Fluchthelfer*innen - einst und jetzt

Wenn die Bewegungs- und Reisefreiheit von flüchtenden Menschen eingeschränkt ist, ist direkte Fluchthilfe gefragt. An sicheren legalen Fluchtwegen nach Europa mangelt es jedoch weiterhin.

"Unser Abteil ist voller Emigranten. Der Zug hält, wir sind an der Grenze, wir sind nun wirklich in Portugal. Vertreter des jüdischen Flüchtlingskomitees HICEM stehen am Bahnsteig und warten auf uns. Jemand wartet auf uns! Jemand kümmert sich um uns." [1]

Es wäre immer Zeit, sich um jemanden zu kümmern, und gerade ist es wieder dringend nötig. Der Weg von Geflüchteten und Migrant*innen ist umso beschwerlicher, je weniger Mittel ihnen zur Verfügung stehen, die sicheren, die bequemeren Routen kosten schlicht mehr. Die Refugees sind es jedenfalls, die ihr Recht auf Bewegungsfreiheit und Schutz vor Krieg und Verfolgung durchsetzen, ihre Anzahl und ihre Entschlossenheit bewirken, dass Grenzkontrollen und Dublin-Regelungen außer Kraft gesetzt sind. Wir alle können zu Akteur*innen werden und dem Ringen um eine Reorganisierung des EU-Grenzregimes entgegentreten. Denn sehr anschaulich, sehr nah, an den Grenzen Österreichs, ist nun unzweifelhaft zu erkennen, wie der Schutz des nackten Lebens kommerziell und gewaltförmig organisiert wird und wie Unterstützer*innen von Refugees kriminalisiert werden.

Alte Begriffe werden wieder benutzt, etwa: Balkanroute. Gegen Ende dieser sogenannten Balkanroute, gen Norden also, nimmt die Anzahl der wegen Schlepperei in U-Haft befindlichen Personen deutlich ab, heißt es in den Medien. [2] Dennoch sollen bis November 2015 rund eintausend Personen in Bayern wegen "Schleuserkriminalität" in Polizeigewahrsam genommen worden sein. Die Anzahl der Verurteilungen ist jedoch marginal. [3]

Selbstorganisierte Unterstützung

Während also mal Sonderzüge und Busse fahren, dann wieder gegenseitige Vorwürfe von politischen Repräsentant*innen innerhalb der nationalen Grenzen oder in Richtung der Nachbarländer erhoben werden, während die Polizeigewerkschaft über mangelnde Supervision klagt und andere wieder Zäune hochziehen, machen Aktivist*innen und Helfer*innen das, was zu tun ist. Am 31. August demonstrierten in Wien 20.000 Menschen ihre Solidarität mit Geflüchteten, zugleich wurden am Westbahnhof erstmals hunderte Refugees willkommen geheißen und verpflegt. Schon hierin zeigt sich, dass zur selben Zeit viele Leute nicht nur dieselbe - zugegeben naheliegende - Idee haben, sondern diese auch sofort umsetzen. Essen und Getränke einkaufen und an die Reisenden verteilen, Informationen weitergeben oder einen Teil der Reise erleichtern, weil die Anstrengungen dieses zynischen Agierens der EU und einzelner europäischer Regierungen mit ein wenig Vernunft und respektvoller Zuwendung immer wieder durchbrochen werden können.

Erinnern wir uns an das erbärmliche Schauspiel, das den ganzen Sommer über in Traiskirchen geboten wurde und das ungewöhnliche Reaktionen wie etwa einen Prüfbericht von Amnesty International nach sich zog. Seltsam auch, an welchen Orten - Traiskirchen, Nickelsdorf und andere - nun auf die tätige Hilfe von Ärzte ohne Grenzen zurückgegriffen und Journalist*innen der Zugang verwehrt wird.

Viele Menschen hatten im Sommer auch die Idee, ihr Auto sinnvoll zu nutzen, nach Budapest, Györ oder Röszke an der serbisch-ungarischen Grenze zu fahren und Refugees an einen Wiener Bahnhof zu bringen, von wo aus die ÖBB in durchaus vorbildhafter Freundlichkeit die Weiterreise organisiert. Ein situationsadäquates Agieren einer sonst so vielfach beschworenen Zivilgesellschaft, die dort kocht, wo die zuständigen Behörden offenbar bewusst versagen, wie seit Oktober im steirischen Spielfeld: eine Tonne Lebensmittel jeden Tag, Linsen, Reis, Gemüse. Privatspenden und freiwillig Kochende brüskieren mit ihrer Hilfe auch den Staat, der lieber Menschen einteilt, zählt und Zäune baut. Zu den alltäglichen Unterstützungsaufgaben entlang der Reiserouten gehört es auch, freies WLAN aufzustellen, das Aktivist*innen an jenen Plätzen installieren, an denen Flüchtende unfreiwillig gesammelt werden. Umfassende Information ist unbezahlbar, die staatlichen Stellen sehen dies jedoch eher als Bedrohung. Neben jenen, die Zeit und Ressourcen aufbringen können, um diese Unterstützung zu ermöglichen, gibt es selbstverständlich auch eine breite Palette kommerzieller Angebote, Etappen der unnötig mühsamen und gefährlichen Fluchtrouten.

