Die Normalität entnormalisieren

Interview mit: 
Lann Hornscheidt

Wie lassen sich "weiße" Privilegien und Normen benennen? Vina Yun sprach mit Lann Hornscheidt, Professx für Gender Studies und Sprachanalyse in Berlin, über die Möglichkeiten antirassistischen sprachlichen Handelns.

migrazine.at: In der Auseinandersetzung mit "Weißsein" geht es immer wieder auch um antirassistische Sprachkritik. Dabei werden insbesondere verletzende Begriffe infrage gestellt und politische Selbstbezeichnungen minoritärer Gruppen wie etwa "People of Color" in den Vordergrund gerückt. Wie lässt sich jedoch "Weißsein" – als das Nicht-Benannte, Unsichtbare – thematisieren?

Lann Hornscheidt: Weiß-sein ist nur für Personen mit weißen Privilegien wie mich unsichtbar. Für Personen, die rassistisch diskriminiert sind, ist weiß-sein hingegen kontinuierlich Thema. Sara Ahmed formuliert dies eindrücklich in einem Artikel mit einer ausdifferenzierten antirassistischen Kritik an den Critical Whiteness Studies. [1] Dies bedeutet für mich als weiß privilegierte Person, dass es immer notwendig ist, bei konkreten Äußerungen zu fragen: Aus welcher Position in Bezug auf strukturelle Diskriminierung ist diese geschrieben? Welche Stimmen sind zu hören, können für sich selbst sprechen? Oder noch mal anders formuliert: Hätten Schwarze Personen und People of Color mehr Raum in öffentlichen Diskursen, so wäre es überhaupt keine Frage, ob eine privilegierte weiße Position unbenannt wäre.

Die antirassistischen Selbstbezeichnungen, die Sie ansprechen, sind vor allem Positionierungen von Personen, die durch Rassismus diskriminiert sind und sich damit kritisch auseinandergesetzt haben. Rassismus schafft aber nicht nur die diskriminierte Position, sondern auch die privilegierte Position, die von privilegierter Seite zumeist unbenannt oder entnannt und unreflektiert ist.
Illustration: Paula BullingIllustration: Paula Bulling
Wenn nun in Texten und Aussagen von durch Rassismus privilegierten Personen, wie zum Beispiel mir als Person, die weiße Privilegien besitzt, ausschließlich diese Benennungen für Andere, die diskriminiert sind, verwendet werden, ohne gleichzeitig auch die eigene Privilegierung in Bezug auf Rassismus explizit zu machen, kann dies wiederum "othernde" und diskriminierende Effekte haben. Wenn ich etwa kontinuierlich Schwarz und People of Color, muslimisch und Sinti und Roma als Kategorien in Kontexten und Situationen anwende, in denen es nicht um Rassismus und rassistische Effekte geht, kann dies ebenfalls rassistisch wirken. Es ist also wichtig, jeweils konkret zu überlegen, was ich in welchen Situationen sage, was ich damit relevant mache.

Weiß ist, im Gegensatz zu Benennungen wie Schwarz und People of Color, keine politische empowernde Selbstbezeichnung, sondern die konkrete Benennung einer privilegierten Positionierung. Das heißt, dass diese beiden Sprachformen – die analytische Benennung der privilegierten Positionierung (weiß) einerseits und die kritische Benennung der diskriminierten Positionierung (zum Beispiel Schwarz, People of Color, Muslime, Sinti und Roma) andererseits – auch noch mal auf verschiedenen Ebenen liegen. Um dies deutlich zu machen, schreibe ich weiß klein und kursiv, Schwarz groß und nicht-kursiv.

Welche Bedeutung hat "Weißsein" als Gegenstand der kritischen Sprachanalyse?

Weiße Positionierungen und Normalitäten lassen sich in weiß dominierten Diskursen dadurch wahrnehmbar machen, indem sie benannt werden. Ich würde allerdings nicht von weiß-sein sprechen, sondern von weißen Privilegien und ihren konkreten Effekten. Der Ausdruck weiß-sein essenzialisiert, ebenso wie es der Begriff Schwarz-Sein tut.

Ich halte es für wichtig, für jede Situation immer wieder neu zu schauen, wie dort Privilegien wirken, und dies konkret zu benennen. Einem Text oder einer Äußerung eine allgemeine Aussage voranzustellen wie "Ich schreibe diesen Text aus einer weißen Perspektive" halte ich für wenig sinnvoll, sondern für eine weitere Form, sich gerade nicht mit den eigenen Privilegien in Bezug auf Rassismus auseinanderzusetzen. Es ist lediglich eine äußerliche "Entschuldung", ohne konkret darüber nachzudenken, was Privilegien auf welchen Ebenen alles bedeuten – und was sie tun!

