Lili´s Brief
Liebe Lili,
nach ewiger Zeit melde ich mich endlich mal wieder bei Dir. Entschuldige, aber leider habe ich wirklich nicht viel Zeit. Du weißt schon, dass ich acht Wohnungen putze, oder? Dann bleibt wenig Zeit um anderes zu unternehmen. Na ja, das Leben ist schön, aber leider nicht leicht. Wie wir in Brasilien sagen: rapadura é doce, mas nao é mole nao! Rapadura ist eine geschmackvolle Süßigkeit, aber leider nicht weich zu beißen!
Solches Sprichwort wird niemand hier verstehen, wenn es rapadura nicht kennt. Wie viele Leute auch nicht verstehen können, wieso ich trotz aller Schwierigkeiten hier bleibe. Weißt du was? Obwohl ich es sagen könnte, werden sie es immer noch nicht verstehen, weil Vielen tendenziell durch ihre Perspektive sehen und bleiben wollen. Aber du, liebe Lili, du weißt schon, dass ich immer eine Kämpferin war und nie aufgebe. Na gut, tauschen wir das Thema oder der Brief bekommt eine andere Dimension.
Also ich bin eigentlich hier, um die Sehnsucht kleiner zu machen! Ich bin sehr froh, dass du vorhast, mich zu besuchen.
Lili, du glaubst daran nicht, aber es ist bloß ein Zufall: du planst in 2009 hier her zu kommen, oder? Also gerade in dem Jahr wo Linz die Kulturhauptstadt Europas sein wird. Unglaublich! Linz war die Lieblingsstadt des Führers und sogar hat schön ein Plan Kulturhauptstadt der Welt zu sein, na ja, endlich schafft sie es, nicht der Welt, aber von Europa, was mehr als genug für sie gelingt.
Du wirst bestimmt mehr als genug über Linz 2009 hier hören, sehen und wahrscheinlich auch fühlen! Na ja, ich denke ich übertreibe gerade. Ich weiß es nicht, obwohl man in einer hochkulturellen Stadt lebt, wie ich in Linz, ob ich diese Hochkultur überhaupt mitbekomme.
Um ehrlich zu sei, ich habe keine Ahnung was eigentlich diesen Begriff Hochkultur betrifft. Letztes Jahr, zum Beispiel habe ich genug von Mozart gehört und sogar gegessen! Denn denke ich, dass er auch dazu gehört. Ja, natürlich gegessen auch! Es gibt Schokoladen, Torte und Yoghurt die Mozart genannt sind. Ich frage mich ob er überhaupt froh darüber wäre, ich persönlich finde alles zu kommerziell: etwas zu kaufen weil dort der Namen Mozart steht! oh! Bitte erspare mir solche Heuchelei, wenn nicht komisch. Stelle es dir vor: ich hätte gerne ein Mozart zum Mitnehmen, bitte! Jetzt ist es so einfach von seinem Namen zu profitieren. Es ist pervers, aber weltweit Realität.
Lili, pass auf. Ich sage dir schön Bescheid. Mach dir keine Sorgen, wenn du auf die Landstraße, die Hauptstraße Linz, gehst und jemand Pamphlete verteilt, aber er oder sie dir es nicht gibt. Es ist mir mehrere Male passiert. Da stehen Werbungen, Gutschein, etc, und ein paar Leute, die es verteilt haben, haben vermutlich gedacht, dass ich es mir nicht leisten könnte. Na ja, das war ein schöner Euphemismus von mir: nicht leisten zu können!
Auf anderer Seite ist es auch interessant, wenn die Jungen auf der Landstraße Spende für arme Kinder bitten, sie bitten uns auch nicht darum. Ich glaube, wir sind wahrscheinlich die konkreten Fälle ihres erfolglosen Projekts!
Hier in Linz mag ich den Hauptplatz. Einen schönen Ausblick haben wir dort. Er befindet sich in der Altstadt. Natürlich gehen wir dorthin, es gibt so schöne Häuser, es lohnt sich es kennen zu lernen.
Danach besuchen wir eine Organisation von und für Migrantinnen, die Maiz heißt. Falls du kurios bist, kannst du vorher schön mal maiz ins Internet besuchen, schau mal: www.maiz.at. Sie bieten Kurse, Beratungen, Workshops, Veranstaltungen, Diskussionen über alles was Migrantinnen betreffen kann, etc an.
Dann gehen wir zur Brücke, die die Donau dort fließt. Ich habe gehört, dass sie durch zehn Länder fließt. Ich denke, dass sie ganz gut Unterschiedlichkeiten versteht. Wahrscheinlich hat sie deswegen eigentlich gar nichts von einer blauen Farbe, wie die Musik sagt. Also es ist mindestens hier in Linz nicht blau. Das Wasser ist einfach braun! Weißt du was ich denke? Die Farbe des Himmels kann die Donau leider nicht widerspiegeln, weil sie von Traurigkeit der Nazizeit voll ist.
Ja, und darüber zu sprechen, ich möchte auch mit dir das Museum Mautenhausen besuchen. Wir die diese Zeit nicht mitbekommen haben, ist dies Ganze fast unvorstellbar. Ich lese und sehe Dokumentarfilmen über diese dunkle Zeit der Menschheit und ich denke, dass es leider wieder passieren kann, nur einfach mit anderem Gesicht. Zum Beispiel wir sind gerade in Jahrwahl. Du glaubst nicht wie die Werbungen eines Kandidaten sind. So eine Frechheit, Perversität, Diskriminierung! Ist es unglaublich? Das denke ich nicht. Für mich gab es, gibt es und wird es immer solche Menschen geben. Der Böse macht sich kein Urlaub. Aber die Guten sollen nicht Raum für die Blödsinnigen geben. Na ja, es ist nicht umsonst, dass die Donau nicht blau ist…
Ist es aber paradox, oder?
Auf den gleichen Böden und Lüfte wo die Hochkultur stattfand, stattfindet und wahrscheinlich stattfinden wird, gab und gibt es solche perversen Denkweisen und Aktionen… ist es aber unfassbar?
Doch, es ist fassbar, weil die Hochkultur nicht Menschheit bedeutet. Man kann wahrscheinlich hochkulturell ausgebildet sein und nicht respektvoll sein. Eines hängt nicht vom Anderen ab.
Lili, ich habe keine Lust über Hochkultur zu sprechen, wenn ich sehe, dass der Diskurs nicht der Realität entspricht. Was ist überhaupt Hochkultur? Hat sie sich selbst so genannt? Wie in der Zeit, wo die Europäer sich selbst als Herrscher genannt haben?
Ehrlich? Es ist zum Kotzen!