Geschäftsmodell Schlepperei

Bei der 2. Internationalen Schlepper- und Schleuserkonferenz (ISS) im Oktober 2015 in München referierte neben anderen der deutsch-ägyptische Journalist Sammy Khamis über die "smarten" Seiten der Flucht: "Fluchthilfe über Apps, Schleuserangebote auf Facebook und die 'demokratisierte' Flucht nur mit Hilfe des Smartphones", Erlebnisberichte, Checklisten und weitere nützliche Hinweise für den Weg ohne Schlepper*in. Hier treten konstruierte Idealtypen zutage: einerseits der gut informierte, mutige und kundige, auch Arabisch und Englisch sprechende, unabhängige, fitte junge Mann. Andererseits ein ebenso cleverer Schlepper, ein Geschäftsmann, der das Risiko kennt und die Preisentwicklung auf diesem hochsensiblen Markt beobachtet. Das Schleppen und Schleusen scheint als kommerzielles Modell eine Männerdomäne zu sein [4], während das eher sorgende und unterstützende Helfen 'weiblich' illustriert wird.

So fein säuberlich nach Geschlechtern getrennt ist die illegalisierte Reisewelt freilich nicht, dennoch gilt es auch hier, alternative Angebote zu entwickeln und dahingehende Initiativen konkret zu unterstützen. So wurde etwa im Februar 2015 in Rabat, der Hauptstadt Marokkos, eine Rasthaus-Wohnung [5] für Frauen und ihre Kinder eröffnet, um durch eine sichere Unterkunft auch eine bessere Planung der weiteren Reise zu unterstützen. Zunächst wurde eine Dreizimmerwohnung angemietet, in der bis zu zehn Personen versorgt werden können, ab November steht eine weitere Etage des Hauses zur Verfügung.

Formen struktureller Benachteiligung treten auf der Flucht mit mindestens ebenso großer Vehemenz auf - alle Versuche, diese systematische Diskriminierung auszugleichen, sollten daher auch hier angewendet werden. Frauenhäuser bilden eine dahingehende Möglichkeit. Grundsätzlich muss jede Situation der Knappheit, die das Durchsetzungsvermögen der Stärkeren begünstigt, vermieden werden. Statt Benimmregeln für Flüchtlinge zu formulieren, sollte man den einen oder anderen Gedanken darauf verschwenden, warum an drei Tagen 3,3 Millionen Besuche beim Donauinselfest oder die ebenso jährliche Millionenzahl beim Münchner Oktoberfest problemlos verköstigt werden können, sodass ein Großteil danach auch rechtschaffen betrunken ist, während es schier unmöglich scheint, ein paar Tausend Refugees mit der gebotenen Freundlichkeit und dem jeweils Benötigten zu versorgen.



Refugee Convoy: Solidarisch fahren

Am 27. August 2015 wurden 72 Tote in einem Kühllastwagen an der Autobahn bei Parndorf gefunden. Diese Toten, wenige Kilometer vor Wien, wirkten auf Teile der österreichischen Bevölkerung offenbar eindrücklicher als das tausendfache Sterben der letzten Jahre im Mittelmeer. Erinnern wir uns an die Bilder vom Bahnhof Keleti in Budapest: Am 1. September hatte die ungarische Regierung beschlossen, diesen für Refugees zu sperren. Unter dem Kollektivnamen Erzsébet Szabó, einer weitgehend unbekannten ungarischen Antifaschistin, ging am 3. September die Facebook-Seite von "Konvoi Wien-Budapest Schienenersatzverkehr für Flüchtlinge" (mittlerweile umbenannt in "Refugee Convoy - Schienenersatzverkehr für Flüchtlinge") online. Innerhalb von 48 Stunden sagten 3.000 Privatpersonen ihre Teilnahme zu und boten sich als Fluchthelfer*innen an. Das Zögern der Aktivist*innen angesichts von Verhaftungen wegen Schlepperei in Budapest hatte ein Ende, als sich hunderte Refugees zu Fuß vom Keleti nach Österreich auf den Weg machten.

Am Sonntag, den 6. September fanden sich 170 Autos und zahlreiche internationale Medienvertreter*innen am Parkplatz des Wiener Praterstadions ein, die Polizei assistierte freundlich und geleitete uns professionell bis zur Stadtgrenze. Am Ende eines langen Tages kamen im Konvoi 380 Reisende am Wiener Westbahnhof an. Solche und ähnliche Initiativen gab es auch schon davor und danach: Einzelpersonen und Konvois aus Leipzig, Berlin und Amsterdam boten Freifahrten für Refugees an.

