Die Sache mit dem Akzent

Interview mit: 
Clara Akinyosoye
Interview mit: 
Claudia Unterweger
Interview mit: 
Olivera Stajić

Welche Möglichkeiten halten Mehrheits-Medien JournalistInnen mit Migrationshintergrund offen? Und wie erfolgsversprechend sind die neuen "multikulturellen Nischen" innerhalb des Medien-Mainstreams? Eine Gesprächsrunde mit Clara Akinyosoye von der Initiative M-Media, Olivera Stajić vom Online-Magazin “daStandard.at“ und Claudia Unterweger vom Jugendradiosender FM4.

migrazine.at: Mich würde zunächst eure persönliche Arbeitsbiografie interessieren: Wie seid ihr da hingekommen, wo ihr jetzt seid? Und inwieweit spielt die migrantische Herkunft in eurer beruflichen Karriere eine Rolle?

Claudia Unterweger: Ich bin jetzt seit fast zehn Jahren bei FM4, ich moderiere hauptsächlich, bin aber auch hinter den Kulissen als Producerin tätig. Ich bin, so wie die meisten Leute bei FM4, über das Assessment Center, das jedes Jahr stattfindet, reingekommen. Mein "Migrationshintergrund" war dabei kein Thema bzw. nicht, dass ich das mitbekommen hätte. Allerdings würde ich FM4 unterstellen, dass es nicht unbedingt ein Hindernis war, dass ich – um es ein bisschen böse zu formulieren – den Radiosender sozusagen "bunter" mache. Wobei man ja meinen Migrationshintergrund nicht hört. Das ist beim Österreichischen Rundfunk generell ein wichtiges Argument, dass die migrantische Herkunft nicht "zu hörbar" sein darf.

Mein Einstieg in die Radioarbeit war "Radio Afrika", eine Sendung beim Freien Radiosender Orange 94.0. Dort war ich insgesamt eineinhalb Jahre aktiv und habe eine wöchentliche Sendung gestaltet, unentgeltlich. Dass ich Afro-Österreicherin bin, war natürlich sehr wohl Thema und einer der Gründe, warum ich dort mitarbeiten konnte. Vor FM4 war ich außerdem ein halbes Jahr als Reporterin bei Antenne Wien, einem Privatradiosender, tätig, da war das überhaupt kein Thema.

Clara Akinyosoye: Bei M-Media habe ich vor etwa zweieinhalb Jahren begonnen, als ich die Seite "Migranten schreiben für die Tageszeitung 'Die Presse'", die jeden Mittwoch erscheint, mitgestaltet habe. Nach einiger Zeit habe ich die damalige Koordinatorin der Seite abgelöst, die jetzt bei "Die Presse" als freie Mitarbeiterin tätig ist. Hin und wieder schreibe ich auch für andere Medien. Außerdem bin ich stellvertretende Chefredakteurin bei Afrikanet.info, der Informationsplattform für Schwarze Menschen im deutschsprachigen Raum.

Mein migrantischer Hintergrund ist natürlich deswegen wichtig in meiner Arbeit, weil es in der Kooperation mit "Die Presse" darum geht, dass MigrantInnen schreiben, zu Wort kommen und endlich selbst Beiträge gestalten können.

Das ist auch die Arbeit, von der du deinen Lebensunterhalt bestreitest?

Clara Akinyosoye: Ja, aber Idealismus gehört schon dazu. Bei "Die Presse" wird für meine Berichte das normale Zeilenhonorar verrechnet, so wie bei allen anderen freien MitarbeiterInnen auch. Was die Arbeit bei M-Media betrifft, läuft das auf Projektbasis.

