Gegen das Primat der Kontrolle

Über die Autonomie der Migration

Der lange Sommer der Migration, der im Jahr 2015 den europäischen Kontinent erfasst hat, wird unter dem Stichwort "Flüchtlingskrise" in Europa in die Geschichte eingehen. Dabei muss klar benannt werden, dass es sich weniger um eine Flüchtlingskrise als vielmehr um eine Krise Schengens, eine Krise der europäischen Grenzinstitutionen handelt. Emblematisch für die Evidenz der These der Autonomie der Migration steht der Fußmarsch vieler Tausender Flüchtlinge, der am 4. September vom Budapester Ostbahnhof (Keleti) seinen Anfang nahm mit dem Ziel Österreich. Dieser kollektive Akt der Mobilität und die anschließenden Grenzrevolten der Geflüchteten erzeugte letztendlich den politischen Druck, der zur Öffnung der österreichischen und deutschen Grenzen führte. In den nächsten Wochen erreichten Zehntausende Flüchtlinge Deutschland.

Die These der Autonomie der Migration war und ist sehr einfach: Migration ist kein Ortswechsel, keine Bewegung zwischen Herkunft und Ankunft, keine einfache Überschreitung einer territorialen Grenze. Migration ist ein eigenständiges soziales Verhältnis, die Bewegungsform der Neuzusammensetzung der lebendigen Arbeit an der Grenze. Ich verstehe die Autonomie der Migration als eine soziale Bewegung, die aus den sozialen Verhältnisse der grenzüberschreitenden Mobilität entsteht.

Im folgendem plädiere ich für eine Nicht-Unterscheidung zwischen Migration und Flucht. Erstens, weil die kategoriale Unterscheidung zwischen Migrant_innen und Geflüchteten schon immer eine kontrollpolitische war. An der mazedonisch-griechischen Grenze bei Idomeni tritt gerade die selektive Funktion der europäischen Grenze entlang dieser beiden Begriffe deutlich zu Tage. Zweitens, weil die Perspektive der Autonomie nicht primär die Fluchtursachen adressiert, sondern das Migrationskontinuum des Grenzüberschreitungsprozesses analysiert (inklusive Fluchtursachen, Fluchtgründe und Schutzsuche, aber auch Transit- und Arbeitsmigration). Welche Art der Politik wird ausgeübt, wenn Menschen trotz der Einschränkungen durch Migrationskontrolle mobil werden? Welche Art von Politik charakterisiert all diese Praktiken der Migration, die weder versuchen, Menschen in eine vorhandene politische Ordnung zu integrieren noch sich dieser politischen Ordnung systematisch verweigern? Wie können wir die stillen und profanen Transformationen verstehen, die passieren, wenn Migrant_innen, die heimlich die Grenzen, die ihre Zukunft blockieren, überwinden? Wenn sie dabei die Grenzen liberaler Staatsbürgerschaft bloßstellen, ohne dies je beabsichtigt zu haben?

Das ist Politik, die das Politische verändert, ohne es jemals in seinen Codes und Praktiken zu verhandeln. Die Politik der Migrant_innen entwickelt ihre eigenen Codes, ihre eigenen Praktiken, ihre eigene Logik, da sie eine Realität schaffen, die im existierenden System der politischen Repräsentation nicht verhandelt werden kann. Üblicherweise wird diese Logik nicht als richtige Politik wahrgenommen. Dabei sind diese Kämpfe und Politiken der Migration so mächtig, dass sie die Bedingungen einer bestimmten Situation und die Bedingungen der Existenz der teilnehmenden Akteur_innen verändern.

Eigensinnige Praxen ...

Die Politik der Migrant_innen ist in diesem Sinne keine Politik (d.h. nicht repräsentierbar in der vorherrschenden politischen Ordnung). Mit Asef Bayat nenne ich diese Politiken der Zugehörigkeit im Transit "soziale Nicht-Bewegungen". Migrant_innen sind während des Bordercrossings nicht unbedingt soziale Gruppen im soziologischen Sinne. Sie sind soziale Nicht-Gruppen: aktualisierbare, aktualisierungsfähige Netzwerke sozialer Gruppen in actu. Niemand reist allein, jedenfalls in der Regel nicht für die Gesamtdauer der Reise. Die Transitstation Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze zu blockieren, kann als "acts of citizenship" nur insofern gesehen werden, als der Moment, sich in einem Laster zu verstecken, eine illegalisierte Aktivität ist. Aus der Perspektive der Migrant_innen ist dies ein Akt unmittelbarer Gerechtigkeit, um ihr tägliches Überleben zu ermöglichen.

Anders ausgedrückt unterwandert Migration die Absicherung der Souveränität durch ihre bloße Existenz, genauso wie sie liberale und humanitaristische Projekte unterwandert und - zusammen mit vielen anderen sozialen Bewegungen - eine andere Form von Politik ankündigt: "Bewegungsfreiheit für mich, meine Kinder, meine Freunde, meine Verwandten, meine Mitreisenden und für die Leute, die es verdienen".

Der Gedanke der Autonomie der Migration stellt heraus, dass die kollektiv organisierte, transnational ausgerichtete, grenzüberschreitende Mobilität an sich eine politische und soziale Bewegung ist. Die These der Autonomie der Migration betont die gesellschaftlichen und subjektiven Aspekte der Mobilität gegen das Primat ihrer Kontrolle. Sie lehnt es ab, Migration als bloße Reaktion auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Zwänge zu sehen. Stattdessen ist Migration autonom, weil sie eben auch eine selbstbestimmende Kraft - und keine nur fremdbestimmte Variable der "internationalen Arbeitsteilung" oder der "ungleichen Entwicklung" - in der Formation und Transformation kapitalistischer Souveränität war und ist. Informelle Mobilität fordert die Kontrolle und ihre Grenzregime heraus, nicht umgekehrt.