Remembering Lisa Fittko

Für diesen Einsatz zur direkten Fluchthilfe wurde auf der Internationalen Schlepper- und Schleuserkonferenz stellvertretend das Kollektiv Erzsébet Szabó mit der "Goldenen Lisa" - benannt nach der Antifaschistin und Fluchthelferin Lisa Fittko (1909-2005) - ausgezeichnet. [6] Gemeinsam mit ihrem Mann, Hans Fittko (1903-1960), verhalf die Namenspatronin des Preises zwischen September 1940 und April 1941 hunderten jüdischen Menschen zur Flucht aus dem besetzten Frankreich und rettete somit deren Leben.

Der von Lisa und Hans Fittko geführte Weg über die Pyrenäen nach Spanien - auch als "F-Route" bezeichnet - gehörte zum Plan der von Varian Fry (1907-1967) geleiteten Fluchthilfeorganisation Centre Américain de Secours, einer Vorfeldorganisation des Emergency Rescue Committee (Emerescue). [7] Insgesamt gelang mit Hilfe dieser Organisation mehr als 2.000 Menschen die Flucht aus Frankreich.

Das Emerescue wurde am 25. Juni 1940, drei Tage nach Unterzeichnung des deutsch-französischen Waffenstillstands, in New York gegründet. Varian Frys Mission war, "namhaften europäischen Schriftstellern, Journalisten, bildenden Künstlern, Musikern, Komponisten, Schauspielern, Wissenschaftlern, Gewerkschaftsführern und Politikern, die von den Nazis nach Frankreich geflohen waren, die Ausreise und Einwanderung nach Nordamerika zu ermöglichen". [8] Dafür hatte er aus den USA zweihundert Einreise-Visa mitbekommen.

Sichere Fluchtwege schaffen

Gerade dieses Unbehagen gegenüber den Kriterien der Personenwahl sollten wir heute festhalten. Auch wenn wir die Bedingungen, die Menschen damals wie heute zwingen, andernorts Schutz und ein lebenswertes Leben zu suchen, nicht bestimmen können, so können wir doch dahingehend wirken, dass sichere Fluchtwege und Asyl ein politisches Faktum werden und für alle gelten. Dies war auch schon Varian Fry bewusst, der, ehe er aus Frankreich ausgewiesen wurde, statt den geplanten zweihundert Prominenten wesentlich mehr Menschen die Flucht ermöglichte. [9]

Die naheliegenden Forderungen des Kollektivs Erzsébet Szabó umfassen "Fluchtzeuge", die Migrant*innen direkt an ihr gewünschtes Ziel bringen, sichere Fähren über das Mittelmeer und ein Kreuzfahrtschiff, das die Donau stromaufwärts von Beograd bis Passau fährt. Diese Strecke umfasst sechs nationale Grenzen - ein schönes Symbol für alle Liebhaber*innen der Binnenschifffahrt und des Kollektiven, der guten nachbarschaftlichen Beziehungen.

"Am Anfang war es schwer, die Menschen zu begreifen - es ist nicht nur die Sprache (die vierte seit unserer Emigration), man versteht nicht, wie sie es meinen. Doch jetzt sagen wir, wie alle anderen, mañana, wenn wir meinen: vielleicht bald." [10]

Dieser Beitrag erscheint zeitgleich in: zwischenwelt, Nr. 4, Dezember 2015.



Links

2. Internationale Schlepper- und Schleuserkonferenz (ISS)
Facebook-Seite Refugee Convoy - Schienenersatzverkehr für Flüchtlinge


Fußnoten

[1] Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41. München: dtv 2013. S. 284.

[2] "Immer mehr Schleuser gefasst - nur wenige Verurteilungen", in: Die Zeit, 7.11.2015, www.zeit.de/news/2015-11/07/migration-immer-mehr-schleuser-gefasst---nur-wenige-verurteilungen-07124202

[3] Ebd.

[4] Andrea Di Nicola, Giampaolo Musumeci: Bekenntisse eines Menschenhändlers - das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen. München: Kunstmann 2015.

[5] Träger des Projekts ist Afrique-Europe-Interact, Spenden werden vom Verein Globale Gerechtigkeit e.V. angenommen. Kontoverbindung und weitere Projektinformationen: http://afrique-europe-interact.net/183-0-Kontoverbindung.html

[6] Am 17. Oktober 2015 wurde im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele die "Goldene Lisa" an innovative und bedeutende Schlepper- und Schleuserinitiativen in verschiedenen Kategorien verliehen. Preisträger*innen waren Maria Eitz (in der Kategorie "Lebenswerk") sowie die Initiativen Refugee Air (Kategorie "Fluchthilfe Innovation") und Erzsébet Szabó (Kategorie "Fluchthilfe konkret"). Die Preisverleihung fand im Rahmen der 2. Internationalen Schlepper- und Schleuserkonferenz (ISS) statt.

[7] Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen. S 310ff.

[8] Ebd., S. 310.

[9] Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. (Hg.): Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin - Marseille - New York. Berlin: Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. 2007.

[10] Ebd., S. 295f.