Verniedlicht, vermonstert

Interview mit: 
Claudia Brunner

Mit den jüngsten Selbstmordanschlägen in der Moskauer U-Bahn, die Ende März Russland erschütterten, sind Frauen als "Terroristinnen" wieder verstärkt ins Licht der Medien gerückt. Auf der Suche nach Erklärungen wird das Privatleben der Täterinnen durchleuchtet, während der politische Konflikt im Kaukasus dekontextualisiert wird, erklärt die Politikwissenschaftlerin Claudia Brunner.

migrazine: Das Auftauchen von Selbstmordattentäterinnen wird meist als historische Neuheit diskutiert. Ist "weiblicher Terrorismus" tatsächlich ein neues Phänomen oder hat sich die Wahrnehmung und Definition von "Terror" verschoben?

Claudia Brunner: Es stimmt, dass Selbstmordattentate von Frauen in der heute auftretenden Form ein relativ junges Phänomen sind – allerdings auch nicht viel jünger als Selbstmordattentate überhaupt. Vorausgesetzt, dass wir dieselbe Definition verwenden, was ein Selbstmordattentat ist. Der nachrichtenwirksame Wert eines solchen Anschlages wird allerdings durch den Faktor "Weiblichkeit" verstärkt: Physische Gewalttätigkeit passt noch immer nicht so recht in die vergeschlechtlichte Dichotomie von "Krieg/Gewalttätigkeit" und "Frieden/Gewaltlosigkeit". Dieser Gegensatz ist – aus wissenssoziologischer Sicht betrachtet – allerdings schon Teil des Problems, nämlich wie legitimierte als auch nicht legitimierte politische Gewalt wahrgenommen und verhandelt wird. Von "männlichem" oder "weiblichem" Terrorismus zu sprechen, ist auf einer anderen Ebene problematisch, weil man damit nicht nur die AkteurInnen bezeichnet, sondern das Phänomen an sich. Dies ist eine andere, ebenfalls spannende Debatte, die sich einer heteronormativen Zuordnung kaum entziehen kann.

In der Berichterstattung über die jüngsten Selbstmordanschläge in Russland fällt auf, dass bei den Täterinnen vor allem persönliche Motive aufgezählt werden, zum Beispiel Rache für den getöteten Partner oder Familienmitglieder. Wie typisch ist diese mediale Darstellung von weiblichen "suicide bombers"?

Sehr typisch. Sie zieht sich durch unser mediales, wissenschaftliches und Alltagswissen über alle Konflikte, in denen Frauen gewaltvoll die politische Arena – und als solche sind auch als terroristisch zu bezeichnende Ereignisse zu verstehen – betreten. Diese Personalisierung, Individualisierung und Privatisierung von Gründen und Motiven ist dabei nicht nur auf Selbstmordattentate beschränkt. In allen Fällen trägt die Definition von "privat" versus "politisch" zu diesem Verständnis bei.
Wenn eine Frau zu extremer Gewalt greift und dies vielleicht auch deshalb tut, weil Teile ihrer Familie durch vorangegangene kriegerische oder antiterroristische Gewalt ums Leben gekommen sind, dann kann man meines Erachtens nicht mehr von ausschließlich "persönlichen" oder "privaten" Motiven sprechen. Wenn diese Erklärung in den Vordergrund gerückt wird – und das ist meist bei Frauen der Fall –, dient das vor allem der historischen und politischen Dekontextualisierung des Konflikts, in den diese Anschläge eingebettet sind. Gewalttätige Frauen sind offensichtlich schwerer "auszuhalten" als Männer, die dieselben Taten verüben. Ihre Rückbindung an die Privatsphäre schließt sie – sei es durch Verniedlichung oder durch Vermonsterung – aus dem Raum des Öffentlichen, des Politischen, des Legitimen und Rationalen wieder aus.

