Dichotomien in Diskursen über Sexarbeit

Aufdeckungen und Problematisierungen aus der Perspektive einer Migrant*innen-Selbstorganisation

Das Arbeitsfeld der Sexarbeit wird häufig aus einer voyeuristischen Perspektive betrachtet, zahlreiche Klischees und Stereotype werden dabei reproduziert und verfestigt. Den rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die für die Branche von Relevanz sind, wird hingegen oftmals nicht ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt. Politische Debatten und Diskurse über Sexarbeit müssen in den Blick genommen werden, da sie wirkmächtig sind und wiederum die strukturellen Rahmenbedingungen beeinflussen.
Je nachdem, mit welchen Bildern Sexarbeit verbunden wird, kommt man zu unterschiedlichen Problemdefinitionen und entsprechenden Lösungsvorschlägen. Wird Sexarbeit als Arbeit gesehen, so werden in diesem Kontext vor allem (Arbeits-)Rechte gefordert. Wird Sexarbeit per se als Gewalt (an Frauen*) definiert, so kommen viele zu dem Schluss, dass nur die Abschaffung von "Prostitution" ein relevantes Ziel sein kann.
In feministischen Auseinandersetzungen mit Sexarbeit sind in den letzten Jahren heftige Kämpfe um Definitionsmacht entfacht. Eine Analyse der vorhandenen Diskurse, vor allem des in den letzten Jahren erstarkenden abolitionistischen Zugangs, der die Abschaffung von Sexarbeit zum Ziel hat, zeigt, dass sie von spezifischen Dichotomisierungen durchzogen sind. Diese gilt es in diesem Beitrag zu dekonstruieren, da sie Teil der Stigmatisierung insbesondere von migrantischen Sexarbeiter*innen sind und bestehende gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse stabilisieren, die für Sexarbeiter*innen in der Regel diskriminierend sind.


Reproduktion binärer und stereotyper Geschlechteridentitäten
In aktuellen Diskursen über Sexarbeit, etwa in der Diskussion zum sogenannten "Schwedischen Modell", das eine Bestrafung der (männlichen) Kunden vorsieht, wird ausschließlich heterosexuelle "Frau-zu-Mann-Sexarbeit" in den Blick genommen. Eine Auseinandersetzung mit der Praxis der Sexarbeit zeigt hingegen, dass sich die konkrete Tätigkeit und die eigene (sexuelle) Verortung von Sexarbeiter*innen einer binären Zuordnung entziehen können. Die Aktivistin* und Soziologin* Laura María Agustín betont, dass im Kontext der Sexarbeit vielmehr Spiele mit Geschlechtern und gender-Experimente stattfinden. Eine Unterscheidung zwischen "männlichen" und "weiblichen" Sexarbeiter*innen und Kategorisierungen von Geschlechteridentitäten/sexuellen Orientierungen stifte deshalb mehr Verwirrung, als hilfreich zu sein (vgl. Agustín 2007: 70). Beispielsweise sind auch Transgenderpersonen und Männer* in der Sexindustrie tätig und bieten sowohl für Frauen* als auch für Männer* sexuelle Dienstleistungen an. Mit heteronormativen Vorstellungen von Begehren wird auch gebrochen, wenn Frauen*, die sich als lesbisch definieren, Dienstleistungen für Personen anbieten, die sich als Männer* definieren.
Im Gegensatz zu dem u.a. von Agustín vertretenen Sexarbeitsansatz kann die Position aufgefasst werden, "Prostitution" sei das Ergebnis von Männerherrschaft und der Erotisierung von Frauenunterdrückung (vgl. Jeffreys 2002: 57f.). Innerhalb dieser Logik verkaufen Sexarbeiter*innen ihre Körper, ihre Würde, ja sogar ihr "Selbst", da Sexualität untrennbar mit der Identität verknüpft wird und als intim und unverkäuflich gilt. Wird der Sinn von "Prostitution" lediglich in der (sexuellen) Dominanz von Männern* über Frauen* gesehen, erscheint die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen immer als (sexueller) Missbrauch, Sexarbeiter*innen stets als Opfer patriarchaler Gewalt (vgl. Jeffreys 2002: 67f.).