Aber jetzt, da ich am Ende meines Briefes bin, möchte ich dir noch sagen, dass es hier eine Torte gibt, die Linzer Torte genannt wird. Sie ist zu trocken, ich mag sie nicht. Meine Lieblingstorte heißt Marillentorte, hummmm die schmeckt mir aber sehr gut! Natürlich kannst du Linzertorte probieren, aber danach sollst du auch Marillentorte probieren oder ungekehrt, egal. Du brauchst einfach deine eigene Meinung bilden! Deswegen probiere mal ein bisschen von beiden!
Eines ist richtig, wir werden Linzer Torte nicht bei der berühmtesten Konditorei Linz essen, weil dort nur Innländer arbeiten dürfen. Denn eines ist mir klar: wo ich nicht arbeiten darf, muss ich auch nicht mein Geld verbrauchen. Es gibt noch ein paar Geschäfte, wie ein Schuhladen in der Nähe von „Passage“, bei dem, nur wer perfekte Deutschkenntnisse hat, sich bewerben darf. Es ist mehr als zwei Monate, dass das Plakat dort steht und ich bin wirklich gespannt, um zu wissen ob wenigstens Bastian Sick sich beworben haben wird.
Natürlich ist es einfach nur ein Euphemismus, „perfekte Deutschkenntnisse“ oder „ohne Akzent“ in Anschreibungen zu schreiben. Es bedeutet einfach, dass nur Innländer sich bewerben sollen, oder besser dürfen.
Ah! Liebe Lili, es gibt viel zu sagen als diesen Brief erträgt. Aber ich hoffe sehr, dass du hier kommen kannst. Wenn wir es auch fühlen, können wir es besser verstehen. Ich habe mich schon bei dem Verein maiz informiert: ich muss eine Einladung an dich schreiben, muss noch für die Behörden mein Lebensunterhalt beweisen, damit ich überhaupt dich als Besuch bekommen darf.
Weißt du was ich denke? Ich muss beweisen, dass ich Geld genug für uns habe, damit die Behörde nicht denken, dass du hier kommst und Tourismusbeihilfen, Linzertortenentgeld usw. beantragen möchtest.
2009 liebe Grüße aus Linz,
Lulu
Ein Gespräch mit Stefan Haslinger und ein Kommentar von Martin Wassermair
Wo brennt’s?
Ein Gespräch mit Stefan Haslinger und ein Kommentar von Martin Wassermair
Das Kulturhauptstadtevent Linz 09 steht vor der Tür: Nicht nur Baustellen und Absperrungen in der Stadt zeugen davon. Des Öfteren ist auf den Baustellenbeschilderungen der Spruch „Hier wird Linz zu Linz 09“ zu lesen. Die Transformation von Linz zu Linz 09 begann im Jahr 2005 mit der Bestellung einer Intendanz, alles mögliche an Neuigkeiten wurde versprochen: „Verbindungen“, „Perspektiven“, „Visionen“. Ein „friedvoller Ausnahmezustand“ bis hin zum Jahr des Ereignisses selbst, wenn sich die Stadt nach allerlei Vorgeplänkel als „Gastgeberin für Europa“ verstehen darf, danach der auf „Nachhaltigkeit“ bedachte Rückbau. (Alle Begriffe in Anführungszeichen entstammen – wie wohl nicht anders zu erwarten - dem Mission Statement der Linz 2009 GmbH.) Die weitere Entwicklung folgte einer für Großevents typischen Logik, die Tourismus-, Wirtschafts- und Hochkulturkompatibilität des Gesamtkonzepts argumentiert und die auch in den Kulturrissen immer wieder thematisieret wurde. Die freie Szene, in Oberösterreich traditionell stark und nach am Geschehen, die sich zu Beginn durchaus als konstruktiver Teil eines hoffentlich nicht allzu „friedvollen Ausnahmezustands“ gewähnt hatte, musste feststellen, dass der ihr zugewiesene Platz eher einer Art intellektuellem Hamsterrad glich, in dem man sich allzu große Partizipationswünsche mit wechselweisem Impulse geben und Kritik üben abtrainieren kann.
Über die Auswirkungen dieser Transformationen auf die Freie Szene Linz und die Verweigerungtaktiken von KulturpolitikerInnen sprachen die Kulturrisse mit Stefan Haslinger, Teil der Geschäftsführung der KUPF, Vorstand IG Kultur Österreich und Vorstand KV waschaecht, Wels.
Kulturrisse:
Zu Beginn der Diskussion um Linz 09 sah es noch so aus, als wäre die Freie Szene Linz ein wichtiger Bestandteil des geplanten Ereignisses – denken wir z.B. an die Bewerbung, wo ausdrücklich auf die Freie Szene hingewiesen wurde oder auch an die anfänglichen Statements seitens der Intendanz. Wie schaut diese Entwicklung aus der jetzigen Sicht aus?
St. H.: Linz und auch Linz 09 brauchen die Freie Szene. Aber sie benutzen Sie als „Arbeitskräfte“ und – wie es Intendant Martin Heller sinngemäß formulierte – als Reibefläche. Die formulierte Kritik an Linz 09 wird – im präventiven Abfedern – oft als Legitimation hergenommen, auf dem richtigen Weg zu sein. Die Kritik wird zum Qualitätskriterium erhoben, die Friktionen als Notwendigkeit. Wenn sie formuliert wird, braucht es quasi keine weitere Auseinandersetzung mehr. Es ist das eingetreten, was im Trend liegt. Schnelllebiges, Herzeigbares wird forciert und für „gut“ befunden. Jene Sachen, die Auseinandersetzung erfordern, die damit arbeiten, Prozesse sichtbar zu machen, werden abgekanzelt. Diese Systematik betrifft nicht ausschließlich die freie Szene und ist in dieser Pauschalität auch nicht auf das gesamte bekannte Programm umlegbar, aber gerade die Prozesshaftigkeit freier Kulturarbeit steht im Widerspruch zum touristisch verwert- und vermarktbaren Konzept von Linz 09.
Kulturrisse:
Hat sich die Freie Szene Linz von Beginn an als Teil von Linz 09 gesehen? Gab es Tendenzen der Verweigerung?
St. H.: Es bestand, ab der Bestellung der Intendanz im Jahr 2005 die Hoffnung, dass die Freie Szene ein Teil von Linz 09 sein werde. Diese Hoffnung wurde sukzessive geringer, obwohl die endgültige Erkenntnis, dass die Freie Szene kein Schwerpunkt für Linz 09 ist, erst relativ spät eingesetzt hat. Die Freie Szene hat schon sehr früh die kulturpolitische Auseinandersetzung mit der Kulturhauptstadt Linz 09 gesucht, was unter anderem das Positionspapier „Hülle ohne Inhalt“ aus dem Jahr 2004 zeigt. Aber die Kulturpolitik ist darauf nicht eingegangen, wohl aus (berechtigter) Sorge, dass dann (zu) viele Fragen aufgeworfen werden würden, die unangenehm sind. Verweigerung seitens der Freien Szene wurde als Methode diskutiert, und es gibt Initiativen der Freien Szene die sich bewusst heraus halten. Wirklich verweigert haben sich aber die regierenden KulturpolitikerInnen.