Olivera Stajić: Ich habe 2005 mit der journalistischen Arbeit begonnen, mit einem schlecht bezahlten Praktikum bei einer Online-Plattform, die über Technologie und Internet berichtet. Zwei Jahre später war ich die Chefredakteurin der Printausgabe. Nebenbei habe ich schon für "derStandard.at" als freie Mitarbeiterin über Technologie-Themen geschrieben. Zu dieser Zeit habe ich mich in journalistischer Hinsicht überhaupt nicht damit auseinandergesetzt, dass ich einen Migrationshintergrund habe – bis ich begonnen habe, für die MigrantInnen-Zeitschrift "Kosmo" zu schreiben. So ist man bei "derStandard.at" darauf aufmerksam geworden, dass ich geeignet wäre, das neue Projekt rund um "daStandard.at" zu leiten. Hier ist und soll es auch Thema sein, dass ich und die RedakteurInnen einen Migrationshintergrund besitzen, weil wir uns darauf spezialisieren, JungjournalistInnen migrantischer Herkunft zu fördern.
Ich lebe tatsächlich von diesem Job, seit den letzen drei Jahren.

Könntest du mehr zur Entstehungsgeschichte von "daStandard.at" erzählen? Warum wurde das Projekt überhaupt initiiert?

Olivera Stajić: Die Idee gab es schon, bevor ich zu "derStandard.at" kam. Die Idee war, dass man nicht nur über Migrationsthemen berichtet oder darüber, wie weit die "mediale Integration" voranschreitet, sondern dass man auch Leute mit Migrationshintergrund in ein Mainstream-Medium holt – und zwar ganz gezielt, indem man eine Anzeige schaltet und sagt, wir wollen nur MigrantInnen, also eine positive Diskriminierung. Für die Leitung wollte man ebenfalls jemanden mit Migrationshintergrund, was ich auch gut finde. Es gibt ja ähnliche Projekte, z.B. in Deutschland, aber immer mit einem bereits in der Redaktion etablierten Leiter, der der Mehrheit angehört.

Auf die Anzeige hin haben sich sehr viele Leute gemeldet, mittlerweile sind wir zu acht. Drei von uns schreiben auch in anderen Ressorts bei "derStandard.at", inklusive mir selbst.

In seiner Selbstbeschreibung definiert "daStandard.at" als eine Aufgabe, NachwuchsjournalistInnen mit Migrationsbiografien auszubilden, mit dem Ziel, dass diese in ein Mehrheitsmedium engagiert werden. Demnach funktioniert das also schon?

Olivera Stajić: Es funktioniert innerhalb von "derStandard.at". Wir würden uns wünschen, dass auch andere Medien auf unsere Leute zurückgreifen, wenn sie MitarbeiterInnen suchen, bis jetzt ist das aber nur zum Teil passiert.

Wie ich höre, ist man auch bei FM4 seit einiger Zeit bemüht, neue RadioredakteurInnen mit Migrationshintergrund zu finden. Wo steht ihr gerade, und welche Überlegungen sind diesem Entschluss vorangegangen?

Claudia Unterweger: Die Idee, mehr Leute mit Migrationshintergrund im Team zu haben, gab es immer wieder mal. Vor zwei Jahren ist dann quasi von "unten", seitens verschiedener FM4-RedakteurInnen, der Vorschlag gekommen, eine "Spezialwoche" zu Migrationsthemen zu gestalten, unter dem Titel "No Place Like Home", aus dem Gefühl heraus, dass die Perspektiven und Lebenswelten von MigrantInnen in der Berichterstattung auf FM4 zu kurz kommen. Schon damals gab's Zwischenrufe, dass es eigentlich auch schön wäre, KollegInnen mit Migrationshintergrund ins Team zu holen. Natürlich ist sofort das Gegenargument gekommen: "Bei FM4 sind insgesamt 27 Nationen vertreten, wir sind doch schon total multikulti, was wollt ihr eigentlich?" Es war schwierig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es bestimmte Gruppen gibt, die gesellschaftlich ausgegrenzt sind, und sich diese Ausgrenzung zum Teil bei FM4 fortsetzt. Diese Diskussion ist noch immer in Gang, denn das wird nicht von allen ganz erkannt, vor allem nicht von den oberen Etagen.

Infolge dieser "Spezialwoche" ist eine Kooperation mit der Zeitschrift "biber" entstanden, in deren Rahmen jeden Monat ein Artikel aus ihrem Magazin bei uns online gestellt wird. Zugleich hat sich eine interne Arbeitsgruppe formiert, die das Ganze noch mal konkret angehen wollte. Zwar tauchen bei uns immer wieder Migrationsthemen auf, allerdings kommen MigrantInnen meistens nur in der Betroffenen- oder Opferrolle rund um Asyl, Abschiebung, Rassismus vor. Die Arbeitsgruppe hat sich mehrmals getroffen und auch verschiedene MedienexpertInnen mit Migrationshintergrund zwecks Input eingeladen. Jetzt wurde eine Reihe von Maßnahmen ausgearbeitet, und es wird versucht, diese Schritt für Schritt umzusetzen. Zum Beispiel gibt es seit kurzem die wöchentliche Kolumne von Todor Ovtcharov, einem "biber"-Redakteur, on air. Die Kolumne "Mit Akzent" gab es davor nur online, jetzt ist sie auch im Nachmittagsprogramm von FM4 zu hören.

Außerdem hat man sich fürs Assessment Center überlegt, dass die Aussendungen mit einem speziellen Wording rausgehen – letztes Jahr war das nämlich etwas holprig formuliert: "FM4 sagt zu allen Österreichern (oder in Österreich lebenden Ausländern) mit Migrationshintergrund: Ihr seid mindestens genauso willkommen, diesbezügliche Hemmschwellen interessieren uns gar nicht."(Runde lacht)
2011 wird man jedenfalls versuchen, das etwas überlegter anzugehen und auch gezielter in migrantischen Medien dafür zu werben, nicht nur in "Die Presse" und in "Der Standard", wie das letztes Jahr der Fall war. Da hat man hat sich nicht sehr angestrengt, auf die Leute zuzugehen.

Dann gibt es noch Überlegungen für senderinterne Workshops, in der Klischees über MigrantInnen und rassistische blinde Flecken thematisiert und das eigene Tun selbstkritisch reflektiert werden sollen. Vor kurzem fand übrigens das erste Seminar zum Thema "Diversity Reporting" mit Schwerpunkt Islam und kulturelle Identitäten für ORF-MitarbeiterInnen statt. Es gab einen derartigen Run auf dieses Seminar, ich habe selbst gar keinen Platz mehr bekommen! (lacht)

Clara, könntest du erzählen, wie die Kooperation zwischen M-Media und "Die Presse" zustande gekommen ist? Und warum fiel die Wahl gerade auf eine konservative Tageszeitung?

Clara Akinyosoye: Der Geschäftsführer von M-Media, Simon Inou, ist mit der Projektidee an mehrere Zeitungen herangetreten, "Die Presse" war die einzige Zeitung, die das Projekt angenommen hat – so ist die Kooperation entstanden.

Die Seite "Migranten schreiben für die Tageszeitung 'Die Presse'" entsteht wöchentlich, seit 2008. Grundsätzlich liegt die inhaltliche Gestaltung ganz bei M-Media. Wir recherchieren und bestimmen die Themen, es gibt eine "Road Map", die ich dem zuständigen Kollegen bei der "Presse" zuschicke. Wenn etwas anfällt, wird das gemeinsam besprochen. Finanziert wird die Seite von öffentlichen Mitteln, im Moment noch vom Innenministerium und vom Finanzministerium.

War jemals im Gespräch, das Projekt auszuweiten?

Clara Akinyosoye: Momentan steht eine seitenmäßige Ausweitung nicht zur Debatte. Das ist auch nicht Sinn und Zweck. Wir kommen jetzt ins vierte Jahr und mir ist wichtiger, dass man sich verstärkt überlegt, wie wir es schaffen, dass die Leute, die diese Seite gestalten, nicht nur auf dieser Seite schreiben und wie sie in den hauseigenen "Die Presse"-Redaktionen ihren Platz finden können. Unser ganzer Stolz ist Duygu Özkan – sie hat vor mir die Seite koordiniert und ist jetzt ständige freie Mitarbeiterin bei "Die Presse", in der Chronik-Redaktion.