Bezogen auf diesen Text zum Beispiel werde ich als Expertx gehört, da ich Professx bin mit einem Schwerpunkt auf Sprache und Diskriminierung. Diese Position habe ich unter anderem mit Hilfe meiner weißen Privilegien erlangt, die meine Wissensbildung als legitim und wissenschaftlich eingelesen, die mir viele Chancen in Schul- und Hochschulbildung gegeben haben.

Viele durch Rassismus diskriminierte Personen im deutschsprachigen Raum lernen früh, dass sie nichts zu sagen haben, dass sie keine Chancen hätten. Sie kennen nur wenige Vorbilder an deutschen Universitäten, finden ihre Themen und Erfahrungen nicht wieder in Büchern, Seminaren und Studiengängen, sind kontinuierlich rassistischen Kommentaren und Normalitäten ausgesetzt, werden exotisiert oder ge-othert, was massive Konsequenzen auf ihre Bildungs- und Karrierechancen hat.

Ich werde also als Person mit weißen Privilegien eher als Expertx zu Sprache und Diskriminierung wahrgenommen, als eine Schwarz positionierte Person dies in vielen weiß dominierten Räumen würde – weil sie eher als Opfer von Rassismus, als betroffen und dadurch als potenziell befangen und nicht neutral eingelesen würde von vielen weiß Privilegierten. Warum aber werde ich als Person mit weißen Privilegien nicht als betroffen, sondern als neutral in Bezug auf Rassismus eingelesen? Meine Position ist genauso durch Rassismus hergestellt: Es ist struktureller Rassismus, durch den ich so privilegiert bin, ohne Rassismus hätte ich diese Privilegien nicht. Diese Dimension wird viel weniger explizit wahrgenommen oder thematisiert, sondern eben entnannt, damit als Norm hergestellt und wenig ver_handelbar gemacht, das heißt wenig in politisch sinnvolle Handlungen versetzt.

Sie erklären, dass es bei Interventionen in sprachliche Diskriminierungen nicht einfach um die "veränderung einer norm, sondern um die aneignung sprachlicher handlungsfähigkeit" [2] geht. Was bedeutet sprachliches Handeln, und wie ist dieses durch "Weißsein" geprägt?

Was für eine spannende und komplexe Frage! Es geht nicht nur darum, was ich sage, sondern auch, wie dieses "ich" positioniert ist: Welchen Positionen wird zugehört, wer wird als Expertx angesehen, wer als Opfer, Betroffene, als zu emotional, zu aggressiv, und welche rassistischen Normen liegen diesen Bewertungen zugrunde? Sprachliches Handeln bedeutet also nicht nur, das zu verändern, was ich sage, sondern zu reflektieren, wie ich positioniert bin in Bezug auf strukturelle Diskriminierung. Es bedeutet, darüber nachzudenken, welche Konsequenzen es hat, was ich wo wie sagen und schreiben kann, und inwiefern ich Gehör finde, ernst genommen werde – oder eben nicht.

Darüber hinaus meine ich mit der Aneignung von Handlungsfähigkeit aber auch, dass ich Sprache nicht als etwas wahrnehme, was "einfach da" ist, dem ich also ausgeliefert bin, sondern als etwas, das ich aktiv gestalten und mir auf diese Weise vielleicht auch (wieder) aneignen kann. Ich hab zum Beispiel hier in den Antworten schon mehrmals x-Formen benutzt und damit eine unkonventionalisierte Sprachform, um mich auf Personen zu beziehen. Diese Form ist relativ neu und fordert eine Zwei-Gender-Norm – also dass es nur Frauen und Männer gibt – heraus. Die x-Form liegt also auch sinnbildlich quer zu der ausschließlichen Idee von Frauen und Männern, Weiblichkeit und Männlichkeit. Indem ich mein Unwohlsein mit konventionellen Benennungsformen ernst nehme und neue Formen formuliere und verwende, eigne ich mir Sprachhandlungsfähigkeit an.

