"Sie möchten die Welt verändern … aber wie …?"

Interview mit: 
Kirsi Marie Liimatainen

Der Dokumentarfilm "Comrade, Where Are You Today? - Der Traum der Revolution" erzählt eine Geschichte der finnischen Regisseurin Kirsi Marie Liimatainen (Jahrgang 1968), die von ihrer Kindheit über die 1980er-Jahre an der FDJ-Jugendhochschule Wilhelm Pieck am Bogensee in der Nähe Berlins von der DDR-Zeit bis heute stattfindet und einen besonderen Blick auf Linke Bewegungen ermöglicht.

migrazine.at: Du hast den Film gedreht, wo du am Anfang deine Geschichte von der Aktivist*innen-Hochschule am Bogensee erzählst und dann, wie du später auf die Suche nach den Kamerad*innen gehst, um herauszufinden, was sie heute (noch) machen. Mich würde interessieren, was dich dazu bewegt hat, diesen Film zu drehen, und wie lange es gedauert hat?

Kirsi Marie Liimatainen: Die Lizenzen (Archivfilmmaterial, Musik) und Übersetzungen kosteten letztendlich weit über 20.000 Euro und dazu kamen noch 30.000 Euro für die Nachbearbeitung (Farb- und Lichtkorrektur, Tonnachbearbeitung, Filmkopien). Das sind große Summen für ein Minifirma - ich bin ja Regisseurin und Produzentin in einer Person. Aber 2016 fanden letztendlich Premiere und Kinostart statt und ich habe es geschafft. Darauf bin ich stolz.

Was wurde an dieser Hochschule in der DDR gelehrt, welche Erfahrungen hast du als Aktivistin gesammelt durch das Wiedersehen der ehemaligen Genoss*innen und der vielen erkämpften weltumwälzenden Siege ...?

Als ich mich Ende der 80er entschied, an der Jugendhochschule Wilhelm Pieck und in der DDR zu studieren, war es die Zeit der Perestroika - und in Finnland wurde vom neuen, progressiven Sozialismus geträumt. 1988, in der DDR und der Jugendhochschule Wilhelm Pieck angekommen, war der real existierende Sozialismus jedoch ein ernüchterndes Erlebnis für mich. Die Unterschiede zwischen Theorie und Praxis waren augenscheinlich. Pressefreiheit, demokratische Wahlen, Umweltschutz, das waren alles Themen, die uns westlichen Student*innen in unseren eigenen Ländern wichtig waren. Natürlich führte es dann zu einem "clash" mit dem real existierenden Sozialismus und dadurch zu einer gewissen Enttäuschung.
Durch die internationalen Student*innen aber lernte ich die Welt kennen, zu der ich gehören wollte - was sie alle vereinte, war die Hoffnung auf eine bessere Welt und die Bereitschaft, dafür zu kämpfen. Viele von ihnen kamen aus Ländern, in denen Diktatoren an der Macht waren, offener Rassismus Alltag war, wo Krieg und Armut herrschte. Für einen jungen Menschen mit normalem Gerechtigkeitssinn war das alles unverständlich. Ich habe mein ganzes Leben für Gerechtigkeit gekämpft und werde es immer tun, da muss ich mich nicht an einer Idee festhalten.

Wie du im Film erzählst, waren die Student*innen aus vielen unterschiedlichen Ländern. Und wenn ich an "Internationale Solidarität" denke, würde ich gerne wissen, wie sich diese dort äußerte?

Die Schule war ja sehr international, die Student*innen kamen aus 80 Ländern. Diese Erfahrung hat mich sehr verändert, da ich dadurch ein noch besseres Verständnis von der Welt bekam. Aus erster Hand erfuhr ich Geschichten aus Südafrika, Chile, Nicaragua, Nahost, davon hatte ich vorher nur gelesen. Durch diese menschlichen Erfahrungen wurden die Texte aus den Büchern konkret, persönlich. Und wenn ich alles im Nachhinein betrachte, ist es für mich auch ein großer Vorteil, selbst die Erfahrungen in der DDR gemacht zu haben. Da ich viel unterwegs war in der DDR, mit sehr unterschiedlichen Menschen sprach, habe ich die Vorteile und Mängel selbst erfahren und kann dadurch heute besser der Diskussion über die ehemaligen sozialistischen Länder folgen. Oder mit den ehemaligen Bürger*innen aus den sozialistischen Ländern reden und dabei ihre Meinung nachvollziehen. Ein Beispiel: Wenn ich das Buch von Swetlana Alexijewitsch in meinen Händen halte, merke ich, dass ich genau verstehe, was sie meint, obwohl ich in einem kapitalistischen Land groß geworden bin.