Es muss auch nicht für alle "Die Presse" sein. Für uns ist die Hauptsache, dass junge MigrantInnen die Chance bekommen, das journalistische Handwerk zu erlernen. Wenn sie sich woanders bewerben, können sie schon Erfahrung vorweisen. Das ist auch Sinn der Sache, den Leuten einen Platz zu geben, wo sie Know-how sammeln können.

Das Thema "Migration und Medien" hat in der letzten Zeit einen starken Aufschwung erlebt. Immer häufiger stoße ich auf Berichte, in denen es um die "Integration in den Medien" geht. Was steckt eurer Meinung nach dahinter?

Olivera Stajić: Zunächst liegt das daran, dass das Thema Migration im Allgemeinen eine unfassbare Konjunktur erfahren hat. Und Medien reflektieren sich grundsätzlich gerne selbst. Dass sie auf diese Art und Weise in die eigenen Stuben schauen, finde ich gut. In der Woche, als wir mit "daStandard.at" gestartet sind, hatte ich nicht weniger als zehn Interview-Anfragen. Ich habe keine konkrete Erklärung dafür, außer, dass es einfach schon höchste Zeit war. Wenn wir nach Deutschland schauen, sieht man, dass man dort schon fünf, sechs Jahre weiter ist als hier. Aber egal, was der Grund ist – ich bin froh, dass es so ist.

Sowohl "daStandard.at" als auch M-Media betonen, aus den für MigrantInnen reservierten Themen-Nischen (Migration, Rassismus etc.) rauskommen zu wollen. Dennoch sind die Inhalte, die ihr bearbeitet, auf Migration fokussiert. Wie geht ihr mit diesem Widerspruch um?

Clara Akinyosoye: Für mich ist das nicht unbedingt ein Widerspruch. Denn das erste Ziel, das wir verfolgen, ist, erst mal reinzukommen in die Medien. Der Weg, der jetzt möglich ist, ist über solche Themenschwerpunkte, Integrationsseiten etc., dafür sind die Mainstream-Medien derzeit offen. Dass wir über Migrationsthemen berichten, würde ich gar nicht negativ sehen. Schließlich ist ja unser Anspruch auch der, dass MigrantInnen besser, differenzierter, umfassender über Migration berichten können – was wir in Österreich sehr dringend brauchen –, weil sie sensibler sind für bestimmte Themen und mehr Einblicke in die Communitys haben.

Dass Migrantinnen im nächsten Schritt natürlich auch in anderen Redaktionen über andere Themen schreiben können sollen, ist klar. Aber ich denke, wir müssen zuerst diesen ersten Schritt schaffen, nämlich dass MigrantInnen ihre Erfahrungen in den Medien machen können. Wenn es Migrationsthemen sind, dann ist das nicht schlecht. Wenn dann jemand in der Sportredaktion landet – umso besser.

Olivera Stajić: Dem stimme ich hundertprozentig zu. Wir versuchen zwar, auch andere Themen abzudecken, aber wir kommen immer wieder auf "Migration" zurück, einfach aus dem Grund, weil wir unzufrieden sind, wie sonst darüber berichtet wird. Ich finde es auch absolut notwendig, sich selbst in diese "Nische" zu stellen, weil man dort einfach etwas exponierter steht und auf etwas hinweisen kann. Wären wir verteilt in die diversen Ressorts, könnten wir nicht so geschlossen auftreten und eine Redaktion, die ausschließlich aus Leuten mit Migrationshintergrund besteht, als etwas Besonderes präsentieren, weil es eben sonst keine gibt. Ich finde diese Exponiertheit in diesem Moment, in diesem Prozess, in dem wir uns befinden, absolut notwendig. Anders kann ich es mir gar nicht vorstellen.

Clara Akinyosoye: Es gibt ja auch "dieStandard.at". Ich glaube nicht, dass jemand der Redaktion von "dieStandard" diese Fragen stellen würde: Warum eine Frauenredaktion, warum Frauenthemen? Da geht es um Empowerment – das ist endlich mal ein Ort, wo man nur Frauenthemen hat. Wer sagt, "daStandard.at" sei "Ghetto" oder "Nische", misst mit zweierlei Maß.

Olivera Stajić: Als vor zehn Jahren "dieStandard.at" gegründet wurde, gab es sehr wohl dieselben Einwände. Mittlerweile gibt es "dieStandard.at" seit zehn Jahren, und sie sind selbstverständlich geworden – in zehn Jahren sind wir es auch.

Kann man sagen, dass es für "daStandard.at" von Vorteil war, dass "dieStandard.at" schon existierte?

Olivera Stajić: Ich glaube schon. Auch, was den technischen Aufbau und die Struktur der Seite angeht: Es war ganz einfach, noch etwas "dranzuhängen".

Wie wird das beim FM4 diskutiert? Geht es da auch darum, dass RadioredakteurInnen mit Migrationshintergrund zunächst Migrationsthemen bearbeiten sollen?

Claudia Unterweger: Nein, es war schnell klar, dass zukünftige migrantische KollegInnen über Migrationsthemen berichten können, wenn sie das wollen, aber nicht müssen. Was allerdings die Art der Präsentation neuer Leute betrifft: Ich kann mich an eine Phase in der Debatte erinnern, in der sehr oft von einer Art "'biber'-Radio auf FM4" die Rede war, da wurde bewusst von einem "Ghetto" gesprochen, um sichtbar zu machen: Jetzt hat FM4 auch seine "MigrantInnen-Schiene". Es hat aber auch viele Gegenstimmen gegeben, die die Leute eben nicht in so ein Eck drängen wollten.

Seit dem letzten Assessment Center sind zwei neue RedakteurInnen mit Migrationshintergrund dabei, allerdings ist der Migrationshintergrund akustisch nicht wahrnehmbar. Die berichten über alle Themen, quer durch die Bank – das ist die eine Schiene. Die andere Schiene sind u.a. diese speziellen Kolumnen "mit Akzent". Man versucht jetzt, beide Schienen gleichzeitig zu fahren. Spannend wäre, jemanden dabei zu haben, der/die sozusagen überall drin ist, den/die man jedoch "hört". Aber soweit ist man bei FM4 noch nicht.

Clara Akinyosoye: Was ich zum Teil selbst erlebt oder bei anderen Leuten mitbekommen habe, ist, dass man MigrantInnen oft die Fähigkeit abspricht, die Distanz zu wahren bzw. objektiv zu sein. Als ich einmal einen Artikel über Schwarze Menschen geschrieben habe, wurde hinterfragt, ob der Text nicht mehr ein "persönlicher Erfahrungsbericht" sei. Das war nicht in "Die Presse", by the way. Bei jedem anderen Journalisten hätte man so etwas nicht behauptet. In den Redaktionen herrscht noch immer Misstrauen und man meint, dass MigrantInnen das nicht hinkriegen würden.

Wäre das nicht ein Grund, das Prinzip der "journalistischen Objektivität" überhaupt infrage zu stellen?

Clara Akinyosoye: Für mich ist das einfach ein Vorurteil. Ich würde mir wünschen, dass man den Background als Expertise, als interkulturelle Kompetenz und damit als Pluspunkt sieht.

Olivera Stajić: Ich stelle die "journalistische Objektivität" allgemein sehr wohl infrage. In Wahrheit ist es doch so, dass in den österreichischen Mainstream-Medien Männer über fünfzig aus dem Bildungsbürgertum das Themensetting machen. Hier von "Objektivität" zu reden, ist schwierig.

Wenn ein/e JournalistIn recherchiert, dann nimmt er/sie die Leute, die er/sie kennt, aus der eigenen Umgebung, dem eigenen sozialen Milieu, vor allem, wenn so viel Zeitdruck herrscht wie bei einer Tageszeitung. Wenn dann jemand kommt, der/die von diesem Muster abweicht, ergibt sich automatisch eine andere "Objektivität". Ich bin immer wahnsinnig verärgert, wenn KollegInnen kommen und sagen: "Ich bin aber objektiv." Da fehlt es ihnen absolut an Reflexion.