Indem ich als weiß privilegierte Person Schwarzen Personen als Expertx zu welchen Themen auch immer zuhöre, indem ich ihre Stimmen ernst nehme, ihre Analysen zu Rassismus, ihre Benennungspraktiken wahrnehme, schaffe ich auch neue Wahrnehmungen und handle sprachlich anders, wenn ich mich auf ihre Aussagen beziehe. Wenn ich als weiß privilegierte Professx nicht die Stimmen von Schwarzen Personen, die diskriminiert sind, als Forschungsobjekt vereinnahme, sondern als Expertx zitiere, sie als Hauptredn_erinnen auf Konferenzen fordere, handle ich sprachlich. Wenn ich zum Beispiel Gedichte von antirassistischen Aktivistx wie Audre Lorde, Pat Parker, Chrystos und May Ayim in meinen wissenschaftlichen Texten als zentrale Publikationen zu Sprache und Diskriminierung zitiere, verändere ich Genrevorstellungen und fordere den Standpunkt, dass Gedichte nicht wissenschaftlich seien, heraus – und handle also sprachlich. So kritisiere ich weiße Normen, ent-normalisiere sie.

Kritische Stimmen meinen, Critical Whiteness habe wenig mit den realen antirassistischen Kämpfen zu tun und bediene nur einen "transnationalen Dialog zwischen akademischen Subkulturen" [3]. Sind Critical Whiteness Studies ein Elitendiskurs?

Die Idee von "Studies" ist ja häufig schon stark akademisiert – das schließt auch an die vorherige Frage an: Welche Stimmen nehme ich als Professx denn eigentlich als was wahr? Es gibt eine starke universitäre Tradition, nur andere akademische Stimmen zu zitieren, politisch-aktivistische Stimmen hingegen höchstens als Forschungsmaterial zu begreifen und nicht weiter auszudifferenzieren. Und immer weniger verstehen ihr akademisches Arbeiten als Teil von politisch-aktivistischen Kämpfen, höchstens von Kämpfen an der Universität, zum Beispiel für Quotierungen oder für eine Antidiskriminierungsstelle. Aber was darüber hinaus? Mache ich Workshops in autonomen Zusammenhängen, interveniere ich in der U-Bahn in rassistische Situationen, sitze mit Freundx bei der AusländerInnenbehörde, um Aufenthaltspapiere für jemanden zu bekommen? Inwiefern reflektiere ich alles das in meinem akademischen Arbeiten, wie häufig frage ich diejenigen, die durch Rassismus diskriminiert sind, wozu sie welche Analysen brauchen?

Ich nehme auch eine immer stärkere Abspaltung von akademischen Wissensproduktionen zu Antirassismus und politischen antirassistischen Kämpfen wahr. Critical Whiteness Studies sind – so wenig sie auch institutionalisiert sind – wenig verankert in sozialen und politischen Bewegungen, und es geht hier kaum darum, akademische Wissensproduktion vor allem als Dialog mit antirassistischen Gruppen zu verstehen. Diese Kritik findet sich auch ausführlich bei Sara Ahmed.

An den Universitäten im angloamerikanischen Raum spricht man von Critical Race Studies, im deutschsprachigen Raum ist hingegen fast immer nur von Critical Whiteness Studies die Rede. Hat man hier zu sehr die Frage der eigenen "weißen" Privilegiertheit im Blick, anstatt darüber zu reden, wie die eigenen sozialen Beziehungen durch Rassismus geformt werden?

Die Frage impliziert bereits, dass die entscheidenden Positionen an deutschsprachigen Universitäten von weiß privilegierten Personen besetzt sind, sie re_produziert also eine weiße Norm – und dies ist tatsächlich der Fall: Schwarze Personen und People of Color als Professx sind weiterhin die absolute Ausnahme an deutschen Hochschulen, Critical Race Studies sind so gut wie überhaupt nicht institutionalisiert. Und das wiederum hat alles weitreichende Konsequenzen für positionierte antirassistische Wissensbildungen, für mögliche Vorbildfunktionen von Schwarzen Professx an der Universität, Genealogisierungen von antirassistischen Wissensbildungen usw.

Die Frage beinhaltet aber auch etwas anderes: dass Critical Whiteness Studies ein Unterfangen von weiß privilegierten Personen seien. Das ist aber definitiv nicht der Fall: Critical Whiteness Studies sind von Schwarzen Personen und People of Color etabliert worden [4], die sich mit der weißen Normsetzung beschäftigt haben und beschäftigen. Als solches ist Critical Whiteness ein wichtiger theoretischer und analytischer Teil von Critical Race Studies, aber vor allem ein Teil und ganz klar aus einer Schwarzen und People-of-Color-Perspektive!