Vollkommen ausgeblendet wird hier, dass die Mehrheit der Sexarbeiter*innen selbst bestimmt, welche Dienstleistungen angeboten werden; dass sie Strategien entwickeln, um sich vor Gewalt zu schützen und dass die Motive der "Freier" sich nicht (bloß) um Macht drehen, sondern sehr unterschiedlich sind (vgl. Grenz 2006: 333). Außerdem werden sexuelle Dienstleistungen verkauft und nicht die Würde oder der Körper.
Sexualität wird in diesem Ansatz essentialisiert, d.h. in diesem Kontext, dass das Wesen (heterosexueller) Sexualität als patriarchales Instrument der Unterdrückung bestimmt wird. Räume für Praktiken, die von dieser Vorstellung abweichen, werden verkannt und die Potenziale politischer Handlungsfähigkeit von queeren und Trans-Sexarbeiter*innen nicht gesehen. Darüber hinaus werden gerade jene Gender-Dualismen verstärkt, an deren Aufhebung viele feministische und queere Wissenschaftler*innen seit Langem arbeiten.
Es ist jedoch wenig hilfreich, dem Bild der Sexarbeiter*in als Opfer jenes des autonom agierenden Menschen entgegenzusetzen. Wird die Tätigkeit als Sexarbeiter*in als widerständig und als Teil ihrer sexuellen Identität verstanden, kann dies dazu führen, "dass negative Aspekte wie Abhängigkeiten und strukturelle Ungleichheiten ausgeblendet werden", so PG Macioti (Macioti 2014: 3). Sie* warnt davor, "Sexarbeiter*in-Sein" mit einer sexuellen Identität gleichzusetzen, "da Sexarbeit eine Tätigkeit ist, die keine identitäre Aussage zur Person beinhaltet. Prostitution und Sexarbeit finden unter den herrschenden Zwängen und Bedingungen eines neoliberalen Kapitalismus statt. Sie selbst als positive Identität sehen zu wollen, hieße, wenigstens zum Teil das Hurenstigma ('Du bist, was du tust') und die liberale Idee der Selbstverwirklichung aufzugreifen und zu bestätigen" (Macioti 2014: 3).


Rassistische Spaltungen
Essentialistische Zuschreibungen begegnen uns ebenfalls, wenn wir einen postkolonialen Blick darauf richten, wer in den Debatten über Sexarbeit sprechen kann und wer nicht. Kritik am weißen Feminismus ist keineswegs neu, sie muss allerdings immer wieder in Erinnerung gerufen werden und Verstrickungen von feministischen mit kolonialen Diskursen müssen offengelegt werden. Während die imperialistische Herrschaft "spezifisch vergeschlechtlichter weißer Subjekte [bedurfte], die als überlegen repräsentiert werden konnten" (Castro Varela/Dhawan 2009: 12), war eine weitere Konstruktion stets ebenso hartnäckig, andauernd und grundlegend für den imperialen Anspruch: jene der "anderen Frau" als Opfer patriarchaler Verhältnisse, die von außen emanzipiert werden muss (vgl. Lutz 1991, zit. nach Baquero Torres 2012: 317). Pendleton (2007: 73) weist darauf hin, dass gerade Sexarbeiter*innen historisch gesehen eine Funktion des "Othering" erfüllten: So stellen sie den Gegensatz zu variablen weißen feministischen sexuellen Identitäten dar und ermöglichen überhaupt erst deren Konstruktion. Im Kontext aktueller Debatten zu Sexarbeit zeigt sich dieses Bild u.a. in der Wahrnehmung von Migrantinnen* als Frauen*, die gezwungen seien, Sexarbeit aufgrund (sozio)ökonomischer Zwänge auszuüben.
Mit der Unterscheidung von "freiwilliger" und "unfreiwilliger" Ausübung der Tätigkeit geht oftmals eine rassistische Spaltung einher zwischen der weißen, westlichen, emanzipierten und selbstbestimmten Sexarbeiter*in und der Migrant*in, die Sexarbeit unter Zwang ausübe.
Diese Unterscheidung vermag es nicht, breitere ökonomische Dynamiken zu erfassen, die Wahlmöglichkeiten und Erfahrungen strukturieren. Ähnlich wie manche Maßnahmen zur Bekämpfung von Frauenarmut dient sie vielmehr dem Mythos, dass einzelne Individuen durch ihre Handlungen Gewaltökonomien transformieren könnten (vgl. Suchland 2015: 175ff.). Der Diskurs, der Sexarbeit als "moderne Sklaverei" bezeichnet, führt nicht zu einer öffentlichen Debatte über Gewaltstrukturen, die die Bedingungen der gegenwärtigen Unterdrückungsverhältnisse schaffen. Ausgeblendet bleibt auch die Tatsache, dass gerade Verbote von Sexarbeit die Bedingungen für gewaltvolle Verhältnisse schaffen und Ausbeutung begünstigen (vgl. Schuster/Sülzle 2006: 17).