Die Selbstmordattentäterinnen aus dem Kaukasus-Gebiet werden wiederholt als "Schwarze Witwen" benannt – eine Bezeichnung aus dem Tierreich, wie sie bei männlichen Tätern nicht zu finden ist …

Diese Bezeichnung, die meines Wissens in russischen Medien erstmals formuliert wurde, beinhaltet eine zweifache Problematik. Zum einen verweist sie bereits auf die angesprochene Rückbindung der Frauen an ihre Privatsphäre, die in erster Linie sexualisierte Konturen aufweist. Zum anderen sorgt ein Tiername für einen Aspekt der Entmenschlichung, der die Vorstufe zur legitimierten "Auslöschung" und physischen Vernichtung der Betreffenden darstellt – sowohl Putin als auch Medwedjew, aber auch zahlreiche andere Terrorismus-BekämpferInnen verwenden immer wieder diese Bezeichnung, ohne dafür kritisiert zu werden.

Bemerkenswert ist auch, dass im Zusammenhang mit Selbstmordattentäterinnen immer wieder von "rückständigen Traditionen" wie Blutrache, religiösem Zwang und archaischen Geschlechterverhältnissen die Rede ist. Umgekehrt wird im "War on Terror"-Diskurs unter anderem die Befreiung der "unterdrückten Frau" im Islam propagiert …

Es ist eine Kulturalisierung von politischen Konflikten festzustellen, die in zwei Richtungen funktioniert. Die US-amerikanische Theoretikerin Wendy Brown hat dies mit dem treffenden Satz "We have culture, but culture has them" [1] in einem anderen Zusammenhang sehr gut zum Ausdruck gebracht. In Bezug auf die internationale (Anti-)Terrorismusdebatte werden die TäterInnen – verflochten mit einer Pathologisierung, Dehistorisierung, Sexualisierung etc. – oft in einem Raum des Vorpolitischen verortet. Durchaus vorhandene und relevante patriarchale Traditionen, Zwänge und Praktiken werden dabei sozial, historisch und politisch dekontextualisiert und als rein "kulturell" zum vorrangigen Erklärungsfaktor erhoben. Demgegenüber wird die Legitimation zur "Befreiung" der "anderen Frau" – sei es außenpolitisch die prototypisierte Burqa-Trägerin in Kandahar oder innenpolitisch die anatolische Hausfrau in Ottakring – mit einem zivilisatorischen Kulturbegriff der Überlegenheit verquickt. Während die einen also über eine "gute", das heißt westliche, Kultur verfügen und diese intentional und wohltätig einsetzen können, kommen dieser Logik nach "die Anderen" über eine traditionsgebundene, archaische Variante von Kultur erst gar nicht hinaus und bleiben in ihr passiv verhaftet. Frauen dienen dabei als Grenzsteine zwischen den so abgesteckten Zonen des Kulturellen und des Politischen.

Gibt es Einsichten darüber, wie sich die Täterinnen selbst sehen?

Mir sind keine Untersuchungen bekannt, die plausible Schlüsse darüber zulassen. Wenn JournalistInnen und WissenschaftlerInnen sich in Konfliktregionen begeben, um Angehörige und FreundInnen zu befragen, erweisen sich diese Ergebnisse oft als von starken Vorannahmen und Klischees durchdrungen. Dasselbe gilt für übliche Befragungen von potenziellen oder rechtzeitig verhafteten Attentäterinnen in Gefängnissen. Die Selbstzeugnisse aus Bekennervideos oder anderen Veröffentlichungen der Organisationen hingegen, in deren Namen auch Frauen Attentate verüben, sind ebenfalls als in ihrem spezifischen Kontext zu verstehen, denn auch sie arbeiten mit vergeschlechtlichten Bildern. An eine "Authentizität" der veröffentlichten Gründe und Motive von Täterinnen wird man also schwer herankommen.
Es stellt sich allerdings auch die Frage, inwiefern diese überhaupt hilfreich ist und wofür. Die damit beförderte Psychologisierung nicht nur von Individuen, sondern von ganzen Gesellschaften sagt mitunter mehr über das Begehren von Medien und Wissenschaft aus als über die zu untersuchenden Konfliktkonstellationen.
Einsichten darüber erfordern meines Erachtens vor allem eine Ablösung von der Figur der potenziell oder real attentätigen Person und eine Kontextualisierung des jeweiligen Konflikts und aller seiner AkteurInnen. Dies wiederum widerspricht nicht nur der Aufmerksamkeitslogik der Medien, sondern zum Teil auch der Terrorismusforschung und -bekämpfung, und ist gewiss ein komplexeres Unterfangen als die gängige diskursive und reale Praxis des "Profiling".

