Editorial

In kaum einem anderen Land wird die soziale Herkunft so stark vererbt wie in Österreich. Dort, aber auch in Deutschland ist es besonders schwer, durch Bildung sozial aufzusteigen – insbesondere für Frauen. Zu diesen Ergebnissen kommt der jüngste Bildungsbericht der OECD, der jedes Jahr den Bildungszugang und die Bildungsbeteiligung in 34 Industriestaaten miteinander vergleicht.

Die enge Verknüpfung zwischen sozialer Ungleichheit und Bildungsgerechtigkeit ist auch eines der zentralen Themen in der Klassismus-Forschung. "Klassismus" steht für klassenspezifische Diskriminierung, Ausbeutung und Marginalisierung. Es waren vor allem Schwarze und lesbische Feministinnen aus der Arbeiter_innenbewegung, die in den USA der 1970er Jahre den Begriff aufs Tapet brachten.

Lange Zeit trat die – in einigen wissenschaftlichen Kreisen als überholt geltende – Kategorie "Klasse" in feministischen Diskussionen in den Hintergrund. Insbesondere seit der Finanz- und Wirtschaftskrise Ende der Nullerjahre beschäftigen sich Feminist_innen jedoch wieder vermehrt mit ökonomischen und sozialen Fragen und den Voraussetzungen für ein gutes Leben. Dabei findet "Klasse" in der Auseinandersetzung mit "Klassismus" sowie ineinander greifenden Diskriminierungsformen (Stichworte "Intersektionalität" und "Mehrfachdiskriminierung") ihren Weg zurück in den feministischen Theorie-Diskurs.


Roseanne Barr, nach eigenem Bekunden "Erfinderin, Autorin und Darstellerin der ersten (und einzigen) feministischen Familien-Sitcom der Arbeiter_innenklasse", spielte neun Jahre lang in 222 Episoden die gleichnamige Titelheldin. Roseanne arbeitet am Fließband, verkauft am Telefon Zeitschriftenabos, ist Sekretärin, Kellnerin, Mädchen für alles im Frisörsalon, gründet schließlich ein Fast-Food-Lokal und hilft nebenbei auch noch ihren Teenie-Töchtern durch die Querelen des Erwachsenwerdens. Den aufopfernden Serienmüttern der 1980er setzt sie in Schlabberpullovern ihren sarkastischen Humor entgegen. Auch häusliche Gewalt und Homosexualität sind Themen der US-Serie, für die Barr am Ende sagenhafte vierzig Millionen Dollar pro Folge erhielt.

Text: Fiona Sara Schmidt, Illustration: Bianca Tschaikner




Im migrazine.at-Schwerpunkt spüren wir den historischen Wurzeln des Begriffs nach und spannen den Bogen zur Gegenwart: Wie wird "Klasse" heute im (queer-)feministischen Aktivismus thematisiert? Auf welche Weise verbindet sich Klassismus mit Rassismus und Sexismus?

Für klassistische Diskriminierung existieren nur wenige gesellschaftlich anerkannte Artikulationsmöglichkeiten. Populäre Medien wie das Fernsehen nehmen hier eine ambivalente Rolle ein: Zum einen wird ein als "Unterschichtenfernsehen" verschrienes Programm geboten, dessen Konsum zum Pauschalmerkmal bildungsferner "Prolos" definiert wird. Zum anderen ist das Fernsehen einer jener seltenen Orte, an denen Figuren aus der "Working Class" als positiv besetzte Protagonist_innen auftreten. In unserer Bildstrecke, illustriert von Bianca Tschaikner, präsentieren wir einige unserer "Working Class Heroines" aus alten und neuen TV-Serien.

Dieser Themenschwerpunkt ist in Zusammenarbeit mit an.schläge – Das feministische Magazin entstanden.