Das Leben, (k)ein Liebesfilm

Das Kino weiß es schon längst: Nicht nur die Liebe, auch ein fremdenrechtlicher Vorteil wie Aufenthaltstitel, Arbeitserlaubnis oder die Staatsbürgerschaft kann ein Grund zum Heiraten sein. Doch welche Anregungen und Strategien für den Umgang mit den Fremdenbehörden können Filme zum Thema Scheinehe bieten?

Liebesfilme erzählen üblicherweise von großer, unbeherrschbarer Anziehung zwischen zwei gegengeschlechtlichen Protagonist_innen, die, allen Widrigkeiten zum Trotz, zur wahren Liebe und Beziehung führt. In vielen dieser Filme folgt der Liebe die Ehe – oder zumindest der Heiratsantrag, gestellt unter dramatischen oder rührenden Bedingungen. Es handelt sich dabei um ein universales Motiv, global wirksam und in allen Dekaden beliebt.

Im Gegensatz dazu kommt bei verfilmten Ehen mit "Fremden" die Liebe in der Regel erst später ins Spiel. Die meisten Mainstream-Filme über Scheinehen funktionieren nach folgendem Schema: Die Ehe wird durch die Vermittlung von Freund_innen arrangiert, und die beiden aufgrund ihrer sozialen und geografischen Herkunft ungleichen Partner_innen sind einander zunächst höchst unsympathisch. Angesichts der Interventionen von Fremdenbehörden ist aber ein Zusammenziehen bzw. die Konstruktion einer gemeinsamen Vergangenheit notwendig – und so kommen sich die Eheleute näher, verlieben sich schließlich doch und kämpfen sodann gemeinsam gegen den staatlichen Eingriff in ihr Privatleben.

When do you come to me, Chérie? *

Erinnern wir uns an einen Klassiker der Scheinehe-Filme aus dem Jahr 1990: Eine US-Amerikanerin heiratet einen Franzosen, damit er die viel begehrte und titelgebende "Green Card" erhält, sie bekommt als Ehefrau ihre Traumwohnung voll mit Grünpflanzen. Der Untertitel "Scheinehe mit Hindernissen" deutet schon an, dass sich das Paar gegen behördliche Verdächtigungen durchsetzen und diese gemeinsam überwinden muss. Im Jahr davor wurde mit der kanadischen Produktion "Les Noces de Papier" eine ernstere, politische Variation des Themas verfilmt, in der ein chilenischer Journalist eine Literaturprofessorin ehelicht, um seine Abschiebung zu verhindern.
Einen ganz ähnlichen Plot verfolgt auch der 2005 in Deutschland gedrehte Film "Brautpaar auf Probe", in dem die Ehe zwischen einer deutschen Alleinerzieherin und einem Computer-Experten aus Ghana dargestellt wird.

Alle drei Paare spielen den Behörden zwar eine Liebesbeziehung vor, die sich kurz vor Filmende auch tatsächlich offenbart, die Ehemänner erhalten jedoch allesamt kein Aufenthaltsrecht bzw. werden abgeschoben. Die Lehre und der moralische Fingerzeig für das Mainstream-Publikum lautet: Das Eingehen einer solchen Ehe verspricht vielleicht schnelles Geld oder andere Vorteile, birgt aber das Risiko, sich mit einer fremden Person herumplagen zu müssen – und letztlich wird die Scheinehe vom Staat immer als solche entlarvt.

