Empowerment-Rhetorik und Paternalismus

"Empowerment" und "Partizipation" gehören zu den Argumentationsstrategien der Integrationsdebatte. Geht es dabei um Emanzipations- und Teilhabeförderung oder um (versteckten) Paternalismus?

"Empowerment" und "Partizipation" sind Begriffe, die im hegemonialen Integrationsdiskurs häufig gebraucht werden. Zahlreiche staatliche Maßnahmen, die sich an sogenannte Migrantinnen und Migranten richten, beziehen sich auf diese Begriffe: Ziel dieser Maßnahmen soll die Emanzipation von sogenannten Migrantinnen und Migranten und deren Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben sein. Die Frage, die offen bleibt, ist die der Motivation dieser Maßnahmen. Geht es dabei um das Wohl der sogenannten Migrantinnen und Migranten oder steht die Stabilität und Aufrechterhaltung der herrschenden Gesellschaftsordnung im Vordergrund? In diesem Sinne kann hier auch nicht von Paternalismus die Rede sein, sondern es muss in der Definition Paul Mecherils von einem Pseudopaternalismus gesprochen werden.

Empowerment

Die historischen Wurzeln von Empowerment liegen in den USA, wo der Begriff in den 1970er Jahren geprägt wurde. 1976 taucht er das erste Mal als Titelbestandteil des Handbuchs Black Empowerment. Social Work in Oppressed Communities auf[1]. Hieran ist auch ersichtlich, dass der Begriff ursprünglich aus der sozialen Arbeit stammt, wo Empowermentkonzepte "den Blick auf die Selbstgestaltungskräfte der Adressaten Sozialer Arbeit und auf die Ressourcen, die sie produktiv zur Veränderung von belastenden Lebensumständen einzusetzen vermögen"[2] richten.

Empowerment ist zu einem populären Begriff geworden. Begründet ist diese Popularität vor allem durch eine begriffliche Unschärfe, eine methodische Intransparenz und die Möglichkeit der unterschiedlichen ideologischen Kontextualisierung. Bei der Untersuchung der Maßnahmen, die von staatlicher Seite angedacht sind, wird Empowerment im Wesentlichen als Hilfe zur Selbsthilfe definiert. Die Strategien, die dabei angewandt werden, sind die Zurverfügungstellung von Informationen über die Mehrheitsgesellschaft und von role models. Das Ziel ist Partizipation im Sinne einer ökonomischen Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.

Gesundheitssektor

"Hilfe zur Selbsthilfe" setzt zwei Gruppen voraus: jene, die Hilfe benötigt, und jene, die im Besitz jenes Wissens ist, das Abhilfe verschafft. Das Wissen, das Abhilfe verschaffen soll, ist in erster Linie ein solches, das die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Subjekte gewährleistet und den Wohlfahrtsstaat entlastet. Deshalb haben die Maßnahmen vorwiegend die verstärkte Arbeitsmarktintegration von sogenannten Migrantinnen und Migranten und deren vermehrte Eingliederung in die gesundheitliche Aufklärung und Vorsorge zum Ziel. Geschlechterpolitisch ist dabei auffallend, dass bei Frauen in erster Linie eine Integration in Pflege- und Krankenberufe angestrebt wird. Das geschlechtsspezifische Fundament der horizontalen Segregation wird so um den Aspekt der Ethnie erweitert. Zusätzlich rückt durch diese Maßnahme das Aufbrechung des geschlechtersegregierten Erwerbsarbeitsmarktes noch mehr in die Ferne.

Angebote aus dem Gesundheitssektor, wie dem Ernährungsbereich oder der Vorsorgeuntersuchungen, wenden sich mehrheitlich an Frauen. Dadurch wird deutlich, dass es nach wie vor Frauen sind, die für die Gesundheit der Familie zuständig sind. Diese konservative Verteilung von Zuständigkeitsbereichen spiegelt sich auch in Bildungsprojekten und Deutschlerninitiativen wider, die sich an sogenannte migrantische Frauen richten und deren wesentliches Ziel es ist, dass Frauen ihren Kindern bei der Hausübung helfen können. Spuren feministischer Bewegungen, die neben der Bürgerrechtsbewegung der sogenannten schwarzen Minderheitensbevölkerung in den USA eigentlich als zweites Fundament des Empowerment-Diskurses gelten, sind in diesen Maßnahmen nicht einmal ansatzweise auszumachen.

Elisabeth Beck-Gernsheim beschreibt den Umbruch in den weiblichen Lebenszusammenhängen, wie er sich seit den 1960er Jahren vollzogen hat, mit der einprägsamen Formel "vom Dasein für andere zum Anspruch auf ein Stück eigenes Leben"[3]. Für sogenannte Frauen mit Migrationshintergrund scheint das noch nicht Gültigkeit zu besitzen denn selbst der Arbeitsmarktbereich der Dienstleistung, in dem die Frauen primär beschäftigt sein sollen, ist gekennzeichnet durch den Dienst an anderen. Dies soll nicht bedeuten, dass ein Dienst an anderen im Bereich der Erwerbsarbeit per se abzulehnen ist. Problematisch ist nur, wenn die Zuteilung zu diesem Arbeitsmarktbereich mit seiner nicht zu rechtfertigenden miserablen Bezahlung ein Geschlechtsschicksal darstellt.