Eine der Attentäterinnen bei den Anschlägen in der Moskauer U-Bahn war erst 17 Jahre alt, die andere war eine 28-jährige Lehrerin. Gibt Ihrer Meinung nach einen Zusammenhang zwischen dem permanenten Kriegszustand im Kaukasus und den Generationen- und Geschlechterverhältnissen unter den AttentäterInnen?

Zur Analyse der demografischen und sozialen Verhältnisse im Kaukasus selbst kann ich nichts beitragen. Zu allen bisherigen Selbstmordanschlägen ist aber zu sagen, dass sich generell eher jüngere als reifere Menschen radikalisieren und dafür zur Verfügung stellen – zu welchem Grad der Freiwilligkeit auch immer.
Andererseits bedient das junge Alter vieler AttentäterInnen auch deren Wahrnehmung als Unmündige und Fanatisierte, die dann nicht nur aufgrund ihrer jeweils konkreten Tat, sondern gleichsam aufgrund ihres "Wesens" keinesfalls als politisch Handelnde verstanden werden müssen. Ihnen gegenüber verkörpert die Terrorismusbekämpfung dann nicht nur das über ein nationales Gewaltmonopol legitimierte Gesicht eines Konflikts. Sie funktioniert dann gewissermaßen auch als "erwachsene, mündige, rationale" Seite der Gewalt – gegen die viel schwerer zu argumentieren und vorzugehen ist, selbst wenn sie sich von ihrer vernichtendsten Seite zeigt.

Gibt es denn so etwas wie eine "feministische Terrorismusforschung", und inwiefern unterscheidet sich diese von der Mainstream-Forschung?

Es gibt Terrorismusforschung, die sich um sogenannte "Frauenfragen" kümmert bzw. manche Fragenkomplexe zu solchen macht. Das sind zumeist Männer und nur vereinzelt Frauen, die sich jedoch nicht als Feministinnen bezeichnen würden. Dann gibt es Feministinnen, die zu Terrorismus und politischer Gewalt arbeiten, aber nicht im engeren Sinne Teil der Terrorismusforschung sind. Viele von ihnen vertreten differenzfeministische Positionen und einen unpräzisen Gender-Begriff, was vom Mainstream der Terrorismusforschung leichter rezipiert und an dominante Zugänge anschlussfähig gemacht werden kann. Auch das ist problematisch und endet oft wiederum in der Krieg-und-Frieden-Dichtomie. Da Terrorismusforschung insgesamt ein politiknahes, äußerst genderresistentes und maskulinisiertes Feld darstellt, ist eine feministische Verortung darin nur sehr schwer möglich.
Aus meiner Sicht kann eine feministische Terrorismusforschung schon allein aufgrund eines notwendigerweise weiten Gewaltbegriffs, der auch strukturelle Gewalt miteinschließt, nicht am Gegenstand "Terrorismus“ stehen bleiben. Sie muss sich vielmehr den Prämissen und Möglichkeitsbedingungen widmen, auf deren Basis politische Gewalt nicht nur ausgeübt, sondern auch definiert, beforscht und bekämpft wird. Dann ist sie aber keine Terrorismusforschung im engeren Sinne mehr – und will vermutlich auch keine sein.


Interview: Vina Yun

Langfassung des Interviews aus: an.schläge 05/2010

Fußnote:

[1] Brown, Wendy 2006: Regulating Aversion. Tolerance in the Age of Identity and Empire. Princeton: Princeton University Press. Audiolink zum Buch auf http://philosophybites.com/2008/11/wendy-brown-on-tolerance.html.