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Wer putzt das kritische Museum?

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von das kollektiv und maiz
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©Letícia Carneiro
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Am 23.3.2023 machten maiz und das kollektiv eine Intervention im Rahmen der Ausstellung What the Fem? im Nordico Museum, Linz. Unter dem Motto „Wer putzt das kritische Museum?“ haben beide Gruppen einen Ungemütlichen Rundgang durch die Ausstellung geführt.

Wir möchten Euch die Geschichte hinter dieser Intervention näher bringen. Wieso waren wir da? Wie war der Prozess?  

Im Juni 2022 erhielten wir eine Einladung zu einem Austausch ins Nordico Stadtmuseum Linz. Im Einladungsmail teilten die Kurator*in (Klaudia Kreslehner) und das Vermittlungs- & Kommunikationsteam (Karin Schneider und Clarissa Ujvari) ihre Intention mit: sie wollten mit den eingeladenen Gruppen und/oder Personen gemeinsam „(…) nachdenken, was es bedeutet, wenn ein Stadtmuseum eine diskursive Ausstellung über Feminismus macht und im Zuge dessen auch aktuelle Linz-bezogene Ereignisse, Gemeinschaften, Häuser, Vereine und Institutionen bespricht.“

Bei dem Treffen am 4. Juli 2022 wurde den eingeladenen Gruppen/Personen aus feministischen Organisationen in Linz das Konzept der Ausstellung präsentiert und Möglichkeiten der Kooperation wurden ausgelotet.                                                                                                                         

Als Vertreter*innen von zwei Migrant*innenorganisationen in Linz (maiz und das kollektiv) problematisierten wir,im Einklang mit anderen Anwesenden, die Tatsache, dass wir zu spät eingeladen worden waren, denndas Konzept der Ausstellung stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest. Unter vielen anderen kritischen Anmerkungen betonten wir die Kritik an der hier fortgesetzten Praxis der vermeintlichen Sichtbarmachung (durch weiße westliche Feminist*innen) von marginalisierten Positionen ohne die aktive Beteiligung derselben (unter anderen Migrant*innen-, Schwarze- und muslimische Frauen*positionen in Linz).

Daraufhin einigten sich die beteiligten Personen auf ein Format der Kooperation. ​​Im Folder zur Ausstellung wird das Kooperationsformat dargestellt:

„(…) zu Ausstellungsbeginn bleiben einzelne Wandbereiche erstmals leer. Gemeinsam mit eingeladenen Aktivist*innen sowie mit Besucher*innen werden diese Leerstellen bis zum Ende der Ausstellung mit neuen Inhalten befüllt. Dabei kann es passieren, dass die ursprüngliche Museumserzählung in Frage gestellt oder unterbrochen wird. So fließen alle paar Wochen die Ergebnisse der fünf geplanten Arbeitsgruppentreffen ein – auch im Sinne einer möglichen Dekonstruktion.“

Bereits bei der Eröffnung der Ausstellung intervenierten wir in der Rolle von Killjoys, also als Spaßverderber*innen. Es wurden Flyers unter den Besucher*innen verteilt und an bestimmte Plätze innerhalb der Ausstellung geklebt. Über einen QR-Code konnten Interessierte weitere Informationen zu den politischen und theoretischen Hintergründen der Intervention erfahren. Unsere Hauptanliegen waren das Aufzeigen von Widersprüchen innerhalb einer Struktur von Macht und Privilegien, sowie auf blinde Flecken hinzuweisen und diese in Frage zu stellen. 

Am 3. März 2023 haben wir uns zum zweiten Mal mit der Ausstellung im Rahmen der Diskussionsrunde mit dem Titel „Wer putzt das kritische Museum?“ in den Räumlichkeiten von das kollektiv beschäftigt. Wir nutzten die Gelegenheit, um vorherige maiz-Projekte sowie Informationen über die antirassistische und queerfeministische Arbeit, die seit fast 30 Jahren in unseren Organisationen  geleistet wird, auszustellen und so Themen Raum und Sichtbarkeit zu geben, die in der Museumsausstellung ausgeblendet wurden. Dies war auch ein Weg, die blinden Flecken zu zeigen. Ausgehend von einer Auseinandersetzung  mit verschiedenen Autor*innen, wie Angela Davis, und mit Positionen diverser Aktivist*innen, wie z.B. von der Initiative Abolish the Museum, formulierten wir eine Reihe von Fragen, die uns bei der Entscheidung, wie in der konkreten Situation zu intervenieren, weiterbringen könnten.

Diese Fragen diskutierten wir mit den beteiligten Gäst*innen. Uns wurde klar, wie schwierig unsere Aktion sein würde: Egal, was wir getan hätten, das Museum hätte es vereinnahmt und davon profitiert.