Kulturrisse:
Welche Unterschiede in der Arbeitsweise beziehungsweise welche Schwierigkeiten ergeben sich jetzt angesichts dieses kulturellen Phänomens für die Freie Szene?
St. H.: Die Arbeitsweise der Freien Szene ändert sich nicht, ganz pauschal gesagt. Die Schwierigkeit liegt in der Zukunft begründet. Die Frage, wie es in Linz 2010 und in den folgenden Jahren aussehen wird, welche Einschnitte zu befürchten sind, stellt sich ständig und wird – je näher das Jahr 2009 kommt – immer virulenter. Und es gibt die Befürchtungen, dass die (undefinierten) Qualitätskriterien, die sich hauptsächlich an quantifizierbarem Output messen, zur Regel werden. Wobei sich grundsätzlich die Frage stellt, ob es sich bei Linz 09 um ein kulturelles Phänomen handelt. Sicherlich, wenn ich Kultur als die Summe aller Äußerungen begreife, dann ist auch Linz 09 ein kulturelles Phänomen, wenn ich es aber als wirtschaftlich und touristisch weiter verwertbares Standortentwicklungsprojekt begreife, dann ist die Kultur wieder einmal nur Trägermedium, nur die Verpackung für andere Ziele.
Kulturrisse:
Vor kurzem hat die Freie Szene Linz erneut mit einem kritischen Statement aufhorchen lassen: Die Maschine brennt Interessant ist hierbei, dass sich unter den UnterzeichnerInnen sowohl Organisationen befinden, deren Projekte innerhalb von Linz 09 realisiert werden, als auch welche, die nicht mit Projekten vertreten sind. Was bedeutet das für die Solidarität der Freien Szene Linz, die ja gut vernetzt und aktiv ist. Kommt es dadurch zu neuen Zusammenschlüssen bzw. Neudefinierungen, die außerhalb des Offenen Forums Freie Szene Linz passieren?
St. H.: Es war für das Statement „Maschine brennt!“ strategisch unabdingbar, dass auch „TeilnehmerInnen“ bei Linz 09 unterzeichnen. Es sollte nicht die Lesart entstehen, dass sich hier nur diejenigen echauffieren, die „zu kurz gekommen sind“, weil dann wiederum die Qualtiätsdiskussion überhand genommen hätte. Dieser Umstand ist von der Intendanz in bester „schwarz-blauer“- Diktion aufgegriffen worden, indem diesen Organisationen – die Projekte bei Linz 09 realisieren – via Presse vorgerechnet wurde, wie viel sie aus dem Linz 09 Budget lukrieren. Als ob mit der Förderung gleichzeitig ein Kritikverbot verbunden wäre. Ob es zu neuen Zusammenschlüssen kommt, ist eher zu bezweifeln und auch nicht notwendig. Die freie Szene hat mit „Maschine brennt“ jedenfalls ihre (kultur)politische Rolle wieder bestätigt, und auch postulieren können, dass es nicht gelingen wird, diese Kraft zu zersetzen oder zu zerschlagen.
Kulturrisse:
„Maschine brennt“ nimmt die stillschweigende Implementierungen neoliberaler Kriterien ins Visier, und wie diese über Events wie Linz 09 in den kulturpolitischen Alltag eingewoben werden. Kann darin eine neue Methode erkannt werden, mit der seitens der Politik ein konservatives Kultur- und Kunstverständnis reaktiviert wird?
St. H.: Ich würde es nicht auf einen fortschreitenden Konservativismus reduzieren. Wie schon erwähnt, besteht die Befürchtung, dass jene Kriterien, die der Bewertung von Projekten für Linz 09 zu Grunde liegen, zu allgemeinen Förderbedingungen hoch stilisiert werden. Für die Politik ist es immer dankbar, wenn Umwegrentabilität und nachhaltige Vermarktbarkeit gleich bei der Projektkonzeption mitgedacht werden, weil sie dann weniger nachdenken muss. Mit der Implementierung derartiger Kriterien schreitet die Entpolitisierung der Politik voran. Auseinandersetzungen werden nicht gesucht, Konfliktfeldern wird aus dem Weg gegangen. Das, was Kulturpolitik spannend machen könnte, nämlich das Betreten von Konfliktfeldern und der Kampf um Hegemonie, wird zu Gunsten simpel konsumierbarer Belustigung aufgegeben. Das betrifft aber nicht nur ein konservatives Kulturverständnis, sondern bringt ebenso die Debatte nach creative industries und wirtschaftlicher Tragfähigkeit von Kunst und Kultur ins Spiel.
Kulturrisse:
Auch Linz 09 wird einmal vorbei seien: Welche Bedingungen sollten erfüllt werden, damit Nachhaltigkeit nicht nur in zig „Kubikmetern Beton“ gemessen wird? Wie lauten die Forderungen der autonomen Kulturszene Linz, damit Linz 20ff nicht nur mit prekären Arbeitsbedingungen und Ausschluss der Freien Szene aufhorchen lässt?
St. H.: Nachhaltigkeit ist auf dem besten Weg zu einem Unwort, einer Floskel zu verkommen. Gerade im Kontext Linz 09 ist es so, dass Nachhaltigkeit viele unterschiedliche Facetten und Sichtweisen eröffnet. Aus Sicht der Freien Szene gibt es einmal die banale Forderung, dass es keine Verschlechterung geben darf, was die Verteilung der budgetären Mittel angeht. Darüber hinaus hat die freie Szene im Papier „Maschine brennt“ auch darauf hingewiesen, dass Strukturfinanzierung vor Projektfinanzierung gehen muss und dass die Dotierung der Fördertöpfe – die in Linz explizit der Freien Szene zugeordnet sind – erhöht werden muss. Das wären sozusagen die real politischen Forderungen. Als Nachhaltigkeit – wobei das weniger einer Forderung, sondern mehr einem Wunsch entspricht – soll und muss es darum gehen, Kultur wieder zum Thema politischer Debatten zu machen und Konflikte auszugetragen, damit Kultur nicht nur als ästhetisch-hedonistische „Volksbelustigung“ verhandelt wird.
Freie Szene
Noch bleibt Linz verwechselbar.