Mobilmachungsrhetorik

Die Wege zu einem autonomen Individuum, das Ziel von staatlichen Empowerment-Konzepten ist, sind einander ähnlich. In einem ersten Schritt erfolgt, wie bereits erwähnt, die Konstatierung eines bedürftigen Individuums bzw. die Schaffung einer homogenen Gruppe Hilfsbedürftiger. In einem zweiten Schritt geht es darum, ihnen zu unterbreiten, dass ihre Ohnmacht Resultat ihrer nichtgenutzten Stärken ist, die es lediglich zu aktivieren gäbe. Gleichzeitig wird vermittelt, dass unabhängig davon, wer für ihre Lage verantwortlich ist, der springende Punkt jener ist, dass es in ihren Händen läge, sich aus der Lage zu befreien. Das Motto ist jenes, dass der Bürgerrechtler Jesse Jackson in den 1970er Jahren formuliert hat. "You are not responsible for being down, but you are responsible for getting up."[4] Hier enden sehr oft die emanzipatorischen Bemühungen, so als würde es reichen, den Menschen zu sagen, sie seien ihres eigenen Glückes Schmied und sie bräuchten sich nur aufzuraffen und zu partizipieren. Erkenne, so lautet scheinbar die Maxime, dass du selbst die Verantwortung für dein Leben trägst. Ändere es, wenn du es so, wie es ist, nicht haben möchtest. Es handelt sich hier also primär um Motivierungsprogramme, in deren Zentrum partizipatorische Ansätze stehen, die die Eigeninitiative und Selbstverantwortung von Menschen stärken sollen.

Diese Mobilmachungsrhetorik, der imperativische Ton und die Anrufung eines autonomen Subjekts fällt in sämtlichen Initiativen auf. So nimmt es nicht wunder, dass eine der häufigsten Strategien zur Vermittlung von Autonomie und zur Partizipation des Subjekts an gesellschaftlichen Belangen das zur Verfügungstellen von Role Models ist. Ich zitiere als Beispiel eine Maßnahme aus dem Arbeitsprogramm des Unabhängigen Expertenrats aus dem Bereich Interkultureller Dialog, nämlich den Einsatz sogenannter erfolgreicher/prominenter Menschen mit Migrationshintergrund als Role Models: "Im Rahmen dieses Projekts sollen erfolgreiche, teilweise auch prominente Menschen mit Migrationshintergrund als Vorbilder für Schüler mit Migrationshintergrund fungieren und anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte aufzeigen, was man in Österreich schaffen kann."[5] Empowerment gleichsam als Bildungsroman also. Das Erzählen von Empowerment-Geschichten schafft Kohärenz, Stringenz, Linearität und Identität, deren Fundament der Glaube an die eigenen unerschöpflichen Möglichkeiten ist. Die Erzählungen haben Aufforderungscharakter, Ziel ist die Nachahmung und nicht die Hinterfragung von gesellschaftlichen Ungleichheitsmomenten.

Autonomie

Die Forderung unseres neoliberalen Gesellschaftsmodells, dass Individuen ihr Leben selbst in die Hand nehmen, die Verantwortung für ihr Werden selbst tragen und die damit verbundene Annahme, dass jeder einzelne Mensch das innere Bedürfnis habe, über sich selbst bestimmen und die Anforderungen der Umwelt selbst bewältigen zu können, anders gesagt, Autonomie zu besitzen, autonom zu sein, ist kurzerhand zur neuen Conditio humana erklärt worden. Wie so oft fungiert auch hierbei eine Wesensbestimmung, nämlich dass der Mensch autonom sein will, gleichzeitig als Maxime, nämlich dass der Mensch autonom sein soll.[6]Die Gefahr dabei ist, dass den Menschen vermittelt wird, die Probleme, die sie haben, hätten ihren Ursprung in ihren eigenen nicht erkannten Möglichkeiten. Erklärtes Ziel von Empowerment und Partizipation ist in diesen staatlichen Maßnahmen nicht die kritische Vergegenwärtigung gesellschaftlicher Schieflagen und eine daraus resultierende Forderung nach einer Neuverteilung von Macht, sondern die Verankerung der neoliberalen Prinzipien wie der alleinigen Verantwortung für das eigene Schicksal im Denken der Menschen.

Damit Empowerment Emanzipation sein kann, müssen den Menschen, unabhängig davon, ob es Frauen oder Männer mit oder ohne sogenannten Migrationshintergrund sind, die Strukturen geboten werden, damit sie entdecken können, was ihre Wünsche und Bedürfnisse sind. Es müssen Räume geschaffen werden, in denen sie diese artikulieren können, und es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, diese Wünsche und Bedürfnisse umzusetzen.


Fußnoten:

[1] Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt: Suhrkamp 2007, S. 185.

[2] Norbert Herriger: Empowerment in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer 2010, S. 7.

[3] So der Titel ihrer Veröffentlichung. Elisabeth Beck-Gernsheim: Vom 'Dasein für andere' zum Anspruch auf ein Stück 'eigenes Leben'. In: Soziale Welt 3/1983, S. 307–341.

[4] Philip Brickman u.a.: Models of Helping and Coping. In: American Psychologist, 37/ 4 (April) 1982, S. 368–384, 372.

[5] Expertenrat – Arbeitsprogramm 2011, S. 20.

[6] Vgl. dazu Bröckling 2007, S. 195f.