I would do anything to get a Green Card! *

Seit den 1980er Jahren erscheint beinahe jährlich ein Film, der das Thema "Heiraten für den (fremden-)rechtlichen Vorteil" neu interpretiert. Ab diesem Zeitpunkt wurden Scheinehen auch in Österreich erstmals medial wie politisch aufgegriffen. So wurden damals von der Fremdenpolizei Beispiele von Polinnen angeführt, die durch eine Eheschließung rasch zur Österreicherin geworden seien und nach der Scheidung wiederum ihren polnischen Ex-Gatten geheiratet hätten (Kovarnik 1989).
Während es lange Zeit nur Männern vorbehalten war, die Staatsbürgerschaft mittels Ehe weiterzugeben, war dies seit 1983 auch für österreichische Frauen möglich. Gleichzeitig wurden mit dieser Staatsbürgerschaftsnovelle auch die Bestimmungen verschärft: Erst das mehrjährige Bestehen einer Ehe (ein bis fünf Jahre) – und nicht wie bisher allein die Eheschließung – wurde nunmehr für den späteren Erwerb der Staatsbürgerschaft vorausgesetzt.

In den Diskursen rund um die Gefahren durch Scheinehen dominiert das Bild verarmter österreichischer Frauen, die fremde Männer gegen (viel) Geld heiraten (Woesthoff 2007). Interessant ist der Vergleich zur Eheschließungsstatistik, die zeigt, dass in den letzten Jahren mehrheitlich österreichische Männer (über 60%) ausländische Frauen geheiratet haben (Statistik Austria).

In den Filmen zu Scheinehen ist das Geschlechterverhältnis unter den "Fremden" überraschenderweise in etwa ausgeglichen. Es werden Paare aus allen Klassen porträtiert, wobei der einheimische Part meist der reichere und ältere ist, der eine_n jüngere_n Fremde_n heiratet. Dass auch das österreichische Fremdenrecht nur noch wohlhabenden Österreicher_innen das Recht einräumen will, den_die Partner_in ihrer Wahl zu heiraten, zeigte das Fremdenrechtspaket 2005 mit dem erforderlichen Mindesteinkommen, das (schlecht bezahlte, arbeitslose, studierende/lernende, karenzierte u.ä.) Frauen oftmals nicht erreichen können (Verein Fibel 2009). Ehen zwischen österreichischen Frauen und fremden Männern sind daraufhin wesentlich stärker zurückgegangen als umgekehrt.

Eine weitere Form, rechtlich gegen vermutete Scheinehen vorgehen zu können, betrifft Asylwerber_innen: Sie müssen den Antrag auf Aufenthalt vom Ausland aus stellen, was Monate dauern kann und sehr kostenintensiv ist (Verein Fibel 2009). Ehen mit Asylwerber_innen sind in den Mainstream-Filmen zu Scheinehen ohnehin nicht vorgesehen, womit derartige Repressionen und andere Formen staatlicher Machtausübung in den Filmen nicht behandelt werden.

Globalisierte Scheinehen

In den europäischen Scheinehe-Filmen handelt es sich fast ausschließlich um Ehen unter Weißen. Mitte der 1990er Jahre thematisieren zwei Filmproduktionen Ehen mit Russ_innen ("Nur aus Liebe", D 1996; "Kolya", Cz 1996). Beide verhandeln als Motive, eine Scheinehe einzugehen, einerseits die hiesige Geldnot und Einsamkeit, andererseits fehlende Perspektiven und betrügerische Absichten bei den Russ_innen. Der erste und einzige deutschsprachige Film mit einem Schein-Ehemann afrikanischer Herkunft, "Brautpaar auf Probe" (2005), und beschreibt die Heirat zwischen einer verarmten Frau aus Deutschland und einem reichen Mann aus Ghana.

Im Gegensatz dazu sind in Filmen, deren Handlung in Nordamerika angesiedelt ist, meist Asiat_innen täuschungswillige Ehepartner_innen. Erwähnenswert ist neben "Combination Platter" und "Hsi Yen – The Wedding Banquet" (beide 1993, produziert in den USA) der taiwanesische Film "Die kleine Yü" (1994), in dem eine Chinesin in den USA eine Ehe mit einem älteren Italiener eingeht. All diesen Filmen ist gemeinsam, dass sie sich nicht in den üblichen Plot, der mit der Liebeserfüllung endet, einfügen.

