Für einen Perspektivenwechsel in der Sexarbeit

Sex-Shops, Laufhäuser, Bordelle, Peepshows ... Rotlicht, Lippenstift, Stöckelschuhe, Sex ... Die Betrachtung der Sexindustrie kann sich selten von einem voyeuristischen Blick befreien und wird zugleich von moralischen Vorstellungen dominiert. Obwohl die Sexarbeiter_innen die zentralen Akteur_innen sind, werden ihre zunehmende Prekarisierung ebenso wie ihre Rechte und Widerstandsstrategien ausgeblendet. Die gesellschaftliche Doppelmoral schlägt zu und trifft vor allem Migrant_innen.

Der Verein maiz setzt sich seit mehr als zwanzig Jahren für die rechtliche und gesellschaftliche Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit ein, um gegen die Ausbeutung in der Sexindustrie zu kämpfen. Ausbeutung und Gewalt sind aus unserer Perspektive nicht per se der Sexarbeit inhärent, sondern werden durch strukturelle, rechtliche und staatliche Rahmenbedingungen begünstigt. Die fehlenden Rechte für Migrant_innen und (migrantische) Sexarbeiter_innen fördern indes die Ausbeutung, Abhängigkeiten (u. a. von Betreiber_innen) und Gewalt. Gefragt ist daher eine Entdiskriminierung, Enttabuisierung und Entstigmatisierung sowohl auf rechtlicher und gesellschaftlicher als auch auf diskursiver Ebene.

Es sind vor allem Migrant_innen-Selbstorganisationen wie maiz, die auf die restriktiven Migrationspolitiken hinweisen, die für migrantische Sexarbeiter_innen eine Zuspitzung der prekären Position bedeuten. maiz versteht Sexarbeit im breiteren Kontext von Frauenarbeitsmigration als eine stark ethnisierte und feminisierte Tätigkeit, die jedoch eine Strategie der Selbstermächtigung sein und ökonomische Unabhängigkeit bedeuten kann.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Sexarbeiter_innen haben in Österreich zahlreiche Pflichten (Registrierung, Steuerpflicht, wöchentliche amtsärztliche Untersuchungen), aber unverhältnismäßig wenige Rechte (wie etwa Arbeitnehmer_innenschutzbestimmungen). Zudem sind die Regelungen in den einzelnen Bundesländern sehr restriktiv und lassen nur wenige legale Möglichkeiten zu, Sexarbeit auszuüben. Sexarbeit gilt weder als unselbstständige Erwerbstätigkeit noch ist sie als Gewerbe anerkannt. Sexarbeiter_innen können in Österreich lediglich als "Neue Selbstständige" ihre Tätigkeit ausüben, obwohl sie in vielfacher Weise von Lokal-Betreiber_innen abhängig sind, da diese vorwiegend die legalen Arbeitsorte zur Verfügung stellen. Die Liste der Missstände und Nachteile ist lang: fehlende Arbeitsrechte, ein unregelmäßiges Einkommen verbunden mit sinkenden Verdienstmöglichkeiten bei gleichzeitigem Anstieg von Ausgaben (hohe Mieten in Laufhäusern), Arbeit oft sieben Tage die Woche, zwölf Stunden Arbeit pro Tag/Nacht, strenge Kontrollen, Kunden, die Unsafe-Sex-Praktiken einfordern, im Falle von Nachtclubs Arbeiten in verrauchten Räumen, bei hohem Lärmpegel und ohne Fenster usw.

Ein Faktor, der die Prekarisierung von migrierten Sexarbeiter_innen (in Österreich sind ca. achtzig Prozent der Sexarbeiter_innen Migrant_ innen [1]) im Besonderen fördert, ist ihr unsicherer Status. Aufgrund der restriktiven Migrationspolitik ist es z.B. für Personen aus Nicht-EU-Ländern beinahe unmöglich, legal in der Sexarbeit tätig zu sein. Die Novelle zum "Ausländerbeschäftigungsgesetz" 2006 [2] trägt dazu bei, dass Sexarbeiter_innen, die seit Jahren mit dem Titel "Selbstständig ohne Niederlassung" gearbeitet hatten, illegalisiert wurden.

In der maiz-Beratungsstelle berichten jedoch Sexarbeiter_innen, dass Sexarbeit auch Vorteile bringt: Es ist jener Arbeitssektor, in dem Migrant_innen nach wie vor das meiste Geld verdienen können. Je nach Zweig der Sexindustrie bietet der Job zudem Flexibilität, beispielsweise in Bezug auf Arbeitszeiten, Arbeitstage oder Urlaub. Auch ist es möglich, Sexarbeit als Nebenjob auszuüben, da es keine vertragliche Bindung gibt.