Einige von euch haben in sog. Freien Medien begonnen. Hat sich euer Blick auf migrantische, selbstorganisierte Medien verändert, seitdem ihr in etablierten Medien tätig seid?

Olivera Stajić: Das MigrantInnen-Medium, bei dem ich dabei war bzw. bin, ist ganz konventionell, auch wenn es gratis ist. Bei einem Freien oder selbstorganisierten Medium war ich eigentlich nie. Warum ich überhaupt bei "Kosmo" angefangen habe, ist, um meine muttersprachliche Kompetenz in Schuss zu halten. Journalistisches Arbeiten ist da eine gute Übung.

Claudia Unterweger: Für mich war "Radio Afrika" definitiv ein Sprungbrett oder eine Plattform, auf der ich mich ausprobieren konnte und den Einstieg ins journalistische Arbeiten gefunden habe, Kontakte knüpfen konnte. Es war eine wichtige Lernphase. Irgendwann hat sich halt die Frage gestellt, ob ich das weiterhin als unbezahltes "Hobby" betreiben will oder nicht, insofern war es zeitlich dann nicht mehr möglich weiterzumachen.

Olivera Stajić: Die klassischen Lehrredaktionen bei den Zeitungen sind ja nur für die wenigsten ein Einstieg. In Berufen, wo die Einstiegsschwelle so hoch ist wie im Journalismus, ist Selbstinitiative sicher eine Möglichkeit. Ich musste aber immer schauen, Geld zu verdienen und wäre nie auf die Idee gekommen, das "hobbymäßig" zu machen, das wäre sich nie ausgegangen für mich.

Clara Akinyosoye: Zeitungen wie "Die Presse" rekrutieren ihre MitarbeiterInnen vorwiegend aus ihren Lehrredaktionen, aber man kann sich ausrechnen, wie viele MigrantInnen da dabei sind – ich kenne nur eine. Die Ausschlussmechanismen spielen sich auch im Medienbereich 1:1 ab.

Claudia Unterweger: Beim FM4-Assessment-Center ist man dabei, sich zu überlegen, warum sich so wenige Leute mit Migrationshintergrund bewerben. Man hat ja lange Zeit nicht reflektiert, dass da auch interne Gründe eine Rolle spielen könnten oder dass man etwas "ausstrahlt", das in diese Richtung Konsequenzen hat. Wie schon erwähnt, gibt es für nächstes Jahr den Plan, stärker in die Communitys reinzugehen und gezielter Leute zu suchen. Wobei viele, die zum Assessment Center kommen, schon anderswo journalistische Erfahrung gesammelt haben, das sind in den seltensten Fällen totale Frischlinge, die dann auch genommen werden.

In "Die Presse" ist vor einigen Wochen ein rassistischer Kommentar erschienen, von dem sich M-Media öffentlich distanziert hat. Erschweren solche, womöglich kalkulierten, rassistischen Zwischenrufe nicht die Zusammenarbeit?

Clara Akinyosoye: Das war ein Gastkommentar von Ulrich Brunner. Wir haben uns öffentlich davon distanziert, weil es uns wichtig war auszusprechen, dass wir das absolut ablehnen. Wir wurden auch von Menschen offen darauf angesprochen, ob denn diese Kooperation Sinn macht, wenn sich sowieso nichts ändert. Für unsere Zusammenarbeit mit "Die Presse" hat das keine Konsequenzen, da sind wir sehr offen miteinander. Grundsätzlich ist es aber natürlich nicht schön für uns, wenn solche Inhalte in einer Zeitung stehen, mit der wir kooperieren.

Wir versuchen auf unserer Seite, andere Inhalte zu vermitteln, und gehen davon aus, dass diese Inhalte und die Erfahrungen mit M-Media auch den JournalistInnen bei "Die Presse" helfen, sensibler zu werden. In den letzten Jahren ist auf jeden Fall eine Verbesserung zu sehen. Dass Gastkommentare angenommen werden, die rassistisch sind, das werden wir sicherlich nicht verhindern können.