Meines Wissens nach waren Ehen für ein Aufenthaltsrecht in US-amerikanischen Filmen in den letzten Jahren kaum noch Thema, bis zum jüngsten Scheinehe-Film von 2009, "The Proposal": Hier nötigt eine reiche Kanadierin, die auf die Verlängerung ihres Visums vergessen hat, ihren amerikanischen Assistenten zur Ehe und verliebt sich schließlich in ihn.

Solche Konstellationen sind jedoch untypisch für den österreichischen Diskurs, wo primär Gastarbeiter_innen der 1970er Jahre, die inzwischen eingebürgert waren, des Eingehens von Scheinehen mit Migrant_innen aus dem Herkunftsland verdächtigt wurden (Kovarnik 1989). Ging die Fremdenpolizei von einer Scheinehe aus, wurde dies seit Mitte der 1990er mit einem Aufenthaltsverbot für den/die Fremde_n sanktioniert.

Den schönen Schein wahren

Der Großteil der Filme zum Thema Scheinehe bekräftigt die traditionelle Ehe als heteronormative Institution, nur wenige wagen es, von diesem Muster abzuweichen. Filme, die die gesellschaftliche Festschreibung herkömmlicher Rollenbilder von Mann und Frau in einer Zweierbeziehung, die in einer Ehe endgültig gefestigt werden, aufbrechen, sind rar gesät.

Bei zwei Filmbeispielen, die Homosexualität und Ehe miteinander verknüpfen, stehen vor allem die Reaktionen der Herkunftsfamilie im Mittelpunkt: "A mi madre le gustan las mujeres" ("Mama ist lesbisch") wurde 2002 in Spanien produziert und schildert das Coming-out einer Mutter von drei erwachsenen Töchtern, die mit einer jüngeren Frau ohne Aufenthaltsrecht liiert ist. Der Film thematisiert die Diskriminierung von Lesben und Schwulen, die zu jener Zeit in Spanien noch nicht heiraten und damit das Aufenthaltsrecht der_des Partner_in sichern konnten. Das hat sich mittlerweile geändert, heute zeichnet sich Spanien durch eine liberale Ehepolitik aus.
Der schon erwähnte Film "The Wedding Banquet" beschreibt die von der Familie eingeforderte Ehe eines schwulen und in Beziehung lebenden Taiwanesen, der eine mittellose Künstlerin heiratet, die damit das Aufenthaltsrecht erhält. Sie wird in der Hochzeitsnacht versehentlich schwanger und die Scheinehe mündet in eine Familie.

Seit 2010 können in Österreich die meisten Rechte und Begünstigungen, die mit der Institution Ehe im modernen Sozialstaat verknüpft sind, nun auch mittels der eingetragenen Partner_innenschaft erworben werden. Die im Fremdenpolizeigesetz 2005 festgeschriebene Strafbarkeit des Eingehens einer Scheinehe (neuerdings "Aufenthaltsehen" genannt) für den österreichischen bzw. aufenthaltsberechtigten Part der Ehe wurde daher umgehend um die "Aufenthaltspartnerschaft" erweitert. Da der Nachweis einer Aufenthaltspartnerschaft mindestens genauso schwierig ist wie bei einer Aufenthaltsehe, werden die Behörden primär auf freiwillige Geständnisse angewiesen sein. Um die Motivation dafür zu erhöhen, wird denunzierenden Ehepartner_innen Straffreiheit zugesichert.

They keep asking questions about your husband, is he a spy? *

Eine Ehe mit potenziellen fremdenrechtlichen Vorteilen wird in ihrer Gestaltung behördlich vorgeschriebenen Regeln unterworfen, denen sie zu folgen hat, will sie als Ehe anerkannt werden. Wie Scheinehen von den "echten Liebesehen" unterschieden werden können, darin sind Fremdenbehörden geschult. Einige Strategien aus den Filmen können dabei durchaus als lehrreich für die aktuelle Kontrollpraxis in Österreich angeeignet werden.

