"Der Begriff 'Klasse' gibt Kraft"

Interview mit: 
Saideh Saadat-Lendle

Als Teil der Lesbenberatung Berlin engagiert sich LesMigraS [1] zum Thema Mehrfachdiskriminierung und bietet Unterstützung für lesbische, bisexuelle Frauen und Trans*. migrazine.at fragte nach, welche Rolle "Klasse" in der Antidiskriminierungs- und Empowerment-Arbeit bei LesMigraS spielt.

migrazine.at: Beim Thema "Mehrfachdiskriminierung" stehen häufig Ausgrenzungserfahrungen aufgrund des Geschlechts, der "kulturellen Herkunft" und der sexuellen bzw. geschlechtlichen Identität im Vordergrund. Die Frage der Klassenzugehörigkeit wird dagegen nur selten angesprochen. Warum ist es so schwierig, über Klassenverhältnisse zu reden?

Saideh Saadat-Lendle: Klassenzugehörigkeiten beeinflussen sehr stark die ungleich verteilten Chancen von Menschen, ihr Leben selbstbestimmt zu entfalten. Das wird nicht gerne wahr- oder ernstgenommen. Das könnte sonst Konsequenzen haben, sowohl für Menschen, die auf Grund ihrer Klasse privilegiert sind, als auch für die Politik.

LesMigraS engagiert sich im Antigewaltbereich und in der Antidiskriminierungsarbeit. In welcher Form fließt das Thema "Klasse" bzw. "Klassismus" in eure politische und beratende Tätigkeit ein?

Alle unsere Angebote in den Bereichen Antidiskriminierung, Antigewalt und Empowerment sind kostenlos. Diese umfassen unter anderen Beratungen, Begleitungen zu Ämtern, Polizei und Gericht, Gespräche mit der Familie und im Freund_innenkreis sowie Vermittlungen in Diskriminierungsfällen. Darüber hinaus schreiben wir unsere Veröffentlichungen, also unsere Flyer, Broschüren, Texte, in einfacher Sprache. Das heißt, wir versuchen, akademische bzw. Fachbegriffe zu vermeiden. Wir organisieren auch Empowerment-Workshops für LSBTIQ-Menschen [2], die durch Klassismus Benachteiligung erlebt haben oder erleben.

Klasse, Schicht oder Milieu? Mit welchen Begriffen arbeitet ihr bei LesMigraS, um soziale Ungleichheit zu beschreiben?

Klasse bzw. Klassismus ist der Begriff, mit dem wir arbeiten. Sowohl "Milieu" als auch "Schicht" sind keine Selbstbezeichnungen, die Menschen für sich wählen, um Power zu bekommen und ihre Lebensrealitäten und Ressourcen sichtbar zu machen. Vielmehr kommen sie aus dem soziologischen (Forschungs-) Bereich, der Menschen in sozialen Gruppen einteilt. Das vermittelt verschiedene Zuschreibungen und Bilder.

Mit dem Begriff "Milieu" werden vor allem sogenannte "bildungsferne Milieus" thematisiert, was sehr stigmatisierend und normativ ist. Fragen wie "Was ist Bildung?", "Was bedeutet fern?" bleiben dabei unbeantwortet. "Schicht" impliziert eine Hierarchisierung: Manche sind "unten", manche "oben".
Der Begriff "Klasse" dagegen gibt Kraft, weil er eine Bewegungs- und Widerstandgeschichte hat. Er löst weniger Schamgefühle aus, sondern enthüllt und betont eher bestehende Machtverhältnisse.

Beeinflusst meine Klassenzugehörigkeit, wie verletzlich oder angreifbar ich für Diskriminierungen bin? Oder geht es dabei mehr darum, welche Möglichkeiten ich besitze, mich gegen Diskriminierung zur Wehr zu setzen?

Beides. Klassismus prägt, welche Tätigkeiten und Arbeitsformen als wertvoll eingestuft werden und welche nicht. Wir leben ja in einer Leistungsgesellschaft, die alles danach bewertet, was ein Mensch erreicht hat. Dabei steht vor allem das Materielle sehr stark im Vordergrund. Wenn du trotz Benachteiligungen etwas erreicht hast, weil du dir viel Mühe gegeben hast, wird das kaum wahrgenommen. Niemand interessiert sich dafür, unter welchen Bedingungen du deine Interessen verwirklicht hast, weil das immer mit anderen verglichen wird, die in einer privilegierten Ausgangssituation sind.

Dadurch, dass Klassismus in unserer Gesellschaft verschwiegen wird, entwickeln viele Menschen, die davon negativ betroffen sind, häufig starke Schuld- und Schamgefühle. Zudem wird diesen Menschen kein Raum für Austausch und Empowerment angeboten. Das erschwert es ihnen auch, Widerstandsstrategien zu entwickeln.

Unter kritischen Wissenschaftler_innen ist derzeit viel von "Intersektionalität", also die Überschneidung sozialer Kategorien, die Rede. Dennoch ist Mehrfachdiskriminierung im deutschsprachigen Raum noch wenig erforscht. Konzentriert man sich zu sehr auf den "Besitz" von Identitäten anstatt auf die Dynamiken gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse?

Ich würde das so nicht behaupten. Ich sehe durchaus, dass es einige Bemühungen gibt innerhalb der kritischen Wissenschaften, sich mit den gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu beschäftigen. Es gibt hier allerdings eine große Kluft zwischen rein theoretischen Auseinandersetzungen und konkreten Forschungen im Alltag. Fragen wie: "Wie wird Mehrfachdiskriminierung erlebt und bearbeitet?", "Wie wird gehandelt?", "Welche Gefühle werden ausgelöst?", "Wie wird sie ausgeübt?" sind noch wenig erforscht worden. Diese Diskussionen finden, zumindest in Deutschland, eher auf der theoretischen Ebene statt.

Warum ist es wichtig, Mehrfachdiskriminierung sichtbar zu machen? Und wem nützt eine solche Sichtbarmachung?

Meiner Meinung nach erlebt die Mehrheit der Menschen Mehrfachdiskriminierungen, aber es gibt kein Bewusstsein dafür. Deswegen würde auch die Mehrheit der Menschen davon profitieren, wenn wir anfangen, über Mehrfachdiskriminierungen zu reden.

Wenn ich von Mehrfachdiskriminierung spreche – gibt es demnach auch Mehrfachprivilegierung?

Natürlich. Unsere gesellschaftliche Position ist mehrdimensional. Abhängig von unserer Position in den gesellschaftlichen Machtverhältnissen sind wir von verschiedenen Dimensionen von Privilegien und Benachteiligungen betroffen.


Interview: Vina Yun



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LesMigraS


Fußnoten

[1] Lesbische und bi-sexuelle Migrant_innen, Schwarze Lesben, Trans*-Menschen

[2] LSBTIQ: Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans*, Intersex, Queer