Hand aufs Herz! Wer erinnert sich eigentlich noch an den Linzer Kulturentwicklungsplan? Dabei wurde der KEP, so das trendbewusste Akronym der auf Modernisierung bedachten Stadterwaltung, noch Ende der neunziger Jahre wie ein flotter Muntermacher gehandelt, der dazu angetan sei, auch anderswo rege Nachahmung zu finden. Und tatsächlich folgten weitere Kommunen dem Musterbeispiel eines partizipativen Verfahrens, das es zum gemeinschaftlichen Ziel erklärte, urbane Zukunftsszenarien zu entwerfen und der Kulturpolitik als Navigations- und Steuerungssystem zu neuer Geltung zu verhelfen. Ohne spektakuläre Weichenstellungen kann daraus nichts werden. Das wussten damals alle, die irgendwie daran beteiligt waren – und dazu zählte auch die Freie Szene.
Ein gerechter Anteil des Kuchens wurde den in ihrer Vielfalt schillernden Initiativen und Projekten in Aussicht gestellt, eine finanzielle Gleichstellung mit den Häusern und Institutionen der Traditions- und Repräsentationskultur. Plötzlich war Nachhaltigkeit in aller Munde, nicht zuletzt im Hinblick auf die Bedeutung offener und soziokultureller Räume. Das letztlich aufwändig bedruckte Papier versprach aber auch die Symmetrie der Geschlechter sowie die gesellschaftliche Relevanz neuer Medien. Linz war im Wettbewerb der Städte den anderen fortan mehr als nur eine Nasenlänge voraus.
Ein knappes Jahrzehnt später zeigt die Stahlstadt eine lange Nase und stellt damit vor allem klar, dass von den Weichenstellungen bestenfalls das Spektakel übrig geblieben ist. Wenige Monate vor Auftakt der europäischen Kulturhauptstadt Linz 2009 blickt die Freie Szene in ein Jammertal. Und ja: Die Maschine brennt! Die Dramatik, die mit einem unter diesem Titel bezeichneten Manifest der Freien Kulturszene zum Ausdruck kommt, hat ihre guten Gründe. Die Verheißungen einer gerechten Teilhabe an den Ressourcen der Stadt haben sich in ihr Gegenteil gekehrt, nun werde den einstmals "kritischen, kritikfähigen, innovativen, experimentell erprobten und bewährten Potentialen" ein Mangel an Internationalität und künstlerischer Qualität attestiert. Die Millionen-Show des fürstlich dotierten Intendanten Martin Heller wirft jedenfalls nicht einmal kleinste Krümel für die Freie Szene ab. So weit so verwunderlich?
Die Stadtverantwortlichen führen der Öffentlichkeit nunmehr Realitäten vor Augen, an die im Netzwerk von Stadtwerk, KAPU, Radio FRO und Time's Up manche offensichtlich nicht glauben wollten. Für sie liegen allfällige Auswegmöglichkeiten nicht in der Agonie oder gar Depression. Nach Monaten und Jahren des fruchtlosen Dialogs ist die über die paralysierende Zahl 2009 hinausreichende Konfrontation mit der Stadt unausweichlich. Den Resolutionen und mahnenden Briefen müssen nun intelligente Interventionen und Manöver folgen. Bis dahin bleibt Linz verwechselbar.
Martin Wassermair
Interview zuerst erschienen in Kulturrissen - Zeitschrift für
radikaldemokratische Kulturpolitik, 02/2008, + link:
igkultur.at/igkultur/kulturrisse/1219930920/1219931690
Welche (Un)Möglichkeiten erlebt man als Verein oder Künstlerin mit /
01) Bitte, erzähl uns über euren Verein, Was macht ihr? Für wen? Was
macht ihr im kulturbereich?
FIFTITU% ist da für Frauen (oder: jene die sich als solche bezeichnen
bzw. bezeichnet werden) um einerseits politische Sichtbarkeiten im
Kunst- und Kulturfeld zu erzeugen und andererseits diese auch wieder zu
hinterfragen. FIFTITU% steht für ein schlichtes Faktum: 52% der
Weltbevölkerung sind Frauen. Dies bringt auch einen Missstand zum
Ausdruck: 52% der Weltbevölkerung -- der Mehrheit also -- kommen weniger
Chancen auf Entwicklung und Repräsentation zu, als der männlichen
Minderheit. FIFTITU% spürt den Gründen mangelnder Gleichberechtigung im
weiten Feld künstlerischen und kulturellen Handelns nach, nennt sie
öffentlich beim Namen und arbeitet an Strategien zu ihrer Überwindung.
FIFTITU% durchsetzt die heimische Kulturszene mit aktuellen
feministischen und kulturpolitischen Themen. Die Projekte von
FIFTITU% stehen zwischen Gratwanderung, Provokation und Teilhabe am
Kunst- und Kulturbetrieb in Oberösterreich. Es ist uns wichtig zur
Disskussion einzuladen und diese anzukurbeln. FIFTITU% ist der
Knotenpunkt eines oberösterreichischen Netzwerkes von Frauen in Kunst
und Kultur.
02) Welche (Un)Möglichkeiten erlebt man als Verein oder Künstlerin mit /
innerhalb von Linz09?
FIFTITU% hat im Rahmen einer Projekteinreichung mit einzelnen
MitarbeiterInnen von Linz09 zu tun gehabt. Anfangs verlief die
Zusammenarbeit recht reibungslos, mit der fortschreitenden Entwicklung
des Projekts wurde jedoch die Kommunikation mit Linz09 immer
schwieriger. Ansätze im Projekt-Konzept die zuvor noch begrüßt wurden,
wurden bei der nächsten Sitzung wieder verworfen oder überhaupt
plötzlich sehr negativ dargestellt.
Dass diese Erfahrungen nicht nur einzelne Einreicherinnen betreffen,
wurde immer deutlicher - viele Künstlerinnen und Kulturarbeiterinnen
berichten von den selben Verzögerungen, Kommunikationsschwierigkeiten
und Problemen im Rahmen von Projekteinreichungen.
FIFTITU% hat mit dem 09-Team - vor allem der Intendanz - nicht nur als
Projekteinreicherin Erfahrung, sondern auch als Kritikerin betreffend
die personellen Besetzungen und der Ausrichtung des Programms. FIFTITU%
hat vermehrt die Vergabe von Führungsposten an Männer thematisiert und
kritisiert. Selbiges mit der Programmgestaltung.
Von einer geschlechtergerechten Ausrichtung von 09 kann (immer noch)
keine Rede sein - also auch hier wieder die UNmöglichkeit innerhalb des
starren Konstrukts Linz09 etwas zu bewegen.
03) Welchen Beitrag leistet Linz 09 für Linz Kultur?