Opfer und Täter*innen
Eine weitere Kritik, die feministische Migrant*innen-Selbstorganisationen seit Langem äußern, ist die an einer rassistischen Täter*innen-Opfer-Dichotomie, in der die männlich konzipierten Täter häufig als "Ausländer" wahrgenommen werden (vgl. El-Nagashi 2009: 73 und Boidi/El-Nagashi 2008). Dies dient, so Doezema (1998), u.a. der Auslagerung der mit Migration und Sexarbeit verbundenen Probleme. Strukturelle Bedingungen, beispielsweise eine restriktive Migrationspolitik und die staatliche Migrationsbekämpfung, die Nachfrage nach bestimmten Arbeitskräften in den Zielländern, ein sexistisch und rassistisch strukturierter Arbeitsmarkt etc. werden dadurch verschleiert. Anstatt die Verstrickung von Sexarbeit mit europäischer und internationaler Migrationspolitik in den Blick zu nehmen, wird in diesen Diskursen "meistens die Fremdheit der Täter sowie der Opfer [betont], [sie] verorten das Problem in obskuren 'ethnischen Netzwerken' und erklären hauptsächlich die 'organisierte Kriminalität' (...) für verantwortlich. (...) [S]o ist das Thema [Frauenhandel, Anm. der Verfasser*innen], das ursprünglich von feministischen und Frauenorganisationen auf den Tisch gebracht wurde, heute leider ein Instrument, um Migration zu bekämpfen" (Bahl/Ginal 2012). Fraglich bleibt ebenso, wie "(potentielle) Opfer" geschützt werden sollen, wenn "Migrationsmanagement", der vorherrschende Ansatz zur Regulierung von Migration, u.a. bedeutet, Zäune zu ziehen. Sollten es "potenzielle Opfer" doch schaffen, lebend nach Europa zu kommen, werden sie zu "Täter*innen" im migrationsrechtlichen Sinne, denen eine "freiwillige Rückkehr" nahegelegt wird.
Die Kategorie "Opfer" soll im hier vertretenen Ansatz zu Sexarbeit nicht abgeschafft werden, doch als ausschlaggebend wird die Perspektive der Betroffenen betrachtet. Anstatt Sexarbeit per se mit Unterdrückung von Frauen, Zwangsprostitution oder Frauenhandel zu verknüpfen, ist es sinnvoll, diese Tätigkeit in erster Linie als Dienstleistung im Kontext einer hierarchischen und geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zu betrachten, um weitere Diskriminierungs- und Gewaltverhältnisse erfassen und bekämpfen zu können.


Statt einer Schlussfolgerung - Position beziehen
Sexarbeit ist ein stark feminisierter und ethnisierter Arbeitsmarktsektor - einer unter vielen Sektoren, in denen vorwiegend Frauen* und hier vor allem Migrant*innen tätig sind. Sie ist Teil einer bürgerlichen, kapitalistischen, sexistischen, rassistischen und heteronormativen Gesellschaft etc., so wie andere Formen von Erwerbsarbeit auch. Frauen* in der Sexbranche in "selbstbestimmt" und "nicht selbstbestimmt", "legal" und "illegal", "emanzipiert" und "nicht emanzipiert" einzuteilen, reproduziert eine undifferenzierte, zwangsläufig moralistische Sichtweise, ohne die Definitionsmacht, die diese Einteilungen bedingt, in Frage zu stellen. Simple Täter*innen-Opfer-Gegenüberstellungen werden der vielfältigen Realität von Sexarbeit nicht gerecht. Sie lagern Probleme, mit denen Sexarbeiter*innen in ihren Lebens- und Arbeitssituationen konfrontiert sind, aus und haben oftmals zur Folge, dass lediglich stärkere staatliche Kontrollen gefordert werden und nicht die Anerkennung und der Ausbau von Rechten für Sexarbeiter*innen (vgl. Amesberger 2014, Le Breton 2011). Damit wird letztlich Gewalt erzeugt, anstatt sie zu verhindern.


