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Migration und Historisierung

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von Ljubomir Bratić
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Jugogastarbajterke, Salatschnedebetrieb. Volders, Tirol / pogon za rezanje i pakovanje salate. Vold
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Mitgliedskarte Klub Jedinstvo aus Wien / Članska karta Jedinstva iz Beča, 1972
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Archiv Sammlung von Ljubomir Bratić / Arhiv Ljubomira Bratića

Die Geschichte der Migration in einer Gesellschaft ist die Geschichte der beständigen Veränderung der Gesellschaft. Die Fragen, die sich im Rahmen der Thematisierung dieses Sachverhaltes stellen, sind die, inwiefern und wie diese Geschichte der Transformation und deren Träger sichtbar und wahrnehmbar werden und sind. Inwiefern sind diese ein Teil des vorherrschenden historischen Bewusstseins und Diskurses? Noch komplexer lässt sich fragen, inwiefern der Diskurs der Deterritorialisierung Teil eines Diskurses der Reterritorialisierung sein könnte? Inwiefern sich das Werden als Teil des Seins verorten kann? Handelt es sich dabei vielleicht um zwei voneinander getrennte Bewusstseins- und Weltzustände, die sich nur in dem Punkt des Übergangs, an der Grenze zueinander, berühren?

Die Initiativen

Die Idee der Gründung eines Archivs der Migration, diejenige der Gründung eines Museums der Migration und auch diejenige eines Denkmals der Migration entspringen aus einer Beschäftigung mit diesen Fragestellungen. Mit diesen Projekten wird an der Herstellung jener Felder gearbeitet, wo die komplexe Fragestellung einer Migrationsgeschichte ernsthaften Versuchen der Beantwortung unterworfen werden können. In letzter Zeit hat sich diese Arbeit intensiviert. Während in den 1980ern und 1990ern einzelne Ausstellungen über Migration entlang der thematische Linie "Wir und (oder versus, oder gegen, oder mit) die Anderen" diskursbestimmend waren, weisen diese im neuen Millennium einen komplexeren thematischen Inhalt auf. Erstens werden Ausstellungen gestaltet, in denen versucht wird, durch die Konzentration auf die Ausschlüsse, Ausbeutungen und Diskriminierungen aber auch Durchdringungen, Verqueerungen und Widerstände dagegen, den anfänglichen naiven Dualismus zu überwinden. Und zweitens wird zunehmend die Frage nach dem Subjekt der Geschichte gestellt: Wer, wo und wie spricht zu wem, warum und weswegen? Und, eine nicht unwesentliche Randbemerkung: Die Frage nach dem Subjekt teilt sich zunehmend in diejenige nach dem dargestellten Subjekt (Personen und deren Perspektive rücken ins Zentrum der Betrachtung) und danach, wer das Recht für sich beansprucht, diese Darstellungen vorzunehmen. Konkret: Die Subalternen reden, aber ihre Rede muss im Rahmen einer rassistischen Gesellschaft immer noch  von den Mehrheitsangehörigen aufbereitet werden, damit sie einen sichtbaren Zugang zur Öffentlichkeit bekommt. Die Internationale der Advokat*innen und Helfer*innen ist allgegenwärtig!

Und das Archiv

Die Ausstellungen entfalteten einen Strang ihrer Wirkung auch in die Richtung der Einsicht der Notwendigkeit eines Archivs der Migration: Ein Ort wo alles, was dem Thema Migration und dessen verschiedenen Subjektperspektiven zuordenbar ist, gesammelt, aufbereitet, aufbewahrt und zur Verfügung gestellt werden sollte. Dahinter versteckt sich der Wunsch nach einer Kontinuität der geschichtlichen Aufarbeitung, die auf einer Kontinuität der Migration fußt. Es sind genug Menschen da, und diese leben lange genug da, um die Möglichkeit in die Wirklichkeit einer Historisierung umzuwandeln. Die allerwichtigste Voraussetzung der (Selbst-)Historisierung ist die Schaffung von Speicher- und Aufbewahrungsplätzen. Die Schaffung von Plätzen für das spezifische Material, aus dem der lange Destillationsprozess der Geschichte seinen Anfang nehmen kann. Ohne diese Speicherplätze ist jedes künftige, auf die Historisierung und Erinnerung der Migration bedachte Projekt dazu verurteilt, sich erneut in einer Anfangsposition einzunisten. Wenn alle wiederholt von Anfang an beginnen müssen, dann wird es zum Hauptcharakteristikum des Historisierungsprozesses der Migration, am Beginn der Arbeit zu verweilen. Wir befinden uns am Anfang eines historisierenden Prozesses, dem es an den Voraussetzungen jedweder historischer Forschung mangelt, weil ihm die Notwendigkeit der Archivierung abgesprochen wird. Es handelt sich dabei um den gleichen Prozess der Verweigerung einer Herstellung von Kontinuität, der auch die alltäglich stattfindende Migration betrifft: Eine migrantischer Körper ist mit vielem gekennzeichnet, aber nicht mit der Möglichkeit einer kontinuierlichen Teilhabe an den Gesellschaften, in denen er verweilt. Dieser Verweigerung der Kontinuität lässt sich nicht nur in soziopolitischen und ökonomischen Realität feststellen, sondern auch im kulturellen Diskurs und, noch spezifischer, im Diskurs der Historisierung.

Nichtsdestotrotz, wenn es kein Archiv, wenn es kein Museum, wenn es keine Professur, geschweige denn ein Institut für die Migrationsgeschichte gibt, und wenn es die Möglichkeit nicht gibt, das vorhandene Material an einem Ort in historisches Material zu verwandeln, bleibt noch die Möglichkeit, dieses Vorhaben an verschiedenen Orten zu realisieren und von dort Wirkungen zu entfalten. Dies passiert derzeit in Form eines (Selbst)Historisierungsprozesses, den sich viele Selbstorganisationen der Migrant*innen zum Ziel gesetzt haben.

Wien am 12.11.2019

 

Ljubomir Bratićist Philosoph, Sammler, Kurator und seit etlichen Jahren in vielen Projekten mit Geschichte, Archiv und Museum der Migration beschäftigt.