Glossar der politischen Selbstbezeichnungen

Von A-Z: "Talking back from the margins" (bell hooks). Auftakt der Glossar-Serie.

Teil 1: Afro-deutsch, Krüppelin, Queer, Schwarz, Tschusch


A wie … Afro-deutsch

Mit Audre Lorde entwickelten wir den Begriff 'afro-deutsch' in Anlehnung an 'afro-amerikanisch', als Ausdruck unserer kulturellen Herkunft. 'Afro-deutsch' schien uns einleuchtend, da wir fünf eine deutsche Mutter und einen afrikanischen oder afro-amerikanischen Vater haben. Inzwischen lernten wir Afro-Deutsche kennen, deren Eltern beide aus Afrika stammen oder deren einer Elternteil afro-deutsch ist und der andere aus Afrika kommt. Dadurch wurde uns klar, dass unsere wesentliche Gemeinsamkeit kein biologisches, sondern ein soziales Kriterium ist: das Leben in einer weißen deutschen Gesellschaft.
Mit dem Begriff afro-deutsch kann und soll es nicht um Abgrenzung nach Herkunft oder Hautfarbe gehen, wissen wir doch allzu gut, was es heißt, unter Ausgrenzung zu leiden. Vielmehr wollen wir 'afro-deutsch' den herkömmlichen Behelfsbezeichnungen wie 'Mischling', 'Mulatte' oder 'Farbige' entgegensetzen, als ein Versuch, uns selbst zu bestimmen statt bestimmt zu werden.

Katharina Oguntoye, May Opitz, Dagmar Schultz (Hg.innen): Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. Orlando Frauenverlag: Berlin 1986.



K wie … Krüppelin

Letzthin war ich bei Freund_innen, und wir nutzten einen schönen Herbstabend mit gemütlichem Reden, Essen und Trinken. Irgendwann fiel, zumindest für mich, aus heiterem Himmel das Wort Krüppel — von einer nicht-behinderten Person, um einen 'nicht erstrebenswerten' Zustand zu benennen. Gut, da war wohl was mit Alkohol und auch mit Projektion, aber für mich zeigte diese Situation wieder einmal sehr deutlich, dass Begriffe oft sehr konträre Bedeutungen haben. Von verletzend und abwertend bis stolz und emanzipiert. Genau in dieser Spannbreite bewegen sich behinderte Personen tagtäglich aufs Neue.
Die Krüppelbewegung hatte ihren Anfang 1977 in Bremen. Sie forderte nicht die Integration behinderter Menschen, sondern wollte die nicht-behinderte Öffentlichkeit mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten konfrontieren. Ein Meilenstein in der Geschichte der Krüppelbewegung war 1981, das Internationale Jahr der behinderten Menschen. Am 18. Juni 1981 schlug Franz Christoph dem damaligen deutschen Bundespräsidenten Karl Carstens während dessen Eröffnungsrede einer Veranstaltung seine Krücken vor die Beine. Udo Sierck, Autor des Buches 'Die WohlTÄTER-Mafia — vom Erbgesundheitsgericht zur humangenetischen Beratung', kommentierte die Aktion folgendermaßen: 'Der Hieb zielte auf die verlogenen Gönner, die von Integration und Miteinander redeten, die offene und versteckte Diskriminierung behinderter Personen aber nicht wahrhaben wollten.'
Mittlerweile wird der Begriff 'Krüppel' in politischen Zusammenhängen gar nicht mehr verwendet, was ich persönlich sehr schade finde. Denn nichts drückt die Wut über den (Alltags-)Rassismus gegen behinderte Personen besser aus. Und nichts unterstreicht unseren Stolz mehr.

Tamara Grundstein



Q wie … Queer

Der Begriff Queer etablierte sich in den USA als Bezeichnung eines politischen Aktivismus und einer Denkrichtung, den Queer-Theorien bzw. Queer-Studies. […] Schwerpunkt sowohl theoretischer Ansätze wie auch queerer Praxen ist bislang die Auseinandersetzung mit den Kategorien Sex, Gender und Begehren. […] Dieser Schwerpunkt fand ansatzweise Erweiterung, vor allem in den USA, insofern Sexualität und Geschlecht in ihrer Verknüpfung mit anderen Machtverhältnissen reflektiert wurde und andere gesellschaftliche Regulativa als Geschlechterkategorien (wie kulturelle Herkunft, Kultur, Hautfarbe, Ability etc.) einbezogen wurden. Unter Queer wird bis heute keine einheitliche Theorie verstanden, sondern ein offenes politisches und theoretisches Projekt.