In der heutigen neoliberalen und kapitalistischen Gesellschaft steht das Individuum vor dem Gemeinsamen und dem Kollektiv. Was war das Gemeinsame, wonach die Menschen dort strebten und was war das Individuelle?

Als ich nach Südafrika, Nicaragua, Chile, Bolivien und in den Libanon gereist bin, war mein Hauptziel natürlich die Menschen, meine Freund*innen zu finden. Da wir uns aber alle damals in der DDR kennengelernt hatten und gemeinsam Marxismus-Leninismus studierten und in den linken Organisationen aktiv waren, war der politische und geschichtliche Kontext natürlich auch von Bedeutung. Meine Reise ist parallel auch eine Reise in die Geschichte der Linken Bewegungen weltweit. Mir war es auch sehr wichtig, mich nicht nur in der Vergangenheit zu bewegen, sondern zu zeigen, wo diese Menschen heute leben, was aus ihren Idealen geworden ist. Welche Entwicklungen es in ihren Heimatländern gab. Als der Kalte Krieg vorüber war, veränderte sich nicht nur das Leben der Menschen innerhalb Europas. In Südafrika endete die Ära des Apartheid-Regimes und in Chile verlor Pinochet die Macht. Im Libanon endete der Bürgerkrieg und eine neue Spaltung durch religiös-politische Gruppen trat ein.

Haben sich die Kämpfe und Widerstandsstrategien der Linken Bewegungen verändert?

Der Film ist eine Reflexion und Aufarbeitung meiner eigenen Vergangenheit und der Vergangenheit meiner Freund*innen, aber ich berühre auch zwangsläufig die Geschichte der Linken Bewegungen, weltweit, da wir alle Marxismus-Leninismus studierten, in den linken Organisationen aktiv waren und uns deswegen in der DDR kennenlernten. Der Film ist kein Lehrfilm oder historischer Film, aber die historischen Zusammenhänge werden dargestellt, damit die Zuschauer*innen verstehen, woher diese Menschen kommen, aus welchem politischen und geschichtlichen Kontext. So können wir ihre Wünsche und Gedanken heute besser verstehen. Die wichtigsten Fragestellungen des Films liegen aber in der Zukunft … Was sind eigentlich unsere Ideale? Wie wollen wir leben? Der Film ist eine persönliche Reise in die Vergangenheit und fragt, wie wir diese Welt gestalten wollen. Der Film zieht Bilanz über eine Welt, in der sich das Fehlen politischer Ideale bemerkbar macht, und plädiert für eine Rückbesinnung auf politische Ideale wie Gleichheit und Selbstbestimmung.

Und zuletzt - ist eine bessere Welt möglich?

Als ich meine Freund*innen traf, wollte ich vor allem wissen, ob es für sie heute noch Gründe gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt. Der "marxistische Kampfgeist" scheint Vergangenheit zu sein, noch immer gibt es keine Gleichberechtigung in dieser Welt.
Ich habe überall auf der Welt Menschen getroffen, mit Menschen von der Straße geredet. Sie sind alle der Meinung, dass es so nicht weitergehen kann. All diese Kriege, das Ungleichgewicht in der Gesellschaft … Sie finden, dass der Kapitalismus zu mächtig ist, Konsumierung, Umweltverschmutzung … Waffenhändler und Fabrikanten ... Das alles brauchen diese Menschen nicht! Aber diese Menschen finden keine Parteien, wo sie heute aktiv sein könnten, sie haben innerparteiliche Machtspiele und Korruption satt. Sie möchten die Welt verändern … aber wie …? In diesen Menschen steckt aber die Hoffnung. Ich wünsche mir eine neue solidarische internationale Menschenbewegung.



Interview: Maia Benashvili


Das Interview fand im Rahmen des maiz-Jahreskulturprogramms 2017 statt.


Links:
http://www.wfilm.de/comrade-where-are-you-today/
http://www.maiz.at/subprojekt/sondervorstellung-des-films-comrade-where-...