Trotz Ernüchterung - vielleicht genau deswegen - entschieden wir uns für die Intervention: im Bewusstsein der Herausforderung, eine kritische und durchdachte Aktion durchzuführen, und dabei gleichzeitig zu vermeiden, dass unsere Kritik vom Museum einfach kooptiert, benützt und verwertet würde, ohne dass ein Reflexions- und Transformationsprozess in der Institution angestoßen werden würde. Eigentlich ein unmöglicher Anspruch! Es schien uns auch unvorstellbar, zu schweigen. Trotzdem, mit einem Fuß drinnen und einem Fuß draußen verspannten wir diesen unüberbrückbaren Gap.

Eine wichtige Strategie, unsere Positionen und Kritiken in die Öffentlichkeit zu bringen, war die  Zusammenarbeit mit DORFTV (die Intervention wurde gefilmt).

Am 23. März fand unsere Intervention im Museum statt. Wir sind mit den Gäst*innen durch die Ausstellung What the Fem*? gegangen und haben an 12 ausgewählten Stellen die vorbereiteten Plakate aufgeklebt sowie unsere Fragen und Kommentare präsentiert. Eigentlich wollten wir eine Sprühaktion draußen vor dem Eingang zum Museum machen, aber wegen bürokratischer Regeln und Hürden war dies nicht möglich.                                                                                                                     

Die Themen und Plakate unserer Interventionen:

1.Station: “Wir gehen nicht!” 

2. Station: Liebes Museum, wir vertrauen dir nicht!

3. Station: Liebes Museum, das passt nicht! 

4. Station: Oh, du nettes Österreich, wer pflegt deine alternden Körper? 

5. Station: Oh du sauberes, gepflegtes Österreich!! Wir werden dich für immer putzen!

6. Station: Sexarbeiter*innen haben Lust auf ihre Rechte!

7. Station: Liebe Feminist*innen/Österreicher*innen, wir putzen gern die Scherben von eurer gläsernen Decke!

8. Station: Das Zelebrieren von Diversität ist nicht die Lösung, sondern eher das Problem!!

9.  Station: Oh, du sauberes Museum!! Es stinkt, was wir mittragen!! Es eitert, was wir mitbringen!

10. Station: Austria, we love you!! Wir werden dich nie verlassen!

11. Station: Valium Export

12. Station: Blinde Flecken?

Am Ende der Intervention hatten wir eine  Gesprächsrunde zwischen den Teilnehmer*innen und Besucher*innen. Themen wie Privilegien, Konflikte, Museumsbürokratie, Diskurse von Inklusion und Diversität waren Teil davon.

In jedem Fall muss die Diskussion über die Existenz, die Relevanz und die mögliche Rolle von Museen, die aus einer kolonialen, hegemonialen und eurozentrischen Perspektive heraus konzipiert wurden und immer noch werden, unbedingt fortgesetzt werden.

Videoaufnahme von DORFTV: https://dorftv.at/video/41917

Quellen

Baker, Hannah. We Should Abolish the Museum Now. Mai 27, 2017. Aufgerufen am 6.6.2023.

https://hyperallergic.com/649011/we-should-abolish-museums-now/

Kassim, Sumaya. The Museum will not be decolonised. In Media Diversified. November 15, 2017. Aufgerufen am 2.3.2023. https://mediadiversified.org/2017/11/15/the-museum-will-not-be-decolonised 

Kerpen, Carrie. Feminism Is About More Than Just Breaking The Glass Ceiling. April 2, 2019. Aufgerufen am 6.6.2023. https://www.forbes.com/sites/carriekerpen/2019/04/02/feminism-is-about-more-than-just-breaking-the-glass-ceiling/

maizist ein unabhängiger Verein von und für Migrantinnen mit dem Ziel, die Lebens- und Arbeitssituation von Migrantinnen in Österreich zu verbessern und ihre politische und kulturelle Partizipation zu fördern sowie eine Veränderung der bestehenden, ungerechten gesellschaftlichen Verhältnisse zu bewirken. maiz ist eine autonome Organisation von und für Migrant*innen. Nach dem Prinzip der Selbstorganisation arbeitet maiz seit 1994 u.a. auch mit Migrant*innen in der Sexarbeit, geleitet von Betroffenheit, Protagonismus und kollektivem Handeln als die wichtigsten Arbeitsprinzipien.
das kollektivdas kollektiv ist ein Ort der kritischen Bildungsarbeit. Beratungs- und Kulturarbeit geschehen im Dialog bzw. in Verschränkung damit. http://das-kollektiv.at