Literatur

Agustín, Laura María (2007): Sex at the Margins. Migration, Labor Markets and the Rescue Industry. London/New York: Zed Books.

Amesberger, Helga (2014): Sexarbeit in Österreich. Ein Politikfeld zwischen Pragmatismus, Moralisierung und Resistenz. Wien: new academic press.

Bahl, Eva/Ginal, Marina (2012): Von Opfern, Tätern und Helfer(innen) - Das humanistische Narrativ und seine repressiven Konsequenzen im Europäischen Migrationsregime. Unter: http://edoc.hu-berlin.de/miscellanies/netzwerkmira-38541/201/PDF/201.pdf, 16.03.2016.

Barry, Kathleen (2002): Die weltweite sexuelle Ausbeutung. In: Schwarzer, Alice (Hg.): Man
wird nicht als Frau geboren. Köln: Kiepenhauer & Witsch: 70-82.

Boidi, Christina/El-Nagashi, Faika Anna (2008): Es geht um Rechte, nicht um Opfer. Migrantische Ermächtigungsstrategien als feministisches Konzept der Gewaltprävention im Kontext des Frauenhandels. In: Sauer, Birgit/Strasser, Sabine (Hg.): Zwangsfreiheiten. Multikulturalität und Feminismus. Wien: Promedia Verlag & Südwind: 187-203.

Doezema, Jo (1998): Forced to Choose. Beyond the Voluntary v. Forced Prostitution Dichotomy. In: Kempadoo, Kamala/Doezema, Jo (Hg.): Global Sex Workers. Rights, Resistance, and Redefinition. New York: Routledge: 34-50.

El-Nagashi, Faika Anna (2009): Migrantische Sexarbeiterinnen - Überschreiterinnen des Erlaubten. Feministische Positionen in Österreich zu Prostitution*Sexarbeit. Universität Wien: Diplomarbeit.

Grenz, Sabine (2006): Prostitution, eine Verhinderung oder Ermöglichung sexueller Gewalt? Spannungen in kulturellen Konstruktionen von männlicher und weiblicher Sexualität. In: Grenz, Sabine/Lücke, Martin (Hg.): Verhandlungen im Zwielicht. Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart. Bielefeld: transcript: 319-342.

Jeffreys, Sheila (2002): Die Erotik der (Un)Gleichheit. In: Schwarzer, Alice (Hg.): Man wird
nicht als Frau geboren. Köln: Kiepenhauer & Witsch: 56-68.
Le Breton, Mariza (2011): Sexarbeit als transnationale Zone der Prekarität. Migrierende Sexarbeiterinnen im Spannungsfeld von Gewalterfahrungen und Handlungsoptionen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Macioti, PG (2014): Liberal zu sein reicht nicht aus. Eine progressive Prostitutionspolitik muss das "Hurenstigma" ebenso bekämpfen wie die Kriminalisierung von Sexarbeit. In: Standpunkte 7/2014, 1-4.

Pendleton, Eva (2007): Love for Sale: Queering Heterosexuality. In: Nagle, Jill (Hg.): Whores and other Feminists. New York: Routledge: 73-82.

Sauer, Birgit (2006): Zweifelhafte Rationalität. Prostitutionspolitiken in Österreich und Slowenien. In: Grenz, Sabine/Lücke, Martin (Hg.): Verhandlungen im Zwielicht. Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart. Bielefeld: transcript: 77-94.

Schuster, Martina/Sülzle, Almut (2006): Zwangsprostitution, Sexarbeit, Menschenhandel und die WM 2006. Gutachten zu Kampagnen zu Prostitution und Menschenhandel in Deutschland im Umfeld der Fußballweltmeisterschaft der Männer 2006. Wien: vidc, Genderpool.

Suchland, Jennifer (2015): Economies of Violence. Transational Feminism, Postsocialism, and the Politics of Sex Trafficking. Durham/London: Duke University Press.

Baquero Torres, Patricia (2012) Postkoloniale Pädagogik: Ansätze zu einer interdependenten Betrachtung von Differenz. In Schlüsselwerke der Postcolonial Studies, Hrsg. Julia Reuter, und Alexandra Karentzos. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.