Das heißt nicht, dass illegalisierte Mobilität unabhängig von Kontrolle geschieht. Autonom ist sie, wenn sie die mächtigen Strategien der Heteronomie der Migrationskontrolle mit ihren taktischen Georgraphien, Sprachen und Ethiken der Flucht konfrontiert. In der Autonomie der Migration gibt es keinen Platz für eine Romantisierung des Nomadentums und der Migration. Migration kämpft mit den harten, oft tödlichen Realitäten der Kontrolle. Der Punkt ist, dass Migration nicht nur auf sie reagiert. Stattdessen schafft sie neue Realitäten, die es Migrant_innen erlaubt, ihre eigene Mobilität gegen oder jenseits vorhandener Kontrolle auszuüben.

... konfrontieren Grenzen

Einer der am häufigsten genannten Kritikpunkte am Ansatz der Autonomie der Migration ist, dass er all diese verschiedenen Subjektivitäten der Migration und die diversen konkreten Räumlichkeiten der Bewegung durch eine große Narration der Migration substituiert. Der Begriff Migration homogenisiert angeblich und löscht faktisch die diversen gelebten Erfahrungen der Migrant_innen mit staatlicher Kontrolle aus. Tatsächlich umfasst Migration ein breites Spektrum radikal unterschiedlicher Arten von Mobilitätspraktiken: Humanitäre, erzwungene, kriegs- und umweltbedingte, kulturelle, wirtschaftliche, zirkuläre, saisonale, interne Migration. All diese Migrationsarten sind jedoch keine neutralen Definitionen von Migrationsbewegungen. Ein Großteil unserer empirischen Forschung an der europäischen Grenze - die Teil zahlreicher ähnlicher Studien auf dem Gebiet des Transnationalismus sind - zeigt, wann, wo und wie ein junger Transmigrant, um nur ein Beispiel zu nennen, in die Kategorie eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings fällt oder als jemand gesehen wird, der zwischen dem Herkunftsland und dem Zielland pendelt, oder als wirtschaftlicher Migrant eingestuft wird. Das ist weniger offensichtlich, als es auf den ersten Blick erscheint. Des Weiteren liegt die Motivation hinter diesen Bewegungen normalerweise im Dunkeln. Man kann zum Beispiel Migration als eine Ausübung von Handlungsfähigkeit von unten unter den diffusen Umständen der Globalisierung sehen; oder als Metapher für eine flüchtige Moderne, die von einer zunehmenden Durchdringung der neoliberalen Doktrin angetrieben wird; oder gar als Ansatz durch die Komplexitätstheorie inspiriert, in der alle Formen von Mobilität - von Tourismus bis zum transnationalen Terrorismus - gleichwertig nebeneinander existieren.

Freiheit als gemeinsames Ziel

All diese unterschiedlichen Arten, Fälle und Ansätze der Migration unter das Konzept der Autonomie der Migration zu subsumieren, bedeuten nicht, ihre Unterschiede abzuschwächen; es ist vielmehr der Versuch, ihre Gemeinsamkeiten zu artikulieren, die all den Kämpfen um Mobilität entstammen, die in der Konfrontation mit dem Regime der Mobilitätskontrolle entstehen. Die angeblich abstrakte und homogenisierende Kategorie, wie sie in dem Ansatz der Autonomie der Migration verwendet wird, versucht nicht, die vorhandene Vielfalt der Bewegungen und Schicksale in einer einzigen Logik zu vereinen. Sie will vielmehr aussagen, dass all diese Einzigartigkeiten zu einer mitfühlenden und universellen Geste der Freiheit beitragen, die konkreter Gewalt entkommt, die von der Genealogie der kapitalistischen Kontrolle gegen Menschen in Bewegung ausgeübt wird.

Migration ist dann die empirische Realität des Kampfes um Bewegungsfreiheit, die souveräner Kontrolle entkommt und diese delegitimiert. Deshalb ist die erste Bedeutung von Migration nach dem Ansatz der Autonomie der Migration eine empirische: Die tatsächlichen Kämpfe, Praktiken und Taktiken, die der Kontrolle entkommen. Diese Herangehensweise ist wichtig, da sie eine Antwort auf die heteronomen Praktiken der staatlichen Regulierung von Mobilität sind: Souveränität bricht den Zusammenhalt zwischen verschiedenen migrierenden Subjekten, um sie zu schwächen und zu steuerbaren Subjekten der Mobilität zu machen.

In diesem Sinne ist Migration ein Gegenmittel: Sie fordert den Glauben in die Möglichkeit ein, sich frei bewegen zu können. Es ist wahr, dass diese zweite Bedeutung von Migration im Ansatz der Autonomie der Migration symbolisch ist. Sie ist ein zirkulierendes Symbol, das eine sichere, freie und warme Virtualität verkörpert. Denn so kann Migration in den harten Bedingungen der souveränen Kontrolle den Menschen, die unterwegs sind, die Kraft geben, weiterzugehen. Migration existiert, in dieser zweiten Bedeutung, als Botschaft der Freiheit.


Der Beitrag erschien zuerst in: iz3w - informationszentrum 3. Welt, Ausgabe 352, Januar/Februar 2016.