Sexarbeit und Neo-Abolitionismus

Sexarbeit und andere Tätigkeiten im informellen Dienstleistungssektor sind weltweite Arbeitsmärkte für Frauen. Die starke Präsenz von Migrantinnen darin steht in engem Zusammenhang mit restriktiven Migrationspolitiken, mit der Nachfrage nach Care-Dienstleistungen, mit der Konstruktion von Geschlechterrollen und mit einem rassistisch-sexistisch segmentierten Arbeitsmarkt.
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Im neo-abolitionistischen Ansatz wird jede Form von Migration zum Zweck der "Prostitution" mit Frauenhandel gleichgesetzt. Damit werden den Migrantinnen eigene Handlungsmöglichkeiten per se abgesprochen. [3] Dass die Migration in die Sexarbeit selbst eine Strategie sein kann, um sich zu wehren, sie eine Möglichkeit sein kann, patriarchalen Strukturen zu entkommen und ökonomische Unabhängigkeit zu erreichen, wird somit völlig ausgeblendet. Die abolitionistische Perspektive suggeriert, dass Sexarbeiterinnen handlungsunfähige Opfer von patriarchalen Strukturen und/oder von sozio-ökonomischen Zwängen seien. So wird ausgeblendet, dass auch in der Sexarbeit selbstbestimmte Entscheidungen getroffen werden, trotz limitierender Rahmenbedingungen. Männliche, homosexuelle und transgender Sexarbeiter_innen werden dafür unsichtbar gemacht, da sich der Abolitionismus ausschließlich auf Frauen als Opfer des Patriarchats bezieht.

Sprechen und (nicht) gehört werden - "Nothing about us without us!"

Die Stimmen von Sexarbeiter_innen - es gibt sie! - werden selten gehört. Neo-abolitionistische Feministinnen, aber auch politische Vertreter_innen sehen Sexarbeiter_innen, die sich für ihre Rechte einsetzen und diese u. a. in der Öffentlichkeit einfordern, als nicht repräsentativ für die Branche bzw. ignorieren diese schlichtweg. "Sex workers are infuriated by criticism of their industry, whether by well-meaning social activists such as the Salvation Army, by negligent public opinionmakers or, especially, by feminists. The job is challenging enough, they say, without being constantly told that they are wrong to do it and must be damaged. As blogger Hexy puts it, 'I'm fucking sick of sex workers being considered the least important voices in discussions about sex workers.'" [4]

Die hier angesprochene Gewalt bleibt kein diskursiver Moment. Calum Bennachie und Jan Marie (2010) gehen in ihrem Artikel "Their Words Are Killing Us" [5] auf die direkten Auswirkungen abolitionistischer Argumente auf das Selbstbild der Sexarbeiter_innen ein.

Widerstandsperspektiven

Das Internationale Komitee der Rechte von SexabeiterInnen in Europa schlägt vor, die Rechte der Sexarbeiter_innenbewegung in Europa zu stärken. [6] maiz tritt seit Anfang der 1990er Jahre für die Anerkennung von Sexarbeit als Erwerbsarbeit ein. Es geht darum, im "Spannungsfeld zwischen Stigmatisierung und Selbstermächtigung" [7] das subversive Potenzial und Widerstandsperspektiven durch Theorie und Praxis auszuloten. Zentral dabei ist, "Raum für eine kollektive Organisation von Migrant_innen in der Sexarbeit sowie verschiedene Migrant_innengruppen zu schaffen und deren Interessen und Forderungen zu bündeln, indem die Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen prekären Arbeits- und Lebensbedingungen ins Zentrum gerückt und gemeinsam nach außen getragen werden. Denn, wir glauben nicht nur an Veränderung, wir arbeiten daran!" [8]


Dieser Beitrag ist die stark gekürzte Version von "For A Change of Perspective. Oder: Wie schaut Sexarbeit aus, wenn die Perspektive von Sexarbeiter_innen miteinbezogen wird?", erschienen in: Elisabeth Greif (Hg.) (2012): SexWork(s). Verbieten - Erlauben - Schützen? Linz: Universitätsverlag Rudolf Trauner, Reihe Linzer Schriften zur Frauenforschung.

Beitrag aus migrazine.at, Ausgabe 2013/2.



Fußnoten

[1] Zu diesem Ergebnis kommt die Untersuchung von TAMPEP (2009): Mapping of National Prostitution Scene. National Coordinators Report 2008/9 Austria. In: TAMPEP: Sex Work in Europe Mapping Report and Annexes, Annex 4, TAMPEP VIII, S. 2-14.

[2] Bundesgesetz BGBl 2005/157, mit dem das Fremdenpolizeigesetz 2005, das Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz und das Ausländerbeschäftigungsgesetz geändert wurden.

[3] Siehe Coalition Against Trafficking in Women (CATW), www.catwinternational.org

[4] Kate Holden (2011): Sex Work and Feminism. In: Meanjin, 70. Jg., Nr. 1.

[5] Calum Bennachie/Jan Marie (2010): Their Words Are Killing Us. The Impact of Violent Language of Anti-Sex Work Groups. In: Research for Sex Work, 12. Jg., S. 24-26.

[6] International Committee on the Rights of Sex Workers in Europe (Hg.) (2005): Manifest der SexarbeiterInnen in Europa. Online unter: www.sexworkeurope.org/sites/default/files/userfiles/files/join/Manifest_DE.pdf

[7] Nele Bastian/Katrin Billerbeck (Hg.) (2010): Prostitution als notwendiges Übel? Marburg: Tectum Verlag.

[8] Luzenir Caixeta (2010): Prekarität und die bezahlte sexuelle Dienstleistung. Online unter: www.migrazine.at/artikel/prekarit-t-und-die-bezahlte-sexuelle-dienstleistung