Marissa Lobo, einer Schwarzen Künstlerin, liegt. Gemeinsam mit ihr fand im Experimentieren, im Tun eine Reflexion statt. Es geht also darum, das Reflektieren zu vermitteln. Reflexion braucht aber auch Zeit. Im Rahmen eines Projekts wie "Mezzanin", das sechs Monate umfasst, können wir den Teilnehmer_innen bestenfalls Anregungen geben, sie provozieren, die Standards in ihren Köpfen zu hinterfragen, um sie irgendwann einmal zu "verlernen". Das gilt aber nicht nur für die Jugendlichen, sondern auch für uns als Trainerinnen, Begleiterinnen, Berater_innen und Organisatorinnen.

Wie wichtig ist es für junge Migrant_innen, ihre eigene Sicht auf Kunst und Kultur zu entwickeln? Wäre dies nicht auch eine notwendige Herausforderung für alle Jugendlichen?

Diese Frage ist natürlich sehr relevant, denn wenn man von "migrantisch", "postmigrantisch" etc. spricht, ist sicher das eigene Verständnis, die eigene Selbstbestimmung als Migrant_in wesentlich, denn sie wird in der eigenen künstlerischen Praxis, im eigenen Leben reflektiert. Insofern geht es sehr wohl darum, einen anderen Kunst- und Kulturbegriff zu entdecken, einen, mit dem wir uns identifizieren, einen, der nicht weiß, männlich, europäisch, heterosexuell fokussiert ist. Also einen nicht-hegemonialen, nicht-heteronormativen Begriff. Aus meiner politischen Überzeugung heraus ist es eine Notwendigkeit, mit diesem gängigen Verständnis von Kunst und Kultur zu brechen. Ich kann aber den Jugendlichen nicht sagen, sie müssten das auch machen.

In der EU sind über 23 Millionen Jugendliche arbeitslos. Projekte, die dem entgegenwirken, gibt es kaum. Braucht es nicht generell eine andere Sicht auf junge Menschen - weg vom Bild, dass Jugend nur passiv konsumiert, hin zur Idee, dass sie auch aktiv an der Gesellschaft teilhaben?

Ja, sicher. Das hängt auch mit der herrschenden politischen Unzufriedenheit zusammen. Junge Menschen können sehr leicht als Konsument_innen verführt werden. Wie funktioniert denn gesellschaftliche Anerkennung? Es wird ihnen vermittelt: Je mehr du konsumierst, desto eher erfährst du Anerkennung - zumindest beobachte ich das so. Eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft, die muss sich bilden, die muss erlernt, erarbeitet werden.

Welche Rollenbilder bzw. Stereotypen gilt es da zu hinterfragen?

Grundsätzlich, dass alles, was mit Technik zu tun hat, nur für Männer geeignet ist, und alles, wo viel geredet wird, eine Sache der Frauen ist. Gender-Politik war im Lehrgang ein wichtiges Thema, vor allem gab es Diskussionen darüber, was eine Frau ausmacht, was eine Frau ist oder nicht ist, wann ich eine Frau bin und wann keine. Es gab Teilnehmer_innen mit einer nicht-heterosexuellen Orientierung, daraus entstand eine sehr spannende und intensive Auseinandersetzung untereinander.

Aber es geht auch um die Frage: Was ist überhaupt ein_e Künstler_in, oder was alles kann ein_e Künstler_in sein? Diese verengte stereotype Vorstellung, dass Künstler_innen immer nur Maler_innen oder Bildhauer_innen sind, ist tief verankert. Unsere Kursteilnehmer_innen haben im Tun gemerkt: Auch ich kann ein_e Künstler_in sein, ich kann mich inszenieren, mich behaupten. Allein dieser Akt, so herausfordernd zu sein, so weit zu sein, sich zu trauen, darum geht es.

Welche Rolle spielt der Medienschwerpunkt im "Mezzanin"-Projekt?

Die Teilnehmer_innen haben Radiosendungen gemacht und sich auch mit Fernsehen beschäftigt. Durch die Tatsache, dass ein Thema in Medien unterschiedlich aufbereitet werden kann, haben sie sich diesem auch anders angenähert. Ich habe beobachtet, dass das Mitmachen, das Machenlassen das Allerwichtigste ist. Es ist dieser Reiz, eine Möglichkeit zu finden, um sich auszusprechen, zu schreiben, sich zu artikulieren.

Wann ist das Projekt für euch erfolgreich?

Der Lehrgang hat von September 2013 bis April 2014 gedauert. Es war ein Pilotprojekt, und wir werden wieder um Förderung ansuchen. "Mezzanin" will andere Perspektiven eröffnen, das ist das Politische dran. Und nicht so sehr, wie viele eine Lehrstelle finden. Das Politische spiegelt sich auch im Projektnamen "Mezzanin" wider: ein Zwischenraum, der dir andere Wege öffnet.
Das österreichische Fremdengesetz lässt da wenig Spielraum. Wenn Bildung für Migrant_innen angeboten wird, dann höchstens für Lehrberufe, bevorzugterweise im Pflegebereich. Die Fremdenpolitik, aber auch die Entwicklung in der Erwachsenenbildung weisen einen bestimmten Fokus auf, in Richtung Soziales und Naturwissenschaften. Und dann gibt es noch ein bisschen Deutsch und ein bisschen Englisch. Dieses Projekt kratzt am Verständnis der österreichischen Politik, Migrant_innen nur in bestimmten Berufen auszubilden.


Das Interview führte Ida Divinzenz.

"Mezzanin" ist ein Teilprojekt von "Intermezzo", entwickelt von maiz und gefördert vom Europäischen Sozialfond ESF und aus Mitteln des Bundekanzleramtes/Unterricht, Kunst und Kultur.



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"Mezzanin" ist ein Teilprojekt von "Intermezzo", entwickelt von maiz und gefördert vom BMBF und Europäischen Sozialfond/ESF.