Linz09 lebt sicher vornehmlich von großen Events - große Ausstellungen
bekannter Künstler(innen?), Konzerte namhafter Musiker(innen?),
Altbewährtes etc. Ein Spektakel muss es sein! Und diese Events - und
somit die "Linzer Kultur" im allgemeinen - werden sicherlich eine breite
Öffentlichkeit erfahren. Welchen Beitrag linz09 für autonome, politische
Kulturarbeit leistet ist nicht ersichtlich und es darf wohl auch nicht
mehr damit gerechnet werden!
Man merkt an der Konzeption der Kulturhauptstadt Linz09, dass
grösstenteils externe (Kultur)Manger am Werken sind, die keinerlei
Verpflichtungen gegenüber "Lokalem" haben bzw. sich daher auch nicht
bemühen derartige Verbindungen einzugehen, da sie mit Ende dieses Jobs
diese Stadt vermutlich verlassen werden: Das heißt in dieser Zeit muss
möglichst "konsequent" und "effizient" (für die eigene Person)
gearbeitet werden um ein (individuell erkennbares) herzeigbares Produkt
herzustellen, das als weitere Stufe in der Karriereleiter dienen muss.
04) Ist eurer Meinung nach wichtig, dass Selbstorganisationen von
MigrantInnen beteiligt sind am Kultur Programm vom Linz09?
Natürlich! Es ist eine Schande, dass die Verantwortlichen von Linz09
keinerlei Anstrengungen unternehmen, sogenannten "diskriminierte
Gruppen" den Platz zu geben der ihnen zusteht. Hier wird einmal mehr
sichtbar, nach welcher Logik Events wie "Kulturhauptstädte"
funktionieren und für welche Menschen hier sicher nicht Platz ist. Und
wenn Platz eingeräumt wird, dann bitte ohne große Anstrengung!
05)Glaubt ihr, dass es zu einer Veränderung des "Industriellen Linz"
durch das "Kulturelle Linz" kommen wird?
In den letzten Jahren hat sich sicher viel verändert, Linz hat neben dem
hochkulturellen Angebot eine traditionell starke Szene, die gerade Ende
der 80erJahre und Anfang der 90er viel bewegt hat. Die Veränderungen
begannen jedoch bereits in den 1970er/1980er Jahren, bedenke frau nur
die vielen ArbeiterInnen-Kulturvereine. Ein Großteil der kulturellen
Szene in Linz hat sich aus diesem Bewusstsein und der Verbindung von
Arbeit und Kultur/Kunst entwickelt. Ende der 1990ern boomen Jobs im
kulturellen Feld, neue Vereine schiessen aus den Boden. Auch die VOEST
hat ihre Fassaden gecleant, der Dreck ist aus den Bildern
der Werbebroschüren verschwunden. Die ArbeiterInnen und damit
Kulturstadt Linz war immer schon durch ein derartiges Netzwerk verknüpft
und gegenseitige Veränderungen sind nur logisch.
Die Frage ist eher WIE das "Kulturhauptstadtjahr-Ding" das kulturelle
Linz verändern, entwickeln (Entwicklungshilfe im ganz bösen Sinn -
bleibt arm ihr Armen, damit wir euch helfen können - die Reichen) oder
verschandeln wird?
Freiraum rauben - und nicht rauben lassen!
1)Bitte, erzähl uns über euren Verein, Was macht ihr? Für wen?
Was macht ihr im Kulturbereich?
Zu aller erst soll der Infoladen Treibsand Raum für Information, Diskussion und Austausch von Meinungen abseits des Mainstream, sowie die Möglichkeiten des Organisierens bieten.
Wir selbst verstehen uns als links-radikales (anarchistisches) Kollektiv, dass basisdemokratisch, auf dem Konsensprinzip beruhend selbstorganisiert ist. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung, die frei von ineinandergreifenden Herr*inschafts- und Unterdrückungsverhältnissen (wie Rassismen,(Hetero-)Sexismen, Kapitalismus, Staat, Antisemitismus, Nationalismus, Post-/ Neokolonialismus...etc.) ist bzw. die diese immer wieder reflektierend abzubauen bzw. ganz zu vermeiden sucht. Wir wollen eine solidarische, auf Gegenseitige Hilfe beruhende Gesellschaftsordnung die von unten nach oben aufgebaut ist. Und damit es nicht bei einer Idee bleibt, ist gemeinsames Handeln notwendig.
Den ersten Schritt zu diesem Ziel stellt für uns die Verbreitung von Informationen dar. Dies soll auch als Gegenpol und Alternative zur
kommerziellen Medienlandschaft verstanden werden, welche gezielt Informationen unterbindet und konträre Meinungen vorenthält, um die
herrschenden Verhältnisse aufrecht zu erhalten.
Neben den regelmäßigen Öffnungszeiten in der Rudolfstrasse ist der Infoladen auch immer wieder in anderen Locations/ an anderen Orten in Linz anzutreffen. So werden Buchvorstellungen, Vorträge, Filmvorführungen und Konzerte organisiert, Infotische zu verschiedenen Anlässen und an verschiedenen Orten aufgebaut, VOKü's gemacht und so weiter uns so fort.
Nebenbei sind Einzelpersonen der Gruppe noch in anderen Kulturinitiativen
und/oder politischen Zusammenschlüssen aktiv.
2)Welche (Un)Möglichkeiten erlebt man als Verein oder Künstlerin mit/
innerhalb von Linz09?
Da wir selbst als Infoladen kein Projekt eingereicht haben und das auch nicht wollten, können wir dazu keine direkten persönlichen Erlebnisse erzählen.
Allerdings kamen uns zahlreiche Unmöglichkeiten, die befreundeten Vereinen/Kulturschaffende*n passiert sind zu Ohren: So verschwanden zum Beispiel Projektanträge in den unendlichen Weiten der 09 Büros immer wieder und mussten regelmäßig neu verschickt werden, auch ist plötzlich, bei manchen Projekten, von Gewinnorientierung und Gewinnbeteiligung die Rede um nur einmal zwei Beispiele zu nennen.
3)Welchen Beitrag leistet Linz 09 für Linz Kultur?
Linz09 sehen wir als Prestige- und Wirtschaftsprojekt der Stadt Linz. Im Rahmen von Linz09 werden sogenannte „Randgruppen“ aus der Innenstadt verdrängt, Häuser saniert und danach zu unerschwinglichen Preisen vermietet bzw. verkauft. Baufirmen und Immobilienfirmen verdienen ein Vermögen an der Umstrukturierung von Städten im Zuge des Projekts Kulturhauptstadt. Während ein neues Ars Electronica Center, ein Musiktheater gebaut und das Schlossmuseum erweitert wird etc. sind Kunst- und Kulturarbeiter*innen extrem prekarisierten Arbeitsbedingungen ausgesetzt: kein Urlaubs- und Krankengeld, kein 13. und 14. Monatsgehalt, für Sozialversicherungen muss frau*mann meistens selber aufkommen, Arbeitszeiten, die oft weit über 8 Stunden am Tag hinausgehen und nicht auf 5 Tage die Woche beschränkt sind etc. Selbst Linz09 sucht unbezahlte Arbeitskräfte, Ausbeutungsverhältnisse, die schön gemalt werden unter dem Deckmantel „Kulturhauptstadt“.