Im Zentrum des fremdenbehördlichen Interesses steht das Zusammenleben in einer gemeinsamen Wohnung: Nahezu alle Ermittlungen setzen hier mit einer unangemeldeten Nachschau an. Befragt werden die Nachbar_innen, was diese z.B. im Film "Green Card" vermuten lässt, dass es sich beim Ehepartner um einen Spion handle. Es ist daher unverdächtiger, den_die Partner_in im Haus vorzustellen. Die genaue Kenntnis der Wohnung wird auch von den österreichischen Fremdenbehörden vorausgesetzt, das Zeichnen von Wohnungsplänen und Fragen nach der Wohnungsfinanzierung oder zum Muster der Fliesen im Bad gehören also dazu. Der Ehepartner sollte wissen, wo sich das Klo befindet – sonst macht sich das Paar verdächtig, wie auch in "Green Card". Vor Ort werden außerdem nicht nur Hygieneartikel beiderlei Geschlechts gesucht, sondern auch Schlafstätten, Kleidung und Schuhe hinsichtlich ihrer Anzahl und Größe inspiziert.

Sind Fotos von der Hochzeit und der Beziehung gefragt? Wie dies rückwirkend vorgetäuscht kann, wird ebenfalls in "Green Card" gezeigt: Das Paar inszeniert (Polaroid-)Fotos vom Alltagsleben, aber auch von den gemeinsamen Flitterwochen, vom Bade- und Skiurlaub. In Zeiten der Digitalfotografie und zunehmender Überwachung ist das Fingieren solcher Erlebnisse allerdings viel schwieriger geworden.

What’s the name of her face cream? *

Bei einer – im hiesigen Polizeivokabular "Konfrontationsbefragung" genannten – Einvernahme werden die Ehepartner_innen getrennt voneinander befragt. Neben der Nacherzählung der Kennenlern-Geschichte und dem Verlauf der Hochzeit wird auf den Beziehungsalltag und die Integration in den familiären Kontext fokussiert. So spielt sich der Ehemann aus "Green Card" mit seinen Klavierkünsten nicht nur ins Herz der Familien, sondern muss sich auch allerlei merken – schließlich werden sowohl Namen von Familienangehörigen als auch die Kontinuität des Kontakts zu besonderen Anlässen wie Weihnachten oder Geburtstagen abgefragt. Und wie auch der Film "The Proposal" nahelegt: Der Besuch zum 90. Geburtstag der Großmutter ist für beide Ehepartner Pflicht.

Das Finale von "Green Card" ist ein Happy End, weil sich die beiden EhepartnerInnen – angesichts seiner bevorstehenden Abschiebung – endlich ihre Liebe eingestehen können. Wenngleich unter tragischen Umständen. Als Symbol für die Verbindung stecken sie sich erneut die Ringe an die Finger. Er wird vor ihren Augen abgeschoben, denn er scheiterte beim behördlichen Interview an der Frage nach ihrer Hautcreme – da hilft auch die Liebe nicht. Ihr verzweifeltes "No, it’s not possible" entspricht der Konfrontation bürgerlicher Vorstellungswelten mit fremdenbehördlichen Realitäten, wie es nicht nur binationalen Paaren, sondern auch vielen Initiativen rund um das Bleiberecht ergeht. Der Filmsoundtrack von "Green Card" klingt aus mit den Worten "Deep in your heart, you must believe, everything is gonna be alright” – aber eben nur auf der Leinwand.


* Zitate aus dem Film "Green Card"


Literatur:

www.8ung.at/traudich

Woesthoff, Julia (2007): Romancing the Foreigner? "Fictitous Marriages" and the Crisis between Immigration and Human Rights, in: Sexuality in Austria, S. 158–171, Wien

Kovarnik, Wilfried (1989): "Du glückliches Österreich heirate", in: Der Kriminalbeamte Nov./Dez. 1989, S. 10–12, Wien

Verein Fibel (2009): Jahresbericht 2008, Wien

Statistik Austria (2007): Demographisches Jahrbuch 2006, Wien