Gudrun Perko: Queer Theorien. Ethische, politische und logische Dimensionen plural-queeren Denkens. PapyRossa Verlag: Köln 2005.


Queer könnte der Name dafür werden, wie man ein sexuelles Wesen jenseits der Tatsache sein kann, eine Alternative zu 'Hetero' bilden zu müssen.

Manfred Hermes, "Queer Nation", in: Spex, Dezember 1992


Using queer is a way of reminding us how we are perceived by the rest of the world. It's a way of telling ourselves we don't have to be witty and charming people who keep our lives discret and marginalized in the straight world.

Anonym, Flugblatt des Pride March in New York, Juni 1990, zitiert in: www.queeropedia.com, kompiliert von Persson Perry Baumgartinger.



S wie … Schwarz

Wenn ich mich als 'Schwarz' definiere, handelt es sich dabei um einen politischen Begriff und nicht um einen biologischen. Durch diese Definition solidarisiere ich mich mit zwei Drittel der Weltbevölkerung, deren Hautfarbe nicht weiß, deren Herkunft nicht westlich-europäisch und deren Religion nicht christlich ist. Als schwarze Menschen afrikanischer Herkunft sind wir alle — jeder und jede von uns — aufgrund unserer Erfahrung hier individuell gezwungen, uns mit der Inferiorisierung unserer Existenz auseinanderzusetzen und eigene Antworten zu finden — das ist der individuelle Überlebenskampf. Sich darüber hinaus zu solidarisieren, bedeutet eine politische Positionierung.

Es geht also nicht um kulturell oder biologisch verfaßte Identitäten.

Genau, das ist der Hauptpunkt. Nehmen wir z. B. den Begriff Schwarz, wie er sich in Südafrika entwickelt hat. Es gab dort eine Abstufung von verschiedenen Menschen, wie 'colored people', 'Asian people' etc. Durch die gemeinsame Definierung als 'Schwarz' wurde es möglich, gemeinsam gegen Apartheid zu kämpfen, sich zu solidarisieren und nicht dem 'Teile und herrsche' der Mächtigen nachzugeben. Dasselbe sieht man in England, wo 'Schwarz' als politischer Kampfbegriff von allen verwendet wird, die rassistisch diskriminiert werden. Es ist wichtig, für die deutschsprachige Situation zu definieren, wer politisch schwarz ist. Es gibt beispielsweise einen Sammelband mit dem Titel 'Schwarze Frauen dieser Welt', in dem auch türkische, jüdische und schwarze Frauen afrikanischer Herkunft schreiben. Türken und Türkinnen wären in der britischen Situation nicht unbedingt 'black'. In Österreich und Deutschland aber schon. Das entscheidende Moment ist, daß ein Gesamtzusammenhang erkannt wird und eine Solidarisierung einsetzt.

"Schwarz ist eine politische Identität", Interview mit Araba Evelyn Johnston-Arthur von Hakan Gürses, in: STIMME von und für Minderheiten, #39, 2001.


T wie … Tschusch

Tschusch, Familienname in Österreich. Siehe z.B. hier, hier und hier.

Jasmina Jankovic


I haaß Kolaric
du haaßt Kolaric
Warum sogns' zu dir Tschusch?

(Ich heiße Kolaric, du heißt Kolaric. Warum sagen sie zu dir Tschusch?)

Entwurf anonym, gedruckt von der Agentur Lintas im Auftrag der Aktion "Mitmensch" der österreichischen Werbewirtschaft. Das legendäre Plakat von 1973 war Ausgangspunkt einer Wanderausstellung "Am Anfang war der Kolaric" gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Österreich, zusammengestellt von der Initiative Minderheiten, eröffnet 1994 im Parlament.