Wir sehen daher in Linz 09 ein als Mega-Kultur-Event verpacktes sozial-ökonomisches Strukturanpassungsprogramm, dass mehr der nachhaltigen kommerziellen Nutzung der Stadt verpflichtet ist als der Förderung kultureller Vielfalt und der Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich. Organisationen und Vereine, die schon seit Jahren einen wichtigen und unersetzlichen Beitrag im kulturellen Bereich bzw. zum kulturellen Leben in Linz leisten (dies aber eben meist schwer unterbezahlt und auf Basis von Selbstausbeutung der Kulturarbeiter*innen) werden einfach ausgegrenzt. Projekte die im Rahmen dieses Events „Kulturhauptstadt“ gefördert werden, zählen meist schon zur sehr gut bürgerlich etablierter Hochkultur.
4)Ist eurer Meinung nach wichtig, dass Selbstorganisationen von
MigrantInnen beteiligt sind am Kultur Programm von Linz09?
Grundsätzlich ist es für jede Gesellschaft wichtig, dass sich Migrant*innenselbstorganisationen am politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Leben beteiligen. Für uns stellt sich allerdings die Frage inwieweit es für nicht hegemoniale Gruppen möglich ist bzw. (bewusst) verunmöglicht wird in solchen Prestige- und Wirschaftsprojekten wie Linz09 die eigenen Vorstellungen und Inhalte transportieren zu können.
Im Bewerbungspapier für Linz09 ist zwar „Kulturarbeit von Migrant*innen“ genannt worden, was aber eher einer Vereinnahmung dieser Organisationen/ Vereine entspricht. Eine breite Beteiligung von Migrant*innenselbstorgansiationen und Vereinen
der Freien Szene in Linz wäre sicher eine spannende Bereicherung für das
Programm von Linz09, da das allerdings Seitens Linz 09 ganz offensichtlich verhindert/ verunmöglicht wird, ist wahrscheinlich mehr denn je ein selbst organisiertes, unabhängiges „Arbeiten“ notwendig um eigene Vorstellungen und Inhalte transportieren zu können.
05)Glaubt ihr, dass es zu einer Veränderung des „Industriellen
Linz“ durch das „Kulturelle Linz“ kommen wird?
Ist das ein Widerspruch? Gerade die Kunst und Kulturinitiativen der Freien
Szene haben diesen Teil der Linzer Identität immer hervorgehoben,
zahlreiche Projekte bauen auf das Image des „Industriellen Linz“.
Es darf aber nicht vergessen werden, dass wir eben dieses "Linz. Stadt der Arbeit und Kultur" schon einmal hatten. Natürlich thematisiert auch Linz 09 die nationalsozialistische Geschichte dieser Stadt. Aber was hilft es wenn dies ersten bereits im Jahr 2008 geschieht, um 2009 den Feierlichkeiten der Kulturhauptstadt keinen fahlen Beigeschmack zu geben und zweitens eine an die damalige (faschistische/ nationalsozialistische) Stadtentwicklung angelehnte Politik verfolgt wird. Was wir in der Vorbereitung auf Linz09 miterleben ist die Unterwerfung des Stadtbildes unter die Paradigmen von Macht und Kommerz, große Prestigebauten bei gleichzeitiger Entfremdung des öffentlichen Raumes von seiner sozialen Dimension, eine aus Stein zugepflasterte Innenstadt, Plätze für (Groß-)Events statt gemütlichem Niederlassen (das die*den einzelene*n nichts kosten würde), ein Stadtbild das auf Vertreibung von sogenannten „Randgruppen“ aus ist. Diese Entwicklung beobachten wir mit Sorge.
6.) Gibt es noch etwas, was dir wichtig ist?
NullNein.
Linz verendet. Freiraum rauben - und nicht rauben lassen!
Von Baustelle zu Baustelle
Zur Diskussion um mögliche Partizipationsmodelle im Rahmen der Kulturhauptstadt Linz 09.
Cristiane Tasinato
Ich lebe seit fünf Jahren in Österreich und begann erst vor circa zwei Jahre, am hiesigen Kulturbereich aktiv teilzunehmen - und zwar durch meine Arbeit bei maiz, dem autonomen Zentrum von und für Migrantinnen in Linz, als Koordinatorin des Online-Magazins MigraZine, das sich besonders auf Kultur konzentriert, mit dem Ziel einer Demokratisierung von Informationen für MigrantInnen. Darüber hinaus sind wir von MigraZine BeobachterInnen des kulturellen Lebens in Linz - zu diesem Zeitpunkt besonders der Planungen für die Europäische Kulturhauptstadt 2009.
Beobachterin von Linz 09
Ich bin Einwohnerin von Linz, lebe im Zentrum der Stadt und bin oft zu Fuß unterwegs. Kürzlich spaziere ich am Hessenplatz und sehe eine Baustelle - ein Hotel wird gebaut. Klarerweise braucht Linz ein Hotel - es gibt ja nicht genügend Platz für die vielen TouristInnen. Ich folge der Straße Richtung Donau und stoße auf die Baustelle einer neuen Parkgarage. Auch die braucht man dringend, denn es gibt schließlich viel zu wenig Platz für die vielen Autos. Ich erinnere mich, es wurde schon eine andere Parkgarage gebaut, in der Nähe des Gerichts.
Ich gehe weiter und sehe, dass das Nordico Museum verschönert wird - auch das ist sicher sehr notwendig, man muss ja einladend sein für die BesucherInnen. In der Nähe des neuen Doms treffe ich auf eine weitere Baustelle, und bin mir nicht sicher: Wird es eine Parkgarage oder ein Hotel? Ich habe gelesen, dass neun Gebäude im Kulturbereich renoviert oder erweitert werden, darunter das OK, das Schlossmuseum, das Ars Electronica Center und natürlich das neue Musiktheater. Ganz Linz ist eine Baustelle. Nach 2009 werden wir eine sehr schöne Stadt haben - mit vielen neuen Hotels, vielen neuen Parkgaragen und vielen, noch schöneren neuen Kulturgebäuden.
Wie lässt sich der Zugang von MigrantInnen zur Kultur demokratisieren?