Eine Fokussierung auf weiße Normen, unabhängig von dieser sozialen Positionierung der Forschenden und dieser Genealogie, kann dazu führen, dass wiederum weiße Positionierungen und weiß-sein im Mittelpunkt stehen und Schwarze Menschen und People of Color marginalisiert werden. Forschungen zu weiß-sein müssen also immer reflektiert werden in Bezug auf ihre politischen Implikationen in Bezug auf eine Verhandlung und Intervention in Rassismus. Das schließt also nochmals an die Frage des Verhältnisses von akademischen Wissensbildungen und politischen antirassistischen Kämpfen an: Inwiefern die Forschung, die im Kontext von Critical Whiteness Studies betrieben wird, wichtig ist für antirassistische Kämpfe, wäre eine mögliche Ausgangsfrage, um einer Entpolitisierung von Forschung ebenso entgegenzuwirken wie einer Refokussierung und Normalisierung von weißen Privilegien in und durch eine entpolitisierte Form von Critical Whiteness Studies.

In den deutschsprachigen Gender Studies hat sich während des letzten Jahrzehnts das Konzept der Intersektionalität durchgesetzt. Welche Rolle spielt "Weißsein" in den Diskursen zu Intersektionalität? Beziehen sich die jeweiligen Debatten überhaupt aufeinander?

Diese Frage kann ich nicht umfassend beantworten, ich benenne hier daher nur einige Punkte: Ich trenne zwischen Intersektionalitäts- und Interdependenz-Ansätzen. Erstere gehen häufig von sozialen Kategorien aus, die additiv zueinander und miteinander in Forschungen mehr oder weniger berücksichtigt werden – etwa Gender/Geschlecht und Race. Ich gehe in meiner Forschung hingegen von einem konstruktivistischen Interdependenzverständnis aus, das bei strukturellen Diskriminierungen ansetzt und nicht bei sozialen Kategorien: Es geht also um Sexismus – oder eher Genderismus – statt um Geschlecht, um Rassismus statt um Race oder Rassifizierungen.

Ich schließe an Dean Spades Forderung an [5], von der am stärksten diskriminierten Positionierung auszugehen, also von einer Positionierung, die im Fall von Rassismus_Genderismus eine Schwarze/People of Color/Sinti und Roma/muslimische Transposition wäre – und nicht von einer privilegierten oder teilprivilegierten Positionierung. Setze ich so an, geht es beispielsweise auch um Kriminalisierungen, Gewaltverhältnisse, juristische und medizinische Diskriminierungen oder prekäre Arbeitsverhältnisse. Dies geschieht relativ wenig in der momentanen institutionalisierten Gender-Studies-Forschung, die ich insgesamt im deutschsprachigen Raum als relativ entpolitisiert erlebe.

Was heißt das jetzt für mich, in der unglaublich privilegierten Position Professx zu sein, was ich unter anderem auch durch meine weißen Privilegien habe werden können? Für mich bedeutet das: all dies weiter kritisch zu reflektieren, zu versuchen, immer wieder neue Formen zu finden, um interdependente Diskriminierungen wahrzunehmen und politisch zu bekämpfen, akademische Wissensbildungen zu re-politisieren, zu überlegen, für wex ich das mache und zu wex ich mit dem, was ich tue, eigentlich spreche.

Ich lese immer wieder Audre Lordes Texte, immer wieder neu, und diese sprechen zu mir als weiß positionierte Person immer wieder zu diesem Thema. Ein Beispiel: "your privilege is not a reason for guilt, it is part of your power, to be used in support of those things you say you believe. because to absorb without use is the gravest error of privilege. […] how much of your lives are you willing to spend merely protecting your privileged status? is that more than you are prepared to spend putting your dreams and beliefs for a better world into action? […] every day of your lives is practice in becoming the person you want to be. no instantaneous miracle is suddenly going to occur and make you brave and courageous and true. and every day that you sit back silent, refusing to use your power, terrible things are being done in our name." [6]


Interview: Vina Yun


Eine stark gekürzte Fassung des Interviews ist auch in an.schläge 11/2013 erschienen.



Fußnoten

[1] Sara Ahmed: A phenomenology of whiteness. In: Feminist Theory, Issue 8 (2), August 2007. S. 149–168.

[2] Lann Hornscheidt: feministische w_orte. ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministischer linguistik. Brandes & Apsel 2012.

[3] Siehe Interview mit Vassilis Tsianos in "Jungle World", 32/2012, http://jungle-world.com/artikel/2012/32/46024.html

[4] Die erste grundlegende umfassende Publikation zu Critical Whiteness Studies im deutschsprachigen Raum ist federführend von drei Schwarzen Antirassistinnen herausgegeben worden, zusammen mit einer weißen Forscherin: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hg.innen): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Unrast Verlag 2009.

[5] Danke an Evelyn Hayn und Robin Hilbrig für ein Gespräch genau dazu.

[6] Audre Lorde: I Am Your Sister: Collected and Unpublished Writings of Audre Lorde. Oxford University Press 2009.