Aber wenn das Ziel ist, die Redaktionen zu "besetzen", müssten sich da die bestehenden Strukturen nicht tiefgreifender ändern? Oder reicht es, einen freien Platz in der Redaktion mit einem Migranten/einer Migrantin zu "füllen"?

Clara Akinyosoye: Man muss realistisch bleiben. Dass sich "Die Presse", so wie wir sie kennen, aufgrund der Tatsache, dass sie eine "Integrationsseite" hat, grundlegend verändert, können wir vergessen. Das muss man leider ganz offen so sagen. Wir können kleine Impulse setzen, indem die JournalistInnen mit uns zusammenarbeiten, und durch unsere Präsenz. Es macht einen Unterschied, wenn jemand einen islamfeindlichen Artikel schreibt und daneben sitzt eine Kollegin mit muslimischem Background, die Feedback gibt und Kritik übt, oder ob sich irgendeine Person per Mail beschwert. Strukturen zu ändern ist ein langwieriger Prozess und bedarf Arbeit auf vielen Ebenen. Eine Integrationsseite ist da ein kleiner, aber wichtiger Baustein.

Claudia Unterweger: Ich hege schon die Hoffnung, dass nicht nur punktuell einige Leute Jobs und Aufträge kriegen und ihre Nischen und Rubriken gestalten dürfen, sondern dass sich schön langsam ein umfassender Reflexionsprozess fortpflanzt. Vielleicht bin ich naiv, aber ich denke, dass z.B. die diversen Schulungen, die wir planen, die Leute auch dazu bringen nachzudenken: Was ist dieses FM4, wie wir es bisher gestaltet haben, und gibt es vielleicht Bereiche, die wir bis jetzt ausgeblendet haben? Auch, was die Musik betrifft – gibt es FM4-relevante migrantische Szenen, von denen wir noch gar keine Ahnung haben und die wir auch ins Musikprogramm aufnehmen könnten? Aber da stehen wir erst am Anfang.

Clara Akinyosoye: Hier kann man viel optimistischer sein, weil man gleichzeitig die gesamte Redaktion mit Schulungen u.ä. sensibilisiert. In unserem Fall findet das ja nicht statt. Da geht es um eine Zeitungsseite, die natürlich auch von den MitarbeiterInnen gelesen wird.

Allerdings haben wir 2010 den M-Media-Beirat mit prominenten RepräsentantInnen aus den wichtigsten österreichischen Medien und mit WissenschaftlerInnen und KollegInnen aus dem PR-Bereich gegründet, um JournalistInnen mit Migrationshintergrund aktiv zu fördern. Ab Februar 2011 wird es außerdem eine ExpertInnendatenbank geben, in der ExpertInnen mit und ohne Migrationshintergrund zu Migration und anderen Themen aufgelistet sind, um hier konkrete AnsprechpartnerInnen und Kompetenzen aufzuzeigen.

Olivera Stajić: Petra Herczeg vom Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien hat eine Pilotstudie durchgeführt und geschätzt, dass der Anteil der JournalistInnen mit Migrationshintergrund bei 0,49 Prozent liegt, und zwar in den österreichischen Printmedien, bei der APA und beim ORF. Mit einem bloßen "Auffüllen" mit MigrantInnen wird es vielleicht nicht getan sein – aber wenn das ein Anfang ist, bin ich froh und damit zufrieden, wenn Leute aus meinem Team in der Nachbesetzung berücksichtigt werden.

Nachdem "derStandard.at" ein relativ junges Medium ist, sind die Strukturen wesentlich lockerer als bei vielen anderen Mainstream-Medien. Der Wunsch wäre, dass es uns in zehn, 15 Jahren gar nicht mehr gibt, weil es nicht mehr notwendig ist, Leute mit Migrationshintergrund gezielt zu fördern: Weil sie sich trauen, sich bei einem Medium zu bewerben und sie auch selbstverständlich aufgenommen werden.



Moderation: Vina Yun