Neben den Baustellen auf den Straßen gibt es jedoch andere Baustellen zu beobachten - und mit diesen will sich MigraZine näher beschäftigen. Auch mit der Abwesenheit bestimmter Baustellen möchte sich MigraZine beschäftigen. Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass keine Informationen hinsichtlich eines Konzepts für Kulturvermittlung innerhalb von Linz 09 zu bekommen sind.
Wir von maiz hatten die Möglichkeit, die documenta 12, also die diesjährige Ausstellung zeitgenössischer Kunstin Kassel, zu besuchen, und auch Carmen Mörsch, die für die Begleitforschung der Kunstvermittlung verantwortlich war, sowie Ayse Gülec, die Sprecherin des lokalen Ausstellungsbeirats in Kassel, kennen zu lernen. Die documenta 12 hat heuer erstmals einen Beirat (bestehend aus 40 „ExpertInnen“ aus der lokalen Bevölkerung) ins Leben gerufen und die Kunstvermittlung über das klassische Angebot von Führungen hinaus erweitert. Beide Organisationsformen, Kunstvermittlung und Beirat, arbeiteten eng zusammen und bildeten eine Schnittstelle zwischen den lokalen Kontexten und der Großausstellung. Sie luden zudem unterschiedlichste Interessen- und Bevölkerungsgruppen, die eine Auseinandersetzung mit der documenta 12 von selbst nicht suchen würden, zur Zusammenarbeit in Projekten ein.
Am 19. Oktober kamen Ayse Gülec und Carmen Mörsch - auf Einladung von maiz, der KUPF (Kulturplattform Oberösterreich) und MigraZine - zu einer Diskussionsveranstaltung nach Linz, um die Aktivitäten der documenta 12 in Sachen Kunstvermittlung und Partizipation vorzustellen - und im Hinblick auf Linz 09 zur Diskussion zu stellen: Welche Möglichkeiten der aktiven Mitgestaltung werden welchen Öffentlichkeiten angeboten? Wer wird angesprochen,wer wird ausgeblendet? Gibt es Konzepte zur Einbindung bestimmter Gruppen, wie der heterogenen Gruppe der MigrantInnen und AsylwerberInnen, als aktiv Beteiligte im Rahmen von Linz 09? Welche Partizipationsansätze werden umgesetzt, damit daraus nachhaltige Partizipation entsteht?
Wer kam? KulturarbeiterInnen, KünstlerInnen aus Oberösterreich und Wien, die VeranstalterInnen, MigrantInnen aus dem Umfeld von maiz und MigraZine, die VertreterInnen der KUPF, eine Mitarbeiterin aus der Kommunikationsabteilung, eine Projektentwicklerin und der stellvertretende Intendant von Linz 09, der leider noch vor der Diskussion gehen musste. Schade, denn nach der Präsentation von Carmen Mörsch und Ayse Gülec, gab es interessante Nachfragen.
Die Diskussion bewegte sich auf die zentrale Frage der Veranstaltung zu: Wie lässt sich die Partizipation der BewohnerInnen von Linz realisieren? Eine Frage, die an diesem Abend nur neue Fragen mit sich brachte.
Die Projektentwicklerin von Linz 09 war sehr mit der Frage beschäftigt, warum die Linzer MigrantInnen so wenig auf die Einladung der KulturhauptstadtorganisatorInnen, sich zu beteiligen, reagieren. Und wie man den MigrantInnen denn durch Angebote wie Sprechstunden „helfen“ könne, Projekte zu entwickeln und sich einzubringen, auch wenn es dafür schon sehr spät sei. Rubia Salgado von maiz fragte sich hingegen, welche Modelle für eine aktive Beteiligung von Migrantinnen an Linz 09 denkbar wären, jenseits des Projekt-Prinzips und ganz sicher jenseits des Karitativen: „Es geht nicht um Hilfe, es geht um die Entwicklung eines anderen Modells.“
Fragen, strukturelle Fragen, große Fragen, die mich wochenlange beschäftigen... und keine Antwort. Vielleicht ist ein Event wie Linz 09 doch nicht der adäquate Ort, um solche Fragen zu stellen...
Trotzdem sind wir hier, trotzdem entwickeln wir durch das Online-Magazin MigraZine ein Medium der kritischen Beobachtung aus der Perspektive von MigrantInnen, in dem wir entscheidende Forderungen stellen. Und trotzdem haben wir diese Diskussionsveranstaltung organisiert, bei er es zumindest potenziell die Möglichkeit gab, eine andere Baustelle zu eröffnen.
Text zuerst erschienen in Kulturrisse 04/07 www.igkultur/kulturrisse
Hört einen Zusammenschnitt der gleichnamigen Diskussionsveranstaltung
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Eine Kooperation von MigraZine und Radio KUPF!
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Hört einen Zusammenschnitt der gleichnamigen Diskussionsveranstaltung,
die am 19. Oktober im KunstRaum Goethestraße statt fand.
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|Kunst-/ Kulturvermittlung und Partizipation: |
|Ein Blick auf documenta 12 im Hinblick auf Linz 09|
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Die documenta12 hatte heuer erstmals einen Beirat (40 "ExpertInnen" aus
der lokalen Bevölkerung) geschaffen und die Ansätze der
Kunstvermittlung
über das Angebot von Führungen hinaus erweitert. Beide
Organisationsformen arbeiteten eng zusammen und bildeten eine
Schnittstelle zwischen den lokalen Kontexten und der Großausstellung.
Die Diskutantinnen waren:
Ayse Güleç, (Kulturzentrum Schlachthof, Kassel, Sprecherin der
documenta12 Beirat)
Carmen Mörsch, (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, documenta12
Kunstvermittlung - Begleitforschung/Beratung)
Moderation: Andrea Mayer-Edoloeyi (dieKUPF – Kulturplattform OÖ)
Die Sendung bringt Statements von Ayse Güleç und Carmen Mörsch: wie
hat
der Beirat/die Vermittlung funktioniert, was wird/kann davon bleiben.
Außerdem erheben sie klare Forderungen für ähnliche Projekte, gerade
im
Kontext Linz 2009. Zudem einen Ausschnitt der anschließenden
Publikumsdiskussion mit Susi Puchberger von Linz 09, zuständig für
Migrationsprojekte und Frauenbeauftragte.
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Die Veranstaltung war eine Kooperation von MAIZ, MigraZine und der KUPF
OÖ.
Kunst- / Kulturvermittlung und Partizipation:
Am Freitag 19.10.07 , 18:00Uhr bis 20.30Uhr
im KunstRaum Goethestrasse,
Goethestrasse 22, 4020 Linz
Zum Gespräch sind :
Ayse Güleç, (Kulturzentrum Schlachthof, Kassel, Sprecherin des documenta12 Beirat)
Carmen Mörsch, (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, documenta12 Kunstvermittlung - Begleitforschung/Beratung), eingeladen.
Moderation: Andrea Mayer-Edoloeyi (dieKUPF – Kulturplattform OÖ)
Welches Begehren abseits der Einreichung und Realisierung von eigenen Projekten haben die oberösterreichische Bevölkerung und ihre Organisationen, Vereine, Initiative an Linz 09? Welche Möglichkeiten der aktiven Mitgestaltung werden welchen Öffentlichkeiten angeboten? Wer wird angesprochen? Wer wird ausgeblendet? Wie gestaltet sich in der Praxis der Ansatz „Kultur für alle “? Was wird unter „Vielfalt als Chance zu vermitteln“, wie in einem Folder von Linz 09 zu lesen ist, verstanden? Gibt es Konzepte zur Einbindung bestimmter Gruppen, wie der heterogenen Gruppen der MigrantInnen und Asylwerberinnen, als aktiv Beteiligte im Rahmen von Linz 09? Gibt es Überlegungen hinsichtlich Schaffung von Zugangsmöglichkeiten? Und wie wären solche Partizipationsansätze umzusetzen, damit daraus nachhaltige Partizipation entsteht?
Der Verein maiz und die KUPF - Kulturplattform OÖ wollen anhand eines Gesprächs über die Erfahrungen, die dieses Jahr bei der documenta12 im Bereich der Kunstvermittlung und der Einbindung lokaler Akteure und lokalen Wissens gemacht wurden, vertiefen und nach möglichen Perspektiven der Beteiligung von Bevölkerungsgruppen – und hier vor allem von Minderheiten – im Hinblick auf Linz 09 nachdenken.
Die documenta12 hatte heuer erstmals einen Beirat (40 „ExpertInnen“ aus der lokalen Bevölkerung) geschaffen und die Ansätze der Kunstvermittlung über das Angebot von Führungen hinaus erweitert. Beide Organisationsformen arbeiteten eng zusammen und bildeten eine Schnittstelle zwischen den lokalen Kontexten und der Großausstellung. Sie luden zudem unterschiedlichste Interessens- und Bevölkerungsgruppen, die eine Auseinandersetzung mit der documenta12 von selbst nicht suchen würden, zur Zusammenarbeit in Projekten ein.
Eine Veranstaltung von
maiz – autonomes Zentrum von und für Migrantinnen (www.maiz.at)
die KUPF– Kulturplattform OÖ (www.kupf.at)
MigraZine – das online Magazine von und für Migrantinnen (www.migrazine.at)
Was bringt einer Stadt der Titel „Kulturhauptstadt“?
Wahrscheinlich haben sich manche von euch riesig gefreut, als bekannt gegeben wurde, dass Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas sein wird.
Die Ehre zu haben, in so einer Stadt jeden Tag die Straßenbahn zu betreten, über die blaue Donau zu fahren und gleichzeitig die Aufregung der „Einheimischen“ zu hören, dass in dieser Straßenbahn, in dieser Stadt (der Kultur) keine andere Sprache außer Deutsch gesprochen werden darf, denn es zer-störe das kulturelle Bild - da fühlt man sich gleichberechtigt und kulturell!
Nun es besteht kein Grund überrascht zu sein, liebe Leute! Schauen wir uns an, wie eine Kulturhauptstadt Europas definiert wird:
„Der Reichtum, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa sollen herausgefiltert und ein Beitrag zu einem besseren Verständnis für die Bürger Europas füreinander geleistet werden.“ (sehe www.linz09.at)
Hmmm…“kulturelles Erbe“…“in Europa“…“für die Bürger Europa“???
Ich bekomme Bauchweh, so schwer verdaulich ist das Ganze!
Der große Event “Kulturhauptstadt Europas” ist ein Instrument, mit dem sich kleine und mittlere Städte in der Europäischen Union etabliert können. Entweder braucht die Stadt eine kulturelle Polierung (in diesem Sinn sehr passend für Linz, angesichts der nationalsozialistischen Pläne Linz als Residenz von Hitler und Kulturhauptstadt des Dritten Reiches zu erheben) oder „Kulturhauptstadt Europas“ als eine „finanzielle Spritze“ für die Verbesserung der städtischen Infrastruktur. Oder beides.
Die Gründe sind: Stadtmarketing, Steigerung der TouristInnenzahlen, Entertainment für die Massen, also im Großen und Ganzen – die Lukrierung von Geld.
Das neoliberalistische Wirtschaftsmodel die Kultur als „kulturelle Dienstleistungen“ zu postulieren und diese immer wieder zu re-produzieren, führt zu einer Reduzierung des Begriffes „Kultur“: zu allererst als Kommerzialisierung und Ökonomisierung der Kultur, in dem ein fertiges Produkt als Kultur präsentiert wird und nicht die dahinter stehenden Prozesse; als zweites eine Kulturalisierung der Warenwelt (sehe „Das Überflüssige ist das Übel des Notwendigen„ - Martin Böhm, in KUPF Nr. 118 September 2006) und drittens verleugnet das starre eurozentristische Element in dieser Definition total die Alterität der Kulturen.
Daher fragen wir uns: Wie kann sich eine Organisation von und für MigrantInnen, wie maiz, in diese Definition einfügen bzw. sie verändern?
Wenn Folgendes dagegen spricht:
° es wurden keine Ausschreibungen für die Posten im Kernteam Linz 2009 veröffentlicht.
° die Entscheidungsträger in diesem Team sind ausschließlich Männer
° es wurden keine Wahlkriterien für die Projekte angegeben.
° es wurden keine Einreichtermine angegeben
° die Wahl über die eingereichten Projekte findet hinter „verschlossenen Türen“ statt
° Wer entscheidet? Welche Maßstäbe (die starren europäischen?!) werden für die Auswahl der Projekte eingesetzt?
° Wenn sie (vom Kulturapparat Linz) „alle hier lebenden Menschen“ (sehe „Bewerbungspapier der Stadt Linz als Kulturhauptstadt Europas 2009“) in diesem Projekt einbinden wollen, warum ist die Information zur Kulturhauptstadt, insgesamt Einreichung von Kulturprojekte nur in Deutsch und Englisch angeboten?
Wenn ihr noch Interesse habt euch mit der Materie „Kulturhauptstadt Europas“ auseinanderzusetzen, dann:
Mainstream-links:
http://www.linz.at/Kultur/kultur_24009.asp
Alternative-links:
http://www.linz.at/Kultur/kultur_24009.asp
http://www.servus.at/FREIE-SZENE/
http://www.prairie.at/index2.html
http://www.anschlaege.at/inhalt.htm
http://www.malmoe.org/suchergebnis
