25 Jahre – und noch lange nicht genug

Interview mit: 
Hadija Haruna
Interview mit: 
Sharon Otoo

Heuer feiert die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) ihr 25-jähriges Bestehen. Im E-Mail-Interview sprechen ISD-Vorstandsmitglieder Hadija Haruna und Sharon Otoo über die Vergangenheit und Zukunft des Antirassismus-Vereins.

migrazine.at:Herzlichen Glückwunsch zum 25. Geburtstag! Wie fühlt es sich an, so alt zu werden?

Hadija Haruna: Es fühlt sich verdammt gut an! Mich selbst hat die Arbeit der ISD vor vielen Jahren bei meinem persönlichen Selbstfindungs- und Empowerment-Prozess unterstützt. Ich bin ja mit 30 Jahren das jüngste Mitglied im Vorstand – und zu sehen, was mehr als zwei Jahrzehnte Selbstorganisierung, Vernetzung und Widerstand bewirkt haben und wie wichtig und bestärkend die Arbeit für die Community war und ist, das macht stolz.

Sharon Otoo: Es ist schön, wieder 25 zu sein! Und ich sehe es genauso wie Hadija – ich bin dankbar für die ganze Vorarbeit, die von Schwarzen Aktivist_innen in Deutschland geleistet worden ist, und freue mich, ein wenig beitragen zu dürfen, dass sich Deutschland – zumindest was Antirassismus betrifft – in Richtung 21. Jahrhundert bewegt.

ISD entstand Mitte der 1980er Jahre. Was war der konkrete Anlass der Gründung?

Haruna & Otoo: Für das Entstehen von ISD sind mehrere Faktoren bestimmend gewesen. Zunächst einmal waren es zufällige Anlässe wie die Aktivitäten von May Ayim und Katharina Oguntoye, die für das renommierte Buch "Farbe bekennen" recherchiert haben und dafür durch ganz Deutschland gefahren sind, um Kontakte zu Schwarzen Frauen und Männern zu suchen. Oder die Ausstrahlung einer Fernsehdokumentation über Schwarze Deutsche im Rhein/Main-Gebiet, was ebenfalls zu zahlreichen Kontakten führte.

Aber es waren auch persönliche Interessen einiger Frauen und Männer, die schon länger nach einer politischen Stimme für Schwarze Menschen in Deutschland suchten und zuvor in den zahlreichen afrikanischen Initiativen in Deutschland aktiv waren. Sehr rasch entstanden in den ersten Jahren unter dem Namen ISD (damals noch "Initiative Schwarze Deutsche") in Städten wie München, Stuttgart, Freiburg, Hamburg, Hannover, Berlin, in großen Teilen Nordrhein-Westfalens und in der Rhein-Main-Region lokale Initiativen, die jede für sich an der Leitidee, Freiräume für Schwarze Menschen zu schaffen, arbeiteten und dabei nach und nach ihre Lebenszusammenhänge und ihre Perspektiven und Aspirationen veränderten.

Im Video-Clip, der anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von ISD gedreht wurde, werden Sie als "Stimme der Schwarzen" bezeichnet. Was waren die größten Erfolge dieser "Stimme"?

Haruna & Otoo: Die ISD ist in den vergangenen Jahren immer wieder mit Kampagnen oder Pressestatements an die Öffentlichkeit gegangen, um inhaltlich Kritik an gesellschaftlichen Missständen zu artikulieren. Wir organisieren selbst Kampagnen und unterstützen auch solche gegen – zum Teil tödliche – Übergriffe auf Schwarze Menschen, zum Beispiel Mareame Ndeye Sarr, Oury Jalloh, Amadeu Antonio, Samuel Yeboah und Aamir Omar Mohamed Ahmad Ageeb.

2005 organisierten wir auch eine mediale Revolte gegen den Augsburger Zoo, der versuchte, seine Besucher_innen mit einem "African Village" anzulocken. Dort sollten "Kunsthandwerker, Korbflechter und Zöpfchenflechter aus Afrika" präsentiert, sprich ausgestellt, werden. Seit 2005 gibt es auch die Ausstellungstour "Homestory Deutschland" der ISD, die mit der Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung realisiert wurde. Wir machen außerdem Öffentlichkeitsarbeit durch den jährlichen Black History Month, der seit 1991 in verschiedenen deutschen Städten stattfindet. Dieses Jahr gab es einen ganz besonderen Erfolg durch ISD-Mitglied Joshua Kwesi Aikins, der an der erstmaligen Umbenennung eines kolonialen Denkmals, dem Berliner "Gröbenufer" (nach Otto Friedrich von der Gröben, 1656–1728) in "May Ayim Ufer", mitwirkte.

Inwieweit sind Antisexismus und Gender Teil der Arbeit von ISD?

Otoo: Vieles ist der afro-amerikanischen Autorin Audre Lorde zu verdanken. Während ihres Besuchs in Deutschland in den 1980er Jahren hat sie die Frauen, die in ihrem Kurs waren, ermuntert, ihre und die Geschichte Schwarzer Menschen aufzuschreiben. Die Gründung der afro-deutschen feministischen Organisation ADEFRA wurde zum großen Teil von Frauen betrieben, die auch in der ISD aktiv waren, die Zusammenarbeit war von Anfang an eng mit der Entwicklung der ISD verbunden und ist es noch immer.

Wie viele andere Organisationen in Deutschland haben aber auch wir mit institutionalisierter Diskriminierung zu kämpfen. Erst in diesem Jahr haben wir unsere Satzung geändert um sicherzustellen, dass, wenn der Vorstand aus mehr als drei Personen besteht, nicht alle gleichen Geschlechts sein dürfen. Victoria B. Robinson, Autorin und Poetess, ist auch die Frauenbeauftragte der ISD und repräsentiert die Interessen Schwarzer Frauen in Deutschland im europäischen Ausland. Wir arbeiten weiterhin eng mit ADEFRA zusammen und haben inzwischen auch ISD SiStars – ein regelmäßiges Treffen für Schwarze Frauen in Hamburg – ins Leben gerufen. Wir machen viel, dennoch gibt es, was Gender-Identitäten betrifft, noch einiges zu tun.

Welche Ziele verfolgen Sie für die Zukunft?

Haruna: "25 Jahre – und noch lange nicht genug" – unter diesem Motto feiern wir unser Jubiläum. In den nächsten Jahren wollen wir als Gruppe noch größer und als politisch aktive Interessensvertretung noch präsenter werden. Besonders wichtig ist uns, die Interessen Schwarzer Jugendlicher zu wecken und sie dabei zu unterstützen, eigene Projekte auf die Beine zu stellen.

Otoo: Ein weiteres Ziel ist auch, dass wir uns als Verein neue Kompetenzen aneignen und z.B. irgendwann als Antidiskriminierungsverband Schwarzen Menschen in Deutschland praktischen und effektiven Beistand anbieten. Persönlich wünsche ich mir, dass wir lernen, die Vielfalt auch innerhalb unserer Organisation mehr zu schätzen – denn ich bin mir sicher, dass wir innerhalb der Community viel mehr Potenzial und Ressourcen haben. Weitere Erfolge kommen bestimmt, wenn wir es schaffen, auch diese (potenzielle) Aktivist_innen anzusprechen und einzubinden.


Interview: Sanja Nedeljkovic


Link: Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD)