"Freie Medien" melden sich zu Wort: Offener Brief an den Österreichischen Medienverband

Offener Brief an den Österreichischen Medienverband
anlässlich des Tags der Freien Medien am 15.10.2010

Sehr geehrter Vorstand des Österreichischen Medienverbandes!

Der Österreichische Medienverband hat für morgen, den 15. Oktober 2010, den "Tag der Freien Medien" ausgerufen – zum zweiten Mal seit seiner Gründung im Jahr 2008. Zu diesem Anlass finden im Quartier für digitale Kultur im Wiener Museumsquartier u.a. eine Medienmesse und eine Podiumsdiskussion zur Stellung der Freien Medien in Österreich statt.

Als Projekte und Initiativen, die im Feld der freien und autonomen Medien- und Kulturarbeit agieren, haben wir uns gegen eine Teilnahme am "Tag der Freien Medien" entschieden und möchten Ihnen hiermit die Gründe für diese Entscheidung kommunizieren.

Wir möchten betonen, dass unsere gemeinsame Stellungnahme unabhängig von einer Einladung zum "Tag der Freien Medien" erfolgt – einige der unterzeichnenden Medieninitiativen wurden explizit zur Teilnahme an dieser Veranstaltung geladen, manche nicht. Unsere Kritik richtet sich allerdings nicht bloß auf den Event, sondern vielmehr auf die politischen Verhältnisse, wie sie gerade am "Tag der Freien Medien" eben nicht zur Sprache kommen.

Die Gründe für unsere Nichtteilnahme am "Tag der Freien Medien" sind:

(1) Das Diskussionspodium ist mit Martin Blumenau/FM4, Medienstaatssekretär Josef Ostermayer und diepresse.com-Chef Peter Krotky besetzt. Mit Michaela Wein vom Online-Magazin mokant.at sitzt eine einzige Frau und Vertreterin eines "Freien Mediums" als Diskutantin am Podium. Neben der – gelinde gesagt – unausgewogenen "Gender Balance" am Podium stellt sich für uns insbesondere die Frage, welchen Beitrag die drei erstgenannten Diskutanten zu einer konstruktiven Debatte über Freie Medienarbeit liefern können.

(2) Fand der erste vom Österreichischen Medienverband organisierte "Tag der Freien Medien" 2008 noch im fluc und damit in einer Location statt, die klar im Feld der freien und autonomen Kulturarbeit zu verorten ist, so hat man sich heuer für das Museumsquartier als Veranstaltungsort entschieden. Damit sollen Fragen der Freien Medienarbeit ausgerechnet in einem der "Hot Spots" neoliberal gesteuerter Kreativwirtschaft in Wien verhandelt werden, was unseres Erachtens einer klaren Positionierung von Freier Medienarbeit jenseits eines ökonomischen Nützlichkeitsdiskurses entgegenläuft.

(3) Nicht weniger paradox erscheint uns der Umstand, dass Besucher_innen, die keine schriftliche Voranmeldung vorweisen können, beim "Tag der Freien Medien" keinen freien Eintritt erhalten. Eine solche Regelung mag gängige Praxis bei vergleichbaren "Fachmessen" im Museumsquartier oder anderswo sein – dass den in der Regel auf breite Öffentlichkeit und niederschwelligen Zugang zielenden Freien Medien mit einer solchen Praxis kein guter Dienst erwiesen wird, scheint uns aber offensichtlich.

Abgesehen davon drängt sich uns in Zusammenhang mit dem Begriff "Freie Medien" noch eine weitere, grundsätzlichere Frage auf. Laut Selbstbeschreibung versteht sich der Österreichische Medienverband nämlich als Interessenvertretung für Print-Publikationen und elektronische Medien, die den Fokus ihrer Arbeit auf die Förderung Freier Klein- und Kleinstmedien gelegt hat. Was dabei jedoch konkret unter "Freie Medien" verstanden wird, bleibt weitgehend unklar.

In seinem "Working Paper" definiert der Medienverband den Begriff "frei" als "unabhängig", und zwar "zwischen inhaltlicher Gestaltung und Finanzierung" (siehe http://medienverband.at/wp-content/uploads/miscanellous/OeMVB_Definition_Freie_Medien.pdf). Eine inhaltliche Dimension des Begriffs im Sinne eines politischen Selbstverständnisses oder einer politischen Positionierung sucht man vergebens. So lässt sich nicht einmal ein antidiskriminatorischer Grundkonsens, wie er etwa in der Charta der Freien Radios Österreich (http://www.freie-radios.at/article.php?ordner_id=27&id=194) als Minimalanforderung an Freie Medienarbeit formuliert ist, ausmachen. Insofern kommt auch der "partizipative Zugang", wie er im "Working Paper" als Merkmal Freier Medien beschrieben wird, äußerst schwammig daher und thematisiert weder gesellschaftliche Ausschlüsse aufgrund von z.B. Rassismus, Sexismus, Homo-/Transphobie oder "Disability" noch Strategien, wie eine medienpolitische Partizipation diskriminierter Personengruppen aussehen könnte.

Dies erstaunt nicht nur angesichts des insgesamt kritikwürdigen Zustands der österreichischen Medienlandschaft, sondern auch und vor allem angesichts der zunehmend nach rechts rückenden politischen Verhältnisse, wie sie schon seit längerem (nicht bloß) in Österreich zu beobachten sind.

Unserem Selbstverständnis nach muss der Begriff "Freie Medien" deshalb wesentlich darauf abzielen, Raum für gesellschaftskritische Diskurse herzustellen und damit eine Plattform für linke, emanzipatorische Positionen – insbesondere jene von Migrant_innen – anbieten. Freie Medien rücken also solche Perspektiven in den Mittelpunkt, die von den bürgerlichen Medien wenig oder gar nicht berücksichtigt werden und der vermeintlichen "Professionalität", "Objektivität" und dem, was "berichtenswert" sei, entgegenstehen.

Nicht zuletzt fehlt aus unserer Sicht eine differenzierte wie kritische Auseinandersetzung, was die langfristigen Zukunftsperspektiven Freier Medienarbeit betrifft, etwa hinsichtlich der Frage der fortschreitenden prekären Arbeits- und Existenzbedingungen, den Überlebenschancen nicht-kommerzieller Medien, der Subventionslage und Anerkennung migrantischer Medien u.ä.

Mit unserer Kritik möchten wir Impulse für eine medienpolitische Debatte setzen, die Freie Medien nicht als "alternative Produkte", sondern als Artikulations- und Interventionsplattform begreift, die gegen den herrschenden gesellschaftlichen Konsens antritt.

Gezeichnet (in alphabetischer Reihenfolge):

an.schläge – Das feministische Monatsmagazin
fiber – werkstoff für feminismus und popkultur
grundrisse – zeitschrift für linke theorie & debatte
IG Kultur Österreich
Kulturrat Österreich
Kulturrisse – Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik
MALMOE
migrazine.at – Online Magazin